„Wir tun, was unser Herz befahl“

Proteste „Wenn die Leute fresh drauf sind, dann macht es Spaß“, sagt Ramy Mostafa: Der 18-Jährige Berliner ist eine wichtige deutsche Stimme der ägyptischen Revolution

Ramy Mostafa schimpft: „Nichts reimt sich auf Ägypten.“ Dabei wäre das so gut für einen griffigen Slogan. Durch seine Reime ist der deutsch-ägyptische Schüler zu einer Berliner Aktivisten-Berühmheit geworden. Man grüßt ihn im Dönerimbiss am Rathaus Neukölln, 50 Freunde mehr hat er bereits auf Facebook.

Sechs Demos die Woche im Schnitt

Seit verschiedene ägyptische Gruppen aus Solidarität mit ihrem Land Ende Januar zu Demonstrationen in Berlin aufgerufen haben, verpasst er kaum eine Veranstaltung. Er ist dabei für die Erfindung von Parolen in deutscher Sprache zuständig, weil er der einzige unter den 15 aktiven Demo-Organisatoren mit deutschem Elternteil ist, wie er sagt. Derzeit ist er im Schnitt bei sechs Demos pro Woche. Mit um die Schultern geknoteter ägyptischer Flagge rappt er selbstbewusst und mit rauer Stimme in ein Mikro: „Eins, zwei, drei, vier, Religion ist egal, / Hand in Hand machen wir, was unser Herz uns befahl.“ Er macht Es-reicht- und Stop-Gesten, malt einen Schlussstrich in die Luft, zeigt einen Vogel. Sein Slogan: „Party machen und mit Herz demonstrieren.“

Einmal zeigt er auf seinen Fuß und ruft: „Mubarak, du Schuh, sinnlos bist du.“ Vor allem die Araber lachen; „Schuh“ ist auf Arabisch ein Schimpfwort, wie Mostafa erklärt. Er sei für die „Comedyshow“ da. „Wenn die Leute fresh drauf sind, dann macht es Spaß.“

Paula, eine deutsch-palästinensische Studentin aus Zehlendorf, ernannte ihn bereits zum „Star“ und bringt ihm Baldrianpastillen mit, weil er vor lauter Adrenalin nachts nicht mehr gut schlafen kann. Anderen ist sein Stil zu aggressiv, sie hätten gerne mehr Zeit für Argumente auf den Demos, für Ernsthaftigkeit, für Gedanken an die Zukunft. „Wenn alle ägyptischen Jugendlichen so wären wie er, hätte ich Angst um die Revolution,“ sagt Firas, der sich als Teil des „arabischen Volks“ bezeichnet.

Aber Mostafa ist im Moment voller Wut. Er hat sich die Haare zu einem Irokesen hochgestellt und an den Seiten das arabische Schriftzeichen für Ägypten einrasieren lassen. „Die Leute sollen sehen, wie zornig wir sind. An einem Tag starben 119 Menschen, davon 18 Kinder.“ Diesen Satz wiederholt er immer wieder. In seiner Klasse hat er ein Video gezeigt, in dem man sieht, wie ein Jugendlicher erschossen wird. „Ich saß da mit nassem Gesicht, aber ich habe das durchgezogen“, sagt er, „denn die Toten sind es wert, dass man für sie weint. Ich stehe hier für meine Familie, die aus 88 Millionen Menschen besteht und die für Freiheit und ihre Rechte kämpfen.“

Er klebt am Nachrichtenstrom

In den freien Stunden nach der Schule, wenn er nicht am Stützpunkt seiner Protestgruppe, „Zusammen für Ägypten“, am Adenauerplatz Plakate klebt, sitzt er in seiner Ein-Zimmer-Wohnung nahe der Sonnenallee, die ihm das Jobcenter finanziert. Seit in Ägypten demonstriert wird, klebt er am Livestream von Al-Jazeera. Manchmal kommt sein Vater vorbei, und sie schauen die Nachrichten. Mostafa trägt Trainingshose und einen roten Pullover, und er hat Tee gekocht, in „richtigen Gläsern“, nicht den kleinen, die es in Berlins arabischen Cafés gibt. Seit ein paar Monaten wohnt er hier. „In der ersten Nacht habe ich mich einfach auf den Boden gelegt, mit einer Decke, und perfekt geschlafen – nur meine Wirbelsäule war am Morgen wie geschliffen.“

