A–Z Polit-Clips

Youtube-Demokratie Die Möglichkeiten des Internets: Ein junger SPD-Mann wurde zum Star, weil er per Video der Hetze von Rechten entgegentrat. Ein Lexikon über politische Online-Videos
Freitag-Redaktion | Ausgabe 04/2014 2
A–Z Polit-Clips

Foto: Screenshot,

A

Afrikabild Videoclips im Netz werden oft zum Spendeneintreiben genutzt. Bei Afrika bedient man sich da gern Bildern von hungernden Kindern und fremden Helfern, die den Kontinent als völlig abhängig von westlicher Hilfe zeichnen. Um dieses Bild kritisch zu hinterfragen, hat im Winter 2012 das Projekt „Radi-Aid“ (Africa for Norway) den Spieß einmal umgedreht: In einem satirischen Online-Video werden Afrikaner dazu aufgerufen, nicht Geld, sondern Heizkörper nach Norwegen zu schicken. Dort darbten die Kinder nicht, aber sie würden frieren. In dem Clip geht es bewusst nicht um ein Land, das in der Öffentlichkeit als hilfsbedürftig gilt, sondern im Gegenteil zu den wohlhabendsten Industriestaaten zählt.

Und wozu die Umkehr der Stereotype? Um deren unreflektierte Verwendung zu kritisieren und Medien zu einer differenzierteren Berichterstattung über Afrika zu bringen. Und in der Tat wurde das Thema dank des Clips von vielen Medien aufgegriffen. Ob die Heizkörper auch wirklich in Norwegen ankamen, ist nicht bekannt. Das war für die Initiatoren aber auch zweitrangig. Katharina Finke

C

Collateral Murder Es ist wohl das politischste Netzvideo überhaupt. Die Veröffentlichung von „Collateral Murder“ im April 2010 markierte einen Schwenk im Vorgehen von WikiLeaks. Selbst aufbereitetes Material wurde präsentiert, ohne die vorhergehende Prüfung durch Journalisten. Der 38-minütige Clip, der US-Luftangriffe in Bagdad im Juli 2007 aus der Perspektive beteiligter Kampfhubschrauber zeigt, sorgte weltweit für Empörung. Das Video zeigt, wie mindestens ein Dutzend Zivilisten erschossen werden, darunter zwei Reuters-Mitarbeiter; die Hubschraubercrews hielten wohl Kamerastative für Waffen. Die mitgelieferten Funksprüche der Piloten klingen wie zynische Kommentare von Videospielern. Man feierte „tote Bastarde“ und beglückwünschte sich zu den Treffern. Bestraft wurde aber der Informant, der das Video lieferte. US-Soldat Bradley – heute Chelsea – Manning wurde zu einer Freiheitsstrafe von 35 Jahren verurteilt. Tobias Prüwer

E

Extremismusvergleich Mancher mag es schon geahnt haben: Die Linken sind schuld an den NSU-Morden! „Es herrscht Bombenstimmung in Deutschland. Die Linken fackeln Luxuskarossen ab und die Rechten kontern mit den sogenannten Döner-Morden.“ Mit diesen Worten beginnt allen Ernstes ein Video der Bundeszentrale für politische Bildung, Titel: „Was ist Extremismus“. Hunderte Menschen beschwerten sich, die Linksfraktion im Bundestag schrieb eine achtseitige Anfrage an die Bundesregierung. Die räumte eine „fehlerhafte Darstellung“ ein, die Bundeszentrale nahm den Clip nach wenigen Tagen wieder aus dem Netz. Bis heute – rund ein Jahr später – steht dort zu lesen: „Dieses Video wird zur Zeit überarbeitet.“ Der an sich problematische Extremismusbegriff wird aber offenbar nicht überarbeitet. Extremisten machen „meist durch Krawall und Skandale auf sich aufmerksam“. Wer hat nochmal den NSU-Skandal verursacht? Felix Werdermann

