Flops

A–Z Im TV-Quotenhit „Die Höhle der Löwen“ gehören Niederlagen zum Programm – in das auch einige Erfindungen von Konrad Adenauer passen würden. Unser Lexikon der Woche
der Freitag | Ausgabe 41/2016
Flops
Montage: derFreitag: Material: Jultud/iStock, United Archives/Imago

A

Adenauer Als im Jahr 1915 Lebensmittel in Deutschland knapp wurden (➝ Zukunftsforschung), versuchte Konrad Adenauer, ein Brot auf den Markt zu bringen, das vor allem aus rumänischem Maismehl bestand. Der Plan scheiterte, weil das Kaiserreich gegen Rumänien in den Krieg zog. Viele Erfindungen des Hobbyerfinders waren sinnvoll, nur das Timing ungünstig. Lange bevor Veganismus hip wurde, erfand der spätere Bundeskanzler etwa eine Sojawurst, die patentiert wurde, aber am Markt floppte.

Wobei manche seiner Tüfteleien auch absurd anmuteten: Adenauers elektrischer Insektentöter von 1935, der mit 1.000 Volt geladen und mit einer Wasser-Ätzkali-Lösung getränkt werden sollte, hätte nicht nur Insekten, sondern auch Gärtner getötet. Ebenso chancenlos war die „Vorrichtung zur Verhinderung des Überfahrenwerdens durch Straßenbahnen“, was wohl daran lag, dass das Beiseiteschubsen durch eine Walze nicht signifikant sicherer ist. Mirjam Kay Kruecken

B

Bus Metropolen können innovative Ideen zur Beseitigung von Smog und Stau gut gebrauchen (➝ U-Bahn). Da kam eine chinesische Erfindung vor einigen Monaten wie gerufen: Der „Tunnelbus“ – eine Art elektronisch betriebener Katamaran auf Schienen – sollte über den Großstadtverkehr hinweggleiten und bis zu 1.200 Passagiere fassen. Hört sich zu gut an, um zu funktionieren? Stimmt. Denn der überdimensionierte Tunnelbus kommt nicht um 90-Grad-Ecken und ist nicht hoch genug, als dass Lkw unter ihm Platz fänden. Ganz zu schweigen von der Frage, wie ein Auto abbiegen soll, das gerade von einem Tunnelbus geschluckt worden ist. Auch der Elektromotor des riesiges Gefährts ist eher eine große Baustelle. All diese Probleme hinderten den Hersteller allerdings nicht daran, einen Prototypen zu erstellen. Jetzt ist der Flop im originalgetreuen Modell zu bestaunen. Benjamin Knödler

E

Einstein Albert Einstein hat mindestens zwei Bezüge zu Otto Lilienthal. Bevor Lilienthal seine ersten Flugversuche (➝ Raketenrucksack) unternahm, erfand er zusammen mit Bruder Gustav die Ankerbausteine. Diese aus Sand und Kreide geformten Teile erfreuten sich als Baukastenelemente großer Beliebtheit. Allerdings gelang es den Lilienthal-Brüdern selbst nicht, das Kinderspielzeug zu vermarkten. Sie verkauften ihre Idee an einen Unternehmer, der den drohenden Flop in Gold verwandelte.

Albert Einstein soll als Kind mit Ankersteinen Realität und Relativität erprobt haben. Auch die Luftfahrt interessierte den späteren Nobelpreisträger. Nachdem er eine Schrift über die Strömungslehre verfasst hatte, schlug er eine neue Tragflächenform vor. Sie war wie ein Katzenbuckel geformt, konnte aber, montiert an Doppeldeckern, die Testpiloten nicht überzeugen. Zunächst schlingerte der Apparat gefährlich, spätere Verbesserungen bremsten ihn ab. Ein Pilot meinte: „Aus der schwangeren war nun eine lahme Ente geworden.“ Einstein musste einsehen: Zwischen Theorie und Praxis bestehen Unterschiede. Tobias Prüwer

H

Höhle In der TV-Show Die Höhle der Löwen, die gerade in der dritten Staffel läuft, sollen Jungunternehmer Investoren von ihrem Geschäftsmodell überzeugen. Doch wie die meisten Reality-Formate lebt auch dieses vom Scheitern der Präsentationen. Darunter etwa vegane Naturkosmetik, die nicht dermatologisch getestet wurde, oder ein Onlineshop für Schleifen. Und mehr noch: Selbst von den abgeschlossenen Deals platzen über die Hälfte noch nach der Sendung. Die Gründe dafür sind vielfältig: falsche Fakten (➝ Trump), unklare Absprachen oder höhere Konkurrenzangebote. Schon Äsop wusste in seiner Fabel vom Löwen und vom Fuchs: Die Spuren in so eine Höhle führen hinein und nicht wieder hinaus. Nina Rathke

