A-Z Berlin, literarisch

Berlin Berlin führt abseits der Straßen und Plätze noch ein weiteres öffentliches Leben: Zwischen Buchdeckeln. Erhard Schütz unternimmt einen literarischen Rundgang von A bis Z

Architektur

Karl Scheffler hat 1910 Berlin dazu verflucht, stets zu werden und niemals zu sein. Seither erfinden Leute wie Klaus Wowereit und Renate Künast Berlin immer wieder neu. Was heißt: Es bleibt ziemlich beim Alten. Scheffler war aber auch zwischen 1900 und 1930 ein veritabler Architekturkritiker. Zwar hat er sich manchmal geirrt, etwa als er meinte, Ruttmanns Film Berlin – Die Sinfonie der Großstadt sei spätestens nach 20 Jahren antiquiert. Aber was er an baulichen Geschmacklosigkeiten des „Industriekaisers“ Wilhelm Zwo geißelte, wie er U- und S-Bahnbauten trefflich in Gut und Schlecht sortierte und was er milde zur Schönheit des Massenhaften schrieb – das alles ist so luzide, dass es einem noch heute die Herkunft der Stadt und ihrer gebauten Mentalität besser erklären kann als ganze Enzyklopädien.

Stilmeierei oder Neue Baukunst. Ein Panorama Berliner Architektur Karl Scheffler Berlin, Transit 2010

Benn, Gottfried

Er hat als Arzt nicht so gern seziert und lieber Kontrollmädchen kontrolliert. An die Nazizeit erinnerte er sich ungern, Damen schenkte er gern Blumen und sich. Und er war so höflich, ihnen durch diskretes Management Eifersucht zu ersparen. Am liebsten trank er Bier und wäre gern im August gestorben, doch langte es nur bis Ende Juli. Zwischendrin schrieb er düstere Gedanken und wunderbare Gedichte. Darin ist er immer noch der Größte. Was Benn sonst alles in Berlin trieb, hat Joachim Dyck in einem Büchlein zusammengehäuft, das auch schöne Bilder enthält.

Benn in Berlin Joachim Dyck Berlin, Transit 2010

Einwohner

Berlin ist im Wesentlichen von Berlinern, Bundestagsabgeordneten und Touristen bevölkert. Die Berliner unterteilen sich in Schwaben, Migranten, Hartz-IV-Empfänger, Studierende, Kinderwagen-Schieberinnen, Location Scouts, BVG-Mitarbeiter und Ordnungsamtler. Man kann sie alle oft nicht auseinanderhalten. Die Bundestagsabgeordneten stehen entweder vor Kameras oder in ihrem Wahlkreis Rede und Antwort, die Berliner vor Knut oder Curry 36 und die Touristen in Gruppen im 6. Stock des KaDeWe, vor Rolltreppen und in S-Bahn-Türen. Bekommt man auf eine Frage eine freundliche und kompetente Antwort, spricht man allerdings ziemlich sicher mit einem Schweizer.
Beiträge Zur Characteristik Der Einwohner Berlins. Berlin Für Freunde Des Geschmacks Und Der Moden (1799) Johann Gottlieb Rhode Berlin, Berliner Handpresse 1977

Flughafengegner

Gibt es dreierlei. Erstens solche, die noch immer gegen die Schließung von Tempelhof und Tegel sind. Zweitens solche, die gegen einen Flughafen in der Wüste sind, und drittens solche, die nicht wollen, dass ihr Weg in den Urlaub über ihr Häuschen führt.

Die Entwicklung der Flughäfen in Berlin-BrandenburgFalko Seidler München, Grin 2007

Fontane, Theodor

Auch wer ihn nicht liest, heiligt in Berlin seinen Namen. Kein Berlin nach ihm war derart gelobtes Land wie seines – auch wenn die, über die er schrieb, darin gar nicht glücklich waren. Seine zehn Gebote heißen L’adultera; Irrungen, Wirrungen; Stine; Frau Jenny Treibel; Effi Briest; Die Poggenpuhls; Cécile; Mathilde Möhring; Der Stechlin – und Fontane. Bernd W. Seiler hat sie alle beherzigt und in seinem reich illustrierten Katechismus erläutert. Allein die Inhaltsangaben im Inhaltsverzeichnis sind ein Kabinettstück. Aber noch mehr. Er lässt Fontanes Berlin in stupender Exaktheit in Text, Karten und Bild wiederauferstehen, aber so, dass das jetzige Berlin mal kontrastierend, mal fortdauernd, mal fremder, mal vertrauter darin aufscheint. Zwar ist es schade, dass man mit dem Buch in der Hand eigene Echtzeit-Wanderungen nicht wird unternehmen können, zu groß und gewichtig ist das Stück. Umso mehr jedoch bannt es in den Lesesessel. Das rundum wunderbare Buch verlockt zu Fontanes Romanen und ersetzt eine Bibliothek an historischen und aktuellen Bildbänden.

