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Eine kleine Geschichte des Patents Nummer 19.431 Ein Atompilz steigt in den strahlend blauen Himmel der Südsee, erreicht seinen höchsten Punkt und explodiert. Woran denken Männer bei solchen ...

Ein Atompilz steigt in den strahlend blauen Himmel der Südsee, erreicht seinen höchsten Punkt und explodiert. Woran denken Männer bei solchen Bildern? An Krieg? An Zerstörung? Falsch geraten. Sie denken an bombige Busen - dekorativ zur Schau gestellt! So scheint es jedenfalls, als sich am "Able"-Tag, dem 1. Juli 1946, die dunkle Rollbahn des Bikini-Atolls durch die Zündung der vierten Atombombe der Weltgeschichte in ein flammendes Lichtermeer verwandelt.

Der Designer und Automobilingenieur Louis Réard sieht seine Stunde gekommen, um mit einem neues Konstrukt weibliche Körper männlichen Fantasien anzupassen: Er lässt sich vier winzige Stoffdreiecke, nach dem Atoll des Atombombenabwurfs von ihm stolz "Bikini" getauft, unter der Nummer 19.431 patentieren. Sein Traum vom großen Geschäft stößt jedoch von Anfang an auf Schwierigkeiten. Kein professionelles Modell will sich mit der Mini-Creation öffentlich bloßstellen. Selbst die in der Branche mit der als schlüpfrig geltenden Unterwäsche-Präsentation Befassten verweigern den Tabu-Bruch. Monsieur engagiert die Stripteasetänzerin Micheline Bernardinie für die Vorführung im Pariser Schwimmbad Molitor. "Immer und immer wieder zog sie, um die Winzigkeit des neuen Badekostüms zu demonstrieren, für die Presseleute den neuen Réard-Bikini durch einen Ehering und verstaute ihn in einer Streichholzschachtel", berichtet die Kulturhistorikerin und Journalistin Beate Berger, die in diesem Jahr ein Buch zum Thema herausgebracht hat (Bikini. Eine Enthüllungsgeschichte). Angesichts dieser Performance interessierte sich kaum jemand noch für die gleichzeitig stattfindende Miss-Wahl.

Wenige Wochen währt die Aufregung um das sündige Nichts, ehe es in der Geschäftigkeit des Wiederaufbaus gänzlich in Vergessenheit gerät. "Schaffe, schaffe, Häusle baue, und nicht nach dem Mädle schaue!" heißt die Devise der sauber-geordneten Nachkriegswelt. Männer und Frauen tragen ihren frisch errungenen Wohlstand zur Schau. Die neue Frau steckt nicht nur mental im Korsett konservativer Hausfrauen- und Mutternormen, auch ihr molliger Körper ist eingeschnürt in straffende Hüftgürtel und gepolsterte Büstenhalter. Somit hat der Bikini keine allzu großen Chancen. Ein weltweites Badeverbot des Mini-Dinges erhebt die gesellschaftliche Ächtung zu gesetzlichen Norm.

Anfang der 60er Jahre gerät das neokonservative Weltbild ins Wanken. Aus den Fluten taucht als erstes Bondgirl Ursula Andress auf. Mit leidenschaftlichem Applaus wird die blonde Schweizerin überschüttet und in den Olymp der Sexgöttinnen gestellt. "Eine Frau so wunderschön, dass man denken konnte, Gott habe bei ihrer Erschaffung einen Glückstag gehabt", jubelt die Süddeutsche Zeitung. "Ein elfenbeinfarbener Bikini, der mehr offenbart, als er verhüllt - ein erotisches Gesamtkunstwerk, das aus dem Meer steigt, im Gehen die Taucherbrille abstreift, das nasse Haar schüttelt und trällernd zwei Muscheln betrachtete." Der James-Bond-Film macht Ursula Andress zum Star und zum Sinnbild der selbstbewussten, erotischen und modernen Frau - ihren selbstgeschneiderten Bikini zum meist kopierten Klassiker der Bademode.

Zur selben Zeit bringt der brasilianische Song Girl von Ipanema in sanftem Bossa-Nova-Rhythmus die Musikwelt in Schwung. "Tall and tan and young and lovely. The girl from Ipanema goes walking. And when she passes, each one she passes goes Aaahh." Gespannt blickt die Männerwelt auf die exotischen Strandschönheiten vom Zuckerhut. Der erste Schritt zum "Rio"-Bikini ist getan. Mittlerweile ist die Bikini-Miniatur mit "Zahnseiden-Tanga" wohl der heißeste brasilianische Exportschlager. Das Geschäft mit der heimischen Bikini-Industrie boomt trotz Wirtschaftkrise in Brasilien und fördert so ganz nebenbei noch einen anderen Geschäftszweig - die Schönheitschirurgie. Für die Optimierung ihrer Oberweite legen sich immer mehr junge Brasilianerinnen unters Messer, wobei die Kundschaft nach immer größeren Formaten verlangt.

