Schach

A–Z Die diesjährige Schach-WM war von einem Hype begleitet. Das Meisterduell, die Taktik, alles wird virtuell nachgespielt. Überhaupt ist die Sportart scheinbar omnipräsent – in der Literatur, bei Netflix und in Fußballstadien. Unser Lexikon

A

Alpha Zero Das Schachspiel ist die am längsten erforschte Domäne in der Geschichte der Künstlichen Intelligenz (KI). Ein Meilenstein war, als die KI Deep Blue 1997 Schachweltmeister Garri Kasparow besiegte. Solch ein Programm basiert auf einer Kombination ausgeklügelter Suchtechniken, domänenspezifischer Anpassungen und handgefertigter Bewertungsfunktionen, die über mehrere Jahrzehnte von Weltklasse-Schachspielern und Programmierern verfeinert wurden. Ganz anders dagegen die neue Ära: Alphazero von Deepmind. Das autodidaktische Computerprogramm, nur mit grundlegenden Spielregeln und Siegbedingungen ausgestattet, programmiert sich selbst, indem es gegen sich spielt. Nach jeweiliger Ergebnisbewertung seiner Züge lernt es sehr schnell, welche Strategien am besten funktionieren. 900 Mal langsamer als speziell konstruierte Software, spielt Alphazero deutlich besser Schach als Großmeister und sogar als spezialisierte Computer. Helena Neumann

C

Chaturanga Die älteste Schachversion, die etwa seit dem Jahre 600 in Indien gebräuchlich war, trug den Namen Chaturanga. Ihre persische Variante Chatrang ist der direkte Vorläufer des Schatrandsch, jener Form, in der Schach ins mittelalterliche Europa gelangte. Auf einem 64-Felder-Brett bildeten die einzelnen Figuren – König, Berater, Wagen, Elefant, Springer, Soldat – die Truppengattungen des indischen Heeres ab. Im Grunde ist Schach ja ein Kriegsspiel, bei dem sich zwei Armeen gegenüberstehen, um den gegnerischen König gefangen zu nehmen. Darauf hat der US-amerikanische Politikwissenschaftler und Politikberater Zbigniew Brzeziński (1928 – 2017) offen Bezug genommen, als er sein Buch von 1997 The Grand Chessboard – das große Schachbrett – nannte. Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft, so der deutsche Titel. Irmtraud Gutschke

D

Don Quijote Acht Felder muss Alice hinter den Spiegeln überwinden, um Königin zu werden. Logikfan Lewis Carroll lässt, ähnlich wie J. K. Rowling später Harry Potter, im Zauberschach seine Alice im Spiel gegen lebensgroße Figuren antreten. Die Literatur ist voller Schachmotive. Natürlich ist Stefan Zweigs Schachnovelle zu nennen. Shakespeare beschreibt mit Begriffen aus dem Spiel der Könige Handlungen seiner Helden. Lessing – „Es ist für den Ernst zu viel Spiel und für das Spiel zu viel Ernst.“ – plädiert im Drama Nathan der Weise für religiöse Toleranz, wenn sich dort Sultan Saladin und seine Schwester Sittah am Brett messen. Und Schiller lässt seine Kabale-und-Liebe-Trauerklöße vorm tödlichen Schluss noch Schach-„Revanche“ fordern. Eine Analogie zwischen Schach und dem Leben zieht Don Quijote bei Cervantes. Was könne man daraus lernen, fragt er Sancho Pansa. Der Diener gibt die nüchterne Einsicht, dass wie im Leben alle Figuren hin und her geschoben werden, bis sämtliche Lebenszüge verbraucht sind. Schlussendlich landen sie wieder in der Schachtel. Ob König oder Bauer: Der Tod mattet alle. Tobias Prüwer

F

Fernschach Immer ab dem zweiten Weihnachtstag, Gott sei Dank hatte die Gastronomie in der Heimat wieder offen!, trafen sich die studentischen Rückkehrer im legendären Café am Markt, ein Lokal im Bistrostil, der Boden ein Schachbrettmuster. Dort heckte ich einmal mit A. aus, dass wir Fernschach per Postkarte spielen, sobald wir wieder in den Städten wären. A. startete mit der Spanischen Eröffnung, mit Tamtam und Geheimnis, war es ein kühner Angriff UND eine Liebeserklärung? Ein paar Postkarten später, zweimal war das Schachbrett umgefallen (wildes Studentenleben!) und die Partie rekonstruiert worden, gaben wir auf. Spielst du noch Schach, A.? Dann schreib doch mal eine Postkarte! Katharina Schmitz

