Falsche Freunde

A–Z Auf Parteifreunde soll man eher nicht zählen, das wissen Boris Johnson oder die SPD. „Frenemies“ nennt man falsche Freunde, sie tauchen bei Elena Ferrante auf und in der Arbeitswelt, bei Müttern in den USA und der DDR. Das Lexikon

A

Aufstieg In Klassengesellschaften gibt es immer diesen Kampf, der umso heftiger wird, wenn Chancengleichheit versprochen ist. „Ich werde dieses Drecksloch“ verlassen, schwört Lila, Elenas „geniale Freundin“ aus der Neapolitanischen Saga von Elena Ferrante. Zunächst scheint es, als ob beide in ähnlicher Ausgangsposition wären. Aber Lila aus einer armen Schustersfamilie hat es schwerer als Elena als Tochter eines Pförtners, die schließlich studiert und Schriftstellerin wird. Die eine bewundert und beneidet die andere, sie kämpfen um einen Mann, entzweien sich und finden wieder zusammen.

Im Roman Die Gierigen von Karine Tuil zerbricht eine Dreierfreundschaft an den Lügen des Lebens. Zwei Männer als Konkurrenten – um eine Frau und sozialen Status. „Beim Geld hört die Freundschaft auf“, heißt ein altes Sprichwort. Im Alten Testament wird Abel von Kain erschlagen – Neid, der seitdem als eine der Totsünden gilt. Wobei Elena Lila auch beneidet: um ihr Draufgängertum. Sich nach oben kämpfen – Lila sieht es als ihr gutes Recht. Irmtraud Gutschke

D

Dunkel In einem Song von Jan Delay, er heißt Hoffnung, geht es um die Hoffnung und Trauer und das, was küchenpsychologisch wohl „Coping-Mechanismen“ genannt wird. Wie man so umgeht mit Emotionen. In den Lyrics heißt es: „Ein Tunnel ohne Licht am Ende, Dunkelheit für immer, du kannst die Sorgen nicht ertränken, sie sind verdammt gute Schwimmer.“ Ob Jan Delay ein kreatives Genie ist oder nicht, darüber kann man streiten, aber hier liegt er eher falsch. Kurzfristig (je nach Durchhaltevermögen auch länger) dämpft Alkohol alle Probleme, die man sich vorstellen kann, man muss das Level nur halten. Die leeren Flaschen Rotwein stellen sich erst am nächsten Morgen als falsche Freunde heraus ( Treulose Tomaten), denn mit dem Kater kommen auch die Probleme (beziehungsweise die Emotionen) zurück. Vielleicht hat Jan Delay also recht, wenn er sagt, man könne die Sorgen nicht ertränken. Waterboarden kann man sie aber schon (➝ Pillen). Clara von Rauch

F

Frenemy Viele Menschen fühlen sich trotz vieler (angeblicher) Freundschaften ( Zum Angeben) einsam und kauen, der inneren Stressentlastung wegen, ihre Nägel. Nur weil ich etwas Freundschaft nenne, ist es das nicht automatisch. Ich beobachte Menschen und deren Konstrukte des gesellschaftsintegrativen Zusammenhaltsansatzes genau und spüre in vielen „Freundschaftsclustern“ ein generelles und höchst subtiles Hauen und Stechen. Es ist ein ständiger Wettbewerb. Viele können sich in der selbstgenerierten Fassade gar nicht mehr öffnen, keine Brüche mehr zeigen. Das ist archaischer als so manche Safari. Wahre Freundschaft erfordert Empathie, Verständnis und Wohlwollen. Doch aus diesen Dingen speist sich die moderne Freundschaft nicht. Es ist Feindschaft, die im Freundschaftsmantel daherkommt. Oder ganz modern: Frenemy. Jan C. Behmann

G

Gefahr Zwei Freunde versprechen sich, sie werden sich immer treu beistehen, Freud und Leid miteinander teilen. Dann gehen sie auf Wanderschaft. Auf dem Waldweg begegnet ihnen ein Bär. Der eine Freund klettert eilends auf einen Baum. Der andere, „in Gefahr, vom Bären erfasst zu werden“, stellt sich tot, weil er hörte: Tote berührt das Tier nicht. Der Bär schnüffelt ein bisschen und trottet davon. „Was hat er dir geflüstert?“, fragt der Freund, als er vom Baum steigt. Weil die Fabeln des griechischen Dichters Aesop (um 500 v. Chr.) immer eine Moral haben, endet auch Der Wanderer und der Bär mit einer Weisheit: „... daß man nicht mit solchen Freunden auf Reisen gehen soll, die in Gefahren nicht ausdauern.“ Nur woran erkennt man (wahre) Freunde?

