Alltagsredaktion
22.08.2012 | 11:14

Schmidts Lektion

A–Z Alt sein Forever young? Lieber nicht. Zumal eine neue Liebe auch im Alter immer drin ist, wie Helmut Schmidt zeigt. Was das Altsein sonst noch auszeichnet: im Lexikon der Woche

Schmidts Lektion

Sport ist nicht, wenn man Olympiasieger wird, sondern wenn man die Grenzen seines Körpers testet: So viel zur Frage, ob man im Alter noch sportlich sein kann

Foto: William West/AFP/Getty Images

Alt werden

Pete Townshend war es, der mit „I hope I die before I get old“ den Unangepassten und Frustrierten einen Sinn gab. Die Zeile sagt: Brennst du nicht, bist du langweilig. Für den Charme dieser Regel spricht, dass jene, die früh sterben, keine Chance mehr haben, schlechte Songs zu schreiben (Janis Joplin, Kurt Cobain). Dagegen spricht, dass sie einen Jugendkult beschwört, der 50-Jährige verleitet, sich intim zu rasieren. Dabei gibt es nichts Unwürdigeres als einen fitten Alten. Und nichts Schöneres als einen Menschen, der sich seinem Alter entsprechend verhält. Ich jedenfalls hoffe, dass ich alt werde, bevor ich sterbe. Mikael Krogerus

Arbeit

Die Alten kommen – oder sie bleiben einfach länger da. Seit dem Jahr 2000 hat sich in der Gruppe der 60- bis 65-Jährigen die Zahl der Erwerbstätigen verdoppelt. Die Gründe liegen auf der Hand: Die Gesellschaft wird immer älter, die Älteren sind immer fitter, die Unternehmen brauchen Fachkräfte. Und so schicken sie ihr altgedientes Personal nicht in den Ruhestand, sondern halten es im Rennen.

Man weiß ja, was man an den Alten hat: Erfahrung, Wissen, ein besseres Qualitätsbewusstsein, sie gelten als besonnener und sehen, mehr als die Jüngeren, das Ganze im Einzelnen. Viele Firmenchefs und Personaler halten große Stücke auf sie. Arbeitspsychologen sehen das differenzierter. Für sie sind vor allem die Arbeitgeber in der Pflicht. Diese, so der Tenor, müssten mehr in Gesundheitsvorsorge, Weiterbildung und Abwechslung investieren. Denn wer 40 Jahre lang dasselbe gemacht hat, wird nicht unbedingt noch mal fünf oder zehn Jahre Monotonie anhängen wollen oder können.

Ganz und gar rosig ist das Ü60-Jobwunder bei näherer Betrachtung übrigens dann doch nicht. Zu der Statistik gehört nämlich auch das Heer der grauen Minijobber. Die bessern so ihre Rente auf, weil sie sonst wohl kaum über die Runden kämen. Mark Stöhr

Großeltern

Es gibt ein Foto meines Großvaters, auf dem er sich lachend in einem Schlauchboot fläzt. Wir Enkel schwimmen im Wasser um ihn herum wie ein Schwarm Putzerfische um einen Pottwal.

Mein Opa liebte es, wenn die Familie zusammenkam und feierte. Er war ein Tortenfotografierer und In-der-Mitte-Posierer, immer korrekt gekleidet mit Anzug und Krawatte. Nie nervte er mit Reden und Appellen, nie musste er beweisen, was für ein toller Hecht er war. Er war einfach da, ein Häuptling ohne Tomahawk, dafür mit Hut. Das ist vielleicht die Idealvorstellung von Ruhestand: Man muss nicht mehr um Anteile und Anerkennung ringen. Man ist einfach da, und die anderen kommen gerne zu einem. MS

Hilfsmittel

Wer Hilfsmittel benutzen muss, ist nicht zwangsläufig gehandicapt. So kann der Senior dank E-Bike auch im Alter das Radfahren genießen und die schwindende Muskelkraft mit Zusatzmotor ergänzen. Auch andere Hilfsmittel sind ganz selbstverständlich in den Alltag eingesickert: Mit Wanderstöcken wurde das heute populäre Gesundheitsgehen Nordic Walking entwickelt. Vorlese-Apps für das Smart-Phone, die Schrift in Ton verwandeln können, werden nicht nur von Sehschwachen benutzt, ebenso wenig wie Einkaufsführer-Funktionen.

