30 Anzeigen, ein Schweigen

Prozess Der ehemalige Leiter des „Weißen Rings“ in Lübeck soll hilfesuchende Frauen sexuell belästigt haben

Dora M. schildert mit klarer Stimme und sachlichen Worten den Moment, als die Stimmung umkippte, den Moment, in dem für sie aus einem Gespräch eine Grenzüberschreitung wurde. Als sie sich Detlef H. anvertraute, stand sie vor dem Nichts. Ihr Mann habe sie geschlagen, ihr Geld gestohlen und sei verschwunden, erzählte sie ihm. Da saß sie, blank, allein mit drei Kindern, im fünften Monat schwanger und kurz vor einem Auszug, ohne neue Wohnung in Sicht.

Nach einer Weile habe sie gespürt, dass Detlef H. gar nicht richtig zuhörte. Und das war, sofern Dora M.s Schilderungen wahr sind, der Kipp-Moment. „Warum haben Sie Ihr Kind nicht abgetrieben?“, habe er plötzlich gefragt. „Geben Sie es doch zur Adoption frei.“ Und er fuhr fort: Sie könne dann als Prostituierte arbeiten, „im Escortservice. Sie fahren zwei- bis dreimal in der Woche nach Hamburg und verdienen viel Geld.“

Dann, so erzählt sie, sei er aufgestanden, um den Tisch herumgegangen, der zwischen ihnen war, mit offener Hose und masturbierend. Er habe sie aufgefordert, seinen Penis zu berühren. Er habe sie aufgefordert, ihm ihre Brüste und Genitalien zu zeigen. Sie stand sofort auf und ging. „Ich war schockiert“, sagt die heute 41-Jährige.

Detlef H. ist nicht irgendjemand. Er saß ihr an diesem Tag im April 2016 als Leiter des Weißen Rings in Lübeck gegenüber, einer Opferschutzorganisation, von der sie gehofft hatte, dass sie ihr Rettungsring sein würde. Im Juni 2019 sitzt er ihr wieder gegenüber, diesmal am Lübecker Amtsgericht, und Dora M. erzählt der Richterin Andrea Schulz von jenem Beratungsgespräch. Hier wird sie Detlef H. noch öfter begegnen, fünf Prozesstage lang.

Ehrenvoller Abschied

Offiziell geht es in dem Gerichtsverfahren um Exhibitionismus, ein Delikt, das selten nationale Aufmerksamkeit erlangt. Dass der Gerichtssaal trotzdem bis auf den letzten Platz voll ist und Detlef H. im Blitzlichtgewitter steht, liegt an seiner besonderen Rolle als Opferberater – und daran, dass 29 weitere Frauen ihn angezeigt haben. Dora M. ist die einzige Betroffene, die nun gegen ihn klagen darf. Ihr Fall könnte die Spitze des Eisbergs in einem Netzwerk des Schweigens sein, das der ehemalige Polizist und Gewerkschafter sich in der Stadt aufgebaut haben könnte.

Der Weiße Ring existiert seit 1976. Auf seiner Homepage wirbt er mit prominenten Gesichtern, diverse Fernsehkommissare halten einen leuchtenden Ring in die Kamera. Cybermobbing, Stalking, häusliche Gewalt – die Organisation will die Opfer unterstützen, die während der Fokussierung auf den Täter oft mit ihren traumatischen Erfahrungen alleingelassen werden. Während seiner zwölf Amtsjahre galt Detlef H. als außerordentlich engagierter Opferberater, war hoch angesehen. Für Veranstaltungen des Weißen Rings lud er ins Rathaus ein, der Landesinnenminister klopfte ihm auf die Schulter und der Bürgermeister zeichnete ihn aus. Da gab es längst Gerüchte über ihn. Nach Recherchen des Spiegel soll der Lübecker Polizeichef den Landesvorsitzenden des Weißen Rings schon 2012 ermahnt haben. Er solle dafür sorgen, dass H. bei der Betreuung von Opfern „zukünftig unbedingt die notwendige Distanz“ einhalte.

2017 verdichteten sich die Gerüchte, H. bekam die Kündigung – und einen ehrenvollen Abschied. Astrid Stadthaus-Panissié, eine bekannte Lokalpolitikerin, verließ die Opferhilfeorganisation damals gemeinsam mit ihm, weil sie überzeugt war, dass H. immer korrekt gearbeitet habe. Für sie war die Kündigung „eine Vorverurteilung, eine Hetzjagd. Vielleicht brauchte Lübeck so einen Fall.“ Dann sagt sie etwas, das viele Fürsprecher H.s am Rande des Prozesses so oder ähnlich äußern: „Ist es schon übergriffig, jemanden am Arm zu berühren?“

Katharina Wulf, Geschäftsführerin des Landesverbands Frauenberatung in Schleswig-Holstein, wird wütend, wenn sie so etwas hört. „Den Männern ist es bewusst, wenn sie eine Grenze überschreiten“, sagt sie. Im Kern gehe es „um die Ausübung von Macht, und wenn ich über jemanden Macht ausübe, ist das nicht im Einvernehmen“. Dass Frauen umgekehrt Männer anschwärzen, um ihnen zu schaden, sei sehr selten: „Die Frauen fühlen sich oft selber schuldig“, sagt sie. Außerdem hätten „nur die allerwenigsten Frauen ein Interesse, in der Öffentlichkeit zu stehen als Opfer einer sexuellen Straftat“.

