Rad-Eklat

A–Z Ein „Freitag“-Redakteur bekennt sich zum Wutradeln, ein anderer versucht sich im Straßenverkehr mit Zen. Unser A-Z zum Schwerpunkt Verkehr aus der Redaktion
Rad-Eklat

Foto: American Stock Archive/Getty Images

A

Abfuhr Ich schlage gern auf Dächer von Autos, die meinem Rad und mir zu nahe kommen, oder auch gegen die seitlichen Fensterscheiben; ich habe Autofahrer schon bis zur nächsten Ampel oder auf einen nahen Parkplatz verfolgt, wenn sie mir gerade gefährlich dreist die Vorfahrt genommen, mich geschnitten hatten. An der Ampel oder auf dem Parkplatz liefere ich mir heftige Wortgefechte, frage laut, ob ihm oder ihr da im Blechpanzer klar sei, dass sie mich gerade fast schwer verletzt oder getötet hätten, aber dieser pädagogische Impuls ist nur die halbe Wahrheit. Vielmehr erfüllt der Streit auf der Straße für mich die Funktion, die Klaus Theweleit vergangene Woche im „Freitag“ dem Fußball attestiert hatte: Angstabbau und Gewaltabfuhr. Fußball aber spiele ich nur einmal pro Woche.

Manchmal endet das Ganze sogar recht zivilisiert: Einmal stritt ich mit einer Autofahrerin derb, dann entschuldigte sie sich plötzlich für ihren Vorfahrtsraub, lächelte ungläubig, was wohl daran lag, dass ich meinen ganzen Ärger gegendert hatte, nach „Idiot“ eine kurze Pause, dann „in“: „Idiotin“. Sebastian Puschner

Amsterdam Als er im Ohrenzeugen seine 50 Charaktere beschrieb, hat Elias Canetti einen Typus wohl übersehen: Die Radfahrende. Sie, meistens mittleren Alters – also zwischen 60 und 70, nimmt man die heutige Forschung zur ewigen Jugend ernst – treibt sich rastlos und unermüdlich auf den Amsterdamer Radwegen herum. Meist kann man ihr Gesicht nicht erkennen, da sie, sobald man sich nach ihrem Gebrüll (Es klingt etwa so: „Weg van het fietspad!“, also Runter vom Radweg! und „Stomme touristen!“, ja genau, dumme Touristen) umsieht und in letzter Sekunde noch in den Straßengraben, oder besser, den nächsten Kanal springt, schon längst mit klapperndem Fahrrad und zwei Umzugskartons links und rechts, an einem vorbei gerast ist.

Und auch nachdem man sich selbst, durch viele Jahren der Ansässigkeit, zur erfahrenen Amsterdamer Radfahrerin emporgeklommen hat und sich nun mittlerweile mit ähnlichen Fahrkünsten brüstet (bei Familie und Freunden im Ausland zumindest), zieht die eingeborene Radfahrende – inzwischen um einige Jahre älter – mühelos und mit atemberaubender Geschwindigkeit an einem vorbei. Meistens pfeift sie auch noch ein kleines Liedchen. Ich stelle mir vor, dass sie dabei lächelt.Valentina Gianera

H

Helm Wahrscheinlich ist es die Chemie, die fehlt. Ich habe noch nie einen Helm getragen. Als meine Eltern sagten: Helm muss sein!, da war ich schon Mitte 20, lebte in meiner eigenen Wohnung. Warum tragt ihr dann keinen?, fragte ich meinen Vater. Ach, sagte er.

Mittlerweile habe ich selber Kinder, bin morgens immer heilfroh, wenn wir aus der Tür raus sind, mein Sohn auf dem Fahrrad sitzt. „Mama, wo ist mein Helm?“, ruft er auf halber Strecke zur Kita und bremst. „Fahr mal vorsichtiger“, sage ich. War ich nur vergesslich, oder fahrlässig? Wie die anderen Kitaeltern mich ansahen, als fahre er freihändig, doch er war doch nur kopfmäßig frei. Einmal sind wir mit einem 2-Jährigen nach Hause spaziert, er hatte noch kein Fahrrad, aber er trug einen riesigen, orangen Helm. Warum?, fragte ich die Mutter. Zur Gewöhnung! Maxi Leinkauf

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Magie Ich fuhr schon Rad in Paris, da war Frankreich noch vollgeparkt mit verbeulten Peugeots 205. 1989. Mein importiertes Rad hatte drei Gänge und nachts auf den stillen Boulevards wollte man wie Juliette Binoche in einem Leos Carax-Film sein, aber eben mit Rad. Magie! Ausgerechnet eine Deutsche brachte den arroganten Hauptstadtfranzosen eine neue Liberté. Ob ich mir ein bisschen was darauf einbildete? Bien sûr! Später in Bonn, wir trugen Schwarz und praktizierten Dekonstruktivismus, der Flaneur lief, der Gurt seiner Tasche drückt und wenn man mal wieder nahtlos vom Milchkaffee zum alkoholischen Teil des Tages gewechselt war, stellte tagsdrauf (Spiegel) nicht nur der Verbleib des Rads ein Rätsel dar. War man überhaupt gefahren?

