Wackersdorf

A–Z Am 06. Juni 30 vor Jahren verhinderten lange Proteste die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf
Wackersdorf

Foto: Thomas Pflaum/Visum

A

Anarchie Als Jello Biafra am 16. Dezember 1982 im Kursaal von Bad Honnef zum ersten Chaostag aufrief, begründete er damit eine im Laufe der Jahre von der Punkszene liebgewonnene Tradition. Als Sänger der Dead Kennedys war Biafra Hohepriester einer Bewegung, die sich dann in schöner Regelmäßigkeit im Rahmen dieser Zusammenkünfte ausgedehnte Straßenschlachten, sowohl mit der Polizei als auch mit rechten Skins, lieferte und eine nachgerade erfrischende Schneise der Verwüstung durch diverse bundesdeutsche Einkaufspassagen zog (Militanz). Hauptmotiv des Aufruhrs war jedoch eine sogenannte „Punker-Kartei“, in der präventiv „erlebnisorientierte Jugendliche“ dokumentiert werden sollten, die in ihrer äußeren Erscheinung von der Norm abwichen oder eben als Punker zu erkennen waren. Also traf man sich in der Hochblüte des Brauches zu Tausenden, um die Kartei ad absurdum zu führen. Ein gutes Beispiel wachsender Nervosität eines Staatsapparates, der, wohl auch im Fahrwasser von Ereignissen wie Wackersdorf, immer argwöhnischer auf seine Bevölkerung blickte. Marc Ottiker

E

Erinnerung Eine eiskalte Osternacht, Raureif auf den provisorischen Zelten, der uns Bauplatzbesetzer das Fürchten lehrte; ein fahler, regenbesoffener Tag, an dem wir in Stiefeln durch den Matsch staksten, untergehakt, gegen alle Widerstände entschlossen. War es Wyhl? War es Wackersdorf? Oder doch Mutlangen? Manchmal hakt die Erinnerung, die Bilder verschwimmen, schieben sich übereinander, samt den Orten, die zum Symbol des widerständigen Jahrzehnts geworden sind. WAA lautete das Kürzel des Bösen aus dem Strauß-Land. Ein gottverlassener Streifen in der Oberpfalz. Es dauerte ewig, mit unseren altersschwachen Karren überhaupt dorthin zu kommen. Und es war strange, plötzlich neben Landräten und Pfarrern zu protestieren, das wirbelte unser Weltbild durcheinander. Bürger! Als ich mir vor einiger Zeit den Film Wackersdorf angeschaut habe, schien alles wieder auf, so präsent, so schmerzhaft, so intensiv. Wackersdorf ist überall, hieß es damals. Heute sind es der Hambacher Forst und die Lausitz. Ulrike Baureithel

F

Fragen Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima dachte Regisseur Oliver Haffner über das Thema Atomkraft nach, er erinnerte (Erinnerung) sich an die 1980er, an Wackersdorf und stellte fest, es gab keinen Film dazu! Dabei steht Wackersdorf nicht nur für das politische Woodstock der Oberpfalz, sondern für die Geburtsstunde der zivilen Widerstandsbewegung in der BRD. Haffner fragte sich dann: Wie hat man sich damals eigentlich informiert? Statt Einträgen bei Wikipedia gab es nur Mikrofiches in der Bibliothek, es gab keine Youtuber wie Rezo, dafür Franz Josef Strauß mit ordentlicher Reichweite. „Erst aus tiefem Wissen kann sich eine Haltung entwickeln“ sei das Hauptplädoyer seines Films. Wackersdorf, 2018 ausgezeichnet mit dem Bayerischen Filmpreis, ist ein Politdrama der Extraklasse, die voll fette Gänsehaut gibt’s gratis dazu. Katharina Schmitz

G

Grauwacke „Dicht am Granite kommt die Grauwacke vor“, schätzte Hobbygeologe Goethe, „ein Name für viele Bildungen.“ Der dunkle Sandstein ist der Stoff, aus dem Pflastersteine hergestellt werden. Darum hat sich das Autorenkollektiv von Autonome in Bewegung das Pseudonym „AG Grauwacke“ gegeben. Ihr Buch ist ein Klassiker über die Anfänge der Autonomen in Deutschland, die neben Häuserbesetzen und Protesten gegen die Startbahn West auch in Wackersdorf aktiv waren. Ihnen zufolge waren die Pfälzer Bürger wenig zurückhaltend hinsichtlich der Militanz und griffen wie die Autonomen zur Grauwacke. Allerdings waren „Blockaden einer alteingesessenen Betonfirma mit antikapitalistischen Begründungen doch etwas viel schwerer vermittelbar“, wie man selbstkritisch einräumte. So blieben Bürger dann von einigen Aktionen weg. In Sachen Autonomen-Mode (Parka) setzte Wackersdorf neue Maßstäbe. Der Name „Hasskappe“ hat sich im dortigen Protest-Sommercamp etabliert. Das Design wechselte von einer gelben Augenumrandung zur bis heute gebräuchlichen roten. Tobias Prüwer

