A-Z Weltraumverbrechen

Irdisch Eine US-Astronautin soll sich von der ISS aus ins Konto ihrer Noch-Frau gehackt haben. Die „New York Times“ sprach vom ersten Verbrechen im Weltall. Wir kennen mehr
A-Z Weltraumverbrechen
Take me to your leader!

Foto: Orlando / Threelions / Gettyimages

Ach ja? Wir finden, im All haben sich schon längst allerhand Skandale zugetragen – und auf der Erde verschweigt man uns einiges! Unser Lexikon

A

Ansturm Langsam reicht’s. Was passiert wirklich in der Area 51, dem militärischen Sperrgebiet im südlichen Nevada? Erst 2013 hat die CIA dessen Existenz bestätigt, bis dahin haben sie geheimgehalten, dass es den Ort überhaupt gibt! Das sagt ja wohl schon alles. Hallo? Es handelt sich um etwa 100 km² Fläche!

Und was ist mit den seltsamen Lichtern, die nahebei überm Highway 375 gesichtet wurden? „Übungsflüge“ von „Kampfjets“. Ja nee, is’ klar. Gebt endlich zu, dass hier die geheime Weltregierung sitzt, die das Wetter steuert und Aliens zerlegt (Verschwörung). Gerüchte werden von US-Regierungsseite nach wie vor hartnäckigst weder dementiert noch bestätigt. Muss aber auch nicht sein. Am 20. September 2019 stürmen wir das Gelände. „Storm Area 51. They Can’t Stop All of Us“, heißt das Event auf Facebook. Schon zwei Millionen Menschen haben zugesagt, 1,5 Millionen sind interessiert. Angeblich soll diese Aktion nicht ernst gemeint sein. Aber das werden wir ja sehen. Ruth Herzberg

B

Bärtierchen Für die Medien war der Unfall ein gefundenes Fressen. „Leben auf dem Mond!“, betitelten sie Anfang August die Meldung, dass sich Bärtierchen nun auf dem Erdtrabanten befinden. Ein Unternehmen hatte sie per Sonde ins All geschickt, die zerschellte auf dem Himmelskörper. Was nach einer amüsanten Meldung klingt, ist in Wahrheit ein ethisches Verbrechen. Da kontaminiert ein Privatunternehmen mir nichts, dir nichts einen anderen Himmelskörper – mit unabsehbaren Folgen. Und die Öffentlichkeit erfährt erst Monate später davon. Keine Risikoabschätzung ist erfolgt, keine ethische Debatte, ob man überhaupt Leben ins All schicken sollte (Hund), wurde geführt. Das ist verantwortungslos. Aber dass selbst danach keine Diskussion darüber aufkam, sondern das Bärtierchen auf dem Mond belächelt wurde, ist ebenso fragwürdig. Tobias Prüwer

F

Fast Am 24. April 1990 startete das nach heutigem Geldwert rund eine Milliarde US-Dollar teure Hubble-Weltraumteleskop nach zwölf Jahren Entwicklung erfolgreich seine Reise ins All. Als es kurze Zeit später aber die ersten Daten sendete, staunten die Entwickler nicht schlecht: Statt glasklarer Bilder kamen nur verwackelte Aufnahmen auf der Erde an. Hubble drohte direkt nach dem Start ein nutzloses Milliardengrab zu werden, ein Verbrechen an US-Steuerzahlern.

Was war schiefgelaufen? Der Primärspiegel, also die Hauptlinse des Teleskops, hatte einen Fehler. Das Instrument, das während der Herstellung zur Qualitätskontrolle des Spiegels dienen sollte, war falsch justiert; zwei Linsen im sogenannten Nullkorrektor waren 1,3 Millimeter zu weit voneinander entfernt. Ein sehr grober und eigentlich leicht zu vermeidender Fehler. Den Spiegel zu tauschen, wäre zu teuer und kompliziert gewesen, also entwickelte die NASA ein neues Instrument namens COSTAR zur Korrektur der Spiegeldaten. Erst nach dem erfolgreichen Einbau schickte Hubble mit zweieinhalb Jahren Verspätung die ersehnten Superbilder. Sophie Elmenthaler

H

Hund Bevor sich der Mensch ins All wagte, schickte er Tiere voraus. 1949 sendeten die USA den Rhesusaffen Albert II. in den Weltraum. Es starb. Ähnlich erging es Dutzenden Affen. Der russische Mischling Laika („Kläffer“) wurde vor seinem Flug 1957 in Käfige und Zentrifugen gesteckt, an Lärm und Vibrationen gewöhnt.

