46. Viennale

Festival Los Angeles hat sich nie von dem Minderwertigkeitskomplex erholt, den das Kino der Stadt eingegeben hat. Thom Andersen ärgert sich über Sätze wie ...

Los Angeles hat sich nie von dem Minderwertigkeitskomplex erholt, den das Kino der Stadt eingegeben hat. Thom Andersen ärgert sich über Sätze wie diesen, die für das abschätzige Urteil New Yorker Filmkritiker typisch sind, aber er gibt ihnen Recht. Von Kindesbeinen an wohnt der Filmhistoriker in der Stadt, er sieht mit dem Blick eines Angelenos, welche Plätze, Strände, Hügelketten und Slums der Megacity als Kulissen gedient haben, wie kulturelle Veränderungen, Verwerfungen und Zeitgeiststimmungen zu Drehbuchfutter verarbeitet wurden und der Glamour prestigeträchtiger L.A.-Filme als trügerische Patina auf der historischen Stadt lastet.

Andersen, der in Kalifornien Film lehrt, hat sich der Suche nach bissigen Gegenbeispielen verschrieben, nach Filmen also, die sich auf die Stadt einlassen, ihre Mythen unterlaufen. Seine Dokumentation Los Angeles plays it-self (2003) ("L.A. spielt sich selbst") war ein visuelles Geschichtsbuch großen Formats, dessen Vielfalt er in einer Retrospektive im österreichischen Filmmuseum anlässlich der Viennale noch einmal aufblätterte.

Los Angeles ist die Stadt der kalten Blondinen und angeschlagenen Privatdetektive, ein Schauplatz des Verbrechens, der Verschwörung und Verbitterung. Es ist ein Labyrinth falscher Fährten, in dem die Autoverrückten lange Highways entlang brausen und kurvige Aufstiege in jene Hügelvororte nehmen, in denen Stars und Möchtegerns ihren Obsessionen nachgehen. Die Retrospektive zeigte mit ausgewählten Film Noir-Klassikern, wie das Kino nach einer langen Periode absolut künstlicher Studioproduktionen wieder in die Stadträume hinaus ging und sie neu als die Endpunkte jeglicher Illusion kartografierte. In Double Indemnity hilft ein Versicherungsagent einer mondänen Lady, ihren Gatten zu ermorden, wird jedoch selbst Opfer ihres Betrugs. Billy Wilders Klassiker basierte auf einem authentischen Fall und weist bei aller schwarzweißen Stilistik die kriminellen Winkelzüge voraus, die der filmversessene spätere Präsident Richard M. Nixon im Watergate-Fall gegen seine politischen Gegner anzettelte.

Filme, die eine Spur realistischer als das Kultkino à la Pulp Fiction, Chinatown oder L.A. Confidential von der Stadt und ihrer abgründigen Energie erzählen, fand der Los-Angeles-Archäologe Andersen bei Hollywood-Außenseitern, B-Movie-Regisseuren und Autorenfilmern, die oft nur einen Film beenden konnten. Bless their little Hearts, ein anrührender Film über einen arbeitslosen Familienvater, der sich mit Macho-Stolz gegen seine Verzweiflung wehrt und dabei die Trennung von seiner Frau riskiert, blieb Billy Woodberrys einziger Film, ein frühes neorealistisches Werk aus der Black Community der Stadt. In trostlosen Tagesjobs gelangt der Antiheld des Films in die Hügel am Stadtrand, wo er die endlosen Grundstücke, die zur Bebauung frei stehen, vom Unkraut säubern soll. Die Stadt ist zum Davonlaufen, erzählt auch der Vorläufer des Blackxploitation-Kinos à la Shaft, Melvin van Peebles´ Sweet sweetback Badasss Song, in dem ein schwarzer Sexworker einen Polizisten tötet, um einem verhafteten Bruder aus der Black Community zur Flucht zu verhelfen. Es folgt ein Marathon durch die Hinterhöfe, toten Industriezonen und Wüsten in und um Los Angeles, ein von Soul-Musik getragenes Überlebensfest dieses unbezwinglichen schwarzen Helden.

Anders die weißen Verlierer, die der Hollywood-Außenseiter Irving Lerner in seinen äußerst dicht erzählten schwarzen Filmen auf die Piste des unbedingten Erfolgs schickt. In Murder by contract will ein Vertreter für Rechenmaschinen lieber als Profi-Killer ans große Geld heran. Er plant die Tat selbstsicher und gelassen, als sei das der erste Schritt zur kalifornischen Karriere. Die Sache geht schief, als er erfährt, dass er eine Frau töten soll, die als Kronzeugin unter Arrest steht. Von leeren Baugrundstücken aus versucht er sogar, wie im Indianerfilm, Feuer in ihrem Haus zu legen. Solche Querschüsse zwischen realistischen Stadtbildern und Kino-Phantasien sind der Stoff, aus dem Los Angeles Wirklichkeit bezieht.

Los Angeles. Eine Stadt im Film, Retrospektive der Viennale und des österreichischen Filmmuseums, 5.10. bis 5.11.2008

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