K

Karl Die Band Gänsehaut, 1981 gegründet und 1984 wieder aufgelöst, ist ein vergessener Name der Pop-Geschichte. Doch ihr größter Hit, Karl der Käfer, ist für immer im Ohr. Das Lied mit dem schlichten Refrain entführt in eine andere Zeit, in der Zeilen wie „Mit scharfer Axt fällt man Baum um Baum, zerstört damit seinen Lebensraum“ noch zu einem Popsong taugten: „Tief im Wald, zwischen Moos und Farn, da lebte ein Käfer mit Namen Karl. Sein Leben wurde jäh gestört, als er ein dumpfes Grollen hört. Lärmende Maschinen überrollen den Wald, übertönen den Gesang der Vögel schon bald.“

„Karl der Käfer wurde nicht gefragt, man hat ihn einfach fortgejagt“, schallt es dann im Refrain, der die Zerstörung der Natur und die Vertreibung Karls aus seinem Wald auf eine so schlichte wie naive Art und Weise schildert, die noch heute Menschen zu Tränen rühren kann, wie etwa „Dietmar 1968“ in einem Forum unumwunden zugibt: „Da muss ich immer heulen …“ Doch nicht nur der allein 150.000 Mal als Single verkaufte Song, sondern auch das Cover ist megaskurril: Ein Käfer packt seine Siebensachen, schnürt sein Bündel und verschwindet angesäuert aus dem Wald, an dessen Rand bereits ein Atomkraftwerk steht. Gefragt hat ihn keiner. Marc Peschke

M

Militanz „Ob friedlich oder militant, wichtig ist der Widerstand!“ Nicht alle damals Protestierenden hätten diesen Autonomen-Spruch unterschrieben (Grauwacke). Noch heute wird diskutiert, wie weit Widerstand gehen darf. In dieser Hinsicht unterschieden sich Proteste damals sehr stark vom aktuellen Agieren der Jugend bei den Fridays for Future. Das sind reine Latschdemos, deren scharfes Schwert im Schulschwänzen liegt. Die Protestierenden haben klug erkannt, dass sie solch einen Stachel brauchen. Aber von Militanz keine Spur.

Interessant ist, dass militante Aktionen immer damit verurteilt wurden, dass sie nicht zielführend seien. Sie würden die Legitimation ihrer Ziele hintertreiben. Das gleiche Argument ist nun gegenüber den friedlichen Demonstranten zu hören: Sie sind nicht ernst zu nehmen, weil sie blaumachen – und jung sind. „Stil der CDU ist es, sich an einen Tisch zu setzen“, ließ Philipp Amthor angesichts des kritischen Videos Die Zerstörung der CDU wissen. Genau, ganz so, als hätten sie die Proteste von 1968 oder die in Wackersdorf nie selbst militant bekämpft. Sogar den sehr bürgerlichen Unwillen gegen Stuttgart 21 hat eine CDU-Regierung zusammengekärchert. Man muss froh sein, dass sie den streikenden Schülern nur mit Verweisen drohen. Tobias Prüwer

O

Ozonloch Zum Glück ist das Ozonloch mehr so ein 80er-Ding (Rättin). Unvorstellbar die Hysterie, die Tweets, die Petitionen, die Talkshows, die Aktionen, die es heutzutage gäbe, wenn wir immer noch Fluorkohlenwasserstoff-Kühlschränke hätten und Haarspray-Frisuren in wären. Das ganze Internet wäre voll von viralen Anti-Ozonloch-Filmchen von Jan Böhmermann (Militanz). Jan Fleischhauer hingegen würde die Existenz von Ozon leugnen. In den Drogeriemärkten kämen überteuerte Zuckerwasser-Pumpsprays für den ökologisch korrekten Sitz der Frisur auf den Markt. Deutschland würde in der EU das FCKW- Verbot torpedieren, um der heimischen Kühlschrank-Industrie nicht zu schaden.

