„Rempeln ist der einzige Kontakt“

Alltagskultur Zuwanderer beschreiben ihren Blick auf die Alltagskultur: Diesmal erzählt die Neuseeländerin Megan Gay, wie sie die häufigen Körperkontakte auf Berliner Gehwegen erlebt

Die Neuseeländerin Megan Gay lebt seit 17 Jahren als Schauspielerin in Berlin. Zuletzt im Kino zu sehen war sie in Berlin Calling:

"Wenn Sterne aufeinanderprallen, hat das etwas Romantisches an sich. In Berlin ist das nicht der Fall. Da prallen meistens nur Menschen aufeinander. Man stelle sich folgende Situation vor: Eine Frau kommt schwer bepackt mit Tüten aus dem Supermarkt. Eine andere Person, die keine Einkäufe zu transportieren hat, geht ihr entgegen. Man sieht, der Gehsteig ist etwas eng, da passen zwei Seite an Seite nicht so gemütlich hin. Wahrscheinlich, weil wir uns in der Hauptstadt befinden, ist da auch noch irgendeine Baustelle, die man umgehen muss.

Ich würde sagen, dass die leicht bepackte Person nun um die mit den vielen Tüten herumgeht, weil es ihr leicht fällt, weil es höflich ist – oder weil Dienstag ist. Ich würde sagen, man nimmt kurz Kontakt miteinander auf, man spricht mit den Augen ab, wer welchen Weg nimmt, damit es einfacher und angenehmer ist für alle. Nicht so in Berlin. Bevor es zu einem Augenkontakt kommen kann, erlebt man Kontakt auf eine andere Art: Man wird gerempelt!

Man erlebt zuerst einen kleinen Schockzustand, man fragt sich, was gerade da abgelaufen ist. Man erwartet halt, dass das, was eben passiert ist, von beiden Parteien wahrgenommen wird, nur flüchtig. Ich komme aus Neuseeland, das sehr stark von der britischen Höflichkeitskultur geprägt ist – dort würde man sich sogar entschuldigen, wenn man selbst angerempelt wird. Es scheint mir, als ob die Deutschen dagegen die Fähigkeit besitzen, sich heftig zu berühren, ohne überhaupt zu reagieren.

Die Aggressivität hat mich überrascht

Die Aggressivität, die dadurch entstehen kann, dass sich Leute aneinander stoßen, hat mich in meiner Anfangszeit in Berlin sehr überrascht und angestrengt – auch wenn ich verstehen konnte, dass drei Jahre nach der Wende bei vielen Berlinern die Verzweiflung und Verlorenheit nach einem Systemzusammenbruch groß war. Aber irgendwann ging es mir unter die Haut, und ich wurde selbst aggressiv. Ich habe dann angefangen, Karate zu lernen, um meine eigene Anspannung zu kanalisieren.

Ich bin Schauspielerin, und während meiner Ausbildung wohnte ich in London. Da ist auch nicht mehr Platz als in Berlin, im Gegenteil. Aber in den vielen kleinen verbauten Straßen scheinen die Leute dennoch ein unsichtbares Magnetfeld zu haben, das ihren inneren Kompass stets so ausrichtet, dass es nicht zu Havarien mit anderen Menschen kommt. Das fehlt den Berlinern, die zwar kein Problem damit haben, sich auch heftig zu berühren, wie das nun mal der Fall ist, wenn man aneinander stößt, aber andererseits keinen wirklichen Kontakt zu den anderen Menschen auf der Straße suchen und es vermeiden, einander ins Gesicht zu schauen.

Bei mir ist das ein sehr starker Impuls, wahrscheinlich auch wegen meines Berufs. Ich bin sehr neugierig und liebe es, Menschen zu beo­bachten, zuzusehen, was sie machen, wie sie sich verhalten. Ich liebe es, wenn man eine kleine Begegnung mit einem völlig fremden Menschen hat, den man wahrscheinlich nie wieder im Leben sieht, bei der es allein durch einen Blickkontakt zu einem Austausch kommt.