Bis Mitte der 60er Jahre bleibt der Bikini in der bürgerlichen Strandgarderobe Tabu. Artig verhüllt präsentieren sich die Damen im Badekostüm, schließlich muss der gute Ruf gewahrt sein. In dieses prüde Klima platzt der kalifornischen Modeschöpfer Rudi Gernreich mit seinem Oben-ohne-Badeanzug. Lautstarke Massenproteste formieren sich vor den Kaufhäusern. Wagemutige, die sich mit dem avantgardistischen Monokini an den Strand trauen, droht eine Haftstrafe. Wer ist Rudi Gernreich, der durch den Medienrummel über Nacht zum Star wird? Der gebürtige Wiener mit jüdischen Wurzeln emigrierte 1938 in die USA, wo er Kunst, Tanz und Mode studierte. Bereits in den prüden 50er Jahren verzichtete er bei seiner Bademode auf die üblichen panzerartigen Korsettstangen und Hebebustiers, setzte stattdessen auf klare, formstrenge Linien und anschmiegsame Stoffe. Der Monokini war mehr als nur ein frivoler Designergag, sondern die konsequente Fortsetzung seines eingeschlagenen Weges. "Gernreich hat durch sein Entwürfe wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Frauen körperbewusster und freier bewegen konnten", gibt Beate Berger zu bedenken. "Erst aus der geschichtlichen Distanz heraus lässt sich die Brisanz dieses untragbaren Kleidungsstückes erkennen - nämlich als textiler Meilenstein der weiblichen Emanzipationsgeschichte."

1968 rebelliert eine junge Generation gegen Establishment und Kleiderordnung. Pilzköpfe, Minirock, Klarsichtblusen und sexuelle Revolution beunruhigen die Elterngeneration. Dem Bikini, ja selbst dem Monokini droht Gefahr: Nicht nur vom angeblich durch die Anti-Baby-Pille um bis zu fünf Zentimeter vergrößerten Brustumfang der Jungrebellinnen, sondern - noch mehr - von der sich ausbreitenden Neigung beider Geschlechter zur völligen Hüllenlosigkeit dort, wo der erotische Blickfang im Laufe der Zeit durch Piercing, Tatoos und modische Schamhaar-Rasuren befördert wird.

Die Bademodenindustrie reagiert darauf, indem sie zunächst ultraschrille Bikinis aus Netzstoff, Spitze und Lochmuster kreiert, ohne stützende und modellierende Einlagen. Mit geschickten Product-Placement küren Frauenmagazine die "Strandmode" zum Topthema. Nur eine minimale Bedeckung der Blößen kann angeblich erotische Abenteuer beim Billigurlaub auf den Sonneninseln Mallorca und Ibiza garantieren - wenn Frau gleich alles zeigt, verschenkt sie ihre Ressourcen ...

1972 zwingt die aufkommende Frauenbewegung, für die die ideologische Freilegung der Brüste mehr als nur eine Moderscheinung, nämlich Ausdruck jenes unbändigen weiblichen Emanzipationswillens ist, die Modebranche zu weiteren Konzessionen: Auf die winzigen Trikini und Mikrobikinis folgt der "Bare Look". Oben ganz ohne präsentieren sich die Badenixen am Strand und in großtädtischen Parkanlagen. String-Tangas sollen zum Begutachten auch der erotischen Kehrseiten verführen. Doch die Freizügigkeit ist nur eine Seite - Unfreiheit die andere. Stärker als zuvor beginnen sich die Frauen über ihren makellosen Körper zu definieren. Busencremes finden reißenden Absatz. In Scharen strömen die Frauen in die neueröffneten Sonnenstudios und trainieren auf den Trimm-dich-Pfaden der Naherholungsgebiete. Dass sich Stars und Sternchen für einen Traumbusen flüssiges Silikon unter die Haut spritzen lassen, soll die neugierige Öffentlichkeit erst erfahren, als es zu lebensgefährlichen Komplikationen kommt.

Die Postmoderne hat die erfolgreich agierende Powerfrau geschaffen. Perfekt gekleidet im Business-Look suggeriert sie Dessous auf nackter Haut. Der gestylte weibliche Körper besteht aus ebenso Unvereinbarem - dralle Brüste sollen sich mit einer superschlanken Taille und schmalen Hüften verbinden. Die Auflösung dieser Widersprüche, die asymptotische Annäherung an das irreale Traumbild eines grassierenden und dabei immer androgyner werden Schönheitswahns, heißt Diätkost und Body Styling, Fatburning, Balance-Fitness und Work-out. Makellosigkeit und ewige Jugend fordern ihren Preis. Jährlich werden hierzulande geschätzte 500.000 - 800.000 Schönheitsoperationen durchgeführt. Selbst in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit und sich ausweitender Armut macht die Schönheitsbranche fette Gewinne. Die Antriebsfeder für schweißtreibendes Body-working ist, dass der schöne Körper vermeintlich ein verlässlicher Garant für sexuellen, beruflichen und sozialen Erfolg ist. Bei der Selbstdarstellung spielt auch der Bikini als bewusst eingesetzter Blickfang eine zentrale Rolle. Dass Frauen durch ein "monatelanges Trauma gehen, um sich für die Zeit zu präparieren, in der sie ihre Kleider ablegen müssen", weiß das Ex-Topmodell Eva Herzigova aus eigener Erfahrung.

Wer allerdings nicht über Modellmaße verfügt, sollte wissen, was betont und was besser kaschiert wird. Hochgeschnittenes Höschen, Push-up Einlage oder individuell kombinierbares Bikiniober- und -unterteil - raffinierte Modelle garantieren, dass frau eine gute Figur macht. Bleibt nur die Frage, ob es ein kleidsamer Bikini, Badeanzug oder Swimkini sein darf?


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00:00 09.07.2004

Ausgabe 39/2020

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