A–Z Thomas Bernhard

25. Todestag Am 12. Februar 1989 starb der Schriftsteller Thomas Bernhard im österreichischen Gmunden. Wir haben Alexander Schimmelbusch gebeten, dieses A – Z zu schreiben
Alexander Schimmelbusch | Ausgabe 06/2014 2

A

Atzbacher, der Erzähler in Bernhards letztem Roman Alte Meister, ist nur dazu auf der Welt, um an langen Vormittagen im Wiener Kunsthistorischen Museum die mäandrierenden Ausführungen des greisen Reger zu protokollieren – eine klassische Bernhard-Konstellation. Atzbacher spielt darin die Rolle, für die der Verleger Jochen Jung, ein ehemaliger Lektor Bernhards, den Begriff „das große, freundliche Ohr“ prägte. In dieses schnarrt Reger dann etwa seinen Satz vom Papst als „geschminkte gefinkelte Weltreisepuppe“ hinein, „unter seiner kugelsicheren Glasglocke“. Atzbacher hat Muße für dieses Projekt, denn er ist offenbar arbeitslos, und auch Reger hat keine Festanstellung, sondern ist als freier Musikkritiker tätig. Reger schreibt alle paar Wochen einen kurzen Text für die Londoner Times, sodass sein Monatseinkommen vor Steuern nicht mehr als 500 DM betragen dürfte. Bernhard – ein Seismograf? Der bereits 1985 alles kommen sah, die Zeitungskrise, Johannes Ponader, das Feuilleton-Prekariat?

C

Cañellas Bernhard wird von seinen Exegeten gern eine mönchische Asexualität angedichtet, für die es nur Indizien gibt, keine Beweise. Gegen diese abwegige These spricht schon sein Meisterwerk Beton, in dem der Erzähler, ein Alter Ego Bernhards, eine Affäre mit „der kleinen Cañellas“ durchscheinen lässt, der aparten Erbin einer Parfümerieinhaberdynastie. Beton, das Bernhard vermutlich in Palma schrieb, auf seiner Reiseschreibmaschine, einer Lettera 22 von Olivetti, in der Wohnung seiner Geliebten am Paseo del Generalisimo 16, genießt auch deshalb eine Ausnahmestellung innerhalb seines Werks, da es zwar nicht den besten letzten, aber den besten vorletzten Satz der neueren österreichischen Literatur enthält, und die vorletzten Sätze, wissen wir von Bernhard, sind die entscheidenden: „Ich lief zum Irrenhaus hinüber, um mir ein Taxi kommen zu lassen, was vom Friedhof aus nicht möglich gewesen war, und fuhr sofort ins Hotel zurück.“

G

Graben Die Wiener Flaniermeile im ersten Bezirk, ein „Laufsteg“, wie gesagt wird, der Graben also ist, wie die Stadt Wien selbst, wie Österreich, die Welt und das Universum, ein typisches Objekt Bernhardscher Hassliebe, man könnte auch sagen: Ekelbegierde. Zu Beginn von Holzfällen. Eine Erregung erinnert sich der Erzähler daran, auf einer Dinnerparty in einem Ohrensessel Champagner trinkend, wie er auf dem Graben kurz zuvor vom Auersberger angesprochen wurde, einem gescheiterten Komponisten, mit dem er in seiner Jugend einen intensiven künstlerischen Verkehr gepflegt hatte. Auf der Party ist der Auersberger dann besoffen und ruft immer wieder den Satz „Die Menschheit gehört ausgerottet“ in das Musikzimmer hinaus. Der Auersberger habe ihn auf dem Graben von hinten angesprochen, erinnert sich der Erzähler, aber ob dies als Anspielung auf homosexuelle Neigungen zu deuten ist, soll hier nicht Gegenstand der Analyse sein. Einerseits deutet Bernhard in Holzfällen auch eine Beziehung zur bipolaren Joana an, die er immer nachmittags zu besuchen pflegt, „mit drei oder vier Zweiliterflaschen billigsten Weißweins“ aus der Spirituosenhandlung Dittrich in seinem Jute-sack. Andererseits hat Thomas Bernhard die Überzeugung zu Protokoll gegeben, dass „eh wurscht“ sei, ob Mann oder Frau, die wohl auf seine Einsicht um „die Gleichwertigkeit aller Dinge“ zurückzuführen war.

