8. Festival Go East in Wiesbaden

Kino Es ist nicht auszuschließen, dass der Begriff "Osteuropa" einmal das gleiche Schicksal erfährt wie der Terminus "Entwicklungsland" und als politisch ...

Es ist nicht auszuschließen, dass der Begriff "Osteuropa" einmal das gleiche Schicksal erfährt wie der Terminus "Entwicklungsland" und als politisch unkorrekt entlarvt wird aufgrund der Fülle an negativen Assoziationen, die sich damit verbinden. So sehr Institutionen wie Go East, das Festival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden, gegen eine solche Entwicklung anarbeiten, so sehr torpedieren die Filme selbst oft jede Bemühung der Imageaufbesserung.

Auf der anderen Seite macht natürlich genau der Hang zur schonungslosen Darstellung verheerender Zustände immer noch die große Stärke des osteuropäischen Films aus. Der estnische Beitrag Magnus (Regie: Kadri Kousaar), der in diesem Jahr den Hauptpreis gewann, liefert dafür den besten Beweis. Nach einem wahren Fall gedreht, erzählt der Film von Magnus, der als junger Mann Selbstmord begeht, und seinem Vater, der ihn "gehen lässt". Der Natur der Sache nach ein deprimierender Film, dessen Wirkung noch verstärkt wird durch die Tatsache, dass den Vater der "echte" Vater des Selbstmörders spielt. Geschildert wird die trostlose Kindheit von Magnus, der - zwischen den geschiedenen Eltern hin und hergeschoben - glaubt, dass er nicht alt wird. Als er später versucht, sich das Leben zu nehmen, holt ihn sein Vater zu sich. Doch dessen hedonistische Lebensart vergrößert Magnus´ Lebenskrise noch. In einer Art Epilog sieht man den Vater mit einer jungen Frau an der Seite und einem kleinen Kind auf dem Schoß - heute würde er es nicht mehr so weit kommen lassen.

Dass die Krise in Osteuropa oft von unverlässlichen Vätern ausgeht, wurde auch im polnischen Beitrag Alles wird gut deutlich. Dort versucht ein 10-Jähriger, ein Wunder für seine sterbenskranke Mutter zu erwirken, indem er zur Schwarzen Madonna in Tschenstochau läuft. Sein Sportlehrer drängt sich ihm als Begleiter auf - zunächst aus kommerziellen Interessen. Der Vater des Jungen war Alkoholiker, weshalb der Junge messerscharf die wahren Probleme des Sportlehrers erkennt. So wundergläubig er sich als Pilgerer geriert, so pragmatisch weiß er mit dem Alkoholiker umzugehen. Und wie oft in Filmen, in denen Kinder an der Seite von Erwachsenen spielen, ist es nicht der Kleine, der lernen muss, sondern der Große: Statt des Wunders kommt es am Ende zu einem Akt der Selbsterkenntnis.

Hoffnungslosigkeit herrscht im Süden, in Montenegro etwa, wo Ich komme aus Titov Veles spielt. Die Regisseurin Teona Mitevska erzählt darin von drei Schwestern, die - was sonst - weg wollen. Die eine drogenabhängig, die andere nymphoman, die dritte stumm und wunderlich, opfert der Film seine realistischen Ansätze dem rein ästhetischen Genuss am Morbiden - ebenfalls nicht ungewöhnlich für osteuropäische Filme. Dem serbischen Beitrag dagegen, Liebe und andere Verbrechen von Stefan Arsenijevic, ausgezeichnet mit dem Preis für die beste Regie, gelingt es, die üblichen Klischees vom mafiösen Treiben in neuem Licht erscheinen zu lassen. Anica, die Geliebte des Chefs, plant das Land zu verlassen. Stanislav, seine rechte Hand, weiß darum und nutzt den letzten Tag, um ihr seine Liebe zu gestehen. Schon als kleiner Junge hat er sie verehrt, und nun zeigt er ihr die Orte, an denen sie zum ersten Mal das Wort an ihn gerichtet oder er sie nackt gesehen hat. Nach und nach überlagert die melancholische Liebesgeschichte das mafiöse Setting und statt von Gewalt erzählt der Film von der nicht weniger verheerenden Macht zarter Gefühle. Und nein: es geht trotzdem nicht gut aus.

Das ist anders beim schönsten Film des Festivals, dem russischen Beitrag Einfache Dinge. Dort geht es um den Anästhesisten Sergej, der es im neuen Russland nicht weit gebracht hat: Noch immer wohnt er in einer alten Kommunalwohnung, wo ein Georgier laut ins Gemeinschaftstelefon schreit und eine alte Frau ohne zu grüßen durch die Küche schlurft. Sein Zubrot verdient er sich, in dem er sich für eine "gute Betäubung" extra bezahlen lässt. Einfache Dinge ist das melancholische Porträt eines sympathischen, aber nicht ganz anständigen Menschen. Im Reich dieser Zwiespältigkeit entdeckt er eine großartige Fülle an Nuancen - eine Qualität, für die osteuropäische Filme einst berühmt waren.

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00:00 18.04.2008

Ausgabe 39/2020

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