Andere Hilfen machen besonders Spaß. Nehmen wir die Wii und andere Videospielkonsolen: Im Alter darf man sie nutzen, ohne als computersüchtig zu gelten. Denn es ist durchgesickert, dass sie den Geist anregen können und die Motorik fördern. Gerade die bewegungssensitiven Controller bieten große Möglichkeiten. So werden beim Wii-Bowlingspielen mittlerweile sogar Senioren-Meisterschaften ausgetragen. Tobias Prüwer

Klang

Besser gut kopiert, als schlecht selber gemacht – das ist seit einigen Jahren der Trend im Musikgeschäft. Auffallend oft ist „retro“ die Masche junger Künstler und Bands. Alt sein und alt klingen fallen also nicht zwangsläufig zusammen. Egal ob mit den Popqueens Lana del Rey oder Amy Winehouse die Sechziger wiederkamen oder Wolfmother als Hybrid von Led Zeppelin und Black Sabbath den Hardrock der Siebziger zurückbrachten: Aufmerksamkeit und Erfolg waren sicher.

Etwas Unbehagen verursacht das Ganze aber doch, und der alte Verdacht, dass an der These von der Kulturindustrie als Wiederholung des Immergleichen was dran ist, wächst. Künstler, die auch alten Sounds noch Innovatives hinzufügen können, sind rar. Eine lobenswerte Ausnahme ist die Band Ghost. Hier verbinden sich angestaubter Opulenzrock und eine auch nicht mehr ganz frische Black-Metal-Ästhetik wunderbar zu einem neuen Sound. Sebastian Triesch

Recht haben

"Das habe ich euch doch schon immer gesagt.“ – Allein um diesen Satz einmal voller Inbrunst sagen zu können, lohnt es sich, alt zu werden. Dabei muss man in jungen Jahren nicht zwingend besondere prognostische Fähigkeiten entwickeln. Es reicht, wenn man über die Jahre verteilt einfach möglichst viele Aussagen über die nähere Zukunft trifft. Je höher die Streuung, desto höher die Trefferquote, desto öfter darf man also oben stehenden Satz sagen. Von jungen Menschen hört man ihn ja nicht deswegen seltener, weil sie weniger Lust am Rechthaben verspüren, sondern weil sie einfach noch nicht so viel Zeit hatten, Voraussagen über die Zukunft zu tätigen.

Nur: Welche Prognosen bieten sich an? Bei einer unübersichtlichen Gegenwart fährt man am besten mit globalen Aussagen, am allersichersten mit: „Es wird immer alles schlimmer/schlechter/teurer.“ Wie – das glauben Sie nicht? Wir sprechen uns in 30 Jahren noch mal! Jan Pfaff

Rolemodel

Eine Gefühlsäußerung muss man sich bei Helmut Schmidt als zwei Lungenzüge in kurzen Abständen vorstellen. So sieht man ihn und seine Lebensgefährtin Ruth Loah vor sich, wie sie zusammen paffen und Rauchbilder in die Luft malen, die alles darstellen können, nur keine Herzen. Wieder mal erteilt uns der Altkanzler eine Lektion, diesmal in pragmatischer Liebe. Die Beziehung zu „meiner Freundin Frau Loah“ sei eine „selbstverständliche Entwicklung“ gewesen, beschied er Sandra Maischberger kürzlich. Glück? Das sei ein „sehr relativer Begriff“. Liebe im Alter braucht keine Kapelle und keine Kapriolen, lernen wir daraus. Ein stilles Einverständnis genügt, manchmal auch eine gemeinsame Kippe. MS

Sex

Kürzlich verkündete Jane Fonda, sie „habe mit 74 den besten Sex ihres Lebens“. Immer noch ist Alterssexualität in unserer Gesellschaft mit komischen Vorstellungen behaftet: 20-Jährige denken, mit 50 sei Schluss, 40-Jährige glauben, mit 70, und selbst viele 50-Jährige können sich nicht vorstellen, mit 80 noch sexuell aktiv zu sein. Das sind die Ergebnisse einer Studie der Uniklinik Rostock.

