„Wir fangen bei Null an“

Umsturz 2.0 War das in Ägypten nun eine Facebook-Revolution oder nicht? Und wie geht es weiter? Ein Blogger aus Kairo berichtet

Mein Name ist Tarek Amr. Ich erinnere mich noch genau, wie ich spät in der Nacht des 25. Januar die Revolution kommen sah. Ich wusste auf einmal, dass es nie wieder so sein würde wie zuvor. Und ich war nicht der Einzige, der das spürte. Jedem, der auf Social-Media-Seiten aktiv war, ging es in dieser Nacht so. Wir waren zugleich Organisatoren und Teilnehmer der Proteste.

Schon vor der Revolution hatte das Internet für den Wandel der ägyptischen Mentalität eine große Rolle gespielt. Wie Sänger oder Fußballspieler, die durch traditionelle Medien zu Vorbildern gemacht werden, wurden für uns Facebook- und Twitter-Aktivisten zu neuen Idolen. Dank des Internets war man nicht mehr gezwungen, die von den staatlichen TV-Sendern verbreiteten Lügen zu glauben.

Außerdem war das Netz uns dabei behilflich, voneinander zu lernen. Wenn man so will, wurde in Ägypten nicht nur crowd-gesourcet, sondern auch crowd-rebelliert. Facebook war dabei besonders wichtig. Wir haben Ratschläge von Leuten erhalten, die tausende Kilometer weit weg leben. Unsere tunesischen Freunde – in deren Heimat nur wenige Tage zuvor eine Revolution stattgefunden hatte – haben uns ganz konkrete Tipps gegeben: etwa wie man Tränengas neutralisiert, indem man sein Gesicht mit Cola wäscht.

Die Online-Offline-Revolution

Trotzdem ist es komisch, dass die Ereignisse oft als „Internet-Revolution“ bezeichnet wurden, denn wir mussten ja fünf Tage ohne Internet zurechtkommen. Einen Zeit lang blockierte die Regierung sogar unsere Mobiltelefone. Wir fühlten uns wie Blinde. Wir wussten nicht, was um uns herum geschah, konnten uns nur auf Mund-zu-Mund-Berichte verlassen. Doch das hat uns nur umso entschlossener gemacht.

Meine Generation ist wohl besser vernetzt, als die meiner Eltern es war. Weniger patriotisch sind die Älteren aber nicht. Die Revolution mag von der Jugend losgestoßen worden sein, später waren dann Menschen jeden Alters und Standes auf dem Tahrir-Platz. Einige waren so alt wie meine Großeltern. Bestimmt hatten viele von ihnen noch nie etwas vom Internet gehört. Sie waren äußerst verschieden. Islamisten, Säkulare und Christen standen auf dem Tahrir-Platz Seite an Seite. Das veränderte die Art, wie die Anhänger verschiedener Ideologien sich gegenseitig wahrnahmen. Frauen und Männer wurden als gleichberechtigte Teilnehmer angesehen, egal ob Muslime oder Christen.

Anders als die Menschen im Westen möglicherweise denken, habe ich noch nie jemanden „den Schuh gezeigt“. Das ist hier bei weitem nicht so verbreitet, wie man meinen könnte, wenn man den Darstellungen westlicher Medien folgt. So weit ich weiß, hat diese Geste weder einen arabischen noch einen islamischen Ursprung. Ich glaube, Nikita Chrustschow hat sie in die Welt gebracht, als er als Präsident der Sowjetunion 1960 bei einer UN-Vollversammlung mit einem seiner Schuhe auf den Tisch schlug, um gegen die Rede eines philippinischen Delegierten zu protestieren, der behauptet hatte, die Sowjetunion beraube die Länder Osteuropas ihrer politischen Freiheitsrechte.

