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Ostwind Kolumne

Mit dem Lügendetektor prüft der Kiewer Bürgermeister Leonid Tschernowezkij die Wahrheitsliebe seiner Mitarbeiter, berichtete Martin Leidenfrost in seiner Freitag-Kolumne vom 19. Januar, die einen Eindruck davon vermittelte, wie bizarr, skurril und verstiegen Politik doch sein kann. Von solcherart Exotik ist seine erste Exkursion im Februar nun gerade nicht. Sie erinnert an Wirtschaftsgeschichte der Tschechoslowakei, die in der Stadt Zlín längst als abgeschlossenes Kapitel gilt, spielte sie sich doch zwischen den Weltkriegen ab und war 1939 jäh zu Ende. Die Spuren dieser Zeit sind geblieben und mühelos auffindbar.

"Seien wir fröhlich!", ließ er in seinen Fabrikhallen plakatieren, der rastlose Fabrikant, der seine Linsengerichte im Gehen aß und seiner Frau noch im Schlafzimmer Briefe diktierte. Nirgends in der Stadt entging man seinen Parolen: "Das Leben ist kein Roman." - "Ich kenne keine Ausbeutung, ich kenne nur Mitarbeiter." Nicht einmal die Lohntüten blieben von den Aphorismen des energischen Patriarchen verschont: "Wollt Ihr Geld haben, so lernt es zu verdienen!"

Tomás Bata, der Gründer des Schuhkonzerns Bata, hat nach 1918 20.000 Arbeiter in das mährische Dorf Zlín geholt und ihnen eine funktionalistische Musterstadt gebaut, gemäß der Losung "Fabriken in Gärten".

Zlín war nicht nur Batas verwirklichter Traum, es sollte in den Jahrzehnten danach die Mutter von Dutzenden Batastädten werden: Batovany (Slowakei), Batawa (Kanada), Bataville (Frankreich), Batanagar (Indien), Batatuba, Bataguassu, Bataypora (Brasilien).

Während die Sowjetunion mit dem ersten Fünfjahrplan die Industrialisierung vorantrieb, zog Bata seine Industriestadt Zlín auf Grundlage eines "Zehnjahresplanes" hoch. Der sowjetische Schriftsteller Ilja Ehrenburg beschrieb Batas Gegen-Utopie der autoritären Werktätigen-Beglückung als ein Reich, das nur offiziell zur Tschechoslowakischen Republik gehörte. Bata war nicht nur der einzige Arbeitgeber, er besaß zwei Zeitungen und war obendrein Bürgermeister von Zlín.

"Alle Arbeiterinnen in Batas Betrieb müssen sich zweimal im Monat einer ärztlichen Untersuchung unterziehen", schrieb Ehrenburg 1931 und fügte polemisierend hinzu: "Wie Prostituierte." Bata habe damit bezwecken wollen, dass die Frauen nicht abtreiben und ihm reichlich Nachwuchs gebären.

"Ohne die Erlaubnis von Bata dürfen die Arbeiter weder lesen noch lieben noch spazieren gehen", schimpfte Ehrenburg weiter. "So regiert Tomás Bata, der Schuhkönig, seine 20.000 Sklaven. Von Prag bis Zlín ist es nicht weit, aber die Prager Humanisten ziehen es vor, gegen die Sklaverei in Russland zu protestieren, da das ungefährlicher und einträglicher ist." - Bata nahm den Fehdehandschuh auf seine Weise auf. Er klebte einen weiteren Sinnspruch auf Zlíns Wände: "Lest keine russischen Romane - sie berauben Euch der Freude am Leben!"

1939 gingen die Batas ins Exil - die aufmunternden Parolen sind längst verschwunden, der Konzern produziert nicht mehr in Tschechien. Heute ist der Raum Zlín ein hoch industrialisiertes Siedlungsband, 100.000 Einwohner stark, ausgehend vom Städtchen Otrokovice, das die tschechischen Neofaschisten zum Zentrum linker Antifaschisten erklärt haben, in ihrer Sprache "drogensüchtige Bolschewiken", denen es gelungen sei, die "örtliche Jugend zu beeinflussen".

