A–Z Automaten

Lexikon Welche Risiken, Chancen und Versuchungen noch in der Technik stecken können, erklärt Ihnen unser Lexikon der Woche
der Freitag | Ausgabe 23/2014
A–Z Automaten

Foto: Junko Kimura/ AFP/ Getty Images

A

Automatenwirtschaft Mit einer groß angelegten Kampagne poliert die deutsche Automatenwirtschaft gerade ihr Image auf. Aufgrund der negativen Berichterstattung in den Medien ist das ja nicht das beste. Im Fokus der Debatte: Spielhallen. Hallen, in denen sich überwiegend Spielautomaten befinden, verärgern die Kommunen, mit ihren bunt beklebten Fenstern und wegen ihrer hohen Anzahl gelten sie vielen als Schandfleck. Besonders hart getroffen hat es die 190.000-Einwohner-Stadt Hagen, dort gibt es 80 Spielhallen mit rund 1.000 Glücksspielautomaten. Laut Zentrale für gesundheitliche Aufklärung sind in Deutschland 438.000 Menschen spielsüchtig. Doch ein hartes Durchgreifen von Bund und Ländern ist nicht zu erwarten. Denn die Spielautomaten sind nicht nur für die Privatwirtschaft lukrativ, sondern auch für den Staat. Er kassierte vergangenes Jahr 1,6 Milliarden Euro an Steuern auf Glücksspiel, 80 Prozent der Einnahmen stammen aus dem Geschäft mit Spielautomaten. Florian Beißwanger

B

Baguette Des Franzosen Heiligstes besteht aus Wasser, Hefe und Weizenmehl. Und jeder Morgen beginnt traditionell mit einem Euro und einem verschlafenen „Une baguette, s’il vous plaît“. Doch jetzt scheint eine neue Zeitrechnung angebrochen – mit dem Baguetteautomaten, einer Maschine, die rund um die Uhr frische Weißbrotstangen auf Knopfdruck auswirft. Erfinder Jean-Louis Hecht wittert ein Millionengeschäft mit seiner vor kurzem ausgezeichneten Erfindung, dem „Pani Vending“. Wird der Einmarsch der Baguetteomaten noch zu stoppen sein, wenn immer mehr Bäckereien in ländlichen Gegenden schließen müssen? Und was kommt dann noch? Croissantomaten, Weinomaten, Käseomaten …

Die französische Haute Cuisine, warnen manche Skeptiker bereits, sei bedroht. Protektionistische Stimmen werden womöglich bald fordern, das handverkaufte Baguette unter Artenschutz zu stellen. Incroyablomat! Romy Straßenburg

E

E. T. A. Hoffmann Die Nachtdichter der Romantik hatten eine Vorliebe für Androiden, Maschinenmenschen, menschliche Puppen und Marionetten. Alles Künstliche erregte ihre Fantasie angesichts des empfundenen Schreckens über die aufkommende wissenschaftliche Zergliederung des Menschen. Soweit es sich um angstbesetzte Wunschmaschinen handelte, waren die Projektionen weiblich konnotiert. Die Automate heißt eines der Nachtstücke von E. T. A. Hoffmann, und in seiner Erzählung Der Sandmann verfällt der Student Nathanael der mechanischen Puppe Olimpia, während er die himmlische Clara nur noch als „lebloses, verdammtes Automat“ wahrnimmt. Nathaniel wird darüber wahnsinnig: Selbstvernichtung im beseelenden Liebestod ist ein beliebtes Romantikmotiv. Ein glückliches Ende findet der somnambule Albtraum erst auf der Opernbühne: In Jacques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen wird Olimpia zerstört und der weinselige Dichter im Keller von Lutter & Wegner von der Muse wachgeküsst. Ulrike Baureithel

G

Gefahr Jeden Tag sind sie im Einsatz, keine Ferien, und ständig will jemand was von ihnen. Limo, Kaffee, Eis am Stiel, Parktickets – und natürlich muss alles schnell gehen. Doch was passiert, wenn die Technik versagt? Dann wird geflucht, gerüttelt und getreten, in der vagen Hoffnung, der metallene Riese spuckt den Schatz noch aus. Wer nun glaubt, der Automat in seiner vollkommenen Dienstleistermanier ließe sich das alles wehrlos gefallen, erliegt einem Irrglauben. Unfallberichte nennen gequetschte Finger, gebrochene Arme und gar abgerissene Gliedmaßen als Konsequenzen des Automatenkampfs. Manch einer kommt dabei sogar ums Leben. US-Statisiken zeigen: Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Automatenunfall zu sterben, ist höher als die eines tödlichen Haiangriffs. Also Vorsicht, bitte! Madeleine Bieski

