3D-Deckenbehängung im Klassenzimmer

Die Ratgeberin Unsere Kolumnistin versucht, sich im ADHS-Paradies Schule zu konzentrieren
3D-Deckenbehängung im Klassenzimmer
Schüler mit mit ADHS lassen sich dauernd ablenken

Foto: MIS/Imago

Neulich betrat ich das Klassenzimmer einer 3b. „Vorsicht!“, stoppt mich die Lehrerin und wedelt mit einer Wäscheklammer. Fast hätte ich mich in einem raumgreifenden, von der Decke hängenden Planetensystem verfangen. Da auch die Größten der 3b sich nur geduckt darunter hindurch bewegen können, steckt die Lehrerin die aufwändige Schülerbastelarbeit erst einmal hoch. Dann pflügt sie sich ihren Weg zum zugetürmten Lehrertisch, daneben ächzt ein Sideboard, das ebenfalls bereits voll ist. Sie legt ihre Mappen deshalb auf einem Stuhl ab. Mir weist sie einen Platz hinten neben einer dritten Lehrerablage, einem Schreibtisch mit PC, zu. Darauf hätten noch ein, zwei Stifte Platz. In einem Raumteiler entdecke ich zwischen Heften, Pokalen und Klebestiften das Klassenratsbuch, oben drauf: ein Planet mit abgefallenen Monden. Stammt der von einem Unfall aus der Vor-Wäscheklammer-Ära? Ich suche die Decke nach Indizien ab, abgerissenen Schnüren etwa, vielleicht jene, an denen – den Unfall vertuschend – jetzt Mandalas, Postkarten und Buchstaben flattern?

„Berkenheger“ höre ich. Die 3b starrt mich an. Ich nicke freundlich und beginne meine Recherche, die sich der Konzentrationsfähigkeit der heutigen Schüler widmet. Schlimmstes habe ich dazu gelesen: Viele haben eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Und wer kein ADHS hat, verhält sich trotzdem ADHS-artig. Etwa dieser Schüler vorne in der Ecke: kippelt und quasselt unablässig mit seinem Nachbarn. Vor ihm, auf einem der 14 Wandregale, drängen sich: Globus, Ghettoblaster und ein Bildschirm. Darüber kleben Insektenzeichnungen. Und wieder darüber in der Ecke hängt ein großes, selbstgeknüpftes Spinnennetz – wie eine Falle. Vielleicht kann man es via Fernsteuerung im Bedarfsfall auf den Problemschüler herabfallen lassen ... allerdings, das wäre jetzt zu spät, denn: Er ist weg! Wieso? Da haben wir es! Typisch ADHS. Schüler mit dieser Beeinträchtigung lassen sich nicht nur dauernd ablenken, sondern stehen mitten im Unterricht einfach auf. Ganz klassisches Symptom. Wobei, stimmt gar nicht: Er wurde offenbar strafversetzt. Jetzt sitzt er neben den „Regelungen der Bring- und Abholsituation“, einer Geburtstagsliste und einem Klassenfoto. Ich versuche zu erkennen, wer als nächster Geburtstag hat, und überlege, anhand des Fotos, wen Charlotte – denn sie ist es – wohl zur Party einladen wird. Das heißt, falls ... Boooooinnng! Die Lehrerin hat die Klangschale betätigt. Die nächsten zehn Sekunden bin ich voll da. Dann fällt mir ein: Zu meiner Schulzeit waren die Klassenzimmer kahl, die Schulräume, die ich vor zehn Jahren sah, beschränkten ihre Deko auf die Wände. Und jetzt also: großzügige 3D-Deckenbehängung. Die Frage ist deshalb: Wie lange können Klassenzimmer überhaupt noch betreten werden – ohne Macheten? Kaltherzige Schulleiterinnen, die nach Malerarbeiten mehrere Quadratmeter Flurwand als beklebungsfrei definieren wollen, scheitern regelmäßig: an meinem Neffen zum Beispiel. Im Lehrerauftrag bastelte er neulich Demoplakate gegen ein solches Ansinnen. Slogan: Unsere Schule soll bunt bleiben! Sicher stehen die Plakate jetzt als Slalomstangen im Schulflur. Ich muss mal nachfragen.

Eins ist jedenfalls klar: Es kann nicht sein, dass immer mehr Kinder an ADHS leiden. Denn dann wäre diese Entwicklung der Schuldekoration ja komplett kontraproduktiv! Ich zucke zusammen. Die Lehrerin hat mich angetippt. Die Stunde ist vorüber.

Susanne Berkenheger verteilt als Die Ratgeberin regelmäßig für den Freitag gute Ratschläge

06:00 24.06.2018

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 2