A–Z Praktikanten

Arbeitswelt Alle warten auf den gesetzlichen Mindestlohn. Alle? Nein, für Praktikanten gilt er nicht. Was das Praktikantenleben sonst noch kompliziert macht, erklärt unser Lexikon
Ausgabe 13/2014

A

Anschiss Stiernackig sitzt der Chef einem mit puterrotem Gesicht in seinem postfeudal eingerichteten Büro gegenüber. Hinter ihm die Köpfe der letzten drei Praktikanten als Trophäen an der Wand. Es folgt: die erste Packung Anschiss. Man hat die Akten aus Versehen geschreddert, statt sie zu kopieren. Es hagelt also Verbalinjurien, die die eigene Unfähigkeit betreffen. Was es an „eine Kopie in Ablage P“ nicht zu verstehen gebe? Daraufhin verlässt man das Büro. Die Festangestellten, die einem auf dem Gang begegnen, schütteln den Kopf. Das ist das asymmetrische Verhältnis zwischen dem Praktikanten und der festangestellten Restwelt. Der Praktikant, ein prekärer Kurzzeitgast, hätte es doch wissen müssen. Die Festangestellten, schon immer da gewesen, wussten ja auch schon immer, wie es läuft. Felix Tota

B

Bericht With great Praktikum comes great Praktikumsbericht. Und meistens auch die sofortige Überforderung. Der Blick von außen geht einem verloren, man fängt sich die Betriebsblindheit ein. „Ich habe die Post sortiert, ich habe fünf E-Mails geschrieben, Mittagspause war um zwölf Uhr, später gab es Kuchen, einer hatte Geburtstag.“ Das ist alles schnell erzählt und nicht unbedingt zielorientiert.

In manchen Fällen müssen Praktikumsberichte sogar mehr als 12 Seiten umfassen. Das ist eine Menge Platz, vor allem wenn man feste, sich schnell erklärende Arbeitsroutinen hat. Wovon soll man also erzählen? Womit soll man seinen Bericht bloß füllen? Gewissenhaft und imposant möchte man seine Praktikums-Chronik darlegen – und dann? Ja, genau. Und dann? Die handfeste Sinnkrise, die völlige Wortlosigkeit, ausgelöst durch die Tyrannei des leeren Blatts Papier. Der Praktikumsbericht ist eine sehr tückische Textgattung. TOT

C

CV-Pimping Lebenslaufverschönern gehört in einem als Leistungsgesellschaft verkleideten Job-Verknappungssystem zum guten Ton. Auf die Generation Praktikum ist die Generation Lebenslauf gefolgt. Übers CV-Pimping – also das Aufmotzen des Curriculum Vitae – stolpern daher auch nur jene, die es übertreiben. Etwa Yahoo-Chef Scott Thompson, der einen Abschluss in Informatik erfand und deshalb 2012 seinen Posten verlor.

Karl-Theodor zu Guttenberg wurde hingegen nur sein Doktorarbeits-Plagiat zum Verhängnis, seine anderen CV-Flunkereien ließ man ihm durchgehen. So verschönerte Guttenberg gewohnt selbstbewusst zwei Praktika als „berufliche Stationen in Frankfurt und New York“. Das klingt einfach besser als studentisches Reinschnuppern bei zwei Anwaltskanzleien. Nach seinem Abgang als Minister schloss sich ein ähnlich wohlwollend interpretierbarer Werdegang an. Wichtig klingt es, wenn er als Mitarbeiter im amerikanischen „Center for Strategic and International Studies“ geführt wird und als Berater von Neelie Kroes, Vizepräsidentin der EU-Kommission. Erfährt man aber, dass es sich bei beidem um unbezahlte Tätigkeiten handelt, klingt das wie, nun ja, unbezahlte Praktika. Tobias Prüwer

D

Dank Die kleinen Zeitungstexte werden gern unterschätzt. Zum einen gesteht man ihnen nicht das Renommee des großen Essays oder des scharfen Leitartikels zu. Zum anderen wird ihnen unterstellt, dass man sie in fünf Minuten schreiben könne. Weil sie aber viel mehr Arbeit als Renommee bringen, reißen sich Redakteure nicht gerade darum. Das A–Z des Freitag entsteht deshalb Woche für Woche nur dank des Einsatzes der Redaktionspraktikanten. Deshalb an dieser Stelle einfach einmal: Danke! Jan Pfaff

G

Geschichte Selbst wenn Praktikanten nicht immer den besten Ruf genießen – er war auch schon mal schlechter. Im 16. Jahrhundert bezog sich die Bezeichnung auf das französische Wort „pratiques“, was damals so viel wie „unsauberer Kunstgriff“ bedeutete. Ein Praktikant war also einer, der unsauber arbeitete (Anschiss). Erst im 17. Jahrhundert bezog man sich auf den antiken Wortursprung: Praktikanten waren fortan diejenigen, die sich praktisch ausbilden ließen.

Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts bedeutete das: Praktikanten wurden zwar für gehobenere Tätigkeiten ausgebildet, mussten aber Lehrgeld löhnen. Erst im 20. Jahrhundert wurde das Praktikum zu dem, was wir heute kennen. Auch wenn heute einige Praktikanten zu Recht über die Bedingungen klagen, ist das nichts Neues. Früher war das Praktikantenleben auch nicht rosig. Benjamin Knödler

K

Klage Praktikanten haben, auch wenn es nicht jeder Arbeitgeber gern sehen mag, Rechte. So verklagte ein Praktikant seinen Chef wegen sittenwidrigen Lohnes. In einem Altenheim sollte er mit einem Stundenlohn von 1,30 Euro abgespeist werden. Das Kieler Arbeitsgericht erklärte die Vergütung von 200 Euro pro Monat für unzulässigen Lohnwucher, da ein Arbeitsverhältnis bestand. Dem Praktikanten wurde eine Lohnnachzahlung von 10.000 Euro zugesprochen. Ihm war eine Ausbildungsstelle versprochen worden, für die das einjährige Vollzeitpraktikum eine Vorstufe sei. Ein Ausbildungsvertrag wurde ihm dann aber nicht angeboten, weshalb er die Klage einreichte. Das Gericht gab ihm Recht. Ein Praktikant sei in einem Betrieb vorübergehend tätig, um Erfahrungen zu sammeln – die Ausbildung stehe im Vordergrund. In diesem Fall sei der Praktikant aber wie ein normaler Arbeitnehmer tätig gewesen. TP

M

Mittelschichtsmeinung Zu viele Praktika verderben die Pressevielfalt. Wer im Journalismus Fuß fassen will, muss ein Praktikum nach dem anderen absolvieren – meist schlecht oder gar nicht bezahlt. Der Berufseinstieg kostet also Geld und die Journalisten rekrutieren sich daher immer stärker aus der Mittelschicht, die sich das leisten kann, während es früher auch mancher Quereinsteiger in die Redaktionen schaffte. Welche Meinungen, welche Themen, welche Perspektiven sind dadurch noch vertreten? Denn auch wenn sich Journalisten um Ausgewogenheit bemühen: Ihr soziales Umfeld und ihr Hintergrund beeinflussen ihre Arbeit.

Die letzte große Repräsentativbefragung deutscher Journalisten stammt aus dem Jahr 2005 und zeigt, dass die soziale Herkunft relativ einheitlich ist: 67 Prozent haben einen Vater, der angestellt oder beamtet ist. Gerade mal neun Prozent kommen aus Arbeiterfamilien. Solange der Praktika-Wahn noch zunimmt, wird sich an diesem Missverhältnis auch nichts ändern. Felix Werdermann

P

Politiker „Prominenter Praktikant“ ist ein gern genommenes Fernsehformat. Insbesondere Politiker lassen sich dafür in praktischen Berufen, in der „richtigen Arbeitswelt“ ablichten, um Bodenständigkeit zu beweisen. Die Kameras müssen dafür zwingend mitlaufen, denn sonst bemerkt das ja niemand. Die Bundestagsabgeordneten Gregor Gysi (Die Linke) und Peter Weiß (CDU) etwa gingen in Kitas hospitieren. Die ARD-Sendung Abgeordnet – der Politiker-Praxistest ließ unter anderem Wolfgang Bosbach (CDU) ein Gefängnis besuchen. MdB Axel Schäfer (SPD) verfolgt das Prinzip Praktikum konsequent: Jährlich absolviert er eine Schnupperwoche, Stationen waren bisher die Bochumer Stadtwerke, eine Schäferin, ein Tierpark und ein Altenheim. TP

