der Freitag
Ausgabe 2114 | 05.06.2014 | 06:00

A–Z Fitness-Studios

Muckibude Sie sind zu zentralen Orten der modernen Stadt geworden: In den Fitness-Studios widmen sich die Geistesarbeiter des 21. Jahrhunderts ihrem Körper.

A

Ablass Es gibt ja Erhebungen zu allen möglichen vorstellbaren und nicht vorstellbaren Phänomenen. Eine Studie über die Anzahl von Leuten, die einen Vertrag bei einem Fitness-Studio haben, seit Jahren zahlen und dennoch nicht hingehen, kenne ich allerdings nicht. Auch weiß ich nicht, wie sich das Verhältnis von aktiven zu passiven Sportlern verhält. Es ist sicher im Sinne der Studios, so eine Erhebung nie Wirklichkeit werden zu lassen. Es würde einen Sturm der Entrüstung entfachen, ein Aufschrei ginge durch die westliche Welt: Ja, Fitness-Studios sind eine postmoderne Form des Ablasshandels. Man zahlt für das gute Gewissen, man zahlt, um vor sich selbst und den nächsten Verwandten sagen zu können, man könnte ja, wenn man wollte, und so weiter. Es ist übertrieben, zu sagen, dass ich besser schlafen kann, weil ich diese Zahlungen seit Jahren leiste, ohne hinzugehen. Denn diese Summe, oh Gott, ist natürlich gewaltig. Jana Hensel

D

Disco-Pumper Er trainiert nur für seine Disco-Muskeln. Als diese bezeichnet man nicht Muskeln, die bei strapaziösen Tanzeinlagen gebraucht werden, sondern jene, die in der Disco gut zu sehen sind: Brust, Bauch und vor allem die Arme. Die Beine kann man vernachlässigen.

Die Körperstatur eines klassischen Disco-Pumpers verschmälert sich in den meisten Fällen nach unten hin. Was oben mit einem raumeinnehmenden Torso beginnt, endet unten auf dünnen Stelzen. Was der Disco-Pumper aber vergisst: Das Training der Beinmuskulatur ist sehr nützlich, da dabei Wachstumshormone ausgeschüttet werden, die den Muskelaufbau im ganzen Körper fördern. Der besonders zielorientierte Disco-Pumper-Experte pumpt seine Muskeln übrigens durch Liegestütze, Hanteln oder andere körperliche Ertüchtigungen noch kurz auf dem Parkplatz auf, bevor er die Disco betritt. Felix-Emeric Tota

G

Geschichte Bertolt Brecht, der bekanntlich begeistert den Großveranstaltungen im Berliner Sportpalast beiwohnte, schrieb über die Weber, sie hätten mittels Leibesübungen den Missbildungen ihres rechten Arms begegnen wollen: „Diese Arbeit, die ihr macht, um die Folgen der Arbeit zu beseitigen“, resümierte er, „wird natürlich nicht bezahlt und ist auch ganz unproduktiv.“ Brechts Vorschlag, lieber „Freiübungen mit Gewehren“ zu machen, wirkt heute etwas befremdlich. Unleugbar ist der Sport als Freizeitphänomen aber ein Produkt der Industriearbeit. Und mit der Dienstleistungsgesellschaft haben sich die Sportgewohnheiten verändert.

Trabte man in den siebziger Jahren im Rahmen der Trimm-dich-Bewegung noch kollektiv durch den Wald, zogen die Mädels in den Achtzigern in die Aerobic-Studios, wo sie zwar noch zusammen die Hüften schwangen, sich aber schon sehr individuell gaben. Zusammen mit der Bodybuilding-Mode (Pumping Iron) war das die Geburt des Fitness-Studios, das dem umfassend flexibilisierten Arbeitssubjekt jederzeit zur Verfügung steht, um die Folgen der Arbeit teuer zu beseitigen (Ablass). Ulrike Baureithel

K

Kopftuchverbot Gegen ihren Willen wurde einer Frau aus Bremen ihr Fitness-Studio-Vertrag gekündigt, weil sie während des Sports ein Kopftuch trug. Obwohl in ihrem Vertrag darauf verwiesen wurde, dass das Tragen einer Kopfbedeckung ebenso wie Schmuck an den Geräten untersagt sei. Der Betreiber beharrte darauf, dass es sich nicht um ein religiös motiviertes Verbot handle. Aus Sicherheitsgründen hätte er es der Frau nicht gestattet Bauch, Beine und Po mit einem Kopftuch auf ihrem Haupt zu bewegen. Die Gefahren seien einfach zu groß, sich und andere zu verletzen. Zu leicht könnte sich das Kopftuch etwa in Sportgeräten verfangen.