Es half nichts. Als die Hündin im Satelliten Sputnik 2 ins All schoss, schlug ihr Herz dreimal so schnell. Nach sieben Stunden kam kein Lebenszeichen mehr – vermutlich starb Laika an Überhitzung und Stress. Ihre Rückreise war nicht vorgesehen. Sie sollte mit vergiftetem Futter eingeschläfert werden, um sie vor dem Verglühen beim Wiedereintritt in die Atmosphäre zu bewahren. Elke Allenstein

K

Klamauk Saint-Tropez, Sonne, Strand. Eigentlich ist alles herrlich und entspannt in der Hafenstadt an der Côte d’Azur, wären da nicht Außerirdische, die die Erde erobern wollten. Doch eine Gruppe französischer Gendarmen kann das verhindern. Ihnen kommt zugute, dass ihre Gegner, die zwar menschlich aussehen, aber aus mechanischen Teilen bestehen, kein Wasser vertragen. Das ist im Kern der Plot von Louis de Funès’ Film Le Gendarme et les extra-terrestres (1979). Ein schräger Streifen – die Außerirdischen halten sich mit Salat- und Maschinenöl in Schuss –, klamaukhaft und eher für Fans des hektischen Franzosen als für Sci-Fi-Aficionados. Behrang Samsami

L

Leere Der Weltraum ist bis auf ein bisschen Staub, Eis und eine Handvoll Himmelskörper fast vollständig leer. Es gibt dort keine Atmosphäre, die Schall oder Wärme transportieren könnte. Absolut still ist dieser sonderbar friedliche Ort, auch weder warm noch kalt. Er ist eben: leer. Das ist selbstverständlich kein Verbrechen, sondern Physik.

Selbiger und damit auch dem Weltraum wird in Form der allermeisten Filme, die dort spielen, bitteres Unrecht angetan: ohrenbetäubende Explosionen, peitschende Laserkanonen oder grollende Warp-Antriebe – wir könnten sie allesamt nicht hören. Auch ein Weltraumspaziergang ohne Anzug lässt einen nicht gleich zum Eisblock erstarren. Die Wärme, die der Körper abstrahlt, würde einen nur langsam abkühlen – vor dem Erfrieren ginge der Sauerstoff aus. Sollten Sie also in diese Situation geraten: Don’t panic, vorsichtig ausatmen und die Aussicht genießen! Daniel Braunschweig

P

Perspektive Der Mensch unterscheidet sich durch zwei Eigenschaften von allen anderen Tierarten, seine Selbstüberschätzung und seine Dämlichkeit. Der Rest der Fauna lässt diese Tugenden ja nur äußerst selten und eher zufällig aufblitzen: wenn etwa Katzenvideokatzen den Sprung aufs nächste Regal falsch taxieren und dann in höchster Eleganz unterhalb des Sichtfelds auf dem Wohnzimmerboden einschlagen. Für uns Menschen ist dieser peinliche Hang zur Fehleinschätzung der geistige Dauerzustand, abzüglich der Eleganz.

Etwa beim Sprechen über das Universum. Hopsen wir, unter erheblichen Mühen, vom eigenen Planeten zum allerallernächsten Gesteinsbrocken, so ist das „die Eroberung des Weltalls“. Hier: Erde. Stückchen weiter draußen: Weltall. Autsch! Hirn an Headline: Ausnahmslos alle menschlichen Verbrechen fanden im Weltall statt. Ebenso alles Frühstücken, Rumlaufen, Liebhaben. Alles, was Menschen tun, findet immer im Weltall statt. Wo denn sonst? Klaus Ungerer

R

Raub Nichts wird so hingebungsvoll ausgeplündert wie fremde Welten, jottwede im Outer Space. Die imperialistische Ausbeutung von Planeten mitsamt der rassistischen Unterdrückung ihrer Einwohner zum Zweck kapitalistischer Profitmaximierung exerziert nicht nur James Cameron in „Avatar“ durch.

