A–Z Sterben

Abschied Über die Sterbehilfe wird gerade heftig gestritten. Ewigkeit gibt es aber nur in der Kunst: Wie die Literatur vom Sterben erzählt, zeigt unser Lexikon
Ausgabe 08/2014

A

Ars moriendi Die Kunst des Sterbens (aus dem Lateinischen: ars moriendi) war ein großes Thema im Spätmittelalter. Erbauungsschriften sollten die Menschen aufs ewige Glück im Himmelreich einstimmen. Die Popularität jenes Literaturtyps war in der Zeit um 1400 kein Wunder: Schlimme Epidemien wüteten in Europa, Hunderttausende fielen üblen Krankheiten zum Opfer. Ein Schlüsselwerk war das auf Deutsch verfasste Werk Ein ABC, wie man sich schicken sol, zu einem kostlichen seligen tod des Predigers Johann Geiler von Kaysersberg. Viele Schriften waren mit Holzschnitten gespickt, auf denen sich Dämonen unter die Trauernden am Totenbett mischen. Als eine Reaktion auf diese Düsternis flackerte im Frühbarock der antike Memento-mori-Gedanke auf: Im Wissen um die Sterblichkeit pries er das Leben im Jetzt. Tobias Prüwer

C

Chroniken Ist es nicht ein spannungstechnischer Fauxpas, wenn der Tod schon im Buchtitel steht? Aber es scheint weder für Leser, noch für Schriftsteller ein Problem zu sein, wenn das wichtigste Ereignis der Handlung auf dem Cover erkennbar ist. Klassische Titelkombination: Tod plus Todesort, wie bei Der Tod in Venedig (Dekadenzsymbolik: Thomas Mann), Tod in der Kalurabucht (Urlaubstrash: Mona Misko) oder Tod in Kreuzberg (Regionalpop: Christian v. Ditfurth). Gabriel García Márquez ordnet in seiner berühmten Chronik eines angekündigten Todes (1981) gar das gesamte Erzählmodell dem kalkulierten Sterben unter. „An dem Tag, an dem sie Santiago Nasar töten wollten, stand er um fünf Uhr dreißig morgens auf.“ So beginnt der Roman. Und er endet damit, dass dem Protagonisten die Gedärme aus dem Leib quellen und er umsichtig die Erde von denselben abklopft. Was wirklich einmal überraschend wäre: den Tod auf dem Cover großspurig ankündigen und den Protagonisten dann gnadenlos überleben lassen. Juliane Löffler

D

Diskussion Was mit einem Zeitungsartikel begann, hat sich zu einer eigenen Untergattung der Sterbeliteratur entwickelt. 2005 beschrieb Bartholomäus Grill in der Zeit, wie sich sein an Krebs erkrankter Bruder entschied, die Sterbehilfe des Züricher Vereins Dignitas in Anspruch zu nehmen. Der Journalist Wolfgang Prosinger erzählte 2008 in Tanner geht, wie ein Mann seinen Tod mithilfe von Dignitas plant. Als jüngstes Beispiel ist der Bericht der französischen Schriftstellerin Emmanuèle Bernheim Alles ist gutgegangen zu nennen. Sie erzählt in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Buch, wie sich ihr Vater entschließt, zum Sterben nach Zürich zu reisen – und welche juristischen Probleme der Familie dadurch entstehen.

Auch Daniel Kehlmann lässt in seinem Erzählungsband Ruhm 2009 die Figur der krebskranken Rosalie in die Schweiz fahren. Sie will sich aber nicht einfach fügen und diskutiert mit dem Autor ihrer Geschichte, ob er nicht eine plötzliche Heilung für sie bereithalten könnte. Man kann das als postmoderne Spielerei abtun. Man kann darin aber auch eine große Skepsis gegenüber der Erzählbarkeit von Sterbehilfe erkennen. Jan Pfaff

E

Ehebruch Das Fremdgehen ist für weibliche literarische Figuren höchst riskant: Die drei größten europäischen Ehebruchsromane enden mit dem Tod der untreuen Frau. Madame Bovary (Gustave Flaubert, 1856/57) und Anna Karenina (Leo Tolstoi, 1877/78) bringen sich selbst um. Effi Briest (Theodor Fontane, 1894/95) stirbt früh an einer Krankheit, ausgelöst durch die Trennung von ihrem Kind und die soziale Ächtung. Auch Anna Karenina wird von ihrem Kind getrennt, bevor sie sich vor einen Zug wirft. Emma Bovary schluckt nach zwei zum Scheitern verurteilten Affären Arsen. Alle drei Frauen sehnen sich nach Romantik und geben sich mit ihren Zweckehen nicht mehr zufrieden. Die Romanklassiker aus dem 19. Jahrhundert prangern Doppelmoral und Scheinheiligkeit an und stellen die Frage nach einem Recht der Frau auf Selbstbestimmung, Glück und Sexualität. Literarische Werke, in denen Männer fremdgehen, gelten interessanterweise nicht als Ehebruchsromane. Andrea Wierich