Nicht wie im Film

Unser Alltag jetzt ist noch sehr chaotisch. Da, wo ich arbeite, wissen wir nicht, wohin sich der freie Markt nun entwickelt. Noch nicht alle Schulen haben wieder geöffnet, die Polizei arbeitet noch nicht wieder wie vor der Revolution. Einige Polizisten sagen, sie fühlten sich im Dienst nicht wohl. Sie fürchten die Rache der Leute. Es gibt aber auch Theorien, nach denen die Polizei ihre eigene Agenda verfolgt und darauf wartet, sich an der Bevölkerung zu rächen.

In Filmen oder Geschichtsbüchern entheben bewaffnete Rebellen für gewöhnlich alle Angehörigen eines Regimes ihrer Ämter, stellen sie vor Gericht und erarbeiten eine neue Verfassung. In Ägypten war es aber die Armee, die Mubarak gestürzt hat. Es gibt in diesem Sinne keine Rebellen, die Opposition hat nicht das Sagen. Die Armee tauschte bisher lediglich ein paar Minister aus und brachte ein paar Politiker hinter Gitter. Es gehen Gerüchte um, wonach auch Mitglieder der Opposition noch immer in Haft sind. Und uns ist nicht wohl, dabei zuzusehen, wie ein von der Armee eingesetzter Ausschuss an unserer Verfassung herumbastelt – schließlich ist an der schon genug herumgebastelt worden. Wir fordern eine von Grund auf neue Verfassung.

Wir haben bisher auch noch keine Garantie dafür, dass bei den Wahlen neue Parteien antreten werden. Viele haben Angst, dass das alte Regime mit anderen Namen und Gesichtern zurückkehrt. Übrigens, wenn ich Regime sage, meine ich das ganze Ensemble, nicht nur den ehemaligen Präsidenten: alle korrupten Mitglieder der Regierung; die Verfassung, die dem Präsidenten zu viel Macht gibt; das Notstandsgesetz, das es der Regierung erlaubt, jeden Kritiker zu verhaften.

Es könnte nach freien Wahlen auch eine islamistische Regierung an die Macht kommen. Die Wahrscheinlichkeit halte ich aber für sehr gering. Es gehörte zu Mubaraks Lieblingsstrategien, uns und der internationalen Gemeinschaft mit dieser Gefahr Angst zu machen. Seine Regierung gab sich zwar liberal, war aber in Wirklichkeit auch fundamentalistisch.

Ich glaube nicht, dass die Revolution schon vorüber ist. Die Leute diskutieren immer noch darüber, ob man weiter demonstrieren sollte, bis alle Forderungen erfüllt sind – oder ob man den Militärs eine Chance geben sollte. Vielleicht, nur vielleicht, hätten die Pläne in der jetzigen Phase besser koordiniert werden können, wenn die Revolution einen Anführer gehabt hätte. Aber im Endeffekt gefällt es mir sehr, dass die Revolution so spontan und irgendwie anarchistisch verlief.

Im Augenblick müssen wir mit allem von Null anfangen. Es gibt eine Gruppe auf Facebook, die sich e-Egypt Party nennt. Dort diskutieren die Teilnehmer die Verwendung neuer Technologien in der Politik und die Vor- und Nachteile von repräsentativer und direkter Demokratie. Unter anderem suchen wir auch bei den schwedischen Parteien Aktiv Demokrati und Demoex nach Inspiration. Man merkt gerade sehr deutlich, dass es in unserer Gesellschaft eine riesige Meinungsvielfalt gibt. Das stimmt mich optimistisch.

Für die Zukunft habe ich selbst noch keine konkreten Pläne. Nur eins weiß ich ganz genau: Ich werde weiterhin bloggen und an Diskussionen teilnehmen, um die Situation hier in Ägypten zu verbessern.

Protokoll: Annina Luzie Schmid

Tarek Amr, 31, arbeitet in Kairo als Systemingenieur für Computernetzwerke und bloggt auf Englisch unter: notgr33ndata.blogspot.com.

Übersetzung aus dem Englischen: Zilla Hofman/Holger Hutt
14:00 19.03.2011

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