Der 18-Jährige, in Berlin als Sohn einer Deutschen und eines Ägypters geboren, hat viel hinter sich: militärische Schulerziehung samt Schlägen in Ägypten; Kulturschock, als er mit zwölf Jahren nach Deutschland kommt, wo nur die richtigen Turnschuhe und Markenkleider zu zählen scheinen; dreimaliger Rauswurf durch die Mutter; Jugendnotdienst. Es waren Lehrjahre der Härte: „Die Gefühle von ägyptischen Kindern werden jeden Tag ziemlich kaputtgemacht. Wir werden auf Härte trainiert. Die Kinder sollen von Geburt an daran gewöhnt werden, Draufgänger zu sein: für ihr Land draufzugehen, ein Soldat zu werden. Mein Ziel war es, immer noch härter zu werden.“ Wenn er sich heute „als Person“ sehe, sehe er sich „voller Narben“.

Als politisch bezeichnet sich Fool nicht, sondern als menschlich. Mubarak ist für ihn zweitrangig: „Mein Verlangen ist nicht, dass er erschossen wird. Wir sind besser als er.“ Damit bekräftigt er die Analyse der ägyptischen Demonstrationen, die der Philosoph Slavoj Žižek und der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan kürzlich vertraten: Die ägyptische Revolution sei nicht ideologisch orientiert, sondern eine universelle Revolution für Würde, Menschenrechte und wirtschaftliche Gerechtigkeit.

Als binationaler Jugendlicher hat Mostafa aber auch eine Kiez-Agenda: Er will etwas gegen den schlechten Ruf der Araber tun. „Breitarmig, brechen jedem die Nase, der sie anmacht, das ist unser Image“, sagt er. „Auch ich habe mich lange dahinter versteckt, um in Ruhe gelassen zu werden.“

Weil ihn die eigenen Erfahrungen als Angehöriger einer Minderheit sensibilisiert haben, nutzt er, wie nebenbei, politisch höchstkorrekte Ansprachen: „Liebe Leute, alle Deutschen, alle Ägypter, alle Nicht-Deutschen, alle Nicht-Ägypter.“ Er sieht sich als Vermittler und bringt den deutschsprachigen Demonstranten sogar ein paar Wörter Arabisch bei. „Ich zähle jeden nicht-arabischen Demonstranten doppelt. Leute, die sich für ein so entferntes Land einsetzen, haben meinen Respekt verdient.“

Lange soll es weitergehen

Rapper Eminem und „unseren Propheten Mohammed“ nennt er als Vorbilder für sein Engagement, sie gäben ihm in schwierigen Zeiten ein „Zuhausegefühl“. Eminem, weil er aus der Reihe getanzt ist; Mohammed, weil dessen „Geschichten“ im Koran ihn viel gelehrt hätten: „Es ist lohnenswert, geduldig zu sein, aufzupassen, was man sagt, die Wörter auf der Zunge zu zählen.“

Das Schönste, außer der Anerkennung, die er gerade spürt, sei, dass er wieder etwas Großes fühlen könne. „Seit Beginn dieser Demonstrationen habe ich mir um meine vielen Brüder und Schwestern Sorgen gemacht. Später fiel mir ein, dass ich da ja noch richtige Verwandte hatte.“ Er erinnert sich, wie seine Tante in Kairo, deren Milchreis er so liebt, einmal nicht wusste, was sie kochen sollte, weil der Kühlschrank leer war. „Ich habe erlebt, was Armut bedeutet“, sagt er. Daher hofft er, dass demonstriert wird, bis sich der Zustand des Landes verbessert. „Sonst bin ich doch arbeitslos.“ Er lacht. „Nee, wir machen Freuden-Demonstrationen, jetzt, wo Mubarak weg ist.“ Auf Arabisch, sagt er, heiße Ägypten Masr, das reime sich auf Nasr: Sieg.

Nikola Richter, 34, ist freie Autorin. Mit Rery Maldonado gibt sie das Buch Los Superdemokraticos. Eine literarisch politische Theorie (Verbrecher Verlag, 2011) heraus

13:00 17.02.2011

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