480 Seiten Hass

Rock ’n’ Roll Unser Autor hat Morrisseys Autobiografie gelesen und staunt nicht schlecht: Der Grantler erweist sich als glänzender Literat
Terry Eagleton | Ausgabe 48/2013 5
480 Seiten Hass
Der britische Sänger und Lyriker Morrissey in der Mitte der 1980er Jahre
Foto: Photoshot/Getty Images

Morrissey reicht es nicht, der größte Nordengländer aller Zeiten, der zweitgrößte lebende Brite (nach dem Tierfilmer David Attenborough) und Ehrenbürger der Stadt Tel Aviv zu sein. Also schreibt er nun Prosa, so glänzend, dass er alle anderen Sänger mit schriftstellerischen Ambitionen auf die Plätze verweist. Sicher, es gibt einige schwülstige Stellen in dieser superben Biografie („Schuldirektor Coleman poltert voller Verdrießlichkeit in einer wabernden Brühe aus Hass“). Dennoch ist schwer vorstellbar, dass Ronnie Wood oder Eric Clapton die „Herzogin von Nichts“ Sarah Ferguson als „kleines, oranges Büschel“ beschreiben würden, „das aus einem Rüschenkleid kriecht“. Morrissey verachtet die meisten Menschen, die er kennenlernt, und das oft mit gutem Grund.

Er ist unflätig, ablehnend und herablassend, auf bizarre Weise schüchtern und giftig zugleich. Das Buchcover, das ihn als versonnenen Frauenschwarm zeigt, die Nase keck über den Amorbogen der Lippen gereckt, täuscht darüber hinweg, was für ein fieser alter Bastard er doch ist. Er selbst erkennt sich (ausgerechnet) in dem Dichter Alfred Edward Housman wieder, der die Kunst der Menschheit vorzog.

Ursprung seiner Boshaftigkeit ist teils die kaputte Kindheit. Steven Patrick Morrissey, als Sohn irisch-katholischer Einwanderer in Manchester geboren, singt sich aus seiner seelenlosen Umgebung heraus. Das Gift beginnt früh zu fließen. Die katholische Grundschule, ein düsteres Mausoleum, wird von Mutter Peter geführt, „einer bärtigen Nonne, die von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang Kinder schlug.“ Mit 17 ist er emotional ausgelaugt. Manchester, zu jener Zeit noch lange nicht cool, ist ein „barbarischer Ort, an dem nur Wilde überleben können“. Morrisseys eloquente Verachtung für seine Mitbürger ist erschreckend: „Kanalratten ohne Augen; lärmende Geistesgestörte, die unverständliche Laute von sich geben; die Armen, Durchgeknallten, die im dreckigsten Winkel von Manchester leben“. In der Geburtsstunde der Smiths, die den ersehnten Ausweg bedeuten, meint er, vor Langeweile, Einsamkeit und Abscheu zu sterben. „Ich redete mich durch den Tag, wie man es mit einem sterbenden Freund tun würde.“

Der Softie im Spötter

Wenig später tragen junge Menschen in aller Welt sein Konterfei auf der Brust. Er kehrt – nun mit Polizeieskorte – zurück auf die Straßen, in denen er aufwuchs, und singt vis-à-vis von einem scheußlichen Finanzamtsgebäude, in dem er einst gejobbt hat, vor 17.000 Fans. Mick Jagger und Elton John wollen seine Hand schütteln. Er genießt seine Bekanntheit, auch wenn die bittere Selbstironie des Buchs uns vom Gegenteil überzeugen will. Die lyrische Qualität seiner Prosa lässt vermuten, dass sich unter dem abgebrühten Spötter ein romantischer Softie verbirgt, unter dem ein abgebrühter Spötter lauert.