F

Fahndung Im März 2012 veröffentlichte die NGO Invisible Children den Film Kony im Internet. Darin fordert sie dazu auf, den afrikanischen Rebellenführer Joseph Kony festzunehmen und ihm den Prozess zu machen, da er 30.000 Kinder entführt und zu Soldaten oder Sexsklaven gemacht haben soll. Das 30-minütige Video verbreitet sich innerhalb weniger Stunden. Nach einer Woche hatten den Fahndungsaufruf weltweit 100 Millionen Menschen gesehen. Zahlreiche Reaktionen folgten: Sie reichten von Unterstützung, über Kritik an der politischen Position und der Verwendung der Spendengelder durch Invisible Children bis hin zur Beanstandung, dass die Sachverhalte unzulässig simplifiziert würden. Einen Monat später stellte Invisible Children ein zweites Video online, um auf die Kritik einzugehen. Bekannt wurde Kony durch die Aktionen definitiv. Doch das Ziel, ihn festzunehmen und so ein Exempel zu statuieren, erreichte die NGO nicht. KF

M

Mockumentary Mockumentaries, als Dokumentarfilme daherkommende Fiktionen, haben spätestens seit dem Boom der so genannten Doku-Soaps ihre größte Zeit hinter sich. Man vertraut dokumentarisch Daherkommendem heute nicht mehr so einfach. Manchmal gelingt aber doch noch der Coup, das Publikum zu täuschen. Der Regisseur Slavko Martinov legte 2012 seinen Film Propaganda vor, der Indoktrination untersucht, indem er behauptet, eine nordkoreanische Dokumentation zu sein. Nachdem er auf mehreren Festivals gezeigt wurde, geriet er ins Netz. Viele hielten ihn für echt und den nordkoreanischen Blick auf den kapitalistischen Imperialismus für authentisch. Unter dem Titel „Wir Linkskoreaner“ zog taz-Kolumnist Deniz Yücel Parallelen zur Weltsicht in Teilen der Linken, etwa zum Geißeln Israels als Schurkenstaat. Daraufhin warf ihm Bildblog vor, das Fake nicht erkannt zu haben. Das hätte er, wehrte sich Yücel. Er habe „eine gefakte Rezension über eine gefakte Dokumentation“ schreiben wollen. Ääh ... ja klar. TP

P

Palmöl Für die Herstellung zahlreicher Schokosnacks wird Palmöl verwendet. Bei dessen Anbau werden aber Millionen Hektar Regenwälder und somit die Lebensräume von Orang-Utans zerstört. Das will Greenpeace ändern, weswegen die NGO eine Kampagne gegen Nestlé startete, um den Palmölbezug aus Gebieten mit abgeholztem Urwald zu stoppen. Eingeleitet wurde die Kampagne mit einem Parodie-Clip auf den KitKat-Werbespot. Wobei ein Büroangestellter beim Verzehr des Riegels auf Orang-Utan-Finger statt Schokolade beißt und ihm Blut entgegenspritzt. Dann erscheint der Slogan: „Give the orang-utan a break.

Nestlé ließ das Video wegen Urheberrechtsverletzung von Youtube löschen. Die Folge: Das Interesse an dem Clip explodierte und zahlreiche Diskussionen im Netz und in Offline-Medien entspannen sich. Im Mai 2010 kündigte Nestlé schließlich die Verträge mit den fragwürdigen Palmöllieferanten. KF

Polizeigewalt „Wer kennt den Mann in Blau?“: Rasch verbreitete sich 2009 ein Video zur Polizeigewalt im Netz. Auf der „Freiheit-statt-Sicherheit“-Demo in Berlin wurde damals ein Mann mit blauem T-Shirt von Polizisten geschlagen. Den angeblichen Grund – die Störung der Polizeiarbeit – entlarvte das Video. Eine Klage gegen den damals 37-Jährigen wurde fallen gelassen, die verantwortlichen Beamten wurden aufgrund des öffentlichen Drucks bestraft, allerdings milde.

Das Handy-Video aus Berlin ist ein Beispiel von vielen: Aufnahmen von Polizeigewalt bilden ein eigenes Subgenre des Polit-Clips. Früher, etwa im Fall Rodney Kings, der 1992 zu erheblichen Unruhen in Los Angeles führte, entschieden noch TV-Journalisten über die Relevanz von Übergriffen und die Veröffentlichung des Filmmaterials. Das hat sich mit Youtube und anderen sozialen Medien grundlegend geändert. Oft sind es hingegen nun Netzvideos, die die offizielle Polizeidarstellung korrigieren und die Medienberichterstattung beeinflussen. TP

S

Sexuelle Gewalt Seit der tödlichen Gruppenvergewaltigung im Dezember 2012 wird in Indien das Thema sexuelle Gewalt öffentlich diskutiert. Teilweise ist die Debatte jedoch von üblen Zynismen geprägt. Frauen, hieß es etwa, sollten auf ihre Kleidung achten oder eben nicht aus dem Haus gehen. In dem Satirevideo „It‘s your fault“ werden diese absurden Aussagen demaskiert. Zwei Inderinnen erklären darin – immer lächelnd –, dass Frauen selbst schuld seien, wenn sie vergewaltigt würden. Während sie die Schuldumkehrargumente vortragen, bekommen ihre Gesichter immer mehr Schrammen, Wunden und Blutergüsse.

