A–Z Kurze Nächte

Lexikon Auch wenn kürzlich Sonnenwende war: Traurig an Weihnachten denken jetzt nur die härtesten Melancholiker. Unser Lexikon der Woche
der Freitag | Ausgabe 26/2014

A

Astronomie Es ist wenig bekannt, aber in den kurzen Sommernächten wird es in Regionen ab dem 50. Breitengrad und nördlicher – von der Lage Passaus angefangen – nachts nicht komplett dunkel. Astronomisch gesehen wird es demzufolge nie ganz Nacht. Das nennt man die Mitternachtsdämmerung. Wir erinnern uns: Weil die Erde nicht ganz rund läuft, sich also in einer Ellipse um die Sonne bewegt, erreicht sie zur Winter- und Sommersonnenwende einen maximalen Abstand zum Feuerstern. Zur Sommersonnenwende erreicht die Sonne so ihren höchsten Stand. Der größere Teil der Sonnenbahn liegt oberhalb des Horizonts, weshalb die kürzeste Nacht herrscht.

In dieser ist die Dämmerung nie abgeschlossen. Allerdings lässt sich diese in drei Phasen unterscheiden: die bürgerliche (Lesen im Freien noch möglich), nautische (Horizontlinie noch sichtbar) und astronomische Dämmerung. Letztere endet mit der völligen Dunkelheit. Die totale Finsternis fällt um die Sommersonnenwende herum allerdings aus, die Nacht dämmert nur vor sich hin. Tobias Prüwer

H

Hitchcock Mit The Short Night hätte Alfred Hitchcock seinen 54. Film geschaffen. 1979, ein Jahr vor seinem Tod, wurden die Arbeiten an dem Projekt jedoch wegen Hitchcocks schlechter gesundheitlicher Verfassung abgebrochen. Ein Doppelagenten-Spionage-Thriller wäre es geworden, der in Moskau und Finnland spielen sollte. Obwohl das Drehbuch nie fertiggestellt wurde, kann man doch davon ausgehen, dass es wohl ein Film geworden wäre, den wir alle gern durchgestanden hätten. Denn Hitchcock – der Mann, dem Walt Disney angeblich in den 60ern wegen Psycho verboten hatte, jemals in Disneyland zu drehen – wollte mit The Short Night noch einmal ein grausames Suspense-Monstrum schaffen, das die Belastbarkeit des Publikums testen sollte. Euphorisch und detailversessen wie er arbeitete, waren zwei wichtige Szenen bereits vollends ausgemalt: die Flucht aus einem Gefängnis, die mit einem tollkühnen Sprung in die Tiefe enden sollte, und eine widerwärtige Vergewaltigung, bei der das Opfer vom Täter erwürgt werden sollte. Felix-Emeric Tota

I

Im Freien sein Die hellen Abendstunden sollte man, soweit es in diesen Breitengraden das wechselhafte Wetter irgendwie zulässt, im Freien verbringen. Für die ersten Sommerwochen gibt es in diesem Jahr natürlich die Fußball-WM zum Draußenschauen. Und erzähle bitte niemand, drinnen könne man das Bild auf dem Bildschirm besser verfolgen und sich mehr aufs Spiel konzentrieren. Wer sich lieber selbst bewegt, kann in den kurzen Nächten den klassischen Abendspaziergang stundenlang ausdehnen. Oder etwas Neues ausprobieren: Parkour, Slacklinen oder Tricking. Auch die Kulturrezeption verlagert sich ins Freie. Was wäre ein Sommer ohne Open-Air-Kino, Straßenfeste oder Musikfestivals, bei denen man in die Dunkelheit tanzt? Das Kontrastprogramm dazu ist es, zu später Stunde ganz in Ruhe einen Sonnenuntergang anzuschauen. Katharina Finke

K

Kinder Eltern wissen nur zu genau: Kinder scheren sich nicht um die Logik eines 24-Stunden-Rhythmus – geschlafen wird, wenn es dunkel ist. Da gibt es keine zwei Meinungen. Und kurze Nächte bringen lange Tage mit sich, ergo: Es kann verdammt lange hell bleiben. Man könnte ja noch so viel machen, wer will da schon ins Bett geschickt werden? Um das zu umgehen, können Kinder eine große kreative Energie entfalten. „Ich habe Durst“ und „Ich muss noch mal aufs Klo“ sind die Klassiker. Gefolgt von: „Ich muss schnell noch was in den Spielsachen suchen“ und „Kann ich noch eine Gute-Nacht-Geschichte hören? Eine noch?“ Oder gar, schlimmer Konzeptbeschiss: Nach einer halben im Bett ausgeharrten Stunde tauchen sie wieder auf und erklären: „Ich habe schon geschlafen, ich bin schon wieder wach. Wirklich.“