H

Handke Peter Handke war als junger Dichter ein großer Bewunderer Thomas Bernhards: „Er war sicher der begabteste von uns allen“, so Handke später. „Der war das Vorbild, von dem ich nie dachte, ich könnte es erreichen.“ Anfang der 80er setzte bei Handke dann eine rabiate Emanzipationsbewegung ein, im Zuge derer er begann, Bernhard bei jeder Gelegenheit öffentlich zu verunglimpfen. Was dieser mache, sei „keine Literatur“, lautete Handkes neue Meinung. Bernhard ließ sich nicht provozieren, wenn er reagierte, dann distanziert, indem er sich etwa, ohne ihn zu nennen, im Fernsehen über Handkes Beschreibungsliteratur lustig machte: „Jetzt ist wieder modern, dass jedes Blumerl angeführt wird. Bis da einer beim Gartentürl draußen ist, sind schon sechzig Seiten weg. Und immer wieder drehen sich die Leute um, weil der Dichter nicht weiß, wie es weitergehen soll. ‚Und er drehte sich um und schaute in den dritten Stock hinauf, aber noch immer hat Johanna nicht das Fenster aufgemacht. Dann sah er den Kieselstein, der erinnert ihn an Stifters Nachsommer‘ – wieder zehn Seiten – ‚und dachte sich, ich werde ihr heimzahlen, dass sie mein Leben verpfuscht hat, die Anna.‘ Das sind die heutigen Bücher und Romane.“

I

Interviews Als „Feind von Gewäsch und Korrespondenz“ waren Thomas Bernhard Gespräche meist zuwider, insbesondere Gespräche über Literatur, deren Resultat er einmal als „unerträglich stinkende Wurscht“ beschrieb, die aus dem Gespräch herauskomme, „wie aus einem After“. In den weit über 20 langen Interviews, die er in seinem Leben dennoch gab, agierte Bernhard daher meist nach dem Motto: „Es gibt keine blöden Fragen, nur blöde Antworten.“

Auf Fragen nach seiner Arbeit führte er dann zum Beispiel aus, dass es ihn immer vor Fischsuppe gegraust habe, da in diese ja grundsätzlich alles hineingehauen werde, was in den letzten drei Wochen übrig geblieben sei. „Die Früchte des Meeres“, raunte Thomas Bernhard – und schauderte. Er beschwerte sich auch gerne über Österreich, ihm zufolge war das ein Land, in dem man, wenn man einen Sherry bestelle, grundsätzlich einen Cherry Brandy vorgesetzt bekomme, und er regte an, die Literatur doch fortan auf Klopapierrollen zu drucken, um auf dem stillen Ort immer etwas zu lesen zu haben.

M

Most Noch heute lagern Hunderte Liter Most in Fässern in den weiß gekalkten Gewölben von Bernhards Vierkanthof, da sein Bruder und Universalerbe seine Apfel- und Birnenwiesen weiterhin von einem benachbarten Bauern bewirtschaften lässt. Wer es schafft, sich während einer Führung durch den Hof in den Keller hinabzuschleichen, kann einfach einen Hahn aufdrehen, um sich einen Tonkrug mit Most zu füllen, einen Bembel, wie der Frankfurter sagen würde. Aber anders als der Apfelwein in Frankfurt macht Most nicht nur betrunken, sondern leicht wahnsinnig. In gewisser Weise ist die Wirkung mit jener von Absinth vergleichbar, allerdings nur, wenn man in der Lage ist, den Most in großen Mengen zu trinken. Nach ein paar Litern legt sich ein angenehmer goldener Schleier über die Welt. Wenn man dann aber weitertrinkt, beschleicht einen irgendwann das Gefühl, dass die Menschen einen böse anschauen, etwas im Schilde führen gegen einen. Gleichzeitig zeigt man ein manisches Grinsen. Wenig später reißt die Erinnerung ab, sodass als Andenken an den Most-Rausch am Tag darauf nur der Kater bleibt, in Verbindung mit unerklärlichen Verletzungen. In Regionen, in denen der Most zu Hause ist, herrschen verlotterte Sitten. Andererseits räumt Most den Magen auf. Eine heftige Erschütterung beziehungsweise Erleichterung am nächsten Morgen, und man fühlt sich wie neu geboren.

