524 Jahre Widerstand

Kolumbien Im Südwesten des Landes kämpfen die indigenen Nasa gegen Konzerne und Großgrundbesitzer
524 Jahre Widerstand
Mit dem Rücken zur Wand, der Zukunft eher skeptisch zugewandt: Zwei Nasa in Toribío, Kolumbien

Foto: Kaveh Kazemi/Getty Images

Wer mit einer Chiva – halb Jeep, halb selbstgebauter Bus – die Täler und Berge entlangfährt, in denen die indigene Gruppe der Nasa lebt, könnte den offiziellen Frieden in Kolumbien für wirklich halten. Kaffeefelder, Bananenhaine und grüne Abhänge, auf denen Kühe weiden, säumen die ungeteerten, staubigen Straßen. Eine Forellenzucht liegt ruhig am Fluss. Doch die Idylle ist trügerisch. Denn ein Bürgerkrieg ist nicht zu Ende, wenn nur eine der Parteien die Waffen niederlegt.

Hier, im südwestlich gelegenen Bundesstaat Cauca, ringen neben dem Staat noch immer bewaffnete Akteure aller Couleur um Einfluss: Paramilitärs, Drogenhändler, Guerilla-Gruppen. Doch seitdem im November 2016 das Friedensabkommen mit den Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC) geschlossen wurde, der ältesten und größten Guerilla des Landes, gilt Kolumbien als befriedet. Von einem Ende des Konflikts kann im Cauca wie in anderen Regionen keine Rede sein. Große Teile des Vertrages hat der Staat nicht umgesetzt: Es gibt keine Sicherheit für die ehemaligen Guerilleros, die Aufklärung von Straftaten der Nationalarmee und paramilitärischer Einheiten wird verschleppt. Obendrein sind seit der Unterzeichnung des Friedensvertrags mindestens 300 Aktivisten sozialer Bewegungen ermordet worden.

Wurzeln der Gewalt

Und selbst der Frieden auf dem Papier steht bei den laufenden Präsidentschaftswahlen auf der Kippe. Mit Iván Duque hat ein ultrarechter Gegner des Agreements mit den FARC beim Stechen am 17. Juni gute Chancen auf den Sieg. Im ersten Wahlgang am 27. Mai kam der Protegé von Ex-Präsident Álvaro Uríbe auf gut 39 Prozent und gilt als der Favorit für die nächste Präsidentschaft. Auch wenn es mit dem Ökonomen und Ex-Guerillero Gustavo Petro (25 Prozent) erstmals in der Geschichte des Landes ein linker Bewerber in die zweite Runde eines Präsidentenvotums geschafft hat.

Fernab von Bogotá bauen die indigenen Nasa seit Jahren eine Gesellschaft nach ihrer „Kosmovision“ auf, ihrem religiösen und politischen Verständnis von der Welt und dem Zusammenleben der Menschen. „Wir wollen gemeinschaftlich zusammenleben, in Solidarität, ohne Herrschaft“, sagt Marino Ovidio Fiscué, ein gewählter Regierungsrat und alles andere als ein Bürokrat. Er rudert mit den Händen, redet viel, reißt Witze, lacht über sich selbst, pflegt eine geschliffene Rhetorik.

Doch wird von den Bergen seiner Region nicht viel übrigbleiben, sollten sie von Minenkonzernen zur Gewinnung von Gold und Ölschiefer abgetragen werden. Für ein Gramm Gold muss eine Tonne Gestein weichen. In einem Großteil des Caucas sind die Schürfrechte bereits an diverse Unternehmen vergeben. Sowohl die Armee als auch Paramilitärs, bewaffneter Arm der Großagrarier, setzen mit Gewalt die Geschäfte der Konzerne durch. Die Folgen sind Zwangsvertreibungen und Enteignungen der ansässigen Bevölkerung. Der Widerstand von Indigenen und Kleinbauern wird nicht selten mit Drohungen beantwortet. Die Zahl der Morde an Aktivisten im Staat Cauca stieg nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags noch an.