Die Frau wollte sich mit dieser Begründung nicht zufrieden geben und focht die Kündigung ihres Vertrages vor dem Bremer Amtsgericht an. Sie unterlag, Sicherheitsbedenken bei Kopftüchern beurteilte das Gericht als legitimen Grund für eine Vertragskündigung. Das Urteil wurde in zweiter Instanz vom Bremer Landgericht bestätigt. Florian Beißwanger

M

Morde Telgte ist ein beschaulicher Ort im Münsterland – mit einem Fitness-Studio, das bundesweite Aufmerksamkeit erlangt hat. Ich bin dort aufgewachsen und habe es direkt am Morgen von Freunden auf dem Weg zur Schule erfahren: Vor dem Fitness-Studio wurden in der Nacht drei Putzfrauen ermordet, nach ihrer Schicht. Die Bild-Zeitung zeigte Porträtfotos mit Balken und titelte: „Kopfschuss, Kopfschuss“, Kopfschuss“. Später stellte sich heraus, dass der Mord nur einer Frau galt. Die anderen mussten sterben, um nicht als Zeugen aussagen zu können. Der Täter und sein Auftraggeber wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Und das Fitness-Studio? Startete kurz darauf, natürlich unabhängig davon, eine Werbe-Aktion mit Schnupperstunden. Ich war da, mir hat’s aber nicht gefallen. Das Studio gibt es aber bis heute. Felix Werdermann

P

Privater Fitness-Raum Das öffentliche Fitness-Studio ist ein Ort des Vergleichens und Verglichenwerdens. Wer stemmt die schwereren Gewichte, wer läuft länger auf dem Laufband? Das sind Fragen, denen man sich nur dann stellen will, wenn man sich vorn liegend wähnt. Warum also nicht den Präsentierteller Fitness-Studio meiden? Gibt es doch auch die Möglichkeit eines privaten Fitness-Raums. Das in die eigenen vier Wände verlegte Training ist schon lang nicht mehr nur ein Privileg von Villenbesitzern.

Wer sich die Angebote von Discountern wie Aldi oder Lidl ansieht, merkt, dass man sich dort leicht übers Jahr verteilt ein eigenes Fitness-Center zusammenstellen kann. Laufband, Crosstrainer, Hantelbank und die sogenannte Kraftstation, die mehrere Geräte zum Muskeltraining beinhaltet – all das gibt es dort. Fern von öffentlichem Kräftemessen kann man so am Körperideal feilen, auch mal ein Päuschen machen und muss sich höchstens noch mit dem eigenen Spiegelbild vergleichen. Benjamin Knödler

Pumping Iron „Die größte Befriedigung, die man im Gym haben kann, ist das Stemmen“, weiß Arnold Schwarzenegger. Englisch: The Pump, weshalb der Film, aus dem das Zitat stammt, schlicht Pumping Iron heißt. Das Doku-Drama von 1977 gilt als der Bodybuilding-Film schlechthin. Durch dramatisierende Erfindungen aufgepeppt zeigt er mehrere Männer, die sich auf den Mr.-Olympia-Wettbewerb vorbereiten. Sie trainieren im Gold’s Gym in Venice Beach, L.A., das sich später zu einer internationalen Fitness-Kette mauserte. In New York hingegen pumpt zugleich Louis Jude Ferrigno für den Wettkampf – er wird später als Hauptdarsteller der Serie Der unglaubliche Hulk bekannt. Einen Triumphzug bedeutete der Film für Schwarzenegger, der damals die Bodybuilding-Welt und den Film dominierte, in dem er seinen sechsten Mr.-Olympia-Titel erkämpft. Er widmete sich fortan der Schauspielkarriere. Die kurbelte Pumping Iron genauso an wie die Fitness-Welle der Achtziger. Tobias Prüwer

T

Tabus Zehn Stunden gearbeitet – Zeit, den Kopf frei zu machen. Leider sind 200 andere Workaholics auch schon im Studio und wuseln um Brustpresse, Kabelzug und Ruderbank. Doch halt, da hinten ist noch was frei. Und dann das: Die Geräte sind nach bester Urlaubsmanier mit Handtüchern reserviert. Na gut, dann eben schnell zum Bauch-Beine-Po-Kurs.