Parteifreunde zum Beispiel verkörpern eher den Frenemy. Boris Johnson stützen sogar engste Vertraute nicht mehr. Und Matteo Renzi, der damalige Sekretär des italienischen PD, tweetete 2014 legendär: #Enrico, stai sereno – cool bleiben, Enrico. Anschließend jagte er Letta, zu dieser Zeit Ministerpräsident und Parteirivale, aus dem Amt. Maxi Leinkauf

K

Klavier Falsche Freunde kennt man vor allem aus dem Englischunterricht, wenn der Lehrer erklärt, dass „Gift“ und „gift“ nicht das Gleiche benennen. Das eine bedeutet Toxikum, das andere Geschenk. In der Linguistik kennt man falsche Freunde – auch Fauxami (von französisch: faux ami) – für alle Sprachen als leicht zu verwechselnde Vokabeln. So bedeutet im Französischen „clavier“ Tastatur und nicht Klavier, das man „piano“ nennt. Das niederländische „meer“ meint Binnengewässer wie Seen, während „zee“ fürs Meer steht. Legion sind die falschen Freunde aber im Englischen. „Actual“ ähnelt aktuell, bedeutet aber eigentlich. Die „alley“ ist die enge Gasse, keine Allee, und „chance“ steht für Glück und Zufall statt für Möglichkeit („Chance“). Die Wörter haben denselben Ursprung und man kann schön sehen, wie der Sprachwandel in den jeweiligen Sprachen Bedeutungsverschiebungen schafft. Manchmal ist das verblüffend. So hilft der „callboy“ dem Theatersouffleur aus, statt seinen Körper zu verkaufen. „Engaged“ sind Verlobte oder Toiletten (besetzt), aber keinesfalls engagiert. Der Adler („eagle“) hat mit dem Igel („hedgehog“) nichts zu tun, was jemand zum hübschen Facebook-Nick Matt Eagle (Zum Angeben) inspirierte. Tobias Prüwer

P

Pillen Mother‘s little helper heißt es bei den Stones etwas spöttisch. Es geht um die kleinen Aufmunterungs- oder Beruhigungspillen, die den Alltag einer gestressten Mutter erträglich machen und falsche Freunde werden. Die Rolling Stones wollten mit dem Song klarmachen, dass nicht nur Popstars zu Drogen greifen, sondern auch wir normalen Menschen.

Benzodiazepine (Handelsnamen unter anderem Valium, Tavor) können schnell abhängig machen ( Alkohol) und würden zu schnell verschrieben, klagen Gesundheitsexperten. Davon konnte ich mich kürzlich überzeugen. Statt beruhigender Worte hatte ich ein Faustan-Rezept in der Hand. Das ist ein DDR-Name für die „Benzos“ und die gibt’s noch heute. Ich habe sie früher oft genommen, aber meide sie seit Jahren strikt. Tranquilizer (Faustan, Radepur, Rudotel) wurden damals schnell mal verschrieben. Sogar die DFF-Sendereihe „Der Staatsanwalt hat das Wort“ befasste sich in einer Folge mit dem Pillenmissbrauch. Hoffnung für Anna (1982) schildert die zunehmende Abhängigkeit der Titelheldin, gespielt von Jenny Gröllmann, die zu völliger Verwahrlosung führt. Erst nach einer stationären Therapie wird sie unabhängig von den „falschen Freunden“ und kann sich wieder souverän um sich und ihre Kinder kümmern. Magda Geisler