Existenzialismus Der raunende – und dem Antisemitismus zuneigende – Philosoph Martin Heidegger (1889 – 1976) nannte das Dasein ein „Vorlaufen zum Tode“. Der Sinn der menschlichen Existenz erschließe sich erst durch ihr Ende. Diesen Gedanken nahm der Existenzialismus als literarisch-philosophischer Hybrid dankend auf. Besonders Jean-Paul Sartre (1905 – 1980) widmete sich beinahe lustvoll der Absurdität und Sinnlosigkeit des Lebens – und dem Leiden an den „anderen“, denn die sind für Sartre die Hölle. In Albert Camus’ berühmtem Existenzialismus-Roman Die Pest (1947) spielt das Sterben die Hauptrolle: Die Seuche schüttelt eine algerische Stadt, jeder kann jederzeit hinweggerafft werden. Ohnmacht herrscht auch in Simone de Beauvoirs Memoiren Die Zeremonie des Abschieds. Darin thematisiert sie das langsame Sterben ihres Lebensgefährten Sartre – womit sich der existenzialistische Kreis schließt. TP

K

Kinderbücher Auch die Kinder- und Jugendliteratur wagt sich an den Tod. Zugegeben, vieles davon ist Kitsch, aber nicht alles. In Wolf Erlbruchs Bilderbuch Ente, Tod und Tulpe (2007) ist der Tod ein zurückhaltender Begleiter, der erklärt: „Ich bin schon in deiner Nähe, solange du lebst – nur für den Fall.“ Das Sterben wird da zu einem Teil des Lebens. Es wird zwar nicht beschönigt, aber der Erzählung wird auch etwas Tröstliches beigefügt. Ausschließlich traurig ist es nie.

Viele Kinderbücher beschäftigen sich mit dem Verlust der Großeltern, etwa Ein Himmel für Oma von Antonie Schneider (2010). Die positiven Beispiele eint ihr ehrlicher Blick auf Verlust, Angst und Trauer. Die kindlichen Protagonisten können unvoreingenommen nach dem schwer zu Begreifenden fragen. Damit bieten diese Bücher einen besonderen Zugang zum Thema – auch für Erwachsene.

Benjamin Knödler

L

Lexika „Von A wie Amoklauf bis Z wie Zyankali“: Wir sind nicht die Ersten und Einzigen, die sich auf alphabetische Art mit dem Sterben beschäftigen. Wer auch immer sich dafür interessiert: Lexika über schräge Tode, spektakuläre Begräbnisse oder berühmte Leichen finden oft ein erstaunlich großes Publikum. Fast schon ein Klassiker ist Das Lexikon der merkwürdigen Todesarten (Eichborn 2000): Auf über 300 Seiten hat Katja Doubek morbide Fakten gesammelt, etwa über den Darwin-Award, der posthum für ein „besonders originelles Ableben“ verliehen wird, oder über das Morden mit Stricknadeln. Friedhofs-Touristen werden mit dem Nachschlagwerk Wo liegen sie begraben? Wie sind sie gestorben? glücklich. Es erzählt die Lebens- und Sterbensgeschichten von über 400 Berühmtheiten und verrät den Weg zu ihren Grabstätten. Punk-Legende Dee Dee Ramone ruht im glamourösen Santa Monica, Schlagersänger Rex Gildo auf dem Münchner Ostfriedhof, Audrey Hepburn im schweizerischen Dorf Tolochenaz. Lina Verschwele

T

Todesanzeigen Manche Menschen lesen sie einfach gern: die Todesanzeigen in ihrer Tageszeitung. Meine Eltern auch, obwohl sie noch recht jung und kerngesund sind. Ich verstand die beiden erst, als ich das Buch Aus die Maus. Ungewöhnliche Todesanzeigen bei ihnen fand. Meine Eltern haben Angst – nicht vor ihrem Tod, nein: vor der Anzeige dazu! Sie fürchten, dass ein peinlicher Spruch drinsteht, etwas wie: „Ein Gänseblümchen macht für immer Bubu“. Der Trend zum Flapsigen hat sich bei Sterbeannoncen nämlich längst durchgesetzt, berichten Matthias Nöllke und Christian Sprang in ihrer kuriosen Beispielsammlung. Was die einen pietätlos finden, gilt anderen wohl als unangepasst. Manche Leute haben eben ihren ganz eigenen Humor. Oder sie haben noch eine Rechnung offen: „Zum Tod von Dr. Volker P. fällt mir nur ein Wort ein: Danke! Ein Patient“, schrieb jemand. Mit dieser Lektüre hat man trotz Todesnähe eine Menge zu lachen. LV