S

Satire Was kann man heute von einem Praktikanten alles verlangen? Das NDR-Satiremagazin extra3 hat auf einer Berufsmesse den Test gemacht: Am Infostand „Praktikum – deine Zukunft“ wurden Interessierte gefragt, ob sie 60, 80, 100 oder 120 Stunden in der Woche arbeiten würden. Die Antworten fingen bei 80 Wochenstunden an, einzelne waren auch zu 120 Stunden bereit – ohne Übernahmeperspektive wohlgemerkt. Außerdem wurden die Interessenten gefragt, ob sie bereit wären, um 4.30 Uhr morgens mit dem Chef joggen zu gehen, ob sie für ein Praktikum auch ihre Beziehung beenden und sich zu Kinderlosigkeit verpflichten würden. Die Antwort immer: ja. Für das fiktive Praktikum waren die Interessenten sogar bereit, bis zu 300 Euro zu bezahlen. Dass es sich um eine Satire handelte, merkten sie nicht. Andrea Wierich

Steve Jobs Auch Steve Jobs hat seine Karriere nicht als Apple-Chef begonnen, sondern einmal als Praktikant angefangen. Allerdings bereits als Zwölfjähriger und nicht beim Elektromarkt um die Ecke, sondern beim IT-Unternehmen Hewlett Packard. Für ein Schulprojekt wollte Jobs – schon damals ein Tüftler, wenn auch noch nicht mit denselben Designansprüchen wie später – einen Frequenzzähler bauen und brauchte Bauteile. Bei seiner Suche fing er nicht einfach irgendwo an, sondern suchte im Telefonbuch nach einem William Hewlett und fragte ihn, ob er Bill Hewlett von Hewlett-Packard sei. „Ja“, antwortete dieser. Die beiden unterhielten sich eine Weile über Jobs Projekt. Einige Tage später holte Jobs seine Bauteile bei HP ab – mit in der Tasche auch ein Praktikumsplatz für den Sommer.

Ob das Praktikum bezahlt wurde, ist nicht überliefert. Später dürfte das Jobs angesichts der Milliarden-Gewinne von Apple aber auch egal gewesen sein. BK

T

Tod Moritz Ehrhardt gab alles in seinem Praktikum – und bezahlte es mit dem Leben. Der 21-jährige Deutsche absolvierte im vergangenen August ein Praktikum bei der Bank of America Merill Lynch in London, er wollte Investmentbanker werden. Dafür hielt der Student sich an die knallharten Arbeitszeiten der Branche, in der nicht selten eine 100-Stunden-Woche gilt. Das wurde ihm zum Verhängnis: Nachdem er drei Nächte durchgearbeitet hatte, wurde er tot in der Dusche seines Zimmers aufgefunden.

Untersuchungen ergaben, dass er einen epileptischen Anfall erlitten hatte, der durch Stress und Schlaflosigkeit ausgelöst werden kann. Sein Tod löste eine Debatte darüber aus, wie mit jungen Einsteigern umgegangen wird. Die persönliche Tragödie von Moritz Erhardt ist auch ein Spiegel dafür, wie Praktikanten bisweilen dazu gezwungen werden, die gleiche Arbeit wie Festangestellte zu übernehmen, ohne auch nur ansatzweise ihren Lohn zu erhalten. Maik Siegel

Z

Zippergate Unter diesem Namen ging die Affäre zwischen Bill Clinton und Monica Lewinsky, der wohl berühmtesten Praktikantin der Welt, in die Lehrbücher für Krisen-PR ein. Vorausgegangen war eine intensive Medienberichterstattung über Blow Jobs im Oval Office, eine eigenwillige Definition Clintons von „sexueller Beziehung“ und ein gescheitertes Amtsenthebungsverfahren. Lewinsky versuchte sich nach ihrem Politik-Praktikum im Weißen Haus als Designerin von Handtaschen, die sie aber ziemlich erfolglos unter dem Namen The Real Monica Inc. vermarktete. 2005 begann sie in London ein Masterstudium in Sozialpsychologie, das sie im Dezember 2006 abschloss. Der Titel der Abschlussarbeit: „Auf der Suche nach dem unparteiischen Geschworenen: Eine Untersuchung des Drittpersoneneffekts und der Öffentlichkeit vor dem Gerichtsverfahren“. Barbara Herzog

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