39,90 von Jan Kounen

Kino Was ist Rausch, was ist Traum? Was ist Wirklichkeit und was nur interaktive Medialität? Die Bilder von triefenden Koksnasen, von ätherischen, das ...

Was ist Rausch, was ist Traum? Was ist Wirklichkeit und was nur interaktive Medialität? Die Bilder von triefenden Koksnasen, von ätherischen, das heißt: trügerischen Schönheiten und vom Lichterschlund der Großstadt flitzen an den Augen des Zuschauers nur so vorbei. Nach sieben Minuten im Film hat Octave Parango, erfolgreicher Werbetexter, schon gewichst, gekotzt und eine Line gezogen. Dazwischen immer wieder der Hochglanz-Schund, die Plakate, die Filmchen, die dämlichen Slogans - eben das, was sich im Hirn des Durchschnittsverbrauchers so festsetzt.

Frédéric Beigbeder hat seinen Roman 39,90, der 2000 in Frankreich erschienen ist, aus atemlosen Aufzählungen komponiert und aus größenwahnsinnigen, eben wie Werbesprüche dahin gerotzten Hauptsätzen: "Schließlich und endlich haben die Nazis gewonnen". Das war Parodie und Reflex zugleich auf die Schnelllebigkeit und Hybris seiner Branche, Porträt einer Welt, in der das Geschichtenerzählen unmöglich ist, weil die inhaltsleeren Oberflächen alle bereits zugekleistert sind. Seinen Job in der Agentur "Young Rubicam", so heißt es offiziell, verlor Beigbeder wegen des Buchs. Der gebürtige Niederländer Jan Kounen, der mit Vincent Cassel den fies-überdrehten Gangster-Thriller Dobermann und den mythischen Western Blueberry gedreht hat, übersetzt diese Megalomanie in filmischen Bombast - ambitioniert, handwerklich makellos, gut durchdacht und soziologisch veraltet.

Wie ein gefallener Engel steht Octave zu Beginn an der Dachkante, unter ihm die Straßenschlucht, gebildet von in den Himmel strebenden Wolkenkratzern und erhellt von Hunderten Lichtpunkten, die einsame Büros und Wohnungen in die gleichgültige Dunkelheit von Paris strahlen. So wie das klingt, so ist der ganze Film konzipiert - jedes Bild ein Ausrufezeichen. Es gibt den toten Nager im Hamsterrad und, haha, die "Schnee"-Lawine. Die Ästhetik der Beschleunigung und des schönen Scheins, die mindestens so sehr zum Kino gehört wie zu Werbung und Musikvideo, soll in einer immer aberwitzigeren Spirale implodieren. Zur losen Orientierung sorgt eine berufliche Episode Octaves, der für den Joghurt-Hersteller Madone - auch hier bleiben keine Fragen offen - eine Kampagne entwerfen soll. Er arbeitet sich am arroganten Kunden ab, schleust seine Lieblingsnutte als Darstellerin ein und lässt mit Hilfe einer Guerilla-Truppe seine eigene, werbekritische Version des keimfrei-idiotischen Originalspots senden, die aber auch nur so viel Erkenntniswert und Schockpotenzial bereithält wie eine Folge Tom Jerry.

Ohnehin ist die Welt des Marketings und der Kommunikation ein viel zu leichter Gegner: Wer findet Werbung schon gut? Jan Kounen ist kein Dialektiker, er drischt mit visuellem Einfallsreichtum auf ein Symptom des modernen Kapitalismus ein und ignoriert die Krankheit - Beigbeders postmoderne Spaßgesellschaft des Romans haben wir hinter uns, spätestens seit dem 11. September 2001, über den der Autor selbst das Buch Windows on the World geschrieben hat. Darf man den Beteiligten Glauben schenken, war er an der Entstehung des Films ebenso intensiv beteiligt wie der Regisseur. Den Mut, Octave in eine Karikatur zu verwandeln, wie sie Christian Bale in American Psycho gelang, hatten die Filmemacher jedenfalls nicht. Jean Dujardin spielt ihn - mit langen schwarzen Haaren überdeutlich an Beigbeder selbst angelehnt - zwar mit lässiger Eitelkeit im grauen Alltag und mit wilder Grimassierung in Fantasie und Ekstase. Durch seine Erzählerstimme aber bleibt Octave als Identifikationsfigur zu präsent. Zumal er sich hier, bei allem Zynismus, als kritischer Insider gibt, der das System durchschaut hat. Statt ihn als ein Zeichen unter vielen im konformistischen Einerlei aufzulösen, wird er sentimentalisiert durch eine leitmotivisch in Erinnerung und Halluzination auftauchende Verflossene.

Ein einigermaßen harmloser Fehlschlag also? Zum Ende serviert der Film eine Wendung, eine schlüssige Pointe, mit der nicht unbedingt zu rechnen war und die dann doch ein wenig irritieren kann. Auch wenn Beigbeder und Kounen wahrlich keinem altbackenen Realismus frönen: Sie schrecken vor der furchtbaren und vollständigen Überwindung des Individuums zurück, die sie in Idee und Ästhetik schon angelegt haben.

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