54. Kurzfilmtage in Oberhausen

Festival Es ist sicher kein Zufall, dass die 54. Oberhausener Kurzfilmtage in diesem Jahr am 1. Mai begannen. In dem symbolträchtigen Datum verdichtet sich ...

Es ist sicher kein Zufall, dass die 54. Oberhausener Kurzfilmtage in diesem Jahr am 1. Mai begannen. In dem symbolträchtigen Datum verdichtet sich die politische Tradition des Festivals seit seiner Entstehung in den fünfziger Jahren. Daran anzuknüpfen oblag in diesem Jahr allerdings eher den Sonderreihen als den 84 Filmen im Internationalen und im Deutschen Wettbewerb. Die ausgewählten Filme sparten das Politische keineswegs aus, setzten allerdings die Schwerpunkte anders.

Die erste Grunderkenntnis war lapidar: Der Kurzfilm wird länger. Verblüffend die große Anzahl an 30-Minütern, die sich narrativer Strukturen bedienen. Da wird in Kawamura Yukis Senko der kleine Yu mit Leben und Tod gleichzeitig konfrontiert, als seine Mutter nach der Geburt eines zweiten Kindes stirbt. Eine Geschichte vom Erwachsenwerden, die durch ihre Naturbilder auch vom Werden und Vergehen erzählt. Oder Ruben Malchows Pro Familia über einen bei seiner Mutter lebenden Jungen, der zum letzten Mal seinen sterbenden Vater besucht und keinen Zugang zu ihm findet.

Kindheit (und Familie) als bedrohlicher Erfahrungsraum war ein wichtiges Thema vieler Filmemacher. Die Kurzspielfilme konnten dabei mit ihrer hochgezüchteten Ästhetik und psychologischen Unterdeterminierung der Figuren nur selten überzeugen. Weit beklemmender geriet da Katja Pällijeffs Film Aina Kunnollinen, der Bildmaterial zur Kindererziehung aus den siebziger Jahren mit der Erzählung einer jungen Frau über Angst und Anderssein kombiniert. Bitterer wurde das mechanistische Erziehungsideal dieser Zeit selten präsentiert.

Zu den verblüffendsten Entdeckungen dieser Kurzfilmtage gehörte die starke Präsenz des Animationsfilms. Die Spannbreite reichte vom Puppenfilm über den durchgezeichneten Film bis zum abstrakten Formenspiel. So leichtfüßig und humorvoll viele Beiträge waren, der faszinierendste dürfte der schwedische Film 900 meter unter jord gewesen sein. Regisseurin Emily Carlsson Gras zeigt in einer Mischung aus Animation, verfremdeten Spielszenen und Dokumaterial die Reise einer Frau in ein stillgelegtes Bergwerk. Politisch und romantisch zugleich verschränken sich die Darstellung realer Arbeitsbedingungen mit Naturbeschwörung, Erinnerung und Traumata.

Ähnlich wie hier zeigten auch die dokumentarischen Beiträge, dass die Wirksamkeit des Politischen eher in der filmischen Gestaltung als im gewählten Thema liegt. Der kroatische Beitrag Panj un Olava präsentiert die machistischen Rituale, aber auch die Angstzustände eines früheren Soldaten, ohne dessen Gesicht einmal zu zeigen: Individualität wird zur Leerstelle. Auf Selbstentlarvung setzt dagegen Alina Rudnitskajas Kak stat stervoi, der junge Frauen in einen Kurs begleitet, in dem sie das Verführen von Männern und damit "Verpuppung" als kapitalistische (Heirats-)Marktstrategie lernen. Der merkwürdigste Dokumentarfilm kam aus Deutschland. Eure Kinder werden so wie wir von Markus Löffler und Andree Korpys inszeniert die Demos in Gorleben und Heiligendamm als großes politisches Schattentheater, indem er dazu nur Geräusche von Vögeln, Fröschen und Rotorblättern ertönen lässt. Entpolitisierung oder ironische Schärfung durch Aussparung?

Wie weit solche Haltungen von historischen Positionen entfernt sind, zeigten die beiden Sonderschauen "Grenzgänger und Unruhestifter" und "Wessen Geschichte?" mit Schwerpunkten auf dem politischen Film der sechziger und siebziger Jahre. So naiv viele Beiträge in ihrer thesenhaften und belehrenden Attitüde wirken; was sie auszeichnet, ist ein lustvolles und spontihaftes Moment, in dem sich Dokumentation und Performatives, Privates und Politisches verbinden. So lud der Filmemacher ZŠelimir ZŠilnik 1971 sechs Obdachlose in seine Wohnung ein und dokumentierte den vergeblichen Hilfeversuch und die eigene Überforderung in seinem wunderschönen Crni film. Da mögen heute Filmemacher die Migration in Afrika, Kreuzberg-Randale, Immigration in die USA thematisieren, ihr Misstrauen gegen Bilder in Textvideos demonstrieren oder verkniffen filmische Theorieattacken reiten - etwas mehr Leichtigkeit ohne schweres Theoriegepäck würde manchem zeitgenössischen politischen Film gut zu Gesicht stehen.

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00:00 09.05.2008

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