Seine Verachtung für die Musikindustrie sitzt tief, er zieht es vor, seine freie Zeit der Lektüre von W. H. Auden und James Baldwin zu widmen. (Als er Baldwin einmal in einem Hotel in Barcelona sieht, entschließt er sich, ihn nicht anzusprechen: Das kleinste Zeichen von Ablehnung würde bedeuten, dass er sich die Kugel geben muss). Die Lösung aller Probleme, lässt er uns wissen, „ist die Gnade, in einem warmen Zimmer mit Büchern alleine zu sein“. Und draußen? David Bowie sagt ihm einmal, er sei überrascht, dass er, Bowie, noch am Leben sei, nach all dem Sex und all den Drogen. Morrissey erwidert, ihn wundere umgekehrt, wie lange er so lange mit so wenig von beidem durchgehalten habe. Tom Hanks besucht ihn einmal backstage, aber Morrissey hat keine Ahnung, wer er ist. Lügen der Presse über Morrissey: Er sei ein Rassist, er habe einen Journalisten im Tutu empfangen, er habe als Jugendlicher vor öffentlichen Toiletten herumgelungert, er hätte einen Mord an Margaret Thatcher begrüßt. Als er entdeckt, dass in Japan eine Smiths-Platte mit einem Song des Pop-Sternchens Sandie Shaw erschienen ist, will er auf der Stelle umgebracht werden. „Viele hätten den Job sofort erledigt“, fügt er hinzu.

„Von außen betrachtet ging ich als ein passables menschliches Wesen durch“, urteilt er über sich, „meine verkorkste Seele aber gab den schwierigsten Zeitgenossen auf diesem Planeten eine Stimme“. Sich selbst zählt er zu den allerschwierigsten.

Erstaunlicherweise bremst er sich, wenn er über sein großes Thema Tierrechte schreibt. George Bush („der bekannteste lebende Terrorist der Welt“) und Tony Blair, dem er die Opfer der Anschläge in London 2005 anlastet, bekommen dafür die volle Ladung ab. Die rachgierige Musikindustrie hat ihn offensichtlich das Hassen gelehrt, wobei man mutmaßen kann, dass er nicht allzu vieler Nachhilfestunden bedurfte. Über den Musik-Impresario Tony Wilson schreibt er, dieser „manage einen langen und langsamen Niedergang, den manche mit einer anhaltenden Karriere verwechselten“. Die feministische Autorin Julie Burchill hat einen Cameo-Auftritt von so teuflischer Bösartigkeit, dass man sich wundert, dass das Papier, auf dem er gedruckt ist, nicht in Flammen aufgeht. Seine ehemaligen Bandkollegen, die ihn vor Gericht brachten, werden 50 Seiten lang nach allen Regeln der Kunst vernichtet.

Auch wenn er uns bewusst über seinen himmelblauen Jaguar in Kenntnis setzt, hat der Ruhm ihn kaum verändert. Er ist und bleibt der alte, elende „Mozzer“. Freunde sterben, und er fragt sich bewegt, ob das Leben „nicht zu mühselig ist, angesichts der Verluste, die im Herzen Wurzeln schlagen, während der Körper einem grauenvollen Ende entgegentaumelt“. Ein Robbie Williams käme nie auf so einen Satz.

Wohin er schaut, sieht Morrissey Gewalt: „Militärische Forschung schlägt ein, Atomwaffen, bewaffneter Kampf, das Schlachthaus, heiliger Krieg … Bereitschaftspolizei attackiert unschuldige Zivilisten“. Als ein flugunfähiger Vogel in seinem Garten Zuflucht sucht, umstellt er ihn mit Kisten, um ihn vor Raubtieren zu schützen. Rund um Morrissey stehen viele solcher Kisten.

Vielleicht ist es Zeit für eine neue Karriere. Sollte es ihm jetzt noch gelingen, seine zwanghafte Neigung zu Alliterationen zu überwinden, dann wäre dieser ungeheuer talentierte „kleine Junge von 52 Jahren“ reif für den Booker-Preis.

Autobiography
Morrissey Penguin Classics 2013, 480 S., 9,90 €

Terry Eagleton, geboren 1943, ist Professor für Englische Literatur in Manchester und einer der wenigen wichtigen linken Literaturtheoretiker. Zuletzt schrieb er hier über Bonos Biografie. 

 

Übersetzung: Zilla Hofman
06:00 02.12.2013

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