G

Gewinnen Liegt der Kampf um Vorherrschaft in unseren Genen oder sind unsere fernen Vorfahren doch viel friedlicher gewesen als wir? Als sportlich gilt, wer auch ehrenvoll verlieren kann. Allerdings haben Sportwettkämpfe für Akteure wie Zuschauer auch eine kompensatorische Funktion: Emotionen auszuleben, bevor sie ins Gewaltsame umschlagen. Schach ist dagegen ein stilles Spiel. Wobei wohl niemand so recht zufrieden ist mit einem Remis (➝ Unentschieden). Über die Jahrhunderte sind wir auf ein Denken in den Kategorien Sieg oder Niederlage geeicht. Sollte es nicht mehr Spiele geben, die unsere Fähigkeiten zur Kooperation herausfordern? Irmtraud Gutschke

K

Kirchner Noch sitzen sie einträchtig im abendlichen Lampenschein beim Schach – und denken über die nächsten Züge nach: die beiden expressionistischen Künstler Erich Heckel und Otto Mueller. 1913 hat sie Ernst-Ludwig Kirchner gemalt. Ein kleines Ölgemälde, nur 35 auf 40 cm groß. Eine intime Szene aus der Berliner Zeit, die es noch in einer zweiten, ein wenig größeren Version, ebenfalls aus dem Jahr 1913, gibt. Auf beiden Gemälden spielen die Freunde mit freiem Oberkörper – im Hintergrund liegt eine unbekleidete Frau auf einem Sofa. Es ist jene Periode in der kurzen Schaffenszeit Kirchners, in der seine bedeutendsten Arbeiten entstehen. Kurz danach wird er nach einem Streit mit anderen Gruppenmitgliedern die Künstlergruppe „Brücke“ verlassen und sich für den Ersten Weltkriegs als Freiwilliger melden. Seinem Motiv bleibt er auch im Krieg treu. Aus dem Jahr 1915 ist eine Zeichnung erhalten, die Schach spielende Offiziere zeigt. Marc Peschke

M

Maschine Schnelle Rechenleistung macht die Maschinenintelligenz der menschlichen überlegen, sind sich die Vertreter der Künstlichen Intelligenz seit den 1960ern gewiss (Alpha Zero). Im Schachcomputer sehen sie das verwirklicht – aber sie irren. Denn Intelligenz auf binäre Operationen in Schnelligkeit herunterzubrechen, ist eine Schrumpfform unserer Fähigkeiten. Interessant ist, dass schon in der Frühen Neuzeit maschinelles Schachspiel die Menschen nicht nur verblüffen, sondern im Können übertreffen sollte – mit Tricks. So einen scheinbaren Schachautomaten – „Schachtürke“ genannt –, konstruierte 1769 der Wiener Hofbeamte Wolfgang von Kempelen. Im Innern der in türkischer Tracht gewandeten Figur saß ein schachkundiger Mensch, der mit Hilfe einer kunstreichen Mechanik die Schachzüge der Puppe steuerte. Selten verlor die Maschine, die durch viele Länder tourte. Es dauerte rund 80 Jahre, bis das menschliche Geheimnis gelüftet wurde. Tobias Prüwer

P

Podolski Soll noch mal einer behaupten, Fußball sei eine simple, geistlose Sportart. Weit gefehlt: „Fußball ist wie Schach – nur ohne Würfel“, wusste schon Lukas Podolski. Wobei es in Wahrheit Jan Böhmermann war, der Podolski die Worte in den Mund legte. Der Kölner Kultfußballer versuchte, juristisch dagegen vorzugehen. Nun mag es gekränkte Eitelkeit gewesen sein, die ihn dazu bewog.Aber in Wahrheit hat Podolski natürlich eine Lanze für den Fußball gebrochen, der mit diesem Zitat ebenfalls veralbert wurde.Denn Fußball und Schach sind eng miteinander verflochten. Nicht umsonst wird ein taktisch geprägtes Spiel auch „Rasenschach“ genannt. Da sind Großmeister:innen am Werk! Soll noch mal einer behaupten ... Benjamin Knödler