Zufällen muss man Raum geben

Das ist ein kurzer, spontaner Moment, und daraus können wunderbare Dinge und unerwartete, flüchtige Bekanntschaften entstehen. Da ergibt sich eine Wärme, die das Leben leicht macht. Es scheint mir, als ob viele Berliner vor dieser Art von Kontakt Angst haben – oder wenn sie keine Angst haben, fehlt ihnen vielleicht das Interesse. Das hängt sicher auch mit der extremen Plan- und Ordnungsvorliebe vieler Menschen hier zusammen: Wenn man den ganzen Tag straff durchorganisiert hat, stellt es ja eine Herausforderung dar, solchen kleinen Zufälligkeiten und spontanen Begegnungen Raum zu geben. Für mich machen diese kleinen Momente allerdings das Leben aus. Das Unerwartete kann etwas unglaublich Schönes sein.

Ich bin mal wegen eines Werbespots zusammen mit einem deutschen Schauspieler nach Neuseeland geflogen. Das war ein sehr netter, intelligenter Mensch. Man ist über 20 Stunden in der Luft, bevor man da ankommt, also gerät man in lange Gespräche. Der deutsche Schauspieler konnte nicht verstehen, wie die Amis zum Beispiel drauf sind. Der meinte, so viel oberflächliche Nettigkeit, was den Umgang mit völlig fremden Leuten angeht, bräuchte man nicht. Das wäre unehrlich.

Nun, wie es halt manchmal so ist bei Dreharbeiten, hatten wir das Vergnügen, uns zwei Tage vor einem Kamin ausstrecken zu dürfen – ein schöner Platz, um in den Umbaupausen alles beobachten zu können. Die vom Team gingen unglaublich höflich miteinander um, es gab immer ein ‚please’‚ ‚thank you’, ‚excuse me’ und ‚love your work’. Nach zwei Tagen dämmerte es allmählich auch dem deutschen Schauspieler: Der höfliche Umgang miteinander macht’s einfach leichter."

Protokoll: Hanna Engelmeier

Machtprobe auf dem Trottoir

„Im Gewühle auf Manhattans Gehwegen und in Subway-Tunneln staunt man, wie geschmeidig sich die Menschen aneinander vorbeischlängeln. In einem Dalla-Dalla – das sind die uralten Kleinstbusse in Dar es Salaam in Tansania – steht man von Kopf bis Fuß an andere Körper gedrängt, bei 35 Grad. Doch diese feuchte Körpernähe wird durch die Kunst des minimalen Abstands höchst diskret gelebt. In Berlin wird oft schon eine zufällige Begegnung auf einem vollen Trottoir zu einer Machtprobe. Weicht man nicht im letzten Augenblick aus, endet der Zusammenstoß mit unhöflichen Worten oder gar Schlimmerem. Dieser dauernde Kollisionskurs hängt vielleicht damit zusammen, dass es keinen Flirt mehr gibt: Man baggert höchstens jemanden an und nimmt dabei Zusammenstöße in Kauf. Dass die gekonnte Flüchtigkeit – der Begegnung, der Augen-Blicke, der Worte – nicht zum Repertoire des Berliners gehört und der Flirt kein Asyl erhalten hat, macht die Berliner Straßen, U-Bahnen und Busse so schwergängig.“

Hartmut Böhme lehrt Kulturtheorie am Kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität Berlin. Er begleitet die Serie mit kurzen, theoretischen Einordnungen.

In der Reihe Wie uns die Anderen sehen, konzipiert von Hanna Engelmeier und Marco Formisano, haben wir eine besondere Gruppe von Zuwanderern in Berlin um ihren alltagskulturellen Blick auf die Stadt gebeten: Wissenschaftler, Architekten, Mediziner, Schauspieler und Künstler erzählen von ihrer bisweilen schon vertrauten, aber oft auch noch fremden Heimat. Durch ihre Arbeit haben sie einen geregelten Zugang zu Stadt und Bewohnern, aufgrund ihrer Herkunft ein besonderes Gespür für die Unterschiede in der Bedeutung alltäglicher Praktiken. Im ersten Teil erzählte die Französin Pascale Laborier, wie schwierig es mit dem Küssen in Deutschland ist. Im nächsten Teil der Serie wird die Schweizerin Vanessa de Senarclens erklären, was sie an dem Ausspruch Immer mit der Ruhe, junge Frau und dem damit verknüpften Frauenbild nervt.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

08:26 30.05.2010

Ausgabe 37/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 7

Avatar