Was kann man da tun? Nichts. Warten bis sie müde sind. Trost finden Eltern nur in Adam Mansbachs programmatischem Buch Verdammte Scheiße, schlaf ein. TOT

M

Melancholie Ist ja eigentlich nichts anderes als Traurigkeit zum falschen Moment. Wenn man traurig ist, gibt es meist einen Grund dafür. Melancholie aber kommt und geht – und keiner kann sagen, warum. Vor ein paar Tagen saß ich mit meinem Sohn am Frühstückstisch, das Verfallsdatum des Joghurts war abgelaufen, und so verloren wir uns in einer kleinen Plauderei über Zeit und Raum. Nun würden die Tage also wieder kürzer, erklärte ich ihm, Weihnachten stehe quasi vor der Tür und sei – obwohl die Sonne, wie Dichter wohl schreiben würden, taghell zum Fenster hereinschien – zum Greifen nah. Meinem Sohn stand plötzlich eine dicke Sorgenfalte auf der Stirn, sein Blick bekam einen Schimmer von Angst, und ich dachte kurz über die Liebe nach. Über die unglückliche natürlich, die nicht zu erreichende, die verzehrende. Er vielleicht auch, das kann ich nicht genau sagen. Dann stand er auf, zog sich an und lief in die Schule. Ich aber dachte noch am Abend an diesen Moment von Melancholie. Jana Hensel

Midsommar Hören wir Midsommar, denken wir sofort an die Werbung und die Produkte eines schwedischen Einrichtungshauses, die uns mit allerlei Skandinavien-Klischees eindecken. Das mit Familie und Freunden gefeierte Sonnwendfest ist in Schweden das zweitgrößte nach Weihnachten. Es gibt viele Bräuche wie das Errichten des Midsommarstång, eines geschmückten Baumes. Jungkartoffeln mit Hering und Sauerrahm werden traditionell mit Nubbe, einem Schnaps, heruntergespült.

Im Gegensatz zu unserem Johannistag haben diese Bräuche keine christliche Überformung erfahren, sondern werden immer noch nach den heidnischen Ursprüngen praktiziert. Und mit Ikea hat das auch nix zu tun ... Sophia Hoffmann

R

Ramadan Eine Bevölkerungsgruppe im Norden Europas freut sich wenig über die langen, hellen Sommernächte – die gläubigen Muslime, alleine in Schweden leben heute 100.000 von ihnen. Sie praktizieren den Fastenmonat Ramadan, während dessen es – nach traditioneller Auffassung – erst nach Sonnenuntergang erlaubt ist, zu essen. Zwar bietet der Islam Ausnahmen für Schwangere, Kinder, Alte und Kranke, doch jenen, die nicht in diese Gruppen fallen, bleiben in manchen Nächten nur fünf Stunden für Essen und Schlafen. Mit ausgiebigem abendlichem Fastenbrechen ist es da nicht weit her.

Die Oberhäupter der islamischen Glaubensgemeinschaft in Schweden nehmen das Problem ernst, auch der europäisch-muslimische Glaubensrat hat sich bereits mit dem Thema befasst. Astronomen sollen eine Regelung für Pol-nahe Regionen errechnen, um den Gläubigen die Einhaltung des Fastenmonats zu erleichtern. Einziger Lichtblick bisher: Der Ramadan richtet sich nach dem islamischen Mondkalender, so verschiebt er sich jedes Jahr um elf Tage nach vorn, sprich: Die Überschneidung mit den kurzen Sommernächten wie in diesem Jahr ergibt sich nur etwa alle 30 Jahre. SH