Greifarm Als Mensch, der in den 80erJahren aufwuchs, lange bevor iPads und andere Dauerbeschäftigungsgeräte da waren, kenne ich sie noch: die Wonnen kindlicher Langeweile. Etwa während des Familienurlaubs an der belgischen Küste. Dauerregen, dicke Luft, zu viert in der Ferienwohnung eingesperrt. An der Strandpromenade gab es diese knatschbunten Glitzerspielhallen ... mit verführerischen Daddelapparaten für Minderjährige. Also: bei den Eltern um Kleingeld betteln und losziehen, selbstständig ab ins Kinderkasino – und mit ihm ins Duell treten: dem elendig eigensinnigen, praktisch unbesiegbaren Greifautomaten. Gakelige Metallärmchen, viel zu schwere Plüschtiere: Es kann nicht funktionieren! Hat’s auch nie. Matchboxautos mochte ich sowieso lieber. Katja Kullmann

J

Jukebox Wenn man heute ein Lokal betritt, in dem eine Jukebox steht, weiß man: Hier ist kein Styleralarm, hier kann man sich getrost gehen lassen. Meist handelt sich um eine der wenigen noch verbliebenen Starkalkoholiker-Eckkneipen, mit Einrichtung in Eiche und einer Frau Erna an der Theke. Um ein Spitzenlokal also, an dessen Tresen sehr weise Menschen sitzen, ältere Mitbürger vor ihren Traditionsgetränken. Der Musikautomat steht in einer Ecke, unter einer verstaubten Plastikpalme vielleicht.

Das Lustigste an einer Jukebox ist die Titelauswahl: Auf kleinen, schmutzig weißen Schildchen mit meist rotem Rahmen stehen die Songs und die Interpreten, mit Schreibmaschine getippt.Das kann von Gene Vincent – Rock ’n’ Roll! – bis Mary Roos – Schlager! – reichen. Menschen unter 35 wissen natürlich weder, wer diese Leute sind, noch, was man mit dem Gerät macht. Und wir werden es hier auch nicht verraten. KK

K

Kaffee Sie gehören zum Standardinventar der heutigen Welt. Als fester Bestandteil von Bahnhöfen, Krankenhaus- oder Behördenfluren sind Kaffeeautomaten aus dem Alltagsleben nicht wegzudenken. Im Positiven wie im Negativen. Für die einen steht die Maschine für ein arbeitsames Leben und durchwachte Nächte, etwa wegen eines Berufs mit wenig Ruhe und viel Verantwortung. Auch wegen dieser Aura ist der Kaffee, der aus dem Automaten summend in den Plastikbecher läuft, ein beliebtes Motiv in Fernsehkrimis. Der Automat macht dort übernächtigte Kommissare für das nächste Verhör fit oder versinnbildlicht die Wartezeit am Krankenbett eines Opfers.

Mindestens genauso oft ist der Kaffeeautomat aber auch negativ konnotiert, ein verhasstes Feindbild. Ist er doch verantwortlich für schlechten, viel zu süßen und auch noch mit Milchpulver angereicherten Kaffee.Trotzdem, frühmorgens an einem ausgestorbenen Bahnhof kann der Kaffeeautomat auch für seine größten Feinde ein kleiner Lichtblick sein.

Benjamin Knödler

Kaviar „To go“ kriegt man Kaviar in der russischen Hauptstadt zu jeder Tageszeit. Mittels eines Nummerncodes können sich die Moskauer per Automat ihre Lieblingsdelikatesse auswerfen lassen. 100 Gramm sind dabei schon für rund vier Euro zu haben. Den Ikramat, wie der Kaviarautomat genannt wird, gibt es 30 Mal in Moskau. Am häufigsten findet man ihn auf dem Messegelände und in Behörden, wo er zuerst seinen Siegeszug antrat. Oft steht der Ikramat auch direkt neben Geldautomaten.

