29. Februar

A–Z Es ist Schaltjahr: Die Unregelmäßigkeit zwischen Erdrotation und Sonnenumkreisung muss ausgeglichen werden. Aber was hat das mit Uli Hoeneß und Niklas Luhmann zu tun?
Redaktion | Ausgabe 08/2016

A

Antrag Datum für die Damenwahl: Am 29. Februar dürfen Frauen den Kniefall üben und Männern einen Heiratsantrag machen, zumindest im anglophonen Raum. Der überlebte Brauch stützt sich auf eine irische Legende. Der zufolge hatte sich die Heilige Brigida beim Irlandpatron St. Patrick über voreheliche Wartezeiten beschwert. Die Männer seien zu träge beim Um-die-Hand-Anhalten. Deshalb machte Patrick den 29. Februar („Leap Day“) zum Ausnahmetag.

Im 13. Jahrhundert soll sich dann in Schottland eine entsprechende Regel etabliert haben. Zögerliche Männer hatten demnach eine Reparation zu zahlen, die vom Kuss bis zur Finanzierung eines Kleides reichen konnte. Andere meinen, der Konventionsbruch rühre daher, dass der 29. Februar im englischen Recht (➝ Prozess) einfach nicht vorkam. Wahrscheinlich wurde die Sitte aber erst im 19. Jahrhundert wirklich populär, als viele vermeintlich archaische Traditionen, z.B. das Kilttragen, im Zuge des nation building erst erfunden wurden – und heute als authentisch gelten. Tobias Prüwer

B

Blinder Fleck Die Zeit ist reif für eine Wiederkunft des 29. Februars. In Zeiten umfassender Vermessungs- und Planbarkeitsphantasmen, in denen der Mensch auf Biometrie und Metadaten reduziert wird, sollte uns dieser Tag als Menetekel der Sinnlosigkeit neuen Mut machen. Das Schaltjahr erinnert uns daran, dass alle menschlichen Anstrengungen des Erkennens, Messens und Darstellens hinter den eigentlichen Dingen zurückbleiben müssen. (➝ Unregelmäßigkeit) Was der Mensch sich zusammenreimt, um Chaos in Ordnung zu überführen, muss regelmäßig nachjustiert werden. Niklas Luhmann mahnte uns vor dem „blinden Fleck“, der jedem Beobachtungsversuch innewohne. Machen wir uns also demütigst klar: Der 29. Februar ist ein phänomenologisches Provisorium, das die Welt gerade dadurch berechenbar macht, indem es den an das Provisorium glaubenden Menschen ihre erkenntnistheoretische Mickrigkeit vorhält. Früher nannte man das Religion. Timon Karl Kaleyta

G

Geburtstag Die Geburtstagsfrage stellt sich beim Schalttag immer zuerst. Der Horror Vacui, die Angst vorm Nichts, versetzt alle Menschen in Panik, die anderntags ein Lebensjahr vollenden müssen. Dabei ist nur etwas Pragmatismus gefragt. Viele „29er“ nehmen einfach den 1. März als Ersatzdatum. Eltern überhäufen ihre Kinder auch schon mal einen Tag eher mit Geschenken, weil diese vor Mitternacht ins Bett müssen oder wenigstens am Geburtsmonat festgehalten werden soll.

Georg Christoph Lichtenberg schlägt in seinem Essay Trostgründe für die Unglücklichen, die am 29sten Februar geboren sind vor, man solle den astronomischen Geburtstag (➝ Kalender) feiern. Dazu konzentriert man sich auf den Sonnenstand auf der Erdumlaufbahn zur Zeit der Geburt. Alles andere sei sowieso nur bürgerliches Fest. Das Geburtsdatum lässt sich übrigens nicht korrigieren, da sind die Standesbeamten eisern. TP

H

Hoeneß Am 29. Februar 2016 kommt Uli Hoeneß auf Bewährung frei. 21 Monate hat er dann im Gefängnis verbracht – die Hälfte der ursprünglichen Haftzeit. Normalerweise wird eine Strafe frühestens nach zwei Dritteln der Dauer auf Bewährung ausgesetzt. Hoeneß kommt unter anderem deshalb so früh raus, weil er sich in der Haft vorbildlich verhalten und per Selbstanzeige ausgeliefert habe. Letzteres kann man auch anders sehen.

