Schottland

A–Z Die Schotten stimmen über ihre Unabhängigkeit ab. Was ist das für ein Land, das jetzt wieder ein eigener Staat werden könnte? Von Highlandern bis Golf: Das Wochenlexikon
der Freitag | Ausgabe 36/2014

A

Amin, Idi Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Das traf auch auf Idi Amin zu, seines Zeichens grausamer ugandischer Diktator und Politclown. Im Laufe seiner achtjährigen Regentschaft forderte er Muhammad Ali zum Boxkampf heraus, publizierte Liebesbekundungen an Adolf Hitler und outete sich als Schottland-Fan. Die Schotten würden nämlich, genauso wie er, gegen die koloniale Unterdrückung durch die Engländer ankämpfen, weshalb er sich in Solidarität zu dem geknechteten Volk zum ungekrönten König von Schottland erklärte. Angeblich soll er auch Umzüge in schottischer Tracht angeordnet haben, wie auch im Film Der letzte König von Schottland zu sehen ist. Vieles kann aber auch nur Legende sein, denn jemandem, der sich in seinem offiziellen Amtstitel auch als „Herr aller Tiere der Erde und aller Fische der Meere“ bezeichnete, ist einfach vieles zuzutrauen. Florian Buchmayr

E

Einhorn Das Einhorn ist das offizielle Nationaltier Schottlands – und Schildhalter des königlichen schottischen Wappens. Heute von der Popkultur stark verniedlicht, galt es im Mittelalter wegen seiner Wehrhaftigkeit und Unsterblichkeit hingegen als äußerst gefährlich. Deswegen wird das Fabelwesen mit dem magischen Horn auf Wappen und historischen Bildnissen oft angekettet dargestellt. Vielen Legenden nach hatten lediglich Jungfrauen genügend Macht, um Einhörner zu zähmen, da diese Jungfrauen bedingungsloses Vertrauen entgegenbrachten.

In vielen Mythen wird davon gesprochen, dass Einhörner ausschließlich männlich seien und sich nur durch „Jungfernzeugung“ vermehren könnten, also indem eine Jungfrau ihr Horn berühre. In diesem Zusammenhang wird deutlich, warum das Einhorn in der allgemeinen Auffassung jungfräuliche Reinheit symbolisiert und heute oft so positiv konnotiert ist. Felix-Emeric Tota

G

Golf Besucht man Schottland, fällt auf, dass überall Golf gespielt wird. Ob Supermarktparkplatz, Rasenflächen zwischen Plattenbauten oder verwaiste Schafweiden: Wedges und Putter werden mit wenig Rücksicht auf den Ort geschwungen. Lange bevor Crossgolf zum Hobby der hippen urbanen Szenen wurde, widmete man sich hier dem Spiel ohne elitäre Anflüge. Das hat einen guten Grund. Golf wurde nämlich in Schottland erfunden.

Die Quellen reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück, der erste historische Vermerk ist lustigerweise ein Golfverbot. In St Andrews wurde 1754 der erste bis heute am selben Standort existierende Golfklub gegründet. Von diesem leiten sich auch die 34 Regeln des modernen Golfs ab. Derzeit gibt es rund 560 Golfplätze in Schottland, von den einfach benutzte Freiflächen ganz zu schweigen. Hier ist Golf wirklich ein Breitensport, bei dem etwa Kleidervorschriften überhaupt keine Rolle spielen – das auf Klassen- und Standesdünkel pfeifende Crossgolf kann man also als Rückbesinnung auf die Wurzeln des Sports interpretieren. Tobias Prüwer

K

Karo Was andernorts bisweilen etwas bieder anmutet, ist in Schottland Kulturgut. Das Karomuster, auch als Tartan bekannt, das in Schottland omnipräsent ist, ist historisch bedingt. Schon seit dem 16. Jahrhundert dienten Tartans unter anderem dazu, die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Clan kenntlich zu machen. Weil das Schottenkaro im 18. Jahrhundert mit den aufständischen Jakobiten verbunden wurde, verboten die Briten das Tragen von Tartans in den schottischen Highlands sogar für mehrere Jahre unter Androhung einer Haftstrafe. Anschließend kamen die Karos jedoch umso mehr in Mode. Und so haben sich über die Jahre eine Menge Muster entwickelt, die zwar alle kariert, aber beileibe nicht gleich sind. Sie alle sind im Scottish Register of Tartans festgehalten. Bis heute kann man dort noch neue Karomuster registrieren lassen. Benjamin Knödler