Wut gegen die Großgrundbesitzer, Ohnmacht gegenüber bewaffneten Banden und Empörung wegen der vorherrschenden Gesetzlosigkeit führten in den 1960ern zur Gründung bewaffneter Verbände durch die Landbevölkerung. Damit war das Fundament für die FARC gelegt, die aus den Selbstverteidigungseinheiten autonomer Bauerngemeinden hervorgingen. Der Konflikt zwischen dem Staat, der Guerilla und rechten Milizen zog sich über Jahrzehnte hin. Über 200.000 Menschen wurden getötet und Millionen vertrieben. Viele hofften auf ein Ende der Gewalt, als der Friedensvertrag Ende 2016 besiegelt war. Doch sollte sich das als trügerische Hoffnung erweisen, weil die Wurzeln der Gewalt nicht verschwunden sind. In kaum einem Land Lateinamerikas sind Boden und Besitz so ungleich verteilt wie in Kolumbien. Der Staat ist korrupt, und das politische System ermöglicht keine Teilhabe der breiten Bevölkerung an für sie relevanten Entscheidungen.

Das Grauen der 80er

„524 Jahre im Widerstand“ steht auf einem Schild an einer der Zufahrtsstraßen zur Domäne der Nasa. Seit Jahren besetzen sie Land, das ihnen seit der spanischen Kolonisierung verlorenging. Juan Carlos Martínez* steht auf einem Feld am Fuß der Berge und zeigt in die Richtung der untergehenden Sonne: „Dieses Gebiet haben wir bereits befreit – bis zu der umzäunten Zuckerfinca hinter den Bäumen – und können nach unserem Willen die Gegend bewirtschaften.“ Liberación de la madre tierra (Befreiung der Mutter Erde) nennen sie besetztes Land, das immer wieder durch den Einsatz von Tränengas und Schusswaffen von Militäreinheiten geräumt wird.

Die Nasa wollen nicht aufgeben, sie klammern sich an mehr als an irgendeinen Flecken Erde. Es ist das von ihnen seit Jahrhunderten bewohnte und bewirtschaftete Land. „Wir passen auf die Natur auf, damit sie nicht von der Industrie übernommen werden kann. Ohne dieses Terrain können wir nicht sein“, sagt Marino Ovidio Fiscué, der Regierungsrat. Wenn die Polizei oder Paramilitärs auftauchen, würde er sich allerdings hinter seiner Frau verstecken, erzählt er kokett.

Ein Ergebnis indigener Kämpfe ist die Verfassung von 1991, in der die „resguardos indígenas“ anerkannt wurden. In diesen Schutzgebieten unterhalten die Nasa ihr Rechts- und Wirtschaftssystem, dort treffen sie politische Entscheidungen im Cabildo, dem Dorfrat, und tun das unabhängig vom Staat. Bei einer solchen Versammlung regeln zwei Männer mit blauen Westen der Guardia Indígena den Einlass. In das ehemalige Schulgebäude mit einem Dach aus Wellblech drängen sich hunderte Nasa. Jeder Platz ist belegt, egal, ob die Sicht zum Podium, auf dem vier Männer sitzen, gut oder schlecht ist. Man könnte meinen, sie würden den Vorsitz der Versammlung führen, wäre nicht jeder mit Handschellen an den jeweiligen Nachbarn gefesselt. Die vier sind Angeklagte und werden der Kollaboration mit den FARC beschuldigt. Ein schwerwiegender Vorwurf, aber das Verhältnis von sozialen Bewegungen und Indigenen zur Guerilla ist durchwachsen. Zum einen haben FARC-Kämpfer in der Vergangenheit häufig den Schutz von Kleinbauern vor den Latifundisten garantiert, zum anderen hat die Guerilla Land requiriert und Aktivisten getötet, wodurch sich die Stimmung radikal änderte. Diese Vergangenheit hat viele Narben hinterlassen. Marino Ovidio Fiscué, der sonst immer ein Lachen auf dem Gesicht hat, wird ernst: „Wir sind Opfer des Krieges und können nicht mit den Tätern zusammenarbeiten.“

Auf der Vollversammlung diskutieren die Anwesenden, ob die vier Verdächtigen an die Sondergerichtsbarkeit des Staates ausgeliefert oder vor indigene Gerichte gestellt werden sollen. Alle Bewohner des Schutzgebietes können – unabhängig von Geschlecht und Alter – an diesem Meeting teilnehmen. Wer sich auf die Rednerliste setzen lässt, darf auch reden.