Dieser Geruch nach Urin

Das könnte ein Grund sein, warum die meisten der Frauen nicht sofort Anzeige erstatteten. Dora M. schildert auch das Gefühl, alleine zu sein, keine Zeugen und Beweise zu haben. Viele der Betroffenen werfen Detlef H. scheinbar geringfügige Handlungen vor: zweideutige Komplimente und Fragen nach dem Sexualleben, verbale Entgleisungen und sexuelle Angebote als „Handel“ gegen eine Gefälligkeit. Einige dieser Handlungen wären heute Delikte sexueller Belästigung, waren aber vor 2016 nicht strafbar. Einige Frauen gaben zu Protokoll, er habe sie ungewollt zwischen den Schenkeln, an der Brust, im Dekolleté berührt oder versucht, sie zu küssen.

Wenn solche Dinge passieren, mögen sie juristisch keine Konsequenzen haben – für die Betroffenen haben sie es. Wer sein Gegenüber reduziert auf seine Körperlichkeit, es degradiert zum Objekt der eigenen Triebe, begeht eine Grenzüberschreitung, die Wunden hinterlässt. Etwa bei einer ehemaligen Klientin Detlef H.s, die aussagte, er habe in die Hose hinein masturbiert, während sie erzählte, wie sie als Kind sexuell missbraucht worden war. Dafür hätte sie ihn wegen sexueller Beleidigung anzeigen können, aber nur in einem Zeitraum von drei Monaten.

Die Staatsanwältin hat sie und ein anderes mutmaßliches Opfer als Zeuginnen geladen, um „ein Verhaltensmuster des Angeklagten nachzuweisen“. Da schimmert kurz die Frage auf: Wie könnte dieser Mensch ticken, was hält er für normal? Dieser Mensch, füllige Gestalt, schmaler weißer Haarkranz, beobachtet mit unbewegter Miene, aber immer aufmerksam den Prozess. Sein Blick aus schmalen Augen: selbstsicher, verbindlich. Er ist 74 Jahre alt, die sieht man ihm auch an. All diese Frauen behaupten, er habe ihnen sexuelle Avancen gemacht, immer wieder – und immer in Situationen, in denen sie besonders schwach waren.

Schnell verschwindet Detlef H. wieder aus dem Fokus der Verhandlung. Die Verteidigung konzentriert sich auf die Person und die Glaubhaftigkeit der Nebenklägerin Dora M.. Sie hat Erfahrung mit Gerichten, ist wegen Mietschulden auf Bewährung verurteilt. Die Dolmetscherin scheint notorisch klamm gewesen zu sein – oder, wie Detlef H. es darstellt, eine grundsätzlich unglaubwürdige Betrügerin.

„Wir haben eine gute Position, wir müssen die Vorwürfe nur abwehren“, sagte der Verteidiger Oliver Dedow zum Prozessauftakt. Und das tut er, indem er das mutmaßliche Opfer buchstäblich auseinandernimmt. Detlef H. hat alle Vorwürfe konsequent bestritten und wirft umgekehrt Dora M. vor, sich ihm als Prostituierte angeboten zu haben. Eine spannende Frage bleibt ungestellt: Wie reagiert ein professioneller Opferhelfer auf ein solches Angebot einer Klientin, sofern es ein solches gab? Führt er das Gespräch weiter, verschweigt er das Geschehene gegenüber Kollegen, so wie H. es getan haben will?

Der Verteidiger dürfte sich über das Gutachten einer Gerichtspsychologin bezüglich Dora M. gefreut haben. Diese kommt zu dem Schluss, es sei nicht ausgeschlossen, dass die Nebenklägerin in ihren Aussagen dramatisiert, Dinge hinzuerfunden oder falsch erinnert haben könnte. Weniger analytisch dürften manche Prozessbeobachterinnen, die selbst schon einmal schwanger waren und die hohe Reizempfindlichkeit während dieser Zeit kennen, die Schilderungen der Dora M. nachempfunden haben. Jener Apriltag 2016, als Detlef H. sich vor ihr entblößt haben soll, habe sie dauerhaft traumatisiert. „Dieser Geruch nach altem Mann und Urin“, der habe sich eingebrannt. Noch heute werde ihr schlecht davon.

Vergangenen Montag wurde noch einmal verhandelt. Den Vorschlag der Staatsanwaltschaft, das Verfahren gegen Geldauflage einzustellen, lehnte die Verteidigung ab. Die Öffentlichkeit könne dies als implizites Schuldeingeständnis werten, doch der Angeklagte sei unschuldig. Ein Urteilsspruch wird am 9. September erwartet.

Friederike Grabitz ist freie Journalistin in Lübeck und schreibt unter anderem für den Freitag, die taz und Das Magazin

06:00 20.08.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 37