81 Sekunden, die die Welt erschütterten

Los Angeles vor zehn Jahren Ein Gerichtsurteil provoziert einen Aufstand, wie ihn die Stadt bis dahin noch nicht erlebt hat

Der 3. März 1991 in L. A. - ein Mann wird durch Polizeisirenen und Hubschraubergeräusche aus dem Schlaf gerissen und greift, als er sieht, was sich vor seinem Fenster abspielt, zum Camcorder. Am nächsten Tag übernimmt ein lokaler TV-Sender das Video, noch einmal 24 Stunden später kann die ganze Welt verfolgen, wie ein Afroamerikaner bei einer Verkehrskontrolle von vier weißen Polizisten fast zu Tode geprügelt wird. 56 Hiebe mit dem Schlagstock treffen Rodney King in 81 Sekunden.
Die Polizisten werden zwar kurz darauf festgenommen, sind jedoch gegen Kaution bald wieder auf freiem Fuß. Bis zum Prozess und der Urteilsverkündung vom 29. April 1992 verstreicht ein Jahr. Der Richter entscheidet auf Freispruch und provoziert damit in den von Afroamerikanern, Koreanern und Latinos bewohnten Stadtvierteln einen Aufruhr, wie ihn L. A. bis dahin noch nicht erlebt hat. Als die Unruhen nach sechs Tagen abflauen, sind 54 Menschen tot, über 2.300 verletzt, 700 Häuser ausgebrannt, 4.000 Läden geplündert. Der Gesamtschaden liegt bei etwa einer Milliarde Dollar.
Die weltweite Empörung über das skandalöse Urteil erzwingt schließlich, dass der Fall einige Monate später noch einmal aufgerollt wird. Zwei der Angeklagten sehen sich nun zu Haftstrafen von jeweils 30 Monaten verurteilt, die sie in einem kalifornischen Gefängnis ohne Mauern und Wächter absitzen. 17 andere Polizisten, die bei der Prügelorgie herumstanden und nichts taten, werden erneut freigesprochen. Im Sog der Ereignisse treten nach und nach der Bürgermeister und Polizeipräsident von L. A. - zuletzt der Staatsanwalt zurück.
In den Augen der afroamerikanischen Community aus der Westküsten-Metropole hatte die Justiz am 29. April 1992 einer Form von Polizeiwillkür Absolution erteilt, die seit Jahrzehnten mit rassistischen Übergriffen, illegalen Festnahmen und Misshandlungen - bis hin zu Korruption und Mord - verbunden war. Die Wut darüber entlud sich noch am Tag des Urteils in dem vorzugsweise von Schwarzen bewohnten Quartier South Central und erfasste bald wie ein Flächenbrand sämtliche Nachbarbezirke. Doch was als Aufstand gegen ein rassistisch gefärbtes Urteil begann, ging unversehens in einen veritablen Straßenkampf zwischen verfeindeten Nationalitäten über. Die Übergriffe von Afroamerikanern und Latinos galten vorrangig asiatischen Emigranten, besonders Koreanern. Ihnen gehörte fast die Hälfte der zerstörten Geschäfte. Neben vielen sozioökonomischen Ursachen entzündete sich der Zorn vor allem an einem Ereignis: Zwei Wochen nach Ausstrahlung des Rodney-King-Videos hatte eine koreanische Ladenbesitzerin einem fünfzehnjährigen schwarzen Mädchen wegen einer Flasche Saft in den Rücken geschossen und dafür eine äußerst milde Strafe erhalten.
Seit den achtziger Jahren war South Central als Stadtteil zusehends abgestürzt und verkommen. Gelder, die eigentlich für die Sanierung des Viertels vorgesehen waren, flossen in die Verschönerung der City. Nach der Abwanderung vieler Unternehmen stieg in South Central die Erwerbslosigkeit, während das Schulsystem danieder lag. Etwa 75.000 Afroamerikaner mussten in die Außenbezirke ziehen. Die von ihnen verlassenen Häuser und Läden fanden schnell andere Besitzer - zumeist Asiaten, Mittelamerikaner und russische Einwanderer. Unter den Schwarzen kursierte bald das Wort von der "Besatzungsarmee". Die Medien taten ein Übriges, vorhandene Aversionen ihrem Siedepunkt entgegen zu treiben. Lokale TV-Netze zeigten die vietnamesischen und koreanischen Emigranten mit Vorliebe als fleißige und erfolgsverwöhnte Unternehmer - die Afroamerikaner hingegen als drogenabhängige und kriminelle "Loser". Während der Revolte selbst gab es Fernsehbilder koreanischer Ladeninhaber, die in einer Hand den Feuerlöscher und in der anderen eine Pistole hielten, um zu signalisieren, dass sie sich von der Polizei allein gelassen fühlten. In der Tat hatten Reporter, die das Geschehen von Hubschraubern aus beobachteten, mehrfach davon berichtet, wie sich ganze Hundertschaften aus Angst vor Angriffen zurückzogen.
Zehn Jahre später ist für eine Stadt wie L. A., in die pro Tag durchschnittlich 500 Immigranten strömen, ein solcher Aufruhr jederzeit wieder denkbar. 140 Ethnien leben oft auf engstem Raum mit ihren Animositäten und Aversionen, die gegebenenfalls in Aggressionen umschlagen können. Mit 40 Prozent ist der Bevölkerungsanteil der Latinos besonders hoch, die Quote der Afroamerikaner und Asiaten liegt bei zehn beziehungsweise elf Prozent, die der Weißen bei 30. Es werden 80 Sprachen gesprochen, es existieren mindestens 300 organisierte Gangs mit 350.000 Mitgliedern - es gibt eine Konfrontation der Kulturen, über die der Publizist Christoph Kucklick schreibt: "In Los Angeles wächst zusammen, was niemals zuvor in der Geschichte auch nur Berührung hatte... Armenische Jugendliche gründen Punkbands, koreanische Imbisse offerieren koschere Burritos, Thai-Jugendliche schließen sich Latino-Gangs an, in mexikanischen Kirchen werden Voodoo-Rituale aus Haiti zelebriert ..."

00:00 03.05.2002

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