„Wir fallen zurück in alte Schemata“

Gastbeitrag CDU und CSU streiten über Integration und polemisieren gegen „Multikulti“. Das bedauert die Zuwanderungsexpertin und CDU-Politikerin Rita Süssmuth

Die Integrationsdebatte dieses Herbstes hat eine Wucht angenommen, die in dieser Massivität nur mit der harten Auseinandersetzung Anfang der neunziger Jahre vergleichbar ist. Damals ging es um die Einschränkung des Asylrechts auf Grund der hohen Flüchtlingszahlen insbesondere in Verbindung mit dem Krieg auf dem Balkan.

Deutschland ist zwar offiziell ein Einwanderungsland, praktisch findet in den letzten Jahren aber mehr Auswanderung als Zuwanderung statt. Selbst der Anteil der erwünschten Hochqualifizierten bleibt erheblich hinter den Erwartungen zurück: Es sind nur wenige Hundert. Die aktuelle, durch das Buch von Thilo Sarrazin Deutschland schafft sich ab ausgelöste Diskussion verläuft hoch emotionalisiert und polarisierend. Sie legt einerseits Fremdheit und Ängste, andererseits ethnische und kulturelle Abwehr und Ablehnung gegenüber Muslimen offen, die in aggressive Konfrontation einmünden.

Bedrohungsszenario im Kern

Den Kern bildet ein Bedrohungsszenario der kulturellen Überfremdung, des Intelligenz- und Leistungsverlustes durch zu wenig deutschen und zu geburtenstarken muslimischen Nachwuchs. Integrationsdefizite werden nicht nur auf mangelnde Bildungsforderung zurückgeführt, sondern auf eine vermodernde, Bildung und Bildungsaufstieg verhindernde Herkunftskultur. Daraus folgen Thesen zur gescheiterten Integration, zur Unvereinbarkeit von europäischer und islamischer Kul­tur(en), und einer notwendigen Verminderung der Einwanderungsgruppen, die Deutschland in seiner intellektuellen und wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit schwächen. Was draus folgt, ist äußerst problematisch.

Warum? Es setzt Menschen aus anderen Kulturen herab, diskriminiert sie und grenzt sie aus. Erwartet wird eine Integrationsleistung, die einhergeht mit einer äußerst kritischen Auseinandersetzung mit der bzw. den muslimischen Herkunfts­kul­tur(en). Die Diskriminierung wird noch verschärft durch abenteuerliche Annahmen über Verteilung von Genen in verschiedenen Rassen.

Aber auch die Mehrheitsgesellschaft ist tief gespalten und verunsichert. Viele befürchten Überfremdung, sehen sich in ihrer Identität bedroht. Sichtbar wird eine Identitätsschwäche in Bezug auf ihre eigene kulturelle und demokratische Identität. Sie fühlen sich einer Vielfalt, einer Heterogenität ausgesetzt, auf die sie nicht vorbereitet sind. Sie fürchten um ihre Lebens- und Wohlfahrtschancen. Sie erleben eine beschleunigte technische, wirtschaftliche und soziale Veränderung mit negativen Auswirkungen auf ihre persönliche Lebenssituation, und sehen die Fremden als eine wesentliche Ursache für eine Verschlechterung ihrer Lage.

Behauptet wird, dass diese Diskussion in der Vergangenheit nicht geführt und aus Gründen der politischen Korrektheit tabuisiert wurde. Dazu gehört das Thema der „Integrationunwilligen“. Zwar ist nicht untersucht und in Zahlen belegt, wie viele Menschen zu dieser Gruppe gehören sollen. Die Schätzungen schwanken zwischen drei und 30 bis 40 Prozent. Dagegen steht erstens der hohe Anteil der sprachlich gut Integrierten, zweitens auch die immense Nachfrage nach Integrationkursen seit 2005 – 600.000 Menschen haben sich beworben, davon 67 Prozent Frauen. Die öffentliche Debatte jedoch ist nicht bestimmt von den Integrationsfortschritten, sondern von den noch bestehenden Integrationsdefiziten.

Konträre politische Stimmen

Sie bietet aber auch eine Chance, mehr Wissen über andere Kulturen zu erwerben, Einheimische und Eingewanderte zusammenarbeiten zu lassen. Das Erreichte wäre öffentlich bewusst zu machen und die nächsten Schritte, wie zum Beispiel die Erhöhung qualifizierter Bildungsabschlüsse und der Übergang in Ausbildung und Arbeit mit klaren Zielvorgaben, wären voran zu bringen.

Die aktuelle Debatte braucht mehr Aufklärung, mehr praktische Orientierung und Hilfe zur Bewältigung der Alltagsprobleme und -konflikte. Weil dies alles fehlt, bringt sie mehr Desorientierung als Orientierung. Die Stimmen aus der Politik sind derart konträr, stärker divergierend als konsensual. Dabei sind wir in der Praxis des Zusammenlebens sehr viel weiter, als die Kontroversen erkennen lassen.

Wir fallen erneut zurück in alte Schemata, die sich in plakativen Slogans niederschlagen wie: „Die Integration ist gescheitert“, „es gibt zu viele Integrationsverweigerer“, und „die multikulturelle Idee ist eine gescheiterte.“ Tatsache ist, dass die weltweite Migration anhält, dass Deutschland aus demografischen und anderen Gründen qualifizierte Zuwanderer braucht. Weltweit wird ein Zusammenleben zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen zunehmen. Das ist eine Herausforderung und eine Chance für unsere Zukunftsfähigkeit.

Rita Süssmuth (Bundestagspräsidentin a.D., 73, CDU) war Pädagogik-Professorin, als Helmut Kohl sie 1985 zur Familien-, bald darauf auch zur ersten Bundesfrauenministerin machte. Von 1988 bis 1998 schob Kohl sie ins Bundestagspräsidium ab, sie fiel aber selbst dort noch durch liberale Meinungen auf. 2000 wurde sie Vorsitzende der Zuwanderungskommission, die der rot-grünen Regierung Vorschläge zur Reform des Ausländerrechts machen sollte. Integration ist ihr Thema geblieben.

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09:00 13.11.2010

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