P

Plaza In New York entwickelt sich Bernhard zum writer’s writer, was Gideon Lewis-Kraus auf dessen Humor zurückführt, der dem jüdischen Humor von Woody Allen gleiche. Was sich unter der vor allem in Brooklyn anschwellenden Zahl junger Schreiberlinge mit Bernhard-Fetisch noch nicht herumgesprochen hat und sie wohl auch zum Weinen bringen würde, ist die Tatsache, dass Bernhard einmal beinahe einen New York-Roman geschrieben hätte. Im November 1979 notierte Bernhards Verleger Siegfried Unseld, der Autor „wolle vom 1. Oktober 1980 bis zum 30. April 1981 in New York im Hotel Plaza wohnen, oberste Etage, kleines Zimmer, Blick zum Central Park. Ich solle das organisieren und finanzieren, er würde in dieser Zeit dann ein Buch schreiben“. Die Anfrage hatte sich Unseld wohl selbst eingebrockt, indem er Bernhard von seinem Besuch auf der New Yorker „German Book Week“ erzählt hatte, dort hätten sich amerikanische Verleger „mit ihren Publikationen von Bernhard geradezu geschmückt“. Unseld machte sich kundig, man nannte ihm für die 8 Monate einen Preis von 24.000 Dollar, damals in etwa Gegenwert einer neuen S-Klasse. Der Aufenthalt kam nicht zustande.

S

Sir Anthony Wenn man heute die Filiale des Wiener Herrenausstatters Sir Anthony am Kohlmarkt betritt, in der Bernhard seine Sockeneinkäufe zu erledigen pflegte, da man zum Beispiel vorhat, sich einen schönen Kummerbund zu kaufen, wird einem von den Sir Anthony-Verkäufern, die eine einzigartige Melange aus serviler Dienstfertigkeit und höhnischer Arroganz ausstrahlen, sofort ein Glas Champagner in die Hand gedrückt, das erste einer konstanten Folge solcher Gläser – wenn man es darauf anlegte, könnte man an einem einzigen Tag in den drei Wiener Filialen wohl mühelos 15 Gläser Champagner abstauben –, sodass man, wenn man es nicht schafft, sich auf Wienreisen den Besuch bei Sir Anthony zu verkneifen, nach einem solchen jedesmal schlagartig pleite ist, sich dafür aber zum Beispiel im Besitz von Echsenlederstiefeln wiederfindet, eines goldenen Flachmanns, eines mit den Fellen silberner Füchse gefütterten Kaschmir-Lodenmantels.

V

Vranitzky Nachdem Bernhard 1981 den damaligen österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky in einer Hommage im Magazin profil als „Höhensonnenkönig“ gefeiert hatte, als „im Klappstuhl auf seinem Balkon sitzenden Kleinbürger, der am späten Nachmittag seine grobbesockten Zehen knapp über den abgelegten Gesundheitspantoffeln aneinanderreibt“, sehnte sich Kreiskys späterer Nachfolger Franz Vranitzky, damals noch Finanzminister, ebenfalls nach solcher Verewigung, die er mit einem öffentlichen Aufruf zur Zensur Bernhards dann auch geschickt provozierte: Vranitzky, so Bernhard schwärmerisch in der Presse, sei ein „eitler Geck“, einer von „jenen dubiosen Nadelstreifensalonsozialisten à la Kreisky“, der dazu noch „die infernalische Kunst- und Kulturzensurbremse à la Metternich, Stalin und Hitler“ propagiere.

Z

Zryd In Das Kalkwerk, seinem dritten Roman, dem mit Abstand besten der frühen Phase – Siegfried Unseld telegraphierte nach dem ersten Lesen: „kalkwerk ist großartig. ich bin begeistert. glückwunsch für uns beide. stop.“ –, exerziert Bernhard die klassische Schriftstellerproblematik bezüglich des Zusammenlebens mit einer Frau durch. In der Regel manifestiert sie sich in einer Spannung zwischen unterschwelliger Aggression und seelischer Abhängigkeit, im Kalkwerk allerdings auf übertrieben deprimierende Weise. Konrad, Bernhards Protagonist, kann irgendwann seine Frau nicht mehr ertragen, sodass er sie mit zwei Schüssen in den Kopf einem Ende zuführt, dessen Härte wohl auch auf ihren Mädchennamen zurückzuführen ist, der nicht Huber oder Moser oder Gruber, sondern Zryd lautet – eine Normabweichung, die ihr im naziverseuchten Nachkriegsösterreich naturgemäß nicht nachgesehen werden kann.

Alexander Schimmelbusch ist Schriftsteller und kennt sich mit Thomas Bernhard gut aus. In seinem neuen Roman „Die Murau Identität“ ist Bernhard die Hauptfigur und nicht tot. Er lebt da auf Mallorca


AUSGABE

06:00 19.02.2014
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