W

Werther-Effekt Manchmal hat Literatur einen direkten Einfluss aufs Leben – und aufs Sterben. So soll es nach dem Erscheinen von Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers 1774 zu einer Selbstmordwelle gekommen sein. Zeitweilig wurde sogar die Verbreitung des Romans untersagt. Wir erinnern uns: Der Rechtspraktikant Werther wählt den Freitod, weil er in die anderweitig vergebene Lotte verliebt ist. Heute sprechen wir vom „Werther-Effekt“, wenn es um Nachahmungstaten geht. Erfunden hat den Begriff der US-Soziologe David Phillips im Jahr 1965. Immerhin lässt sich eine statistische Häufung von Suiziden nachweisen, wenn ein Prominenten-Selbstmord bekannt wird. Lange Zeit berichteten die Medien deshalb eher diskret über solche Fälle. Mit Amokläufen und Selbstmordattentaten wird das schwieriger. TP

Z

Zeugen „Ja, mach dich vom Acker, Körper, hau ab,“ notiert der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf am 27. Januar 2012 in sein öffentliches Blog. Das Internettagebuch trägt den Titel Arbeit und Struktur, und Herrndorf weiß und will, dass jeder mitlesen kann. 2010 war ein Gehirntumor bei ihm festgestellt worden. Motorische Defizite, epileptische Anfälle, Gedächtnisverluste, Operationen, Bestrahlungen, Chemotherapie: Herrndorfs beinahe wissenschaftliche Selbst-Beobachtungen gingen – und gehen – nahe und sind nach seinem Tod 2013 im Rowohlt Verlag als Buch erschienen.

Seinen Körper nennt er einen „genetischen Schrotthaufen, der den Geist beherbergt“ – und es ist ein distanzierter Geist, der diese Überlegungen anstellt, ein Geist, der genau weiß, dass er mit diesem „Schrotthaufen“ untrennbar verbunden ist, mit ihm vergehen wird. Mit Abscheu oder Zorn kommt er auf die „Irren“ zu sprechen, auf Esoteriker, „jenseitsgewisse Christen“, Anthroposophen, Heilpraktiker. Sie alle nähern sich dem tödlich Erkrankten, um ihn als Gewährsmann für die Richtigkeit ihrer Vorstellungen zu benutzen. Herrndorf hält ihnen einen alltagspraktischen Nihilismus entgegen: „Im einen Moment belebte Materie, im nächsten dasselbe, nur ohne Adjektiv.“ Der Mensch hat also die Aufgabe, dem Leben einen Sinn zu geben, den es a priori nicht hat. Herrndorfs Buch ist die Dokumentation einer solchen Sinn- und damit auch Formgebung – eben: Arbeit und Struktur.

Um das Ziel, noch einen Roman zu vollenden, geht es nicht. Herrndorf setzt sich als Mensch im umfassendsten Sinne neu zusammen. Als soziales Wesen, Sohn einer Mutter und eines Vaters, Geliebter einer Frau, Freund unter Freunden. In der körperlichen Aktion, Fußballspielen, Radfahren, Schwimmen in offenen Gewässern von März bis Oktober. Im Umgang mit den Alltagsdingen.

Das MacBook und der Revolver sind die „schönsten Dinge, die ich in meinem Leben besessen habe“. Dass zwei Maschinen jetzt so wichtig und ästhetisch bedeutsam werden, liegt an der Situation. Die eine Maschine, das Notebook, ist die Maschine für Arbeit und Struktur, für das Leben (Romanskripte, Blog, Kommunikation). Die andere, eine „375er Smith & Wesson, unregistriert“ für die Selbstbestimmung über das eigene Leben und sein Ende. Selbstbestimmt leben, arbeiten können und selbstbestimmt sterben, bevor beides, das Leben und das Sterben, nicht mehr dem eigenen Willen unterliegen. Und alles genießen, bis zum Schluss.

Am 26. August 2013 erschoss sich der Schriftsteller. Michael Suckow

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