Nach dem Vertrag von 2016 haben die FARC nicht zum ersten Mal ihre Waffen abgegeben. 1984 gab es bereits einen Versuch, mit dem kolumbianischen Staat Frieden zu schließen. Ein Jahr später gründeten die legalisierten FARC-Mitglieder mit anderen linken, teilweise sozialistischen Kadern die Partei Unión Patriótica. Was dann geschah, gehört zu den vielen Traumata der linken Bewegung dieses Landes: In den folgenden Jahren wurden etwa 4.000 Parteimitglieder von Paramilitärs und der kolumbianischen Armee ermordet, darunter die Präsidentschaftskandidaten Jaime Pardo und Bernado Jaramillo. Woraufhin viele FARC-Mitglieder wieder zu den Waffen griffen, da ihnen allein das eine Gewähr dafür schien, überleben zu können.

Angesichts der Tatsache, dass seit der Unterzeichnung des jüngsten Friedensvertrags 50 Ex-Guerilleros umgebracht wurden, sind Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen, das Grauen Mitte der 1980er Jahre könnte sich wiederholen. Wenn Aktivisten erzählen, dass es in Kolumbien weniger gefährlich sei, eine Guerilla zu gründen als eine Gewerkschaft, lacht niemand.

Am Hügel über dem Versammlungsgebäude der Nasa, in dem über das Schicksal der vier Beschuldigen entschieden wird, führt ein Schotterweg zu einer Kaffeekooperative. Dort finden sich in zwei Häusern Büros, Lagerräume und eine Halle, in der eine Arbeiterin gerade Bohnen an einer Maschine verpackt. „Unsere Wirtschaft ist kommunitär“, sagt der Koordinator der Kaffeerösterei stolz. „Das Geld aus dem Verkauf geht in eine Gemeinschaftskasse, um den Straßenbau, unsere Feste, Fußballplätze und manchmal eine Maschine für die Landwirtschaft zu bezahlen.“

So kombinieren die Nasa ihre traditionelle Lebensform mit einer behutsamen Industrialisierung. „Wir wollen nicht halbnackt, mit Piercings und barfuß durch den Wald hüpfen“, meint Regierungsrat Marino Ovidio Fiscué. Doch hat seine Vorstellung von Entwicklung wenig mit dem westlichen Fortschrittsmodell zu tun. Er befürwortet eine egalitäre Verteilung, die allen Nasa ein Dach über dem Kopf und einen Anteil an der Produktion der Kollektivbetriebe zugesteht. Darüber hinaus werden Felder zur Eigenversorgung bestellt. Wer sich allerdings an gemeinsamen Ländereien privat bereichert, wird „harmonisiert“, sprich: teilenteignet. Im Unterschied zum Landraub der Großgrundbesitzer geht diese Umverteilung von Boden ohne Blutvergießen vonstatten. Waffen sind unerwünscht und tauchen in dieser Gegend nur dann auf, wenn die Counterinsurgency-Einheit anrücken, um Landbesetzer aus dem Weg zu räumen. Dass die Nasa nur in Ausnahmesituationen auf Waffen zurückgreifen, ist ein ungewöhnlicher Umstand für ein Land, von dem man oft den Eindruck hat, es könnte in einem Meer der Gewalt untergehen.

* Namen geändert

Susanne Hentschel und Aaron Bruckmiller haben in den vergangenen Wochen in Kolumbien recherchiert

06:00 21.06.2018

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