A–Z: Mitte

Lexikon Friedrich Merz rückt ab vom Rand und ins Zentrum der CDU. In Berlin-Moabit ist der Bezirk Mitte zum Glück meilenweit entfernt und für Aristoteles war der Punkt in gleicher Entfernung zu zwei Polen das perfekte Ideal

A

Akademische Klasse Weil „Wissensarbeit“ wachsende Bedeutung gewinnt, darauf verweist der Soziologe Andreas Reckwitz, ist eine neue urbane Mittelklasse entstanden: wissenschaftlich und künstlerisch Tätige, Marketingleute und andere „Kopfarbeiter“, verbunden im Streben nach Selbstverwirklichung. Mitunter materiell nicht besser, sondern gar schlechter gestellt als die traditionelle Mittelklasse, der sie entstammen, fühlen sie sich dieser kulturell überlegen. Vom Erziehungsstil über das Gesundheitsverhalten, die Freizeitaktivitäten bis zum politischen Kosmopolitismus reklamieren sie Werte, die doch alle teilen müssten, und erschrecken, dass es anderswo nicht so ist (➝ Randgruppen). Ja, ich gehöre auch dazu, versuche mir aber vor Augen zu führen, dass ich meine Sicht nicht verallgemeinern kann und nicht herabblicken darf auf Leute, die in anderen Verhältnissen leben. Irmtraud Gutschke

B

Blickwechsel Immer wenn ich mein Habitat Berlin-Mitte verlasse (➝ Leaving), etwa im Wedding oder in Moabit lande, befällt mich ein seltsames Gefühl der Fremdheit, als würde ich mich an einem exotischen Ort befinden. Absurderweise ist gerade die urbane Vielfalt in diesen Stadtteilen der Grund dafür. Normale Menschen, durchmischt von einem unspektakulären Alltag. Familien, Alte, Junge, auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause und eben nicht flanierend, shoppend oder wichtigtuerisch in Galerien hineinschauend. In Mitte verzerrt die Anzahl von Tätowierten, Expads oder in flauschige Mäntel gehüllten Millennials die Wahrnehmung völlig. Hier ist das Leben ein von der Realität weitgehend losgelöstes Distinktionsritual einer kleinen Gruppe von Besserverdienenden. Extrem bedacht auf ihre Außenwirkung, ihre modischen Codes. Seit ich eine Jacke trage, die mich wie jemand vom Ordnungsamt aussehen lässt, und dazu meinen Stetson, ernte ich Blicke unverhohlener Verachtung. Oder Mitleid. Marc Ottiker

F

Fliegen Wenn Sie glauben, die Mitte sei in der Mitte, dann muss ich Sie leider enttäuschen. Als ich begann, Fliegen zu lernen, dachte ich, Norden sei oben mittig. Und dann saß ich neben Fluglehrerin Elvira im Cockpit, die schon erfahrene Pilotin war, ehe sich manche auf Instagram in Uniform zu rekeln begannen und das als gendergerechte Berufsfähigkeitsdokumentation etikettierten. Das Steuerhorn mit schweißnassen Händen umklammernd, lernte ich zwei von noch vielen Sachen: Es gibt magnetisch Nord und geografisch Nord. Und an dem roten Hebel da in der Mitte des Cockpits zieht im Flug niemand – außer im Notfall die Fluglehrerin. Letzteres habe ich schnell begriffen, Ersteres nicht. So lernte ich auch, dass es beim Fliegen eben kein klassisches Geradeaus gibt. Der Wind schiebt einen mehr oder weniger behände nach links oder rechts. Ohne den windabhängigen Vorhaltewinkel auszurechnen, sollte man nicht losfliegen – außer man will woanders ankommen. Und wenn man nach geografisch statt magnetisch Nord will, muss man die Deklination bzw. Missweisung wissen. Und wenn man nach Gitternord will … lassen wir das und buchen einen Flug mit Trägheitsnavigationssystem. Passt zu meiner novemberlichen Befindlichkeit. Jan C. Behmann

