A–Z 1984

Klassiker Nach den Enthüllungen von Edward Snowden ist George Orwells „1984“ wieder in aller Munde. Kann die Fiktion von damals unsere Wirklichkeit beschreiben? Unser Lexikon
Freitag-Redaktion | Ausgabe 28/2013 3
A–Z 1984

Bild: Cinetext

A

Apple Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass ausgerechnet der Apple-Konzern eine Rolle in einem Überwachungsskandal spielt, in dem ständig der Vergleich zu Orwells 1984 gezogen wird. Schließlich hat Apple bei der Einführung seines Ur-Macs 1984 genau damit Werbung gemacht: Kahle, graue Männer starren auf eine Leinwand, auf der ein kahler, grauer Mann eine Rede hält. Eine blonde Frau läuft an den Zuhörern vorbei und schleudert einen Hammer gegen die Leinwand, die zu Bruch geht: Macintosh. Why 1984 won’t be like „1984“. Das Ganze war als Anspielung auf die marktbeherrschende Konkurrenz von Microsoft gemeint. Heute steht Apple im Verdacht, dabei mitzuhelfen, dass der Staat seine Bürger ausspäht. So ändern sich die Zeiten. Philip Grassmann

B

Big Brother Dieser Satz ist zum geflügelten Wort geworden: „Big Brother is watching you“ lautet der omnipräsente Slogan des Staates Ozeanien, der seine Bürger stets an die totale Überwachung erinnern soll. Über die Jahre wurde der „Große Bruder“ dann zum allgemeingültigen Begriff, um Überwachungsszenarien zu beschreiben.

Die niederländische Produktionsfirma Endemol nahm 1999 George Orwell beim Wort, 2000 zogen dann auch in Deutschland erstmals Fernsehshow-Kandidaten freiwillig in einen Container, um sich rund um die Uhr von Kameras überwachen zu lassen. Die Fernsehzuschauer waren jetzt Big Brother. Das Format wurde heftig kritisiert, man sprach von einem Tabubruch – gleichzeitig feierten die Sendungen Rekordquoten. Doch mit jeder Staffel sank das Interesse. Aufgrund einer Schwemme von Reality-Shows wurde Voyeurismus alltäglich und öde. Sophia Hoffmann

D

Doppeldenk „Krieg bedeutet Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke“. In 1984 ist Doppeldenk Grundlage allen Handelns. Und nach Ulrich Becks Buch Krieg ist Frieden befinden wir uns in einer Phase des postnationalen Krieges: Die Unterscheidungen Krieg-Frieden, Zivilgesellschaft-Militär, Freund-Feind verlieren ihre Eindeutigkeit. „Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt“. So führen Verteidigungsministerien Angriffskriege. Justizministerien verhindern den Abbau von Menschen- und Bürgerrechten nicht. Und das kosmopolitische Regime, das die Welt nach dem Bild des Westens formen will (Ziel: Weltfrieden), mündet in der Legitimierung und Legalisierung des Kriegs. Baran Korkmaz

I

Insel Was tun angesichts der Omnipräsenz spähender Augen und lauschender Ohren? Nicht einmal mehr die Insellösung ist heute noch eine Option. George Orwell selbst hatte sich in der frei gewählten Isolation nach Islay zurückgezogen. Auf der schottischen Hebrideninsel verbrachte er seine letzten zwei Lebensjahre mit seinem Sohn. Zurückgezogen, ohne Strom und Telefon schrieb er hier zwischen Torf und Heidekraut von 1946 bis 1948 den Roman 1984.

Anders heute: keine Exit-Option, nirgends. Heute hat man sich entweder gleich selbst vor der NSA und dergleichen Diensten digital nackig gemacht, weil ohne Netz kaum etwas geht. Oder der staatliche Spion schickt eine Drohne rüber, die noch auf dem letzten Eiland nach dem Rechten schaut. Im Wendland überwacht so ein fliegendes Auge Anti-AKW-Demonstranten. Die sächsische Polizei setzt Drohnen seit 2011 ein – zuletzt vor zwei Wochen, als das Vereinsfest des linken Fußballclubs Roter Stern Leipzig aus der Luft überwacht wurde. Tobias Prüwer