S

Sowjets Nach dem Fall der Mauer wurden an den Grenzübergängen Militaria der Roten Armee verschachert, von der Gasmaske bis zur Epaulette. Mittlerweile sind wohl mehr solche Pelzmützen verkauft worden, als selbst die Rote Armee je über Soldaten verfügen wird. Damals konnte man davon ausgehen, dass noch echte Rotarmisten darin gefroren hatten. Ich kaufte ein Schachspiel.Immer im gleichen Stil angefertigt und mit Königsfiguren, die den Zwiebelkuppeln russischer Kirchen nachempfunden waren. Das offizielle Schachspiel der Roten Armee, mit dem sich die Soldateska die glücklicherweise reichlich vorhandene Zeit vertrieb. Spielerisch auf einem Artefakt des Kalten Krieges einen heißen Miniaturkrieg auszufechten, verleiht den Partien bis heute einen zusätzlichen Kitzel. Marc Ottiker

U

Unentschieden Auf meinem Arbeitsweg fahre ich an einem Schachclub vorbei, was mich gelinde gesagt irritiert. Die Literatur konnte aber meine Neugierde wecken: Das Spiel, womit Helmut und Loki Schmidt die Zeit nach dem Abendbrot rumbrachten, bis sie ins Bett und er ins Arbeitszimmer ging. 1998 debütierte der Mensch, Autor und Jugendschachspieler Thomas Glavinic mit Carl Haffners Liebe zum Unentschieden über den fiktiven Carl Haffner, der den Weltmeister Lasker herausfordert und ihn mit dem Willen zum Neutralerfolg (➝ Gewinnen), dem Unentschieden, schließlich niederringt. Weder im Kapitalismus noch auf deutschen Autobahnen findet man soviel Mut zur taktischen Intelligenz. Jan C. Behmann

V

Videos Schachvideos sind populär. Streamingplattformen wie Twitch sind für Großmeister zudem sehr lukrativ. Gegen Spenden nehmen sie besondere Herausforderungen an: etwa nur mit Springern gegen eine normale Aufstellung zu spielen. Meist werden schnelle Bullet-Partien gespielt, für die Unterhaltung. Auch auf Youtube geht Schach viral: Experten wie GothamChess oder der Kroate Agadmator erklären wichtige Partien, Hikaru und Alexandra Botez posten Videos von eigenen Spielen auf der Straße. Beschleuniger dieses Onlinehypes war der Netflixhit Das Damengambit (2020).

Neue Maßstäbe setzt Weltmeister Magnus Carlsen mit seinem multinationalen Unternehmen und der Plattform Chess24. Zahlende Premiummitglieder können gegen Großmeister antreten, die ihre eigenen Spiele streamen und zugleich kommentieren (Banter Blitz). Bei seinem eigenen Onlineturnier warf Carlsen 2020 eine Viertelmillion Dollar als Gewinn in den Topf. Schach ist jetzt Kommerz. Ben Mendelson

Z

Zugzwang Dass Schach ein Nervenspiel ist, konnte man bei der diesjährigen WM an Jan Nepomnjaschtschi sehen, der nach Niederlagen immer mehr einknickte. Den Läufer verlor, aus der Bahn flog. Gegner Magnus Carlsen nicht im Zugzwang also. Eine alte Schachregel lautet: „If you can not win the game make your opponent lose it.“ Es wäre in bestimmten Stellungen für Spieler:innen von Vorteil, wenn sie einen Zug aussetzen könnten, da jeder Zug die eigene Stellung nur verschlechtert. Aber sie sind gezwungen, zu ziehen. Und damit den eigenen Verlust herbeizuführen. Angela Merkel hatte Nerven, brachte dauernd irgendwen in Zugzwang, die EU, die SPD, ihre Gegner. Am Ende war sie meist die ➝ Gewinnerin. In ihrem alten Büro umgab sie sich mit Schachfiguren aus Holz, Präsente vom Verband der Waldbesitzer. Eine nahm Merkel mit in ihr neues Büro. Die Dame. Maxi Leinkauf

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