Fontanes Berlin. Die Hauptstadt in seinen RomanenBernd W. Seiler Berlin, vbb 2010

Hass

Hassemanemaak heißt schon seit Längerem Hassemaneuro. Oder auch: „Werte Fahrgäste, verzeihen Sie die Störung.“ Dann gibt es aber auch noch den korrekten Hass. Der erhebt sich in der Regel gegen Abend, zieht schwarze Kapuzen über, ist ein Block und macht kaputt, was vorher heil war. Wenn nicht, stellt er mit dem Feuerzeug kurzfristige Parklücken her. Der falsche Hass ist ebenfalls schwarz gekleidet, hat aber meist einen kahlen und fetteren Kopf und noch weniger drin. Schließlich gibt es noch den freundlichen Hass. Der nennt sich Buch für Berlinhasser, meint aber alles ganz lieb. Man merkt das sofort, weil er nicht nur liebevoll auf die Berliner Kontrolleure, die Operndreifaltigkeit und die Essgewohnheiten eingeht, sondern auch auf Berlin-Krimis und sogar Steglitz-Zehlendorf!

Das Buch für Berlinhasser. Fast eine LiebeserklärungFalko Rademacher Berlin, be.bra 2010

Learning by doing

So richtig habe ich das Prinzip dieses Buches nicht verstanden. Irgendwie geht es davon aus, dass alle Menschen in Berlin, die älter als Mitte 30 sind, Ausländer sein müssen. Und denen erklärt es im Stil von Ausländern unter und um Mitte 30, wie man sich in Berlin, in dem die Deutschen angeblich komplizierte Gesellschaftsspiele spielen, die Regeln dazu aber nicht offenlegen, über Wasser hält – durch Mitmachen. Das heißt offenbar: ein Lieblingscafé zu haben, in Clubs zu gehen, Mutter zu sein, Rad fahren zu müssen, Essengehen wissenschaftlich zu betreiben, aber ein paar-zig Seiten später keinesfalls ins Restaurant, sondern zum Tofu-Grillen zu gehen und Roger Willemsen zum Vorbild haben zu müssen. Aber vielleicht war es auch Heidi Klum und Türken beim Hammelgrillen zuzusehen, während die Mütter Mini fahren. Sicher ist nur, dass einen alle paar Seiten eine Kreuzung aus Postchiller und Meerschweinchen mit Brille anglotzt wie weiland Killroy von den Wänden. Man kann ja nicht immer ins Schwarze treffen. Es reicht ja auch das Un­gefähre. Irgendwie wird das Buch schon seine Zielgruppe haben.

Ich werde ein Berliner. How to be a really hip German Wash Echte München, Goldmann 2010

S-Bahn

Lasst sie doch mal in Ruhe, die S-Bahn! Sie fährt ja schließlich, sofern sie sie lassen, das Wetter, die Manager und die Gewerkschaft. Die S-Bahn allerdings, die hier gemeint ist, wird nie mehr fahren. Doch hat sie ihr Asyl in Fotos gefunden. Hoffentlich für immer. Renate von Mangoldt hat sie – allermeist 1981 – fotografiert, als man glauben musste, sie würde bald einfach so im Verfall verschwinden. Nun ist sie unterm erneuerten Verkehr abhandengekommen. Eine Welt, unwirklicher als der Mars. Verrammelte Eingänge zum Hades, vergammelte Ewigkeitsbauten, bekannte Stationsnamen, doch wie erfunden. Vor noch gar nicht so langer Zeit war das in seiner unglaublichen Unwirklichkeit ganz alltäglich. Diese Fotos, subtil in ihrem Schwarzweiß, sind das Totenbuch jener Zeit. Unvergesslich, schiere Tristesse als reiner Glücksfall! So ewig wird Berlin nie wieder werden wie in diesem Verfall.

Nachtrag zur S-BahnRenate von Mangoldt Göttingen, Steidl 2011

Schloss

Das Berliner Schloss war erst hässlich, dann eine Ruine, dann wurde es gesprengt und daraufhin Palast. Anschließend kam eine Kulisse, dann eine Idee, und jetzt ist es eine Schimäre. Ersatzweise gibt es ein schönes Schloss mit noch schönerem Park in Charlottenburg. Das liegt aber im Westen. Und: Das Schloss in Steglitz. Es sieht aus wie eine Riesenmoschee. Man bekommt darin Reizwäsche, Flachbildschirme, Schweinefleisch und Alkohol. Die Schuhe muss man nicht ausziehen, sondern kann welche kaufen. Und statt des Muezzin ruft Media Markt.

Das Berliner SchlossHartmut Ellrich Petersberg, Imhof 2008

Spargel

Gibt es in Berlin auch dreierlei. Erstens Telespargel. Aus unerfindlichen Gründen nennt der Berliner ihn allerdings Fernsehturm. Zweitens Winterspargel. Auf dem Winterfeldplatz kommt er als Schwarzwurzel daher, bei Reichelt um Weihnachten aus Peru. Drittens Bee­litzer Spargel. Der kommt aus Beelitz. Oder aus Brandenburg, Polen, Holland, Spanien. Auch dieses Jahr wieder.

