500 Seiten in zwei Tagen

Alltags-Lektüre Autorin Stephenie Meyer belegt die ersten neun Plätze der Bestsellerliste. Wie macht sie das? Mikael Krogerus liest ihr "Bis(s) zum Morgengrauen" - sein Buch der Woche.

Seitenzahl: 511 Seiten.

Amazon-Verkaufsrang: 4

Warum habe ich es gelesen?
Stephenie Meyer war die erfolgreichste Schriftstellerin des letzten Jahres. Erfolgreicher als J.K. Rowling. Auf der Amazon-Bestseller-Liste sind neun der ersten zehn Bücher von ihr – und ich hatte noch nie etwas von ihr gehört. „Bis(s) zum Morgengrauen“ ist ihr erstes Buch.

Worum geht es?
Der Plot: Die tolle, missverstandene Bella muss zu ihrem Vater in die verregnete Kleinstadt Forks ziehen. Sie ist neu, sie ist 17, sie ist unsicher, was ihr Äußeres angeht, sie sagt Sätze wie: „Ich kam nicht gut klar mit Leuten meines Alters … Es war, als würden wir im selben Buch lesen, aber immer gerade auf verschiedenen Seiten“. Am Ende der ersten Woche auf der neuen High School verliebt sie sich in den schön-mysteriösen Edward aus dem Biologie-Kurs, der – echt wahr – ein Vampir ist. Aber nicht irgendein Vampir, sondern eine besondere Gattung, die sich von Tieren ernährt, und aber manchmal auch schwach wird bei Menschen. Die große Frage, die über 500 Seiten verhandelt wird: Ist ihre Liebe stärker als sein Trieb?

Was bleibt hängen?
Nicht viel. Außer vielleicht, dass ich mich nicht daran erinnern kann, wann ich zuletzt ein 500-Seiten-starkes Buch in zwei Tagen gelesen habe. Was noch hängen bleibt: Dass Bella ständig die Wäsche aus dem Trockner holt, nebenbei Enchiladas macht, im Vorübergehen aufräumt, sich rührend um ihren Vater kümmert, irre gut in der Schule ist – während der Vampir Edward seine tierischen Triebe zügeln muss, um wahre Liebe zu erfahren. Kurz: Meyer postuliert ein merkwürdig antiquiertes Geschlechterbild, das einen mit Unbehagen an die Generation denken lässt, die mit diesem Buch aufwächst.

Wie liest es sich?
Die Übersetzung erinnert an synchronisierte US-Serien („Oh mein Gott, Dad, das finde ich verflucht großartig!“), es gibt kaum Gewaltschilderungen und keinen Sex (Stephenie Meyer ist Mormonin) und trotzdem: Ich las Stephenie Meyer wie früher Robert Luis Stevenson. Konnte es nachts im Bett nicht aus der Hand legen und stahl mir tagsüber Zeit dafür. Mir passierte also das, was einem viel zu selten widerfährt: Ich verlor mich in dem Buch.

Das beste (okay sagen wir: das typische) Zitat?
„Hast du keinen Hunger?“, fragte er zerstreut.
„Nein.“ Ich wollte ihm nicht sagen, dass mein Bauch längst voll war ­– mit Schmetterlingen.

Wer sollte es lesen?
Leute, die bei solchen Sätzen nicht laut "Oh Gott!" denken, sondern still: "Kenn ich!"

Was lese ich als nächstes?
„Der 60-Minuten-Vater“ von Rob Parsons.

Die Alltags-Lektüre: In seiner Kolumne unterzieht Freitag-Autor Mikael Krogerus pro Woche ein Buch seinem persönlichen Literatur-Check. Zuletzt: Hans Fallada, "Sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein"

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14:15 20.02.2009

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