Im London der Nullerjahre fuhren schon die, die mit dem britischen Transportsystem rein logistisch auf Kriegsfuß standen. Meine deutsche Freundin A. dürfte als Radpionierin der Stadt gelten. Könnte sein, dass beide Metropolen heute wie auch Berlin zu Parkplätzen für Leihräder verkommen sind. Schade um die Peugeots 205. Katharina Schmitz

Mobilität Die grundlegende Form der Freiheit ist die Bewegungsfreiheit. Man kann sich daher eine freie Gesellschaft nicht anders als mobil vorstellen. Aber ist die Autofahrerin mobiler als die Fahrradfahrerin? Das hängt von der Definition ab. Was ist Mobilität: die Anzahl der zurückgelegten Kilometer pro Tag? Oder die Möglichkeit zur Erreichung von Zielorten?

Der Verkehrswissenschaftler Bernhard Knierim illustriert den Unterschied an den Einkaufsmöglichkeiten. Wenn sie von der Innenstadt weg an den Stadtrand verlagert werden, ist der Weg vielleicht drei mal so weit wie vorher und man neigt schon deshalb dazu, sich des Autos zu bedienen. Dafür wäre dann aber, nach der ersten Definition, auch die Mobilität stark angestiegen. Und somit die Freiheit? Diese Sicht kommt natürlich den Interessen der Autounternehmen entgegen.

Nach der zweiten Definition ist mobil, wer „viele der täglichen Wege in der Nähe zum Wohnort erledigen und dadurch flexibler leben kann“, so Knierim. In Berlin zum Beispiel ist man freier mit dem Fahrrad und in der Rush Hour sogar auch schneller.

Es ist auch die Frage des Nihilismus berührt. Laut Friedrich Nietzsche ist eine Gesellschaft nihilistisch, die keine Ziele mehr hat. Fürs Auto spricht nur die ziellose Geschwindigkeit – während es ein Ziel ist, die Erde ökologisch zu retten. Der Autoverkehr schadet so gesehen nicht nur der Ökologie, er trägt nihilistische Züge. Michael Jäger

S

Spiegel Das Sein bestimmt das Bewusstsein, das ist im Straßenverkehr besonders leicht zu sehen. Ich spreche hier als geläuterter Kampfradler, nicht nur als Vulgär-Velo-Marxist. Je nach Standpunkt ist es naturgemäß ein Leichtes, ja fast zwingend, sich über andere Verkehrsteilnehmer zu ärgern und zu ereifern: Dieser Idiot! Nimmt mir die Vorfahrt. Diese Pfeife! Sieht mich nicht einmal! Doch das Schöne am Verkehr: Ich kann die Position verändern, ja sogar auf die andere Seite wechseln. Was zur Erkenntnis führt: Als Autofahrer bin ich genauso aggro. Dieser Volltrottel! Am Rad! Hält mich auf, wie er da im Schneckentempo vor sich hinschleicht. Der dort, der im Dunkeln bei Rot über die Kreuzung schießt, ja dich meine ich, du blödes Arschloch! Irgendwann dämmerte mir dann: Wenn ich mir selbst begegnete, auf der einen Seite mein eines Ich auf dem Rad, auf der anderen mein Alter Ego im Auto, das würde nicht gut ausgehen. Seitdem versuche ich mich in Langmut, in Verkehrs-Zen, mein Motto: Das Fahrverhalten ist der Spiegel der Seele. Und wohin mit meinen Aggressionen? Ich laufe, das hilft. Vielleicht wäre das ja auch was für den geschätzten Kollegen (Abfuhr), der sich hier zu meiner Überraschung als rasender Kampfradler, ja Wutradler entpuppt hat? Pepe Egger

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Parkplatzsuche Autofahrer beneiden Fahrradfahrer nur um eines: das Ende der leidigen Parkplatzsuche. Aber das ist eine Illusion. Mit dem Rad nimmt die Verzweiflung lediglich diskretere Formen an. Man fährt nicht dreißig Mal im provokanten Schneckentempo um den Block oder sorgt für ein pompöses Hupkonzert, weil man beim Einparken die gesamte Straße lahmlegt. Das Leiden der Fahrradfahrer ist stiller. Meist beginnt es schon, bevor man auf dem Fahrrad sitzt. Die Befreiung des Fahrrads aus dem Fahrradständer ist ein Kraftakt. Verhakte Fahrradkörbe, verkeilte Lenker, wenn es blöd läuft, hat das umgekippte Nachbarrad die Kette runtergerissen. Wenn es noch blöder läuft, hat der Nachbar aus Versehen sein Schloss um zwei Räder gewickelt.

