50 Jahre auf dem Gipfel des Cool

Miles Davis Vor 50 Jahren erschien das legendäre Miles Davis-Album Kind of Blue. Bis heute gilt es als der Höhepunkt der Jazzgeschichte

Während Jimmy Cobb um die Mittagszeit jenes 2. März 1959 im New Yorker Columbia Studio in der 30. Straße in aller Ruhe sein Schlagzeug aufbaute, kam nach und nach der Rest der Band ins Studio. Reden, schäkern, warmspielen – alles ganz normal. Erst rückblickend erkennt man, dass es sich bei diesem Moment um einen der Kulminationspunkte der Jazzgeschichte gehandelt hat: einen ihrer künstlerischen Höhepunkte, das Album Kind of Blue, das die ersten 50 Jahre Jazzgeschichte abschloss und die weitere Entwicklung einleitete. Wiederum ein halbes Jahrhundert später erscheint nun eine reich ausgestatte Neuauflage. Fünf neue Stücke standen damals auf dem Plan, die einen Bruch mit dem Regelwerk des Bebop vollziehen sollten, den Miles Davis, von dessen Sextett hier die Rede ist, schon zuvor eingeleitet hatte: die Abkehr von den rasend schnellen Folgen von Harmonien und Tonarten zu Gunsten eines eher an der melodischen Linienführung interessierten Spiels. Keines der fünf Stücke war zuvor aufgenommen worden, das auf einem ostinaten Bassmotiv beruhende So What und All Blues hatte die Band schon live erprobt. Davis hatte die beiden Stücke kurzfristig überarbeitet. Keine Proben, keine Routine. Und so lässig und beiläufig Davis’ Band an die Aufnahmen zu Kind of Blue heranging, so tief und schwer wurde der Abdruck, den das Album im Jazz hinterlassen hat.

Noch heute ist Kind of Blue das Maß aller Dinge im Jazz, nicht nur in Sachen Verkauf. Keine Platte findet mehr Zeugen, die bereitwillig davon berichten, wie diese Musik das tat, was Musik tun sollte: Ihre Hörer in Spannung versetzen, mitnehmen in Welten, die sich anders nicht erschließen lassen. Alles war neu, das Repertoire, die Spielweise, dieses relaxte Umspielen von klanglichen Zuständen: Bill Evans’ luftiges Klavierspiel, seine impressionistischen, flirrenden Harmonien, die er zart über die Takte verteilt in fragile Dissonanzen aufbrach, dazu die unaufgeregte Elastizität von Paul Chambers am Bass und der leichte Swing von Jimmy Cobbs. Und der kontrastreiche Bläsersatz mit dem ungestümen Altsaxofonisten Cannonball Adderley, dem sich langsam in seinen eigenen Kosmos absetzenden John Coltrane und Davis selbst, der die hoch fliegende Virtuosität der Saxofonisten in der souveränen Simplizität seines Trompetenspiels immer wieder auf die Erde zurückholte; nachdem die Fliehkräfte innerhalb dieses Ensembles auf Kind of Blue alle Farben und Kontraste in ungekannter Brillanz zum Aufleuchten gebracht hatten, löste sich das Sextett kurz darauf auf.

Miles Davis ist mit Kind of Blue zur Ikone des Cool geworden, eines Lebensgefühls, das seither die Jugendkulturen prägt. Von Patti Smith bis Quincy Jones, von Duane Allman bis Clint Eastwood, von Ray Manzarek bis James Brown: Wer damals ein Gespür für den Ton der Zeit mit Entdeckerfreude und Intellekt mischte, hatte eine besondere Verbindung zu Kind of Blue. Mit Beginn der sechziger Jahre zersplitterte der Jazz. Er zog sich auf die Position einer Kunstmusik zurück und sprach nur noch selten von der Höhe des Zeitgeistes aus: Etwa als Miles Davis mit Bitches Brew seine Improvisationskunst, nun elektrifiziert, an die kinetischen Grooves der schwarzen Tanzmusik anschloss.

Miles Davis Kind of Blue Deluxe 50th Anniversary Collectors Edition (Box-Set mit Original-12-LP in blauem Vinyl, den kompletten Aufnahmen auf Doppel-CD, einem Live-Mitschnitt von So What von 1960, einer 55-min. Doku, Radio-Interviews, 60-seitigem Booklet) Columbia/Sony. Buchtipp: . Demnächst erscheint bei Rogner Bernhard Tobias Lehmkuhls Essay Coolness. Über Miles Davis.Ashley Kahn: Kind of Blue - Die Entstehung eines Meisterwerks

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