Vollmond: Von Ostern bis Grönemeyer

A-Z Aus Morgenröte, Warten und Frühlingsfest wurde Ostern, Grönemeyer besang seinen Liebeskummer und in der Schweiz macht Vollmond super Bier
Vollmond: Von Ostern bis Grönemeyer

Foto: Christopher Robbins/Getty Images

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Aberglaube Bei Vollmond schläft man schlechter. Wenn er einen Vorhof hat, stirbt sogar ein Mensch. Weihnachtsbäume, die bei Vollmond gefällt werden, behalten ihre Nadeln länger; Heilkräuter, die bei Vollmond geerntet werden, sind besonders wirksam und Obst besonders schmackhaft. Bei Vollmond ovulieren Frauen (➝ Zyklus) und es kommen mehr Kinder zur Welt. Warzen verschwinden, wenn man eine Schnecke darüber kriechen lässt. Oder wenn man eine schwarze Katze an der Friedhofsmauer begräbt. Aber Operationen sollten nicht stattfinden, da sie aufgrund stärkeren Blutflusses gefährlicher sind. Werwölfe gibt es vielleicht nicht, aber Kriminalität steigt in Vollmondnächten. Legt man Edelsteine und Schmuck ins Vollmondlicht, laden sie sich damit auf. Kommen Kälber bei Vollmond zur Welt, kommt es eher zu Fehlbildungen – zu Mondkälbern. Alles Quatsch. Leander F. Badura

B

Beethoven Des großen Meisters Sonate Nr. 14, cis-Moll, Mondscheinsonate genannt, gehört zum gesicherten bürgerlichen Bildungsgut. Das Kunstwerk steht ungefähr auf der gleichen Stufe wie die – oft satirisch verwendeten – Matthias-Claudius-Verse vom Mond, der aufgegangen sei. Mit dem erhabenen Musikstück können außerdem manche, die nur ein bisschen Klavier spielen können, prima angeben, denn es beginnt so einfach und langsam: Adagio, wie der Vollmond eben so auftaucht am Himmel. Dann kommt der 2. Satz, da ist es zu Ende mit dem vorgegaukelten Virtuosentum. Es wird geschwinde – Allegretto. Das ginge vielleicht – bei etwas mehr Übung – noch mal gut. Aber dann kommt beim 3. Satz das Presto Agitato. Zeit, die Hände in den Schoß zu legen, in den Mond zu gucken und die Fantasie spielen zu lassen. Sind das kleine Wölkchen, die da prestissimo den Erdtrabanten umspielen? Ach, Beethoven hat seine Sonate gar nicht dem Mond gewidmet. Das ist irgendwelchen Musikkritikern eingefallen.Magda Geisler

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Fly Me to the Moon Die Welt mal von oben zu überblicken, für politische Klarsicht ist das wichtig. Doch mit seinem Song von 1964 hat Frank Sinatra das rein emotional gemeint. Er stellte sich nicht vor, im Raumanzug auf der steinigen Mondoberfläche herumzuklettern. „Let me play among the stars / Let me see what spring is like / On a-Jupiter and Mars“ – das meint den Aufbruch zu einer neuen Erfahrung, das Wagnis, die Grenze zu einer bisher unbekannten Wirklichkeit zu überschreiten.

Das meint eine Sehnsucht, die Fesseln des Alltäglichen zu sprengen durch eine Explosion des Glücks. „In other words, hold my hand / In other words, baby, kiss me“, so heißt es weiter: Und wir sehen, wie zwei Menschen ineinander versinken. Magie des Wünschens: Jemand möge dir die Sterne vom Himmel holen, in Liebe auffangen, es wenigstens versprechen im Gefühlsüberschwang (➝ Grönemeyer).Da fällt mir der kleine Frosch aus dem Bilderbuch des Niederländers Yoeri Slegers ein. Für Mama hole ich den Mond vom Himmel – Geht das? – Nein! – Aber schau mal, wie mutig der Frosch ist, wie hoch er auf den Baum klettert und was das für ein schöner Vollmond ist. Aber ach, es bricht ein Ast. „Hab dich!“, ruft Mama. Irmtraud Gutschke