S

Stutenbiss Wer mit Pferden zu tun hat, weiß: Es kann durchaus aggressiv zugehen, wenn Stuten um den Rang der Leitstute kämpfen. Bei Frauen von Stutenbissigkeit zu reden oder von Zickenkrieg, ist hingegen ärgerliches Macho-Gehabe. Was fällt denen ein, uns mit Tieren zu vergleichen, wenn sie in ihrem „Harem“ lieber Ruhe hätten! Sie verlangen, dass wir sanft und anpassungsfähig sind. Aber wie verhalten sie sich denn selbst? Wobei es tatsächlich schade ist, wenn Geschlechtsgenossinnen einander bekriegen. Bezüglich hinterhältiger Mittel sind dem Einfallsreichtum da kaum Grenzen gesetzt. Letztlich liegt es aber an den patriarchalisch geprägten Konkurrenzverhältnissen. In der Arbeitswelt von vornherein benachteiligt, mussten Frauen lernen, die Ellenbogen auszufahren – vielleicht gerade gegen die neue, junge, hübsche Kollegin, die weggebissen wird, bevor sie einem über den Kopf wachsen könnte (➝ Aufstieg). In der Liebe freilich gab es Eifersucht schon immer. Zeus’ Gattin Hera war zu allem fähig, wenn Gottvater sich wieder mal zu viel herausnahm. Und wie musste Schneewittchen leiden, nur weil sie schöner als ihre Stiefmutter war. Irmtraud Gutschke

T

Treulose Tomaten Wann Tomaten einst als zuverlässig galten, ist nicht überliefert. Solch eine moralische Kategorie ist für Gemüse allerdings auch eine merkwürdige Zuschreibung. Wahrscheinlich wusste man einfach über Hunderte von Jahren nichts mit ihnen anzufangen und hielt sie nur als Zierpflanze. Der Ausdruck treulose Tomate jedenfalls lässt sich bis in die zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückverfolgen. Manche nehmen an, er bezieht sich direkt auf die Tomate selbst, weil sie als Nutzpflanze lange unbeständig, also schwierig zu züchten war im hiesigen Klima.

Wahrscheinlicher ist, dass der abwertende Name aus dem Ersten Weltkrieg stammt. Deutschland und Österreich bildeten seit Ende des 19. Jahrhunderts ein Bündnis, als Italien dazukam, entstand daraus der sogenannte Dreibund. Doch hielt das Königreich Italien nicht Wort. Es beteiligte sich 1914 nicht am Krieg und schlug sich schließlich sogar auf die Seite der Alliierten. Den Wortbruch verbanden die Deutschen mit dem damals schon üblichen Tomatenanbau in Italien, und so kam es zu dem Ressentiment. Und das zog dann als Redensart für Unzuverlässige in den Alltag ein. Auf diese Herkunft weist eine zweite Schmähung der Italiener mit Nahrungsmittelbezug hin: Man nannte sie damals Treubruchnudeln. Tobias Prüwer

V

Verdi In Giuseppe Verdis vorletzter Oper Otello (1887), nach Shakespeare, spinnt Jago, der schlechteste schlechte Freund der Kunstgeschichte, seine teuflische Intrige. Der Feldherr Othello hält ihn für seinen einzigen Vertrauten (➝ Gefahr), doch Jago redet ihm ein, seine Gattin Desdemona habe die Ehe gebrochen. Die Folge ist Desdemonas Ermordung durch den Feldherrn, der also selbst ein böser Freund ist, seiner Frau nämlich. (Zu Verdis Zeit galt es noch als halbe Entschuldigung, dass er im Affekt handelte.)

Ganz anders wird das Thema in Verdis Don Carlo (letzte Fassung 1884), nach Friedrich Schiller, behandelt. Dort betrachtet der spanische König Philipp II. den Marquis Posa als seinen einzigen Vertrauten. Posa sagt Philipp ins Gesicht, dass dessen Politik ein Leichentuch über Spanien und Flandern werfe. Erst als klar ist, dass Philipp lieber auf den bösen Großinquisitor hört, bereitet Posa den Aufstand gegen ihn vor. Da ist er zum schlechten Freund geworden, aber vorher war er ein guter gewesen. Wer mir widerspricht, wenn ich falsch liege, ist mein bester Freund. Michael Jäger

Z

Zum Angeben 5.000 Freunde. Das war das ursprüngliche Maximum auf Facebook. Das soziale Netzwerk machte Schulhofpopularität erstmals in Zahlen messbar. Cool war, wen möglichst viele cool fanden. Also riss man sich um so viele „Freunde” wie möglich. Plötzlich waren wir alle Freund*innen: Fünf Minuten in der Bar gequatscht? Freundschaftsanfrage. Die gleiche Schule besucht? BFFs („best friends forever“), die alle Fotos liken. An der Uni war man mit seinen Professor*innen „befreundet“ und wusste, was sie am Wochenende gemacht hatten. Die Prüfungsleistung wurde dadurch nicht besser, aber die Kommiliton*innen machten große Augen. Mit den meisten dieser Freunde hat man kein Wort mehr gewechselt, nach den fünf Minuten in der Bar. Alina Saha

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