Passieren würde: gar nichts. Irgendwann hätten wir uns eben an Hautkrebs gewöhnt. Die Reichen könnten sich teure Therapien leisten, die Armen dran verrecken. In Prenzlauer Berg hätten sie alle gute Haut und wirksame Sonnencremes, der kleine Mann trüge Melanome statt Tattoos. Damals taten Reagan, Thatcher und die ganze Welt sich gegen das FCKW zusammen. 2016 gaben Forscher bekannt, dass die Ozonschicht sich langsam, aber sicher erholt. Ruth Herzberg

P

Parka Beliebtes, wenn nicht gar ikonisches Utensil der von den 1970ern bis tief in die 1990er Jahre hinein aufrührerischen Jugend war der Bundeswehr-Parka. Ein fast ebenbürtiges Pendant zu der Marine-Jacke, welche die zu Hippies bekehrten Vietnamveteranen bei ihren Demonstrationen trugen. Ironischerweise bekannte man sich mit dem Parka immer auch zum Schwarz-Rot-Gold der Bundesrepublik Deutschland, prangte die Flagge doch, klein, aber auf dem Olivgrün umso deutlicher, an der Schulter. Trotzdem bot das Kleidungsstück zuverlässigen Schutz vor Wasserwerfern und anderer Unbill der Aufstandsbekämpfung (Anarchie).

Aus dieser Perspektive steht der Parka in einer Linie mit den Befreiungskriegen von 1813 – 1815, bis hin zu den Märzrevolten von 1848. Erstmals führten diese Farben 1815 die „Urburschen“, welche, ausgehend von der Studentenschaft (!), einen einheitlichen Deutschen Bund forderten. Womöglich können so Parallelen von Wackersdorf zum Hambacher Fest 1832 gezogen werden, wo die drei Farben für die bürgerliche Opposition gegen die restaurativen Bemühungen des Deutschen Bundes standen. Freiheit und Volkssouveränität wurden hier von den Gründervätern der Republik genauso eingefordert, wie es ihre Wiedergänger in den 1980er Jahren taten. Marc Ottiker

R

Rättin Es trug sich zu in meinem Geburtsjahr: Die Apokalypse dräute. Tschernobyl GAUte, die Wälder starben, der Regen säuerte, die Flüsse kippten. Die Ratten hätten das sinkende Schiff verlassen. Nur wie? Immerhin: Heißt es nicht, dass Ratten und Kakerlaken sogar atomare Winter überstünden? Die Rättin (1986) von Günter Grass war das Buch der untergehenden Stunde. Darin umkreist der Erzähler, in einer Raumkapsel entrückt, den Mutterplaneten, auf dem die Ratten nach dem Untergang des Menschengeschlechts eine zivilisierte, ja humane Gesellschaft aufbauen. Die Ratten sind Verkörperung einer Utopie vom besseren Menschen, der aus der Vergangenheit gelernt hat und seine Zukunft rettet. Am Horizont aber kündigen die Watsoncricks, eine seltsame Mischrasse aus Ratten und Menschen, einen erneuten planetaren Sündenfall an. Inspiration für den verlachten Roman war ein Geschenk der Grass’schen Kinder: eine echte Ratte, zur Erheiterung des alten Mannes gekauft. Wie sie so im Laufrad rennt, erinnert sie nicht an den Menschen, der endlos gegen sein Schicksal kämpft? Marlen Hobrack

Z

Zahlen Die Nachricht vom 11. April 1989 war das Aus für Wackersdorf: Der Düsseldorfer Energieriese VEBA kooperierte mit Cogema, dem Betreiber der Wiederaufbereitungsanlage in La Hague. Der Deal garantierte ausreichend Kapazität, schnelle Einsparungen der bis dato investierten Milliarden für Wackersdorf; und das alles entgegen der Behauptung des bayerischen Umweltministers zu einem Bruchteil des deutschen Preises. Auch war durch 49-prozentige Beteiligung am französischen Unternehmen die Forderung nach einer vom Ausland unabhängigen deutschen Entsorgung erfüllt. Die La-Hague-Gegner befriedete die VEBA mit dem Aus des Schnellen Brüters in Kalkar, dafür sollten die vorhandenen Reaktoren so lange betrieben werden, bis sie ausgedient hätten. Helena Neumann

06:00 06.06.2019

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