M

Metropolis Fritz Langs 1927 in die Kinos gekommenes Epos Metropolis gilt längst als „Kultfilm“. Besonders in den Teenagerjahren übte die düstere Zukunftsvision, die von einer radikalen Klassengesellschaft erzählt, auch auf mich und meine Mitschüler eine große Faszination aus. Allerdings hatte ich den Film damals nie ganz gesehen. Erst vor einigen Jahren, nachdem die längere Originalfassung, die seit über 80 Jahren verschollen war, in Argentinien gefunden wurde, kam ich dazu. Aber ich war – abgesehen von den beachtlichen Kulissen (➝ Oranienburg) – enttäuscht. Was für ein pathetischer Kitsch! Kein Wunder also, dass der fünf Millionen Reichsmark teure Film entgegen seiner heutigen Wertschätzung bei den Zeitgenossen gründlich floppte: Nur 15.000 Leute sahen ihn seinerzeit im Kino. Also wer weiß, vielleicht ernetet Final Fantasy in ein paar Jahrzehnten noch Ruhm als Zeitdokument. Sophie Elmenthaler

MiniDisc Neulich bin ich mal wieder umgezogen (➝V-Bett). Es gab nicht übermäßig viel zu packen, mein Freund ist eine Art deutsche Marie Kondō, was wir nicht brauchen, werfen wir weg. Nur eine unbrauchbare Blechkiste schaffte es wieder bis in den neuen Keller. Sie enthält an die 100 MiniDiscs und ein kaputtes Sony-Gerät. Auf den MiniDiscs sind Interviews, die ich Anfang der Nullerjahre fürs Radio mit Musikern führte, in Hotels, ranzigen Backstageräumen und einmal sogar in der Abstellkammer eines Clubs. Mit dem MD-Player konnte man sie aufnehmen, schneiden und im Studio abspielen. Winzige CDs in einer fancy Plastikhülle – so sah sie für sehr kurze Zeit aus, die Audiozukunft. Ihr Gebrauchswert entspricht heute dem einer Dose Tomaten, wenn man keinen Öffner hat. Anders als bei der Schallplatte schließe ich ein Revival kategorisch aus. Christine Käppeler

O

Oranienburg Richtig chinesisch (➝ Bus) sollte es werden – mit Pagodentor, Teehaus und Rikschastand: das „Chinatown Oranienburg“. Auf einem alten Militärflugplatz hätte Mitte der Nullerjahre für 500 Millionen Euro ein neuer Stadtteil aus dem Boden gestampft werden sollen. Darin sollten 2.000 Chinesen wohnen, chinesischen Alltag praktizieren und von chinesischem Gewerbe leben.

Der Bauausschuss von Oranienburg hatte der „Aufstellung eines Bebauungsplans für eine chinesische Stadt“ bereits zugestimmt. Der Bürgermeister stand voll dahinter. Das Projekt war bundesweit einmalig und hätte Touristen in Scharen anziehen sollen. Nur leider bestand die Investitionsfirma in Frankfurt/Oder aus lediglich vier Leuten und hatte kein Kapital. Und auch keinen Kontakt zu chinesischen Investoren. Hätte wahrscheinlich auch nichts genutzt. Zu gern versenkten Chinesen in diesen Jahren in Deutschland Großprojekte. „Chinatown Oranienburg“ wurde 2008 begraben. Susann Sitzler

R

Raketenrucksack Seit James Bond 1965 in Thunderball seinen Widersachern mit etwas davonflog, das aussah wie zwei Taucherflaschen mit Armstützen, träumten viele von einem eigenen Raketenrucksack. Doch Generationen von Tüftlern scheiterten an den Naturgesetzen. Mehr als ein motorisiertes Hüpfen schien die Physik nicht herzugeben, wenn ein Mensch sich aus dem Stand in die Luft erheben will. Längst hat der Traum an Glanz verloren, doch es wird weiter daran gebastelt. Gerade steht ein neuseeländischer Unternehmer (➝ Höhle) mit einem funktionsfähigen Modell kurz vor dem Durchbruch. Das „Martin Jetpack“ fliegt 28 Minuten – sieht aber aus wie ein fliegender Aufsitzrasenmäher. Es wartet noch auf seine Markteinführung. Susann Sitzler

T

Trump Donald Trump präsentiert sich gern als großer Macher und Geschäftsmann von Format. Dabei ist seine unternehmerische Biografie – die kürzlich enthüllten Abschreibungen in seiner Steuererklärung sind nur ein weiteres Indiz dafür – auch eine Sammlung beachtlicher Bruchlandungen. Da ist zum Beispiel Trump-Wodka aus der Zeit, als Donald in Schnaps machen wollte. Niemand hatte Lust darauf (➝ Metropolis). Die Betreibergesellschaft Trump Entertainment Resorts, die einst drei Trump-Casinos besaß, ist nach mehreren Insolvenzen nun endgültig pleite. Trump Airlines wurde für ihn eher ein Ikarus-Programm. Nach nur wenigen Jahren übernahm US Airways das Projekt. Erfolgsgeschichten gehen anders, aber ein Macher ist Trump trotzdem – vor allem von heißer Luft. Benjamin Knödler

U

U-Bahn Ohne Genehmigung, aber mit viel Pragmatismus nahm der Erfinder Alfred E. Beach aus Springfield, Massachusetts, im Jahr 1870 350.000 Dollar in die Hand, um aus dem Keller eines Lokals heraus die Untertunnelung Manhattans zu realisieren. Er war davon überzeugt, dass sich das Projekt amortisieren würde: 25 Cent sollte die Fahrt auf der 95 Meter langen Strecke unter dem Broadway kosten, wobei Beach von 20.000 Gästen pro Tag ausging. Mit Luftdruck betriebene Zugwagen hatte er ebenfalls entwickelt. Doch seine Vision scheiterte am Widerstand der Politik (➝ Adenauer). 1896 verstarb Alfred E. Beach verarmt – acht Jahre bevor New York seine erste U-Bahn einweihte. Timon Karl Kaleyta

V

V-Bett Als Kind war Joseph Pilates kränklich. Vielleicht beschäftigte er sich deshalb zeitlebens mit der Ertüchtigung des Körpers. Er selbst war nicht nur aktiver Sportler, arbeitete als Profiboxer und Zirkusartist, sondern er hegte auch ein generelles Interesse daran, wie Menschen zu einem gesunden Leben finden können. Neben Tierbewegungsstudien beschäftigte sich der Deutsch-Amerikaner mit Yoga und entwickelte sein Contrology genanntes Übungssystem, das unter dem Namen Pilates weltbekannt wurde.

Dass die Pilates-Trainingsgeräte wie Bettgestelle anmuten, hat einen Grund: Ihr Schöpfer experimentierte (➝ Einstein) zuerst mit Betten und Matratzen. Sogar eine eigene Schlafstatt ersann Pilates. Sein V-förmiges Bett hatte einen Längsknick in der Mitte der Liegefläche, was die stabile Schlaflage garantieren sollte. Gewiss: Herausfallen kann aus dem unbequemen Ding niemand. Schlafen aber auch nicht, weshalb Pilates die Malträtierliege einmottete. Zum Glück, denn mit dem Bett kriegt man Rücken. Tobias Prüwer

Z

Zukunftsforschung Biosphere 2 ist der Name eines Gebäudekomplexes in Arizona, in dem in den 90er Jahren (➝ MiniDisc) ein mit tausenden Tier- und Pflanzenarten besiedeltes, autarkes Ökosystem die Möglichkeiten ausloten sollte, wie man auf langen Raumflügen oder fremden Planeten am besten überleben könnte. Lediglich Sonnenlicht und Strom wurden von außen zugeführt.

Von 1991 bis 1993 lebten acht völlig auf sich gestellte Menschen in dem Gebäude. Die meisten Berechnungen erwiesen sich jedoch als falsch: Gegen Ende des Experiments wurde der Sauerstoff knapp, die Bewohner litten wegen der unzulänglichen Erträge ihrer Intensivlandwirtschaft Hunger. Kakerlaken und Ameisen vermehrten sich ungebremst. Heute nutzt die University of Arizona die Einrichtung zur Erforschung der Folgen des Klimawandels. Uwe Buckesfeld

06:00 26.10.2016
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