Die mindestens 43 Millionen Euro Steuerschulden, Zinsen und Behördengebühren hat er inzwischen auch bezahlt. (➝ Volkswirtschaft) Beim FC Bayern stehen ihm nun wieder alle Türen offen, selbst ein Comeback als Präsident ist denkbar. Sollte nun alles vergeben, verziehen oder zumindest vergessen werden? Darüber wird diskutiert werden. Das mit dem Vergessen ist allerdings nicht ganz unwahrscheinlich. Denn die Haftentlassung, zu deren Jubiläum man sich an alles erinnern könnte, jährt sich ja nur alle vier Jahre. Benjamin Knödler

K

Kalender Sonnenkalender, Lunarkalender oder astronomischer Kalender. Das Jahr lässt sich auf verschiedene Weisen ordnen. Gemeinsam ist ihnen allen jedoch, dass sie im Laufe der Zeit nachbessern müssen, um im Gleichschritt mit Sonnen- oder Mondzyklen nicht ins Stolpern zu kommen. Weil das Jahr der Maya etwa nur 360 Tage dauerte, fügten sie diesem am Ende einfach fünf weitere Tage hinzu. Auch der ägyptische Kalender brauchte fünf Zusatztage. Der lunisolare Kalender hängt in Schaltjahren wiederum einen ganzen 13. Monat an, um bei aller Orientierung auf den Mond das Sonnenjahr nicht zu vergessen. Diese Liste an Maßnahmen ließe sich fortsetzen (➝ Schweden). Sie alle sind nicht unkompliziert. Doch wer behauptet schon, dass es einfach sei, mit der Zeit zu gehen? Benjamin Knödler

N

Natur Sekunden bis Stunden, Tage bis Jahre. Das von Menschen geschaffene System zur Zeiteinteilung ist recht ausgetüftelt. Gleichzeitig führt uns der 29. Februar jedoch vor Augen, dass die Natur eben nie ganz in ein Muster zu pressen ist. Ohne das regelmäßige Nachjustieren würden Datum und Jahreszeit auf ganz lange Sicht einfach nicht mehr zusammenpassen. (➝ Zehntelsekunde) Das kann uns nun natürlich ernüchtern oder einfach dazu bringen, die alte Binsenweisheit zu schlucken, dass die Natur schlicht das macht, was sie will. Der Winter sollte – zumindest meteorologisch gesehen – beispielsweise von Dezember bis Februar des Folgejahres dauern. Und wann haben wir das schon das letzte Mal erlebt? Da hilft auch der beste Kalender nichts. Benjamin Knödler

P

Prozess Beihilfe zum Mord in 3681 Fällen. So lautet die Anklage bei der Gerichtsverhandlung gegen Hubert Zafke, die am 29. Februar vor dem Landgericht Neubrandenburg beginnen soll. Die vorliegenden Dokumente legen seine Schuld nahe. Was sonst machte ein Unterscharführer der SS-Sanitätsstaffel im KZ Auschwitz-Birkenau zwischen 15. August und 14. September 1944, als dort mindestens 14 Züge voll mit Menschen ankamen? Erste Hilfe leisten, Rampen und Züge habe er erst gar nicht gesehen. Und Krematorien hielt er für Heizwerke. So hat sich Hubert Zafke an seine Dienstzeit in Auschwitz bei einer Vernehmung im Jahr 2014 erinnert.

Glauben wollte ihm das niemand, anklagen allerdings auch nicht. Noch im letzten Jahr hielt ihn das Landesgericht für verhandlugsunfähig. Nur dem Einspruch des Oberlandesgerichts Rostock ist es zu verdanken, dass die Verhandlung am 29. Februar doch aufgenommen wird. Also noch Hoffnung auf ein gerechtes Urteil? Eher nicht. Geladen sind zwei Sachverständige, die erneut über die Verhandlungsfähigkeit des 95-Jährigen urteilen sollen. Sollte der Prozess (➝ Hoeneß) in einer der drei Verhandlungsrunden dennoch Früchte tragen, drohen Zafke 3 bis 15 Jahre Haft. Bartholomäus von Laffert

S

Schweden In Schweden hatte der Februar des Jahres 1712 sogar 30 Tage. Die Behörden planten die Umstellung vom julianischen auf den gregorianischen Kalender mit einem Trick (➝ Antrag): Statt wie alle anderen einfach ein Jahr mit elf Tagen weniger einzulegen, wollte man die Schaltjahre so lange ignorieren, bis man quasi automatisch mit dem ungeliebten, weil nach Papst Gregor benannten Kalender synchron wäre. Blöd nur, dass das Vorhaben in Vergessenheit geriet und fortan der „svenska kalender“ galt, der dem julianischen einen Tag voraus, dem gregorianischen elf Tage hinter war – bis Karl XII. 1712 die Rückkehr zum julianischen Modell anordnete, wozu der 30. Februar fällig wurde. Der gregorianische Kalender kam erst 1753, indem man dem Februar elf Tage abzog. Elke Wittich