Krimis Der bekannteste schottische Krimiautor ist Arthur Conan Doyle, auch wenn der gebürtige Edinburgher Sherlock Holmes zur Londoner Ikone machte. Im Gegensatz zum Schweden-Krimi ist der schottische aber auch keine große Marke. Starautor Ian Rankin schreibt genau genommen nur halbe Detektivgeschichten, weil er sich stark für seine Figuren und die Milieus im Handlungsort Edinburgh interessiert. Aufgrund ausgeprägter Sozialkritik und einzelgängerischer Hard-Boiled-Detektive wurde Rankin zum Schöpfer des Tartan-Noir-Genre (Karo) erklärt. Craig Russell hingegen agiert mit schablonenhafteren Charakteren als Rankin. Eine neuere schottische Noir-Serie siedelte Russell jetzt im Glasgow der 1950er an. TP

M

Maria Stuart Seit Generationen werden klassenweise Schüler mit dem schillerschen Trauerspiel Maria Stuart zwangsbeglückt. Doch auch wenn man das bei der Unlust, die die bildungsbürgerliche Schullektüre oft mit sich bringt, leicht vergisst: Schillers Stoff ist ein historischer und Maria Stuart (1542-1587) eine bedeutende Schottin gewesen, immerhin trug sie den Titel „Königin von Schottland“. Unter dem Verdacht, an der Ermordung ihres Ehemanns beteiligt gewesen zu sein, musste sie allerdings abdanken und floh nach England.

Weil Maria Stuart aber auch einen Anspruch auf den englischen Thron hatte, war das Verhältnis zur englischen Königin Elisabeth I., nun ja, gespannt. Es folgten Jahre der Haft. Nachdem Maria Stuart allerdings in Verdacht geriet, auch an einem Mordkomplott gegen Elisabeth I. beteiligt zu sein, wurde sie schließlich hingerichtet. Ein guter Dramenstoff ist so ein Leben auf jeden Fall. BK

O

Old Firm Ohne den Schotten zu nahe treten zu wollen, muss man doch feststellen, dass der schottische Fußball eher nicht zu den spektakulären Dingen auf dieser Erde zählt. Eine Ausnahme aber gibt es. Old Firm, das Derby zwischen Celtic Glasgow und dem Lokalrivalen Glasgow Rangers. Gleich in mehrerlei Hinsicht ist dieses Ereignis etwas Besonderes. Natürlich ist da die Gänsehautstimmung. Noch dazu elektrisiert das Derby, das eines der ältesten der Welt ist, einen großen Teil der schottischen Fußballfans. Immerhin haben die beiden Klubs mehr Fans als alle anderen Vereine in Schottland zusammen.

Vor allem aber ist das „Old Firm“ auch ein historischer Kampf der Konfessionen. Auf der einen Seite die protestantischen Rangers, bei denen erst über 100 Jahre nach der Gründung der erste Katholik mitspielte. Auf der anderen Seite Celtic, der Klub der irischen, katholischen Einwanderer. Bei all diesen Voraussetzungen kann dann auch nur ein Fußballklassiker herauskommen. BK

P

Porridge Obwohl in ganz Großbritannien verbreitet, ist Porridge vor allem in Schottland so etwas wie ein Nationalgericht. Der klebrige Haferbrei gilt als essenzieller Bestandteil eines ordentlichen Frühstücks und entstand als Arme-Leute-Essen, da er nahrhaft und preiswert zugleich ist. Waren die Zeiten besonders schlecht, gab es Porridge auch zum Mittag- und Abendessen.