Über drei Millionen Mal wurde der Clip auf Youtube angesehen. Die Macher wurden sogar nach Versionen in anderen Sprachen gefragt, um eine größere Öffentlichkeit zu erreichen. Benjamin Knödler

Ü

Überwachungswahn Vorratsdatenspeicherung, neuer Personalausweis und noch mehr Überwachungskameras – die immer weitergehenden Eingriffe in die Privatsphäre der Menschen empörten auch einen Design-Studenten. Der widmete dem Thema 2009 seine Abschlussarbeit: ein Video mit dem Titel „Du bis Terrorist“, für das er zahlreiche Auszeichnungen erhielt.

Nicht nur der Titel erinnert an die „Du-bist-Deutschland“-Kampagne: Von betörender Klaviermusik unterlegt säuselt eine Stimme, dass Deutschland von 82 Millionen potentiellen Terroristen bevölkert sei. Dieses von Politikern gern gezeichnete Schreckensbild wird anschließend munter durch den Kakao gezogen. Gleichzeitig illustrieren Zeichnungen und Animationen, die an die logo-Kindernachrichten erinnern, den Überwachungswahn, machen ihn verständlich und dadurch noch erschreckender. Vor allem wenn man bedenkt, dass man sich an einiges davon schon gewöhnt hat. BK

W

Widerstand Video kills the NPD: Ob man sich diesen Namen wird merken können, Patrick Dahlemann? Immerhin hat der SPD-Lokalpolitiker in Mecklenburg-Vorpommern Mut bewiesen. Im Sommer 2013 veranstaltete die NPD ihre unsägliche „Asyltour“. Eine Etappe der Flüchtlingshetze führte sie nach Torgelow, wo Dahlemann eine Gegendemo organisierte. Der NPD-Versammlungsleiter bot ihm dort kurz das Mikro an, sicherlich, um den jungen SPDler vorzuführen – und erlebte sein Waterloo, pardon: Stalingrad. Dahlemann stahl der NPD die Show und demontierte ihre Parolen. Der 25-Jährige appellierte an die Menschlichkeit der Torgelower Bevölkerung und versuchte den Umstehenden klar zu machen, dass Flüchtlinge nicht aus Spaß ihre Heimat aufgeben. Anfang Januar stellte er das Video seiner Widerrede anlässlich einer Diskussion über Asylrechte online – und wurde zum Youtube-Star. Die NPD verbot das Video zwar, da sie die Rechte habe. Doch da war es bereits viral verbreitet, wurde geklickt, geteilt und gefeiert. TP

Z

Zitat-Collage Man hat schon glücklichere Wahlkämpfe gesehen als den von Mitt Romney bei der US-Präsidenschaftswahl 2012. Denn der Republikaner sprang von einem Fettnapf in den nächsten. Mal erklärte er, dass er sich um die armen US-Amerikaner keine Sorgen mache, ein andermal bot der Multimillionär vor laufender Kamera spontan eine Wette über 10.000 Dollar an und entfachte so eine Debatte über seinen Reichtum. Trotz einiger markiger Sprüche wurde Romneys Linie niemandem wirklich klar. Die Frage, wer der wirkliche Romney eigentlich ist, wurde von allen Seiten gestellt. Als Antwort darauf und in Anlehnung an einen Song des Rappers Eminem „The Real Slim Shady“ bastelte der junge Australier Hugh Atkin das Video „The real Mitt Romney“. Es ist eine Collage der besten Romney’schen Entgleisungen, die ihn allerdings zum veritablen Rapper werden lassen. Natürlich wird auf den ersten Blick vor allem Romney auf die Schippe genommen. Doch das Video macht auch allgemein deutlich, zu welchen Äußerungen sich Politiker hinreißen lassen.

Vor allem das macht den Clip noch immer sehenswert. Und auch wenn Romney die Wahl am Ende nicht gewonnen hat, weiß man jetzt zumindest, wer er ist. BK



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06:00 05.02.2014

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