U

Unregelmäßigeit Schaltjahre ergeben sich aus der Unregelmäßigkeit zwischen Erdrotation und Sonnenumkreisung. An einem Tag dreht sich die Erde einmal um sich selbst, in einem Jahr einmal um die Sonne. Und weil die ➝ Natur kompliziert ist, beträgt der Abstand zwischen zwei Frühlingsanfängen (wenn Tag und Nacht gleich lang dauern) nicht 365 Tage, sondern 365 Tage, 5 Stunden, 48 Minuten und 45 Sekunden. Zum Ausgleich wird alle vier Jahre ein Schaltjahr eingeführt, so bekommt das Durchschnittsjahr sechs Stunden mehr. Weil das aber zu viel ist, wird alle 100 Jahre auf dieses verzichtet. Das ist aber wieder zu wenig. Also wird alle 400 Jahre doch wieder ein Schaltjahr eingeführt. Es bleibt eine Differenz, die so klein ist, dass sie erst nach 3225 Jahren einen Unterschied von einem Tag ergibt. Felix Werdermann

V

Volkswirtschaft Die Vorhersage einer totalen Mondfinsternis für den 29. Februar 1504 rettete Kolumbus das Leben. Die ihm eigentlich weniger wohlgesinnten Indigenen versorgten den Entdecker aus Furcht vor seiner vermeintlichen Macht dann doch mit Nahrungsmitteln. Sogar volkswirtschaftlichen Nutzen sagen Wissenschaftler für den Zusatztag voller Überstunden voraus. Wenn er, wie in diesem Jahr, nicht aufs Wochenende fällt. Allerdings kann man nicht einfach von einem ganzen Tag Mehrproduktivität ausgehen, weil nicht alle Wirtschaftszweige profitieren.

In der öffentlichen Verwaltung (➝ Schweden) kommt etwa kein Mehrwert zustande. Im produzierenden Bereich, in Industrie und Landwirtschaft, ist tatsächlich eine Steigerung zu verzeichnen. Denn es kann ein Tag lang mehr hergestellt werden. Ein Plus im Einzelhandel durch den zusätzlichen Geschäftstag gibt die Bundesbank mit 4,2 Prozent an, im Energiebereich mit 2,8 Prozent. Unfälle und Krankheiten, deren Möglichkeitszeitraum durch den Schalttag auch zunimmt, verwässern die volkswirtschaftliche Nutzenrechnung aber wieder. Klare Prognosen sind also mit Vorsicht zu genießen. Tobias Prüwer

Z

Zehntelsekunde Wenn Zeit und Geld als Taktgeber der Welt gelten, könnte man meinen, dass beide Systeme unantastbar sind. Dabei fungieren Banknoten und Sekundenzeiger nur als Hilfsmittel, um etwas zu messen, was sich gegen eine genaue Messung wehrt. (➝ Blinder Fleck) Das Schaltjahr erinnert uns alle vier Jahre daran, dass die „Erdzeit“ eine ziemlich unperfekte Erfindung des Menschen ist. Es gibt aber noch eine weitere, versteckte Unregelmäßigkeit: die Schaltsekunde.

So wie das astronomische Jahr verläuft auch der astronomische Tag nicht immer gleich. Wenn der Unterschied zwischen Erdrotationszeit und „bürgerlicher Zeit“ neun Zehntelsekunden zu groß wird, kommt eine Sekunde dazu oder wird abgezogen. Die letzten 40 Jahre war die Rotation immer einen Tick zu schnell, auf lange Sicht wird sie aber langsamer, der Tag immer länger. Bevor der Plantet stillsteht, wird er jedoch mit dem Mond kollabieren oder von der sich zur Supernova aufblähenden Sonne verschlungen. Bis zur Apokalypse versucht die Wissenschaft, ihre Erdzeit mit der Schaltsekunde möglichst genau mit dem Tag-Nacht-Wechsel zu synchronisieren. Wenn die Welt schon untergeht, dann wenigstens pünktlich. Konstantin Nowotny

06:00 09.03.2016

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare