A–Z Gurlitt und die Welt

Andere Sicht Der Fall Gurlitt machte auch weltweit Schlagzeilen: Aber wie unterschiedlich schauen Schweizer, Italiener, Chinesen oder Israelis darauf? Ein Überblick
Autoren des Freitag | Ausgabe 48/2013 4

A

Argentinien Viel ist von dem Fall Gurlitt bisher nicht in Argentinien angekommen. Zwar berichteten die einschlägigen Medien mit kurzen Meldungen über den spektakulären Kunstfund, die öffentliche Resonanz ist aber sehr gering. Dabei könnte der Fall für Argentinien durchaus von Interesse sein – immerhin wurde das Land nach 1945 zu einem der wichtigsten Anlaufpunkte für Nazi-Flüchtlinge in Lateinamerika. Hubert von Blücher, Sohn eines Botschafters, in dessen Garten Hitler einen Teil des Reichsbankgoldes hatte vergraben lassen, setzte mit sogenanntem Nazigold in Argentinien umgerechnet 400 Millionen Dollar um. Und der Kunstdetektiv Marc Masurovsky konnte in einem Bericht 1997 belegen, dass über Spanien und Portugal viele entwendete Kunstwerke nach Übersee geschmuggelt worden waren – vor allem nach Argentinien. Nur: Wenn Gurlitt über tausend Bilder in einer Münchener Wohnung verstecken konnte, wie schwer dürfte es erst sein, geschmuggelte Ware in Argentinien ausfindig zu machen? Juliane Löffler

B

Brasilien Fast niemandem in Brasilien sagt der Name Cornelius Gurlitt etwas. Aber manche wissen, dass wertvolle Kunstwerke in einer Wohnung in Deutschland gefunden wurden. Die wichtigsten Zeitungen berichteten darüber, da Nazi-Geschichten noch immer ein populäres Thema sind. Abseits großer Schlagzeilen sind die Details von Gurlitts Geschichte allerdings nicht besonders ausführlich dargestellt, da die Medien meist abhängig von Presseagenturen und Übersetzungen aus dem Englischen sind. In den vergangenen Wochen wurden nur wenige analytische Texte über das deutsches Gedächtnis und die kunstgeschichtliche Bedeutung der Bilder veröffentlicht. Derzeit interessieren sich die Brasilianer mehr dafür, wie Deutschland mit der NSA-Spionage umgeht als mit seiner Vergangenheit. Suzana Velasco

C

China Selbst am Reich der Mitte geht der Kunstfund in München nicht ganz vorbei. Verschiedene chinesische Print- und Onlinemedien, von der regierungsnahen Global Times bis zur eher regierungskritischen Southern China Morning Post, übernehmen internationale Agenturmeldungen und Berichte englischsprachiger Medien dazu. Selbst kommentiert wird aber so gut wie gar nicht.

Und die Reaktionen in der Bevölkerung? Nur wenige haben etwas von dem Fall gehört: die deutsche Exil-Community natürlich und einige Kulturinteressierte. Die Position bei den chinesischen Intellektuellen teilt sich in zwei Lager. Auf der einen Seite gibt es den Standpunkt, nach dem die Bilder an ihre ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden sollen. Und es gibt einen liberaleren, für den der Aufbewahrungsort keine Rolle spielt, sondern für den es nur entscheidend ist, dass die Kunstschätze gut aufbewahrt werden. Diese offene Haltung, die der Erhaltung der Kunst oberste Priorität einräumt, könnte durch die Erfahrungen der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 entstanden sein, bei der unzählige Kulturgüter einfach vernichtet wurden. Katharina Finke

F

Frankreich Der große Scoop gelang einem französischen Magazin: Paris-Match-Reporter Dénis Trierweiler begegnete Cornelius Gurlitt als Erster einfach auf dem Hausflur in dessen Schwabinger Wohnhaus. Wenig später gingen die Bilder um die Welt. „Hätte sich die Geschichte in Frankreich abgespielt, hätten sich wochenlang Satellitenwagen, Paparazzi und Reporter vor dem Haus postiert“, wunderte sich Trierweiler. Er und viele andere französische Beobachter fragen sich, warum die Behörden so lange gewartet haben, den Fund öffentlich zu machen. Und warum es den deutschen Medien und der Justiz über Jahrzehnte nicht gelang, dem Kunstschatz auf die Spur zu kommen. „Gurlitt wurde von oben geschützt“, spekuliert Trierweiler.