Für die Kaviarautomaten in Los Angeles wäre dies auch keine schlechte Idee, im schicken Beverly Hills kostet nämlich ein kleines Döschen ungefähr 400 Euro.Dafür ist der Kaviar im oft heißen Südkalifornien selbstverständlich auch perfekt gekühlt. FB

R

Restaurants Automat hießen früher Fast-Food-Restaurants, in denen einfache Speisen und Getränke durch Münzautomaten bereitgestellt wurden. Um 1900 kam das Imbissformat in den USA auf. Ein Mitarbeiter wechselte im Laden Münzen für die Automaten, die Fächer nach Einwurf freigaben. Diese wurden durch dahinter befindliche Küchen befüllt. Das Business geriet unter Druck mit dem Aufkommen neuer Fast-Food-Restaurant-Formate, die schnell arbeiteten, das Menü aber trotzdem von einem Menschen zusammenstellen ließen. Zudem erschwerte die Wirtschaftskrise in den 70er Jahren das Geschäft mit den Münzen. Essen wurde zu teuer, um es mit Kleingeld zu kaufen. In New York schloss die letzte Automaten-Filiale 1991. Tobias Prüwer

S

Soziale Interaktion Kritiker der Smartphones warnen oft vor einer zunehmenden sozialen Vereinsamung. Wer alle Informationen auf dem Handy habe, so die Argumentation, müsse niemanden mehr fragen. Dabei wird häufig vergessen, dass diese Entwicklung schon früher begonnen hat – mit dem Aufkommen der Automaten. Fahrkarten, Zigaretten, Kaffee, inzwischen sogar Pommes und Baguettes kann man dort kaufen. Dabei geht aber eben das Plaudern über das Wetter mit dem Verkäufer an der Frittenbude oder über die Neuigkeiten aus der Nachbarschaft mit dem Kioskbetreiber verloren.

Zerstören Automaten also jede spontane soziale Interaktion? Nicht ganz. Denn gleichzeitig stiften sie auch Gemeinschaft. Etwa dann, wenn man sich gemeinsam darüber ärgert, dass die Maschine das verlangte Geld einfach nicht annehmen will. „Ich kenne da einen Trick“, heißt es dann gern. Und schon ist man im Gespräch. BK

T

Theorie Einen Unterschied zwischen Roboter und Automat macht die Theorie nicht – sie kommen einfach aus unterschiedlichen Sprachwelten. Der erste Begriff aus dem Russischen, der andere aus dem Griechischen. Aus Letzterem entstammt auch die Kybernetik als Wissenschaft der Steuerung, die in der Nachkriegszeit alle möglichen Disziplinen und Gesellschaftsbereiche – etwa mit dem Wort Feedback – durchdrang.

Die Kybernetik galt nach ihren Erfolgen in der Militärentwicklung des Zweiten Weltkriegs als neue Universalwissenschaft. Der Thermostat wurde zum Idealbild von Kommunikation und Organisation und vermittelte eine simple Vorstellung von der Steuerbarkeit der Welt. Als das Versprechen nicht einzulösen war, überlebten einzelne Theoreme. Mit Information, Kommunikation und Programmierbarkeit sind Schlüsselbegriffe der Gegenwart kybernetischer Herkunft. Sie wirkt in der rechnergestützten Verwaltungsorganisation heute genauso wie in der Managementkultur weiter. TP

Z

Zerstörte Vision Freiheit durch völlige Automatisierung hat sich als Trugbild erwiesen. Es war ein Schlaraffenlandtraum: Würden die Automaten uns nur die Arbeit abnehmen, die mühevolle und in Routinen langweilige Erwerbsarbeit, dann hätten wir endlich wieder Freiheit. Das Ausleben von Hobbys und Bildung aus Neigung und Interesse wurde bis in die 80er auch in Deutschland als rosige Zukunftsvision entworfen. Vergessen hatte man dabei aber das Wesen des Kapitalismus. Erstens müssen sich ja die Maschineninvestitionen wieder einspielen. Und warum sollten zweitens die Menschen noch Lohnausgleich erhalten, wenn sie gar nicht mehr arbeiten? Statt sich um Umverteilung zu kümmern, bestimmte die Idee der Vollbeschäftigung fortan die politischen Debatten. TP

06:00 18.06.2014
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