K

Kampfbegriff Occupy Orwell: Vielleicht liegt es an der verqueren Rezeptionsgeschichte von 1984, dass das rechte bis ganz rechte Lager Orwells Œuvre als Munitionskiste versteht. Seine Dystopie ist oft allein als antistalinistische Kritik missverstanden worden. Zum Kampfbegriff ist dabei der Begriff „Neusprech“ geworden – im Roman die staatliche Sprachpolitik zur Gedankenbeeinflussung. So erheben Gegner von Polical Correctness heute den Neusprech-Vorwurf, wenn man ihnen ihre Lieblingsrassismen nimmt oder sich gendergerecht artikuliert. Selbst knüppelharte Nazis verlassen sich auf Orwell, obwohl der undogmatisch links war. „In einer Zeit des Universalbetrugs ist die Wahrheit zu sagen eine revolutionäre Tat“ – Orwells Zitat prangt auf der Naziplattform Altermedia. George Orwell nannte solches Denken, das miteinander unvereinbare Aussagen vereint: Doppeldenk. TP

N

Neunzehnvierundachtzig Es war das Jahr, in dem das Privatfernsehen eingeführt wurde, aber auch eines, in dem die Privatheit zur Disposition stand. Der Erreger für eine bis dahin rätselhafte Immunschwächekrankheit wurde identifiziert. Eine HIV-Hysterie brach los, bei der bald alle Homosexuellen unter Generalverdacht gerieten. In Bayern wurde der Ruf laut nach einer Kennzeichnungspflicht für HIV-Infizierte – an einer beim Geschlechtsverkehr sichtbaren Stelle. Angesichts dieser Kontrollparanoia nahmen sich die ersten digitalen Datenschutzprobleme fast rührend aus. Hacker vom Hamburger Chaos Computer Club hatten sich via Bildschirmtext, einem Internet-Vorläufer, über 100.000 Mark von der Sparkasse auf ihr eigenes Konto überwiesen. Der Streich wurde als „Haspa-Hack“ berühmt. Mark Stöhr

P

Panoptikum Orwells dystopische Vision war die einer totalen Kontrollgesellschaft. Als Sinnbild diente das Panoptikum: ein zentraler Ort innerhalb der Gesellschaft, von dem aus wenige Individuen die Mehrheit überwachen und bestrafen können.

Heute finden wir aber anstelle einer panoptischen Kontrollgesellschaft eine Disziplinargesellschaft vor. Man könnte von einem Synoptikum sprechen: Die Ordnung ist dezentralisiert und enthierarchisiert, in netzwerkartigen Strukturen. In Zeiten einer digitalisierten Welt befinden wir uns im Würgegriff der ständigen Optimierung eines jeden und der Gesellschaft – Social-Engineering, soziale Netzwerke: Jeder ist Beobachter von allem und zugleich ein von allen Beobachteter. Kontrolle funktioniert nicht durch Macht und Disziplin, sondern durch Selbstüberwachung und Selbstdisziplinierung. BK

PR Kormorane abzuschießen, ist ungut. Den Sachverhalt aber auch noch so zu nennen, ist „plusungut“. Also hat sich der Fischereiverband, der sich um die Erträge seiner Klientel sorgt, einen Begriff aus der Jägersprache geborgt. Im „Neusprech“ heißt das Töten von Kormoranen jetzt: „letale Vergrämung“. Man macht den Tieren, so die terminologische Assoziation, ein bisschen Kummer und wartet darauf, dass sie selbst stockdepressiv vom Himmel fallen. Die PR-Abteilungen von Konzernen, Verbänden und Behörden sind Meister der Beschönigung. Das Gift- und Gefährdungspotenzial einer Anlage, eines Projekts oder Produkts mag Fakt sein, doch mit dem entsprechenden Weichzeichner-Wording sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Da werden Pestizide zu Pflanzenschutzmitteln, die Atomkraft zur Kernenergie und der Katastrophenschutz zum Notfallschutz. Und wenn die Funktionsdauer einer Waschmaschine künstlich verkürzt wird, ist das nicht Beschiss, sondern die „sinnvolle Gebrauchsdauer“. Diese Kommunikationskultur ist „doppelplusungut“! MS