G

Grönemeyer Es war 1988, Ostberlin, mein Vater hatte von einem österreichischen Bekannten eine Kassette geschenkt bekommen, sie sah schwarz-grün-metallic aus. Herbert Grönemeyer stand in Handschrift darauf, auf der einen Seite 4630 Bochum, auf der anderen Ö. Wir hörten die Lieder im Auto rauf und runter. Meist die BRD-kritischen: Jetzt oder Nie, Maß aller Dinge, Keine Heimat. Sie lösten dieses vage Bauchgefühl aus, da drüben stimmt was nicht. Wir haben in diese Texte damals sehr viel reininterpretiert. Es gab aber noch die unpolitischeren Stücke. Was soll das, Alkohol oder eben Vollmond. Wir kannten sie auswendig, sangen laut mit, Rock ’n’ Roll. „Vollmond, setz mich ins rechte ➝ Licht. Vollmond, du weißt, sie will mich nicht.“ Die unerwiderte Liebe, die einen flehen lässt. Wir sahen Herbie irgendwann live, die Wirkung war nicht dieselbe. Maxi Leinkauf

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Licht Gemütsschwankungen beim Einwirken von Vollmondlicht waren wohl seit jeher so deutlich sichtbar, dass im deutschsprachigen Raum das Wort „Laune“ vom lateinischen „Luna“ abgeleitet wurde. Mit „Lunatismus“ bezeichnete man eine Form des Nachtwandelns und im Englischen steht „lunatic“ sogar für „verrückt“. Der Vollmond ist die größte indirekte Lichtquelle und offenbar löst der maximal 405.000 Kilometer lange Umweg des Lichts über den Sand des Trabanten seelische Verwerfungen in der Mensch- und Tierwelt aus. Marc Ottiker

N

Nackter Arsch Protest, Provokation, Belästigung: Aus verschiedenen Gründen kann ein Mensch anderen den nackten Arsch zeigen. Mooning nennt sich das im Englischen, weil das runde Gesäß dem Vollmond ähnelt. Eine andere Erklärung leitet den Namen vom Mondlicht ab, das aufs entblößte Körperteil fällt. Verbreitet ist diese Geste im angloamerikanischen Raum. Man denke an Braveheart, da lüpft das schottische Heer vor dem englischen König den Kilt. Vor allem junge Männer lassen die Hosen aus rüdem Humor herunter. Die feministische Gruppe Femen nutzt „Mooning“ als Geste des Protests. In Deutschland ist es im Hooligan-Milieu üblich. Bei rechten Ausschreitungen in Chemnitz 2018 zeigten Männer Journalisten den nackten Arsch. Tobias Prüwer

O

Ostern Frauen kommen bei Sonnenaufgang zu Jesu Grab, das aber leer ist. Ein Engel sagt ihnen, Jesus sei auferstanden. Die Morgenröte wird zum Auferstehungssymbol. So lesen wir in einem frühen Kirchenrechtsbuch, die Christen sollten „bis zur Morgenröthe wachen, bevor sie Pascha feiern“. Es steht noch dem Pessach-Fest nahe, das an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnert: „Eine Nacht des Wachens war es für den Herrn, als er sie aus Ägypten herausführte“ (Exodus 12,42). Der jüdische Mondkalender datiert das Fest mithilfe des ersten Frühlingsvollmonds. Entsprechend legt das Konzil von Nicäa (325) Jesu Auferstehung auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling. Doch aus Pessach wird „Ostern“: Austro, „Morgenröte“, hieß wohl ein germanisches Frühlingsfest. Das Wort ist dem lateinischen „aurora“ verwandt. Die Auferstehung mutiert schließlich zum Aufstand. Am Abend des 25. Oktobers 1917 gibt der Panzerkreuzer Aurora mit einem Schuss das Signal für den Beginn der russischen Oktoberrevolution. Michael Jäger

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Paul Klee Er ist einer jener Klassiker der Moderne, dessen Kunst angenehm frisch geblieben ist. Doch ist auch sein Werk tausendfach reproduziert und alles andere als ein Geheimtipp ( Beethoven), was natürlich auch für den 1919 gemalten Vollmond gilt, den man als Kunstkopie, Meisterdruck oder Billigposter für nur wenige Euro erstehen kann: Das Original des 1940 in Muralto am Lago Maggiore verstorbenen Künstlers ist in Besitz der Pinakothek der Moderne in München: ein kleines Gemälde, dem 1933 Feuer bei Vollmond folgte.