K

Klassische Avantgarde Auf Hans Sedlmayrs Verlust der Mitte, 1948 erschienen, eine Theorie der neueren Kunst von der Romantik bis zur klassischen Avantgarde, haben sich so unterschiedliche Autoren wie Alexander Gauland (➝ Zauberwort)und Horst Bredekamp positiv bezogen. Es ist auch wirklich ein wichtiges Buch, das, dem Autor unbewusst, eine Zweideutigkeit der Moderne aufdeckt: Indem sie es ihren Intellektuellen ermöglicht, der Welt, in der sie leben, im Denken kritisch entgegenzutreten, als gehörten sie selbst nicht dazu, hat sie die Subjektivität zunächst radikal gestärkt (Romantik), dann aber ebenso radikal bedroht (man müsse sie ausschalten, um die Welt objektiv – „geometrisch“ – wahrnehmen zu können). Als verlorene „Mitte“ galt Sedlmayr ein Menschsein, das sich aus den Verstrickungen der Welt nicht einmal theoretisch befreit. Michael Jäger

L

Leaving All But Bored, Weak and Old von Mittekill war eines der schönsten Alben des Jahres 2012. Und bis heute ist das Berliner Hinterhof-Musikprojekt von Friedrich Greiling, das gleich im Namen Berlins Mitte (➝ Blickwechsel) für tot erklärt, ein starker Grenzgänger zwischen Electro, New Wave, Chanson und Club-Pop – stets mit Faible für dadaistische Spinnereien. Ganz ungewöhnlich sind die Texte, deren Unpeinlichkeit bemerkenswert ist. Und ihr Zug zum Melancholischen macht Mittekill auch auf dem neuen Album unwiderstehlich. Marc Peschke

M

Mesotes Es ist vor allem Aristoteles geschuldet, dass das Mitte-Ideal das westlichen Denken seit der Antike bis heute prägt. Mit seiner sogenannten Mesotes-Lehre – griechisch: Mitte – führte der Philosoph sie methodisch nicht nur als tugendhaftes Maßhalten in die Ethik ein. Von den Naturbetrachtungen bis zur Logiktheorie zieht sie sich als roter Faden durch sein Denken. Als Punkt zwischen zwei äußeren Polen in gleicher Entfernung ist für ihn die Mitte nicht allein räumliche Vorstellung, sondern stellt auch das Perfekte dar, das ausgeglichene Verhalten. „Die Mitte ist der Gegensatz zu den Extremen“ – wer in dieser Mesotes-Definition die schiefe Extremismustheorie angelegt sieht, liegt goldrichtig (➝ Randgruppen). Tobias Prüwer

N

Nivelliert Helmut Schelskys Fünfziger-Jahre-Diagnose beschrieb das Nachkriegsdeutschland als „Nivellierte Mittelstandsgesellschaft“. Dem Begriff zum Trotz geht der Soziologe von einer sozialen Schichtung, nicht von Ständen aus (Akademische Klasse). Demnach steigt ein großer Teil der Bevölkerung aus der Unterschicht in die Mittelschicht auf, wodurch sich die sozio-ökonomischen Unterschiede nivellieren: Jeder Mensch habe gleiche Chancen auf Karriere und Konsum. Dieses Modell entwickelte suggestive Kraft und untermauerte die Überzeugung, eine Marktwirtschaft könne sozial sein. Das stimmte freilich nicht, Schelskys Beschreibung bildete lediglich die Sonderphase des Nachkriegsbooms ab. Dennoch halten viele Politiker und Gesellschaftswissenschaftler an der fixen Idee einer breiten Mittelschicht fest. Die Zwei-Drittel-Gesellschaft wurde zum ideologischen Kern der sozialen Marktwirtschaft – und eng verquickter Parteipositionen. Der Begriff dient der Beruhigung und dem Überspielen von sozialen Ungleichheiten. Tobias Prüwer

O

Oberhausen Von der Innenstadt bis zur Neuen Mitte von Oberhausen sind es zehn Autominuten. Wo einst mit der Gutehoffnungshütte ein Symbol der Ruhrgebietsindustrie stand, wurde 1992 der Grundstein für ein gigantisches Einkaufs- und Freizeitzentrum gelegt. Eigentlich hätte eine Fläche von 850.000 Quadratmetern bebaut werden sollen, doch Proteste der Nachbarstädte zwangen zu einer kleineren Lösung mit dem prägnanten Namen CentrO (mit großem O für Oberhausen). Neue Mitte heißt das ganze Gelände, das sogar einen eigenen Autobahnanschluss vorweisen kann. Aus Malochern sollten Dienstleister werden. Oft reichte es allerdings nur bis zur vorzeitigen Knappschaftsrente, die immerhin üppig genug für manchen Einkaufsbummel ausfiel. In dieser Hinsicht war die Neue Mitte ein durchschlagender Erfolg. Weniger glücklich ist der innerstädtische Einzelhandel. Überall im Ruhrgebiet schossen Einkaufszentren aus dem Boden, während in den Fußgängerzonen die Schaufenster mit Brettern vernagelt wurden. Joachim Feldmann