R

Referenz „Leben wir im Jahr 1984?“, fragte Ian Crouch, Blogger des New Yorker, nach den Prism-Enthüllungen und fasste damit zusammen, was viele dachten. Wirklich gelesen haben den Roman die wenigsten, aber jeder weiß, wofür er steht. Kaum ein Artikel oder Interview zum Datenklau kommt zurzeit ohne eine allgemeine Erwähnung oder ein Zitat der populärsten Bilder und Motive aus 1984 aus. „Stop watching us“, forderten Bürgerrechtler in den USA, unzählige Fotomontagen mit dem Konterfei von Barack Obama und der Überschrift „Big Brother is watching you“ zirkulieren im Netz. Und auch die deutsche Politik ist offenbar rudimentär mit der angelsächsischen Literatur vertraut. SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte dem Spiegel, gemessen an der Geheimdienstüberwachung „wirkt der so gefürchtete Big Brother von George Orwell ziemlich antiquiert.“ Das ist zwar nicht wirklich originell, dafür aber ziemlich plakativ. MS

S

Songs Auch in der Musik hat 1984 Spuren hinterlassen. So sollte David Bowies 1974 erschienenes Album Diamond Dogs ursprünglich als Broadway-Musical, basierend auf der Romanhandlung, aufgeführt werden, Orwells Witwe Sonia Orwell gab jedoch die Rechte nicht frei. „Für eine Frau, die einen Sozialisten geheiratet hat, war sie der größte Upper-Class-Snob, den ich jemals getroffen habe“, gab Bowie einem Biografen später erbost zu Protokoll.

Die Rockband Muse veröffentlichte 2009 das Album The Resistance, welches laut Sänger Matthew Bellamy stark von der Liebesgeschichte der düsteren Dystopie beeinflusst wurde. Weitere Songs mit 1984-Thematik sind etwa „2+2=5“ von Radiohead (2003), „Testify“ von Rage Against the Machine (2000) oder „Spies“ von Coldplay (2000). SH

W

Widerstand Wer in diesen Tagen gegen Überwachung ist, ist nicht einsam. Stündlich wächst die Zahl der Gegner, es gibt sie sogar an der Spitze des Staates, siehe Bundesjustizministerin. Vom ND bis zur Bild-Zeitung herrscht der oppositionelle Geist. Man kann die Geheimdienste risikolos kritisieren. Ganz anders in 1984. Winston Smith ist mit seinen Gedanken mutterseelenalleine, er muss schauen, dass man sie ihm nicht ansieht. Ob im Geheimen eine „Bruderschaft“ gegen das Regime arbeitet, bleibt ungewiss, sie ist vielleicht nicht mehr als ein Gerücht. Die flüchtigen Zeichen, die auf sie hindeuten, können bitter täuschen: O’Brien, einer aus dem Machtzentrum der Partei, der sich Smith und seiner Geliebten Julia erst als Mitverschwörer ausgibt, entpuppt sich als sein Folterer, ein 100-prozentiger Anhänger des Großen Bruders. Michael Angele

Z

Zensur George Orwell war in der DDR lange so verboten, dass selbst der Fluss Orwell in der englischen Grafschaft Suffolk, nach dem er sein literarisches Pseudonym gewählt hatte, nicht im Lexikon stand. Man warf dem Autor Orwell kleinbürgerlich-anarchischen Hass auf die Zivilisation vor. Vor allem aber wohl, dass sich sein Werk im Westen, in den imperialistischen Ländern, für antikommunistische Propaganda nutzen ließ.

In den fünfziger Jahren galt 1984 als „25-Jahr-Buch“, weil man dafür 25 Jahre ins Gefängnis kommen konnte. Seltsamerweise erschien aber 1982 Farm der Tiere bei Volk und Welt. Und natürlich las man es als Satire auf den Kommunismus, genau wie man Victor Klemperers LTI als Analyse unserer hölzernen Zeitungssprache las. Ungefähr 1984 lag 1984 dann bei uns in einem Westpaket, der Zoll hatte es wohl für einen Kalender gehalten. Dafür wurde ein Brettspiel namens „Deutschlandreise“ konfisziert, Deutschland war ja verboten.

06:00 25.07.2013
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 3