Die Berichterstattung hat aber bereits stark nachgelassen. Die Starjournalistin Anne Sinclair hat indes Ansprüche auf die Sitzende Frau von Henri Matisse angemeldet. Bis 1942 gehörte das Bild ihrem Großvater, dem jüdischen Kunsthändler Paul Rosenberg. Romy Straßenburg

I

Israel „Der Gurlitt-Fall wird vielleicht mehr als jeder andere Deutschlands Verpflichtung zu den Washington Principles auf die Probe stellen“, schreibt die Times of Israel. Die Online-Zeitung legt den Fokus auf die „mysteriösen“ Hintergründe, die zur Entdeckung des Kunstschatzes führten. Sie kritisiert die Behörden und fragt, warum die Liste der Werke nicht komplett veröffentlicht wird. Über die Verwicklungen des Falls und sein spätes Bekanntwerden zeigt sich auch die Jerusalem Post irritiert, die den Fokus auf die früheren Besitzer beziehungsweise deren Angehörige richtet. Aufgrund fehlender öffentlicher Informationen seien viele Betroffene selbst zu „Detektiven“ geworden. Und: Nach Eigenrecherchen hätten sie die gestohlenen Kunstwerke längst bei Cornelius Gurlitt vermutet. Als „qualvoll“ wird die Verzögerung empfunden. Die Rückgabe, schreibt die Jerusalem Post, gestalte sich aufgrund der Rechtslage schwierig. Tobias Prüwer

Italien Fragt man Italiener nach Cornelius Gurlitt, können sie detailreich die Geschichte des entdeckten Kunstschatzes schildern. Fast täglich berichten große Zeitungen und Fernsehsender. Und es wird intensiv kommentiert. Auf der Website des Corriere della sera schreibt ein Leser: „I Krauti“ seien gut darin, „die Tatsachen zu ihren Gunsten zu verdrehen“. Ein anderer: „Alles, was uns zu Onkel Adolf zurückbringt, erregt Aufmerksamkeit.“ Die Bilder sollten nicht in Deutschland bleiben – „in irgendeinem Museum, heuchlerisch mit Antinazi-Floskeln eingeweiht. Das wäre ein Hohn!“ Manche Texte lesen sich wie Spionageromane, vom „mysteriösen Sammler und der Demaskierung“ ist die Rede. Und es zeigt sich die Liebe zum Pathos: Viele sehen in der Affäre eine große „Kunstoper“. Maxi Leinkauf

P

Portugal In Portugal ist man derzeit auf Berichterstattung aus Deutschland sensibilisiert. Vor allem, weil man wissen will, was für Maßnahmen wegen der Krise auf das Land zukommen und Berlin hier als entscheidender Faktor in der EU angesehen wird. Das mag aber auch der Grund sein, warum die Geschichte um Gurlitt von zahlreichen Medien aufgegriffen wurde. Vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk über die wichtigen Tageszeitungen bis hin zu relevanten wöchentlichen Publikationen. Zwei Wörter tauchen dabei immer in den Überschriften auf: „Nazi“ und „Deutschland“. Allen Berichten gemeinsam ist, dass Deutschland kritisiert wird. Es geht mehr darum, dass Deutschland einen Fehler gemacht hat als um kulturelle Fragen. Vielleicht kein Wunder, wenn man bedenkt, dass das Kulturministerium vergangenes Jahr aus Spargründen aufgelöst und der Minister wegrationalisiert wurde. Lediglich die Zeitung Público, die für kulturelles Engagement bekannt ist, hat die kunstgeschichtliche Bedeutung des Funds thematisiert. KF

S

Schweiz Ausgelöst wurde der Fall Gurlitt bekanntlich durch eine Zollkontrolle im September 2010. Auf die Frage, woher er die 9.000 Euro habe – musste er das eigentlich beantworten, bis 10.000 Euro in bar sind ja zulässig? –, gab Cornelius Gurlitt im Zug von Zürich nach München an: von der Galerie Kornfeld in Bern. Und so wurde der Fall Gurlitt in der Schweiz nun auch zu einem Fall Kornfeld. Unzweifelhaft hat Eberhard W. Kornfeld Geschäfte mit Gurlitt gemacht. In den Neunzigern verkaufte der Auktionator, wie man in der Schweiz sagt, mehrere Werke aus der Sammlung Gurlitt weiter. Die Werke stammten, wie er eingestand, „wohl aus dem Bestand der 1937 beschlagnahmten entarteten Kunst“. Illegal war der Verkauf nicht, sagen Rechtsgelehrte, moralisch allerdings ...