Wie nett, der Gymnastiknachbar bietet sofort seine Matte an, auf der er die letzte Stunde geschwitzt hat. Wer braucht denn da ein Handtuch? Schweiß hat ja angeblich auch keine besonders hohe Konzentration von Infektionserregern. Und bitte schön das Gesicht auf dem Boden lassen bei den Übungen! Dass dann während der Entspannungsphase von fremden Körpern freigesetzte Gase durch den Raum ziehen, ist wohl lediglich als freundliche Aufforderung gedacht, jetzt duschen zu gehen. Wird ja auch wirklich Zeit. Madeleine Bieski

Tristesse Fitness-Studios werben häufig mit strahlenden, weil durchtrainierten Menschen. Wer sich fit hält, wird glücklich, schreit es einem entgegen und folglich erwartet man in Fitness-Studios eine Atmosphäre freudiger Anstrengung. Ich habe das immer anders empfunden, irgendwie als trist. Das lag vor allem daran, dass sich im örtlichen Fitness-Studio alle Halbstarken aus den umliegenden Schulen tummelten. Die hatten meist eher ein geringes Selbstbewusstsein und versuchten verzweifelt, sich selbiges anzutrainieren, nach dem Motto: Mehr Muskeln bedeuten mehr Selbstvertrauen. Da wurden verbissen Gewichte gestemmt, ohne zu merken, dass Fitness und Kraft bei vielen Fragen einfach nicht die Antwort liefern. Dieser meist vergebliche Kampf hat eine ganz eigene Tristesse. BK

U

Unordnung Schweißabdrücke auf Geräten und verkippte Proteinshakes sorgen für Unmut. Nichts aber stört Studiobesucher mehr als Unordnung im Freihantelbereich. Schön aufgereiht auf Racks und in Regalen lagern die Hanteln paarweise nach Gewichten gestaffelt, bis in den 30-Kilo-Bereich. Auch Stangen und Scheiben zur individuellen Hantelzusammenstellung sind hübsch übersichtlich aufgereiht – zunächst. Denn einige Kraftsportler haben zwar Muckis genug, sich schweres Zeug aus den Regalen zu holen, lassen das dann aber liegen. Sobald jemand damit beginnt, seine Hantel falsch oder gar nicht zurückzuräumen, setzt er einen Dominoeffekt in Gang. Die entstandene Lücke drängt es anderen geradezu auf, ihre Hantel falsch abzulegen. Nach kurzer Zeit entsteht so ein Hantel-Memory, das schließlich alle nervt. TP

V

Vernetztes Training Wir sind heute nicht mehr allein. Das Smartphone ist Freund, Entertainer sowie Personal Trainer und Fitness-Coach. Mehr als 50 Millionen Mal wurden Fitness-Apps wie RunKeeper, Nike Plus oder Runtastic bereits runtergeladen. Die Sportlercommunity teilt ihre Trainingserfolge in sozialen Netzwerken, dokumentiert, liked, kommentiert. Ein öffentliches Messen mit anderen, Selbstbespiegelung nonstop. Die sogenannte Connected Fitness wird in Zukunft noch mit Google-Glass-Anwendungen ergänzt. Sobald der europäische Markt erschlossen ist, soll die Hightech-Brille einen Platz in den Fitness Studios erhalten. So lang kann man sich noch mit anderen Trainingsmethoden die Zeit vertreiben. Die Leistungssteigerung durch die App Zombies, Run!, bei der man vor Untoten flüchten muss, soll sehr groß sein. MB

Z

Zerrung Wenn der Übermut einen in die Knie zwingt, dann merkt man – spätestens wenn man sich die schmerzende Wade hält –, dass man das Beintraining doch nicht so problemlos bewältigt, wie man dachte. Man wollte ja sofort ran an den Speck, Dehnen und Aufwärmen hätten zu viel Zeit gekostet. Zerrungen treten zu den ungünstigsten Zeitpunkten, meist nach plötzlichen, unkoordinierten Bewegungen auf. Unvorbereitet kann es schnell zu Überdehnungen und leichten Beschädigungen der Muskelfasern kommen. Und das macht schlichtweg keinen Spaß. Das Risiko einer Zerrung kann man aber durch gründliches Aufwärmen und Dehnen stark verringern. TOT

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 21/14.