Autofahrer suchen Parklücken, Fahrradfahrer Straßenlaternen und Zäune. Da schiebt man dann den Bürgersteig hoch und runter und findet nichts, wo man das Rad diebstahlsicher anketten kann. Beim Nachhausekommen endet alles, wie es begonnen hat. Im Hinterhof, am Fahrradständer, der überquillt. Reinquetschen oder in die Reihe vor der Hauswand zwängen? Verkeilten Lenker oder Dominoeffekt riskieren? Kippt eins um, fallen alle. Höllenlärm. Martina Mescher

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Twitter Ich fahre manchmal ohne Helm, ohne Licht und ohne Warnweste Rad (Warnweste). Über Rot. Am meisten Angst habe ich dabei vor der Linke-Politikerin Halina Wawzyniak.

Weil ich ihre Timeline lese. „gute tat am morgen: mutter, die mit kleinkind auf dem rad eine rote ampel ignoriert anbrüllen. bei den nächsten roten ampeln blieb sie stehen. / morgengehässigkeit: den schon einmal überholten radfahrenden, nachdem sie rote ampeln ignorierten, beim erneuten überholen ins gesicht lachen und sagen: „hat sich ja voll gelohnt. das mit der roten ampel“ / 4 bei rot fahrende radfahrende, zwei radwege versperrende taxis und unter den linden stinkt wie eine kantine. guten morgen berlin.

/ autofahrerin, die an der ecke alexanderstraße/kma den schulterblick macht, aber danach auf das gaspedal tritt um rechts abzubiegen. frei nach der devise, mir doch egal ob beleuchtete und mit warnweste radfahrende kommen. / der unterschätzteste blick beim radfahren: der schulterblick! / was eine sinnvolle erfindung wäre: brillenscheibenwischer.“

Die Flucht in die Öffentlichen hilft übrigens auch nicht: Da stehen ja auch überall diese nervigen Mitmenschen im Weg: „man kann in die u-bahn steigen um dann direkt an der tür stehen zu bleiben. egal wie viele menschen nach einem kommen. #ditisberlin“ Elsa Koester

W

Warnweste Sehen und gesehen werden: Ich verstehe ja das Prinzip. Meine Beobachtung im Berliner Straßenverkehr aber ist: Die Warnweste macht einige Radler zu schlechteren Menschen. Insbesondere Exemplare, auf deren Rücken das Piktogramm eines Radfahrers mit einem Pfeil abgebildet ist, der Autos ermahnt, 1,5 Meter Abstand zu halten. Wo das nicht möglich ist, verhalten Sie sich wie Kollege Puschner (Abfuhr). Gerne schwingen diese Aufrufezeichen auf zwei Rädern sich zu Rächern der Spezies auf. Aber wenn vor mir ein Autofahrer mit Panik in den Augen steht, der an einer unübersichtlichen Stelle gerade noch rechtzeitig bremsen konnte, dann will ich nicht, dass eine Gelbweste ranradelt und ihm in meinem Namen das Dach verbeult. Ich will breitere Radwege und eine bessere Verkehrsführung. Vielleicht nähern wir uns dann auch in Stilfragen Kopenhagen etwas mehr an. Christine Käppeler

Z

Zivilisationsverlust Zu den wichtigsten Errungenschaften im menschlichen Zivilisationsprozess gehört zweifelsfrei die Affektkontrolle. Nicht sofort zu brüllen oder loszuschlagen, wenn einem etwas nicht passt, lernt man normalerweise in der Kinderstube. Doch im Dichtestress des Verkehrs scheint das alles vergessen. Ob der Schlag des Radfahrers aufs Autodach, der Stinkefinger aus dem Fenster, der Tritt gegen den Kotflügel oder das gebrüllte: „Rot, du Arsch!“: Die Eskalation auf der Straße und der damit einhergehende Zivilisationsverlust ist allgegenwärtig. Es ist, als ob der Zwang zum Selbstzwang, den wir im Umgang zwischen den Geschlechtern, gegenüber Vorgesetzten oder Institutionen eingeübt haben, aussetzt, wenn das Mobilitätsversprechen nicht mehr eingelöst wird. Und das Schlachtfeld, nun verlegt auf die urbane Straße, ist gnadenlos. Denn es geht ja nicht mehr nur um die Besiedlung von Raum, sondern auch um den Gewinn von Zeit. Ulrike Baureithel

06:00 08.04.2019
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