S

Schlafstörungen Mit den wärmeren Nächten kommen auch die offenen Fenster. Herrlich, wenn man auf dem Land lebt, oft schlafraubend in der Großstadt. Je heller die Nächte, desto doller – die ganze Straße dringt ins Schlafzimmer und ich wache mindestens einmal in der Nacht davon auf. Noch irgendwie nett sind Musikergruppen, die es sich mit Gitarre und Rasseln auf dem Asphalt bequem machen. Tragisch-lustig sind verzweifelte Beziehungsgespräche, herzzerreißend finale Trennungen und nervtötend oft Betrunkene. Am schlimmsten sind aber – ja, auch wenn das keine neue Klage ist – die Touristengruppen aus dem Hostel nebenan. Berlin hat ja keine Sperrstunde, und die Leute nutzen das verständlicherweise aus. Nur warum überkommt sie dann die unbändige Lust, morgens um drei Lieder zu grölen oder „Yeah Berlin, fuck yeah“ zu rufen? Laut war es bei mir in der Straße aber schon immer, versicherte mir kürzlich mein Stammkneipier, als ich mich bei ihm über die Touristifizierung beschweren wollte. Juliane Löffler

Sternschnuppen Die beste Zeit fürs Sternschnuppen-Gucken (Astronomie) ist 2014 in der zweiten Augusthälfte. Echte Romantiker pfeifen aber auf schnöde naturwissenschaftliche Wahrscheinlichkeit. Was ist schon Kerzenschein, wenn man die oder den Angebeteten mit Meteoriten beeindrucken kann, die beim Verglühen Luftteilchen ionisieren? Auch in Zeiten der Google-Sterneguck-App „Sky Map“ wird Sternschnuppen weiter das Glücksbringen nachgesagt. Sieht man eine, soll man einen Wunsch formulieren. Behält man den für sich und glaubt fest dran, erfüllt er sich auch. In anderen Kulturkreisen gelten Sternschnuppen dagegen als böses Omen: In der Mongolei gehen sie als Seelen der Verstorbenen um. Und auf manchen Inseln im Indischen Ozean deutet man sie als Fackel schwingende Dämonen mit Lust auf Menschenjagd. TP

Y

Yoga In New York wird zur Sommersonnenwende der Times Square abgesperrt. Wo an den übrigen 364 Tagen viel Verkehr herrscht, wird zum Sommerbeginn Yoga praktiziert. Seit 2003 treffen sich hier jedes Jahr Yogabegeisterte, um zwischen den Hochhäusern der amerikanischen Metropole mit Sonnengruß, Kriegerposen & Co. den längsten Tag des Jahres zu zelebrieren. Mitmachen kann jeder, der sich angemeldet hat oder der geschickt genug ist, sich einen Weg durch die Absperrung zu bahnen. Angefangen hatte alles 2003 mit drei Teilnehmern. Inzwischen nehmen mehrere Tausend an den eineinhalbstündigen Klassen unter freiem Himmel teil, die von bekannten Yogalehrern geleitet werden.

Mit steigender Teilnehmerzahl änderte sich auch der Rahmen: Musik kam hinzu und ein Yoga-Dorf mit Ständen und Sponsoren, die die Teilnehmer mit Matten und Handtüchern ausstatten. Außerdem wird das Event im Internet übertragen. „Wir wollen, dass die Menschen überall auf der Welt teilhaben können und hoffen, dass in Zukunft noch mehr kommen“, begründen das die Veranstalter KF

Z

Zauber Sommernächte sind nicht nur kurze Nächte, sondern sie haben oft einen ganz eigenen Zauber. Der speist sich auch daraus, dass ihnen all jene Eigenschaften abgehen, die der Nacht normalerweise zugeschrieben werden. Es ist eine Art Stilbruch, der die kurzen Nächte zu besonderen macht. Sommernächte sind nicht unheimlich, sie sind nicht kalt und oft eben auch nicht richtig dunkel. Vor allem aber sind sie nicht einsam.

Was viele mit dem Topos der Nacht verbinden, ist ja die Einsamkeit, die menschenleeren Straßen, eine unwirtliche Atmosphäre. Im Sommer jedoch ist die Luft erfüllt vom Gelächter und Gemurmel der vielen Nachtschwärmer. Laue Nächte werden zu einer Art erweitertem Tag und das Leben nimmt sich leichter. Carpe noctem fällt vielen von der Arbeit des Tages Befreiten leichter als carpe diem – man würde sonst ja nur schlafen. Bei all dem Vergnüglichen kann man jedoch auch für sich sein, ohne einsam zu sein, als stiller Beobachter.

Woher der Zauber schlussendlich genau kommt, ist auch Ansichtssache. Doch dass es ihn gibt, lässt sich nur schwer bestreiten. Wie wäre William Shakespeare sonst auf seinen Sommernachtstraum gekommen, in dem es vor Magie bekanntlich nur so wimmelt? Benjamin Knödler

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06:00 09.07.2014
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