Q

Qualitätsmerkmal Menschen streben nach der Maximierung der eigenen Möglich- und Fähigkeiten. Mehr Sprachen lernen, Länder bereisen, Beförderungen ergattern, sportlicher sein: Da geht doch noch was! Dieser Wahn macht krank. Die meisten erwartet auf ihrem Besserwerdentrip irgendwann mindestens eine Enttäuschung – oder gar Absturz. Denn kaum jemand gehört zu den „top 1 percent“, das ist schon mathematisch logisch. Dennoch ist das Wort „Mittelmaß“ häufig abwertend gemeint – zu Unrecht. Es ist doch keine Schande, durchschnittlich begabt zu sein. Ganz okay tanzen, kochen oder singen zu können – oder auch gar nicht. Das betrifft fast alle Menschen, den Durchschnitt eben. Warum auch nicht?

Eltern sind ehrgeizig, schicken ihre Kinder in vorschulische Sprachkurse, zur Sonderförderung. Die Instagram-Aufmerksamkeitsmaschine drillt: Schon im Oktober für den Strandkörper trainieren! Dabei sind zwei Drittel der Männer in Deutschland übergewichtig. Hauptsache, gesehen werden. Wusste schon Oscar Wilde: „Gleichgültigkeit ist die Rache der Welt an den Mittelmäßigen.“ Nur fünf Prozent haben einen Intelligenzquotienten, der nach oben oder unten vom Durchschnitt abweicht. Und sind Genies nicht sowieso mit Tunnelblick bestraft? Isoliert, lonely at the top? Ist es nicht erstrebenswert, in vielen Lebensbereichen gut zu sein, von mir aus auch sehr gut? Für die alten Philosophen (➝ Mesotes) immerhin war das Mittelmaß das menschengerechteste Maß. Ben Mendelson

R

Randgruppen Es ist ihnen nur eines gemeinsam, nämlich, dass sie fern von einer „Mitte“ verortet werden, die ihre Bewegungsrichtungen auch ständig ändert. Zu einer Randgruppe zu gehören oder gezählt zu werden, kann Ausgrenzung bedeuten, aber auch meinen, sich selbst gegenüber einer „Mitte“ zu behaupten. Diese strebt einerseits danach, so manche Randgruppe zu absorbieren, und andererseits gewisse Gemeinschaften von sich wegzutreiben. So geht es zunehmend sozialen Randgruppen, die immer weiter ausgegrenzt und sogar diskriminiert werden. Corona-Leugner oder Impfskeptiker aber werden manchmal wie biblische „verlorene Söhne“ – zwischen Strenge und Belohnung – umworben, damit sie wieder in den Schoß einer Mitte zurückkehren, die sich ihretwegen auch schon in ihre Richtung verbogen hat. „Ich habe das Privileg, mich an den Rand zu treiben, wenn ich das nicht mehr tue, weiß ich nicht mehr, wer ich bin“, sagte der Schriftsteller Thomas Brasch einmal. Es gelingt nicht jedem. Magda Geisler

Z

Zauberwort Es sind wieder Los Wochos in der CDU und Friedrich Merz will Parteichef werden! Dafür drängt er in die „Mitte“ – und will nicht mal AfD-Wähler zurück. Dabei hat das Wort auch bei Rechten magische Kräfte: Björn Höcke stehe in der „Mitte der Partei“, sagte Alexander Gauland vor zwei Jahren – hoffend, dass sein Kamerad nun rehabilitiert sei (➝ Klassische Avantgarde). Die „Neue Mitte“ wollte die SPD im Bundestagwahlkampf 1998 sein und den Neoliberalismus unbedingt mit klassischer Sozialdemokratie versöhnen. Auch ökonomisch sind alle Mitte, sogar Merz, der aber nach eigener Aussage der „gehobenen“ Mittelschicht angehört: Sein Vermögen liegt im achtstelligen Bereich. Dorian Baganz

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