Würde Dürrenmatt noch leben, gäbe das einen schönen Stoff ab. Kornfeld hat einen Ruf zu verlieren. In der Neuen Zürcher Zeitung beklagte er in einem Beitrag die Medienhysterie, als deren Opfer er sich sieht. Er verweist auf die lange Tradition seines Hauses, nächstes Jahr wird ein Jubiläum zu feiern sein. Gegründet wurde das Haus 1864 durch den Kommerzienrat H. G. Gutekunst. No jokes with names, aber der Name ist in diesem Zusammenhang einfach zu gut. Michael Angele

T

Türkei Der geheimnisvolle Herr Gurlitt fasziniert auch die türkische Tageszeitung Hürriyet. Die Geschichte des Fundes lese sich wie ein Drehbuch für einen Film: Ein 80-Jähriger sitzt nach dem Verkauf eines Bildes nervös im Zug von Zürich nach München, als ihn der Zoll kontrolliert. Wenig später finden die Fahnder – so Hürriyet – Unglaubliches in der Wohnung von Cornelius Gurlitt.

Nur diese türkische Zeitung hat Gurlitts Geschichte und die Rolle seines Vaters als Kunsthändler der Nazis genauer erzählt. Die meisten Zeitungen haben nur eine kurze Meldung gebracht mit dem Titel „Nazi-Beute im Wert von einer Milliarde Euro gefunden“. Und sie berichten von der bedeutenden „entarteten Kunst“ und den großen Malern wie Pablo Picasso, Marc Chagall und Otto Dix. Die republikanische Tageszeitung Cumhuriyet ließ ihre Leser wissen, dass die Bilder in einem guten Zustand seien und dass die Nazis 200 Bilder für nur 4.000 Schweizer Franken an Gurlitt verscherbelten. Die linksliberale Zeitung Radikal zitierte den Spiegel, dem Gurlitt sagte, er sei der rechtmäßige Besitzer der Bilder und werde sie nicht zurückgeben. In den meisten Medien bestimmen aber Premierminister Erdoğans Reformpläne für das Bildungssystem völlig die Schlagzeilen. Hanna Mühlenhoff

U

USA Erste Reaktionen: Das US-Außenministerium ermahnt die Bundesregierung, transparenter mit dem Kunstfund umzugehen. Die Jewish Claims Conference, die Interessen jüdischer Holocaust-Überlebender gegenüber Deutschland vertritt, kritisiert die schleppende Veröffentlichung der Bilder scharf und bezeichnet den Fall als symptomatisch für den Umgang mit Raubkunst insgesamt. Schon ist von einer Welle der Empörung die Rede, die über den Atlantik auf Deutschland zuschwappe.

Die US-Leitmedien berichten jedoch ausführlich, aber ohne nennenswerte Entrüstung. Das Wallstreet Journal etwa notiert abgeklärt: Niemand könne ernsthaft über einen solchen Fund überrascht sein und erinnert an Hermann Görings Chefeinkäufer Bruno Lohse, dessen Safe voller Raubkunst erst 2010 in Zürich entdeckt wurde. Und Peter Schjeldahl, Chefkritiker des New Yorker, mokiert sich über seine Kollegen, die auf den Fotos der Staatsanwaltschaft „Meisterwerke“ erkennen wollen. Sein Kommentar: „Phooey“, auf Deutsch wohl: pah! Christine Käppeler

Z

Zypern Dass jüdische Interessenvertretungen den Deutschen "moralische Komplizenschaft" vorwerfen, berichtet die Cyprus Mail. Sie erklärt die lange Geheimhaltung des Gurlitt-Fundes damit, dass der Fall ein „legales und moralisches Minenfeld für die Behörden“ darstelle. Statt der Person Gurlitt steht mangelnde Transparenz im Fokus. Und es wird gefragt, ob die Heimlichtuerei typisch sei, wenn es sich um Raubkunst handele. Die Forderung ist jedenfalls klar: Die Bilder sollen den jüdischen Familien zurückgegeben werden, es sei ihre letzte Verbindung zu den ermordeten Verwandten. ML

11:30 03.12.2013
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