Am Tag, bevor ich Zlín besucht habe, sind sie wieder einmal in Otrokovice aufmarschiert. Rechts 250 vom Nationalen Korporativismus, links 300 von der Antifa. Mittendrin die Polizei, darüber ein Polizei-Hubschrauber, fünf Festnahmen, ein Verletzter. Am Morgen danach liegt Otrokovice wieder in seiner friedlich-fleißigen Ödnis da, zwischen Reifenwerk und Containerzügen, als wäre nichts geschehen. Ich steige in die eingleisige Stichbahn, die Zlín der Länge nach durchquert. Auch sie wurde von Bata gebaut. Ein paar Mal kommt es mir vor, der gemächliche rote Triebwagen würde auf die Kassa des Interspar-Supermarkts oder auf eine Kohlenhalde zufahren. Ich fahre weiter und steige in der Arbeitersiedlung Podvesná aus.

Zur Unterbringung seiner Arbeiter ließ Bata einige wenige Häusertypen entwerfen, die in beliebiger Anzahl auf die Wiese gestellt wurden. In Podvesná stehen die Häuser eines Moduls, das zum Klassiker geworden ist. "1927" ist ein einstöckiger Würfel mit Flachdach und roter Backsteinfassade, der Grundriss beträgt 6,15 mal 6,15 Meter. Das Häuschen wird von zwei Parteien bewohnt. Durch die Mitte des Würfels ist eine Wand gezogen, man wohnt auf zwei Etagen. Für jede Familie gibt es einen halben Keller, ein halbes Erdgeschoss, ein halbes Obergeschoss.

80 Jahre später sehe ich mir an, was der Mensch so macht, wenn man ihn in ein Modul steckt: Er streckt sich. Der Mensch setzt sich größere Fenster ein oder fügt dem Würfel Zubauten an, eine Garage, eine Terrasse, einen gläsernen Wintergarten, aus dem die Nachbarn das Kaminfeuer herausleuchten sehen. Nur wenige Würfel sind in ihrem Urzustand geblieben.

Da zu Beginn alle genau dasselbe hatten, fällt der Vergleich so erbarmungslos genau aus. Die Häuser schreien ihre Geschichten heraus: Da hat der eine seine Haushälfte erweitert und mit einer zartroten Pseudo-Backstein-Schicht verkleidet. Der andere mauert sich einen spiegelbildlichen Anbau hin. Doch dann passiert etwas, der Anbau bleibt ein Rohbau, und der Nachahmer verkriecht sich beschämt in seiner unverputzten Hälfte.

Sechs mal sechs Meter, das muss Batas Maß der Glückseligkeit gewesen sein. Sechs mal sechs Meter, soviel misst auch das Chefbüro im Hochhaus "21", der ehemaligen Konzernzentrale. Als der 17-stöckige Bau 1938 eröffnet wurde, war er das höchste Gebäude der Tschechoslowakei. Im Sozialismus lag es brach, die Stadt wurde vorübergehend in "Gottwaldov" umbenannt, seit kurzem sitzt das Finanzamt in dem totalsanierten Hochhaus.

Im Erdgeschoss, hinter einer Kordel, ist das Chefbüro zu besichtigen. Es befindet sich im Lift des Chefs. Das Büro ist klimatisiert, sogar ein Waschbecken mit Kalt- und Warmwasser ist eingebaut. Durch die sechs Meter lange Glasfront konnte Tomás Bata auf Zlín blicken. Eine mächtige Weltkarte dominierte das fahrende Büro. Hervorgehoben waren schiffbare Flüsse und Standorte der Gummi- und Lederproduktion. Ansonsten interessierte den Chef nur, wo seine potenziellen Kunden waren. Jene Regionen der Erde, in denen über hundert Menschen pro Quadratkilometer lebten, waren in einem kräftigen Rot gehalten.

00:00 02.02.2007

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