Traditionell werden die Haferflocken nur mit Wasser aufgekocht und beim Verzehr löffelweise in Milch, Buttermilch oder Sahne getunkt. Gesüßt wird mit Zucker, Honig oder Sirup. Aber natürlich lässt sich die schnöde Pampe auch leicht aufpeppen. Statt in Wasser die Flocken einfach in Milch kochen, getrocknete oder frische Früchte dazu, Nüsse darüber – schon besser! Sophia Hoffmann

T

Trainspotting „There is no such thing as society“ (Margaret Thatcher). Trainspotting und sein Gossenrealismus galten Mitte der 90er als Stimme der aufkommenden Ravekultur, der „chemischen Generation“. Buch (1993 von Irvine Welsh) und Film (1996 von Danny Boyle) waren der Gegenentwurf zur euphorisierten Britpopmanie nach der Thatcher-Ära und erteilten sozialen Träumen eine Absage. Die schottische Junkiegala buchstabierte die Verrohung, Betäubung, Selbstverachtung und Karriereverweigerung aus, die im Zeitgeist der Generation X fußten. Ironischerweise wurde aus „Trainspotting“, der Geschichte über den Rand der Gesellschaft, schnell Mainstream und eine durchkommerzialisierte Lifestyle- und Merchandise-Maschine. Eine Zeit lang war Trainspotting auch das meistgestohlene Buch in britischen Buchläden. TOT

U

Unabhängigkeitskrieg „Sie mögen uns das Leben nehmen, niemals aber unsere Freiheit!“: Seit Mel Gibsons Braveheart 1995 die Kinos mit Pathos und realistischen Schlachtszenen stürmte, sind die Schottischen Unabhängigkeitskriege weltweit bekannt. Zwischen 1296 und 1357 setzten sich die Clansmen gegen den Griff der englischen Krone zur Wehr. „Braveheart“ William Wallace lieferte mit Überfällen in Robin-Hood-Manier den Auftakt zu einer offenen Rebellion. Jedoch versagte ihm der schottische Adel trotz größerer Erfolge die Unterstützung und verriet ihn. Nach Wallaces Hinrichtung nahm Robert the Bruce den Kampf auf. Zum schottischen König ernannt, schlug er in der Schlacht von Bannockburn 1314 eine englische Übermacht. Das Gefecht ist bis heute ein Freiheitssymbol, auch wenn das Land erst 14 Jahre später die Unabhängigkeit errang. TP

W

Whisky Um den Ursprung des „Wasser des Lebens“, wie das gälische „Whisky“ übersetzt heißt, streiten sich Irland und Schottland bis heute. Einen eigenen Whisky-Pfad bietet aber nur Schottland. Auf dem Malt Whisky Trail in der lieblichen Speyside-Flusslandschaft kann man acht Brennereien besuchen und populäre Destillate kosten. Ringsum in der Region sind vierzig weitere Schnapsmanufakturen angesiedelt. Insgesamt gibt es sechs schottische Whisky-Regionen. Aus den Lowlands nahe der englischen Grenze kommen die geschmacklich eher weichen Exemplare, weil der Boden hier wenig bis gar keinen Torf enthält. Die Highlands punkten mit einer kräftigeren bis scharfen Note, Torf und Rauch machen die typische Charakteristik der Insel-Whiskys aus. Eiswürfel sind für alle verpönt. TP

Z

Zerstörungspotenzial Im Hafen von Faslane, nordwestlich von Glasgow, lagert explosives Gefahrengut. Denn dort befindet sich der Stützpunkt von vier britischen U-Booten mitsamt ihrer Atomraketen. Nun ist das, was für den Rest Großbritanniens angenehm ist, nämlich die Lagerung der Atomsprengköpfe irgendwo weit weg in Schottland, für die Schotten selbst ein Ärgernis. Die brisante Folge: Wenn die Schotten für die Unabhängigkeit stimmen sollten, sollen auch die Atom-U-Boote verschwinden. Innerhalb von vier Jahren. In London wird schon an einem Notfallplan gearbeitet. Zum einen ist da die Drohung, Schottland an den Milliardenkosten eines Umzuges zu beteiligen. Zum anderen wird überlegt, ob man die Basis von Faslane als britisches Territorium ausweisen könnte. So oder so schlummert im Nordwesten Schottlands eine Menge Konfliktpotenzial. BK

10:30 10.09.2014
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