Egal ob Bodenschätze im Asteroidengürtel abgebaut, Menschen als Energiequelle genutzt, Rohstoffe auf fremden Planeten in Wert gesetzt werden oder verschlafene Gesellschaften in abgelegenen Gestirnen unerwarteten Besuch bekommen (Klamauk): Der imperiale Raubritterkapitalismus blüht im sciencefictionalen Weltraum von H. G. Wells über Dietmar Dath bis zu den neuesten Netflixproduktionen. Florian Schmid

S

Schrott Harald Lesch sagte einmal, wir Menschen hätten angefangen, die Erde als unseren Haushalt zu nutzen. Prompt zeigte sich unser Hang zum Messietum: Wir legten die irdischen Breiten mit Ölteppichen aus und horten darauf nun Unmengen von alten Radios, billigem Plastikspielzeug und leeren Bierdosen. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts vermüllen wir nun auch unseren Vorgarten (Perspektive). 6.500 Tonnen Weltraumschrott rasen aktuell um den Planeten. Zwar sind die Objekte meist nur wenige Zentimeter klein, in ihren immensen Geschwindigkeiten entwickeln sie jedoch einiges an Zerstörungskraft. Einige Sonden hat es schon zerschossen und selbst die ISS muss regelmäßig heikle Ausweichmanöver fliegen. Wo bleibt die verdammte Müllabfuhr!? Josa Zeitlinger

T

Terraforming Im zeitgenössischen Science-Fiction wird oft die Atmosphäre eines Planeten für Menschen bewohnbar gemacht. Ob das mit dem Freisetzen gigantischer Mengen CO₂, dem Abschmelzen unterirdischer Eis-Reservoirs oder dem Aussetzen von Bakterien geschieht, ändert nichts an der Fragwürdigkeit dieser ökoverbrecherischen Praxis (irdische Bakterien auszusetzen, verbietet übrigens der Weltraumvertrag von 1967, Bärtierchen). Warum muss jeder Planet menschenkompatibel sein? In Kim Stanley Robinsons klassenkämpferischer Mars-Trilogie wird genau das diskutiert und die Unberührbarkeit des Mars von den Puristen geschützt – sogar mit Anschlägen auf verhasste Terraforming-Projekte. Florian Schmid

V

Verschwörung „Theorien, die ich für wahr halte, können keine Verschwörungstheorien sein“, schrieb BGH-Richter a. D. Thomas Fischer im Freitag-Fragebogen (Ausgabe 29/2019). Als ich-referenzielles Subjekt mit eigener Umlaufbahn sollte das ein erstrebenswerter Zustand sein. Oder wie Rolf Dobelli mir vor Kurzem im Interview sagte: Ein Relevanzschema für die Fülle an Informationen, die wir rezipieren, muss man sich mit geistiger Anstrengung selbst schaffen.

Das ist den meisten Menschen dann scheinbar zu viel. Letztens stritt ich mit einem Bekannten, ob die Mondlandung ein Fake sei. Bisher dachte ich nicht, er sei irgendwo entlaufen. Sein Frame dümpelte um „die da oben“ und „alles Fake“ – der Punkt an dem jede gescheite Diskussion zum Tode verurteilt ist. Vielleicht sollten wir uns fragen, warum Menschen so sehr allem misstrauen, was „oben“ ist? Ist das „unten“ so tief, dass wir die gesellschaftlichen Hälse umso gieriger nach etwas recken müssen, was dann doch nur menschengemacht ist? Jan C. Behmann

Z

Zier Schön sind Meteoriten ja nicht gerade, dafür aber nicht von dieser Welt. Möglicherweise wird diese wegen eines besonders großen von ihnen untergehen, aber noch ist es nicht so weit. Bis dahin kann man die ja mal sammeln. Meteoriten fallen eigentlich ständig zur Erde, mal mehr, mal weniger laut. Wenn sie in der Arktis oder in der Wüste landen, verwittern sie nicht so schnell und werden dort gefunden. Die Preise für Meteoriten rangieren bei eBay zwischen 30 und 17.000 Euro, je nach Herkunft und Größe.

Meteoriten werden wegen ihres Wertes auch ganz gern gestohlen (Raub). So geschehen 2005 in Moskau bei der Sanierung des Planetariums. Ein Mann wurde erwischt, als er den 40-Kilo-Brocken für mehrere tausend Euro an einer Ausfahrtsstraße Moskaus verkaufen wollte. Schade, dabei hätte der sich so gut über meinem Kamin gemacht. Ruth Herzberg

06:00 29.09.2019
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