Beelitzer Spargel Bernd Oeljeschläger Berlin, Culturcon 2007

Stadtneurotiker

Wo, wenn nicht hier? Miesepetrig sind wir hier doch alle selbst. Am schlimmsten fühlen wir uns, wenn wir gut drauf sind. Ahnen wir ja am Mitmenschen, wie peinlich das ist. Wir brauchen die anderen nicht oder nur als Spiegel unserer Idiosynkrasien und Neurosen. Rasierspiegel. Jeder Pickel darin ein ausgewachsener Fiesmensch, Typus Furunkel, Mitesser oder Haarbalg. Und der Autor Reinhard Mohr hat ziemlich tief in seinen Rasierspiegel geschaut. Der steht offenbar in Berlin-Mitte und ist so groß wie es mal manche Satelliten-Schüsseln am Sozialpalast waren.

Man sei gewarnt, Mohrs Inventarium schrumpft den guten Vorsatz, im Nebenmenschen ein je einzigartiges Gottesgeschöpf zu sehen. Immerhin ist seine Typologie aber etwas differenzierter als die Sarrazins oder der Sarrazenen-Gangs. Kampfmutter, Tourist, Sprayer, Kampfradler, Lieferant, Straßenbiertrinker, Wurstverkäuferin, Nutella-Monster, Bürokopierer und Zwischenrufer sind nur einige darunter. Das ist mal erhellend, manchmal öde, oft naja. Aber warum nicht? Es muss ja unter all den in dieser Stadt versammelten Typen auch jenen des Berlin-Erklärers geben.

Meide deinen Nächsten. Beobachtungen eines StadtneurotikersReinhard Mohr Berlin, wjs 2010

Wedding

Englische Ballermänner sollen gerne die Bezirksschilder klauen. Über die Bezirksgrenze wagen sie sich nicht, Wedding ist nämlich das Neukölln für Arme – heißt, dass es noch ein bisschen länger darauf warten darf, hip zu werden. Kommt aber. Bestimmt. Schon seit 1991 wird es einmal im Jahr in irgendeiner Zeitung angesagt. Außerdem zählt Wedding jetzt zu Mitte, da ziehen schon mal arglose Zugereiste in die Nähe vom U-Bahnhof Seestraße. Es sind Zwangspioniere. Noch ziehen sie bald wieder aus. Aber nun hat Heiko Wernig, im Hauptberuf Reptilienkundler, auch noch eine PR-Broschüre über dieses Terrarium verfasst. Seine „Geschichten aus dem Prekariat“ werben für diejenigen, die für Adidas mit Bügelfalten oder Aldi-Bier kostenlos Reklame laufen, kurz, für Menschen, die sich nicht, wie Angela Merkel, von Stilberatern verbiegen lassen. Das Fernsehen war auch schon da und hat den Automaten mit Maden für die Fischfütterung gefilmt. Voll krass. Der Türke im Vorderhaus versucht es mit deutscher Küche: Spaghetti Carbonara, Käsebrot und so. Dann aber doch lieber Pizza. Und ein effizientes Finanzamt gibt es dort offenbar auch. Wernigs Texte kommen zwar manchmal daher wie Polen-Böller, aber insgesamt ist es eins der unterhaltsameren Bücher, die man derzeit zu Berlin angeboten bekommt.
Mein wunderbarer Wedding. Geschichten aus dem Prekariat Heiko Wernig Berlin, Edition Tiamat 2010

Zeit der schweren Not

Gemeint ist mit dieser Bezeichnung in etwa die Zeit zwischen der Niederlage gegen Napoleon und seiner Vertreibung, 1807 bis 1815. Wohl kaum jemand, nein: wohl überhaupt niemand kennt sich dort besser aus als Günter de Bruyn, der in Als Poesie gut vor einiger Zeit schon die unmittelbare Zeit davor hatte wiederauferstehen lassen. In diesem Wälzer, der Die Zeit der schweren Not heißt, liefert er nun mehr ein Puzzle denn ein Panorama über das ganz unwahrscheinliche Kulturleben Berlins in jenen Jahren der Not, von Stein bis Clausewitz, Hardenberg bis Scharnhorst, Kleist bis Tieck, Chamisso bis Varnhagen und, und, und... Und alle, ob Helden der Geschichte oder Hintergrundgestalten, bekommen in Zitaten, kurzen Charakteristiken, Anekdoten und Reflexionen ihr je eigenes Profil. Über deren Vielfalt freilich geht die große Linie etwas verloren. Aber das sollte wohl auch so sein, wenn es um Individuen und nicht um Prinzipien geht.

Die Zeit der schweren Not. Schicksale aus dem Berliner Kulturleben 1807 bis 1815Günter de Bruyn Frankfurt a. M., S. Fischer 2010

11:31 22.03.2011

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