9. November 1989

Kehrseite Überraschend hat mich heute Helmut heimgesucht, ein Gefährte von 1968. Politisch, theoretisch, sogar persönlich - soweit Privates zugelassen war - ...

Überraschend hat mich heute Helmut heimgesucht, ein Gefährte von 1968. Politisch, theoretisch, sogar persönlich - soweit Privates zugelassen war - hat uns damals einiges verbunden. Ein oft publiziertes Foto zeigt uns beide in der ersten Reihe eines Demonstrationszugs unter dem Transparent "Kurras schoss für Bild", zwischen uns Clara, die erst in ihn und dann in mich verliebt war. Etwas später trennten sich unsere Wege abrupt, aus ideologischen Gründen, die freilich von Neidgefühlen, Claras wegen, erst richtig angefacht wurden. Er, nunmehr mein Feind, publizierte mit anderen Feinden eine orthodoxe Kritik der Weltverhältnisse, ich musste mir neue Freunde suchen und gab eine medienkritische Schrift mit dem Titel Das glückliche Bewusstsein heraus, womit das um Bestätigung bemühte Denken der Durchschnittsbürger gemeint war, das sich vom angeblich "unglücklichen" Bewusstsein der Intellektuellen unterscheidet.

Nun, rund zwanzig Jahre später, stand Helmut, den ich zuerst nicht wiedererkannte, vor meiner Tür, die Baskenmütze in der Hand wie einen Heiligenschein. Nach kurzem Zögern ließ ich ihn herein. Er wirkte schmaler als früher, beinahe gebrechlich, die Schädelkonturen hart gezogen; der kühne Schnauzbart war verschwunden. Noch bevor ich ihm in der Küche einen Stuhl frei machen konnte, sagte er schon, er sei ein Moribundus; er habe Krebs, er sterbe. Es handle sich um eine seltene Erscheinungsform, die - ausgehend vom Zwerchfell - den ganzen Körper erfasse. Sonst trete sie nur bei Arbeitern auf, die etwas mit Asbest zu tun haben, womit er wissentlich nie in Berührung gekommen sei. Vor drei Jahren habe man ihn zum ersten Mal operiert: den Brustkorb aufgebrochen und das Rippenfell freigelegt, wie es von Thomas Mann im Zauberberg beschrieben sei, doch mit geringem oder eigentlich gar keinem Erfolg. Nun versuche man es mit Chemo-Therapie. Er habe wenig Hoffnung auf Besserung, eher das Gefühl eines beschleunigten Wachstums der Krebszellen in den Phasen der Behandlung. Ein, zwei Lebensjahre wären das Äußerste, was ihm noch bleibe. Vielleicht sterbe sein Sohn, ein Bluter, aidspositiv, noch vor ihm.

Er redete gleichförmig, mit einer geisterhaften Ruhe über sein Unglück, als würden der lang ertragene körperliche Schmerz und die bewusste Nähe des Todes keine Aufschwünge mehr zulassen, während es mir beim Schnipseln der Bratkartoffeln schwindelte. Ganz auf sich und seine Krankheit bezogen, schien er die meisten Dinge des Alltags nicht mehr zu bemerken. Einsichten, die auf den Erfahrungen der letzten Jahre beruhten, formulierte er mitleidlos: Er hasse die Stadt Hildesheim, in die es ihn als Professor für Medienpädagogik verschlagen habe; sie vor allem habe ihn krank gemacht. Er hasse fast ebenso die Studenten, die ewig unvorbereitet und bar jeden Interesses in seinen Seminaren säßen. Und er verachte seine Kollegen, die - wissenschaftlich längst resignierend - sich als Dekane und sonstige Gremienhocker wichtig machten.

Das Telefon schrillte dazwischen. Der Redakteur einer Wochenzeitung verlangte von mir einen Text über "Die glückliche Generation", nur zwei, drei Maschinenseiten über 1968/69, Arm in Arm durch die Straßen, mit roten Fahnen singend an den Fabriktoren vorbei, das Thema beherrschen Sie doch ... oder es beherrscht Sie? Helmut lachte hart auf, begleitet von einem unterdrückt rasselnden Husten.

Gegen Abend wird bekannt, dass die Berliner Mauer offen steht. Im Fernsehen: besoffenes Grölen, Hupen, Fahnenschwenks. Der Politiker Dregger weint, auch Frau Renger weint im Bundestag. Selbst die Abgeordneten der Grünen erheben sich nach kurzem Zaudern von ihren Sitzen und singen mit den Betonköpfen der Alt-Parteien im Chor das Deutschlandlied. Eine Art Ekel bei Helmut und mir, sprachlos; kein Glücksgefühl jedenfalls.

Ist vom öffentlichen oder vom privaten "Glück" die Rede? Mir geht es gut, ich beklage mich nicht. Auch Helmut weist niemandem die Schuld dafür zu, dass es so gekommen ist mit ihm und mit der Linken, die - wo immer man hinschaue - einen erbärmlichen Anblick biete und bar jeder geistigen Ausstrahlung sei. Doch wer wagt es, sich "glücklich" zu nennen angesichts der näher rückenden Todesdrohung? Sind die Figuren im Zauberberg, lauter Thorax-Kranke, glücklich oder unglücklich, oder fehlen Flachlandmenschen wie mir die Wörter für ihren steif-preziösen, nüchtern-schwebenden Zustand? Ihr Wissen um den Zusammenhang von Tod und Leben lässt sie im selben Moment beglückt und hoffnungslos erscheinen, als wären sie bereit.

Als Helmut, ein wenig von den Schmerzen gekrümmt, in der Novembernacht verschwand, der nahen Krebsklinik entgegen, waren in fast allen Häusern, an denen er vorbeikam, die Fernsehgeräte so laut gestellt, dass er mit eingezogenen Schultern durch ein Spalier jubelnder, bellender Stimmen schritt.

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00:00 09.11.2001

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