Anhand dieser beiden Werke lässt sich Klees Weg in die Abstraktion gut nachvollziehen: Ist das erste Werk noch von der Kunst der Gruppe Blauer Reiter beeinflusst, auch von Chagall, so sieht die Welt 1933 ganz anders aus. Paul Klee verlässt Deutschland nach der Machtergreifung Hitlers, um nach Bern zurückzukehren. Feuer bei Vollmond, heute im Museum Folkwang in Essen, gilt als Symbolbild der Verfolgung des als „entartet“ und „politisch unzuverlässig“ gebrandmarkten Künstlers. Marc Peschke

S

Supermond Hoffen wir auf klares Wetter am 16. April, auch wenn es „nur“ einen Vollmond und keinen „Supermond“ zu sehen gibt wie voriges Jahr im April. Für 2022 ist ein ganz besonders großer Vollmond am 13. Juli zu erwarten, wenn der Mond sich im Perigäum befindet, dem erdnächsten Punkt seiner elliptischen Umlaufbahn. Allerdings beträgt die Entfernung dann immer noch etwa 364.000 Kilometer. Auch soll, wissenschaftlich gesehen, der Größenunterschied nicht so bedeutend sein, wie wir ihn wahrnehmen wollen. Es ist gar von einer Täuschung die Rede: Wenn der Vollmond auf- oder untergeht und man ihn dabei aus der richtigen Perspektive sieht – am besten mit Blick über weites Gelände im Vergleich mit Häusern, Bergen, einer zum Horizont verlaufenden Straße – sieht er größer aus, als wenn er hoch am Himmel steht. Auch „Orangenmond“ oder „Erdbeermond“ (Strawberry Moon hieß ein Jazz-Album von Grover Washington) gelten der Wissenschaft lediglich als populäre Bezeichnungen. Denn wie wir die Farbe des Mondes sehen, hängt mit dem Sonnenlicht zusammen, von dem der Mond ja seine Leuchtkraft erhält. Wenn der Weg durch die Atmosphäre lang ist, können die Blau-Anteile fehlen. Stimmt, aber im Februar habe ich einfach nur diesen schönen orangen Mond bestaunt. Staunen: Manchmal scheint es, als hätten wir es in der täglichen Hast verlernt. Dafür müssten wir innehalten, zur Ruhe kommen – wobei dies, so heißt es, gerade bei Vollmond gelingen soll (Aberglaube) Irmtraud Gutschke

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Vollmondbier Im von Mythen umrankten schweizerischen Appenzell begann schon im 19. Jahrhundert die Familie Locher mit dem Bierbrauen. Gerade die besondere Wasserqualität in der Gegend verlieh dem „Urquell“ eine besondere, frische, spritzige Note. Das Einwirken der Mondphasen auf die Gezeiten ließ den alten Locher auf die Idee kommen, der Vollmond könne womöglich auch den Wasserdruck während des Brauens beeinflussen. Tatsächlich entfaltete sich beim Brauen in der Vollmondnacht ein besonders kräftiges Hopfen-Bouquet. Seitdem rühren unzählige Brauereien ihre Maische in den Vollmondnächten an. Das Bier hat plötzlich eine mystische Note und wird damit auch beworben. Dabei geht es um ganz banale Physik. Es ist die Schwerkraft, die auf das Wasser einwirkt, den Druck erhöht und so eine bessere Durchmischung der Ingredienzen besorgt. Die Appenzeller-Urquell-Biere beschränken ihr Marketing, schweizerisch nüchtern, auf hochwertige, von Künstlern gefertigte Etiketten. Marc Ottiker

Z

Zyklus Die fast gleiche Dauer von weiblichem Zyklus – 28 Tage – und Mondzyklus – 29,5 Tage – heizte Spekulationen an, ob nicht ein intensiverer Gleichklang besteht. Jedoch ist der Mondeinfluss auf die Zyklusphasen nicht nachweisbar. Esoterische Kreise glauben, dass Frauen ohne den Einfluss von künstlichem Licht bei Neumond menstruieren und ihren Eisprung bei Vollmond haben. Wissenschaftlich ist das nicht haltbar. Auch der Datenabgleich von mehr als einer Million Frauen über eine Menstruationskalender-App förderte keine Beziehung zum Erdtrabanten zutage. Bei Meeresschildkröten, Krabben und dem Feuerwurm hingegen geben die Mondphasen tatsächlich den Takt bei der Fortpflanzung. Tobias Prüwer

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