Was die Studie noch sagt: Die sexuelle Zufriedenheit wächst mit dem Alter. Und auch wenn die Frequenz abnimmt, fällt es Frauen – zumal die sich keine Gedanken mehr über Verhütung oder Kinderwunsch machen müssen – dann leichter, zum Orgasmus zu kommen. Menschen, die in ihrer Jugend überdurchschnittlich sexuell aktiv waren, behalten ihr Interesse an Sex, während er für weniger Aktive an Bedeutung verliert. Auch belegt die Studie, dass Sex der geistigen Fitness zuträglich ist und rituelle Zärtlichkeiten an Bedeutung gewinnen. Das Verhältnis zum Körper, auch dem des Partners, ist dann entspannter. Klingt gut. Sophia Hoffmann

Studium

Was Jüngeren im Studium nicht immer möglich ist – im Seniorenstudium geht es: sich lustvoll bilden. Endlich kann jemand, der früher irgendwie zu vernünftig dafür war, mal etwas im marktlogischen Sinne Unnützes wie Philosophie oder Onomastik studieren. Ob Fernstudium oder Uni- und Fachhochschulbesuch, die spätakademische Betätigung ist sehr beliebt. Die Senioren bilden knapp die Hälfte aller Gasthörer. Über die Modelle und Möglichkeiten informiert der Akademische Verein der Senioren in Deutschland.

2006 ging in Ostwestfalen-Lippe sogar die erste Senioren-Universität an den Start. Zunächst wurde dort ein allgemeinbildendes, ein Jahr dauerndes „Studium Generale“ angeboten. Statt Abitur ist Berufserfahrung das einzige Zulassungskriterium – abgesehen von den 1.350 Euro Studiengebühr. Der Abschluss „Senior Consultant“ soll Senioren dabei helfen, ihr Fachwissen in der freien Wirtschaft einzubringen. Und das Programm „Bürgerschaftliches Engagement“ ist geplant. TP

Tourismus

„Tut uns leid, da sind wir verreist!“ Keinen Satz habe ich in den letzten Jahren so oft von meinen Eltern gehört wie diesen. Seit ihrer Pensionierung sind sie nur noch auf Achse. Sizilien, österreichisches Weinviertel, Venedig im Herbst oder das usbekische Samarqand („Weil das so toll klingt!“): Sie haben Hummeln im Hintern. Und wer kann es ihnen verdenken? Zahlungskräftige Senioren sind die am stärksten wachsende Kundengruppe im Tourismussektor. Schon heute ist ein Drittel derer, die verreisen, über 60, Tendenz steigend. Sie sind anspruchsvoll, erwarten Qualität, sind aber auch bereit, dafür mehr auszugeben.

Besonders beliebt sind Gruppenreisen mit Kulturprogramm, und so wurden aus meinen auf Individualreisen spezialisierten Camping-Hippie-Eltern bekennende Studiosus-Jünger, die sich in Südanatolien Silberschmuck und Teppiche andrehen lassen. Wer hätte das gedacht? SH

Umdenken

Seit fünf Jahren ist Sven Kuntze in Pension und lebt das Umdenken im Alter vor: Der frühere ARD-Korrespondent hat mit Altern wie ein Gentleman. Zwischen Müßiggang und Engagement ein kluges Buch vorgelegt, das – sehr löblich – nicht vor Alterweisheiten strotzt.

Darin berichtet er von einem ganz anderen Zeitgefühl, das sich mit dem Alter einstelle. Entgegen dem einstigen Drängen der Terminpläne wird sie zum kostbarsten Gut. Und das will Kuntze individuell verteidigt sehen. Er plädiert für ein auch sportlich aktives Seniorentum, um vor körperlichem und geistigem Abbau zu schützen oder den Abbau zumindest abzufedern.

Kuntzes Quintessenz lautet: „Erfolgreich Altern heißt vor allem Grenzen erkennen, ein Prozess, der sich bis in die letzten Stunden hinziehen kann. Das ‚noch’, dem wir bislang selten Aufmerksamkeit geschenkt hatten, wird uns dabei zur strengen Richtschnur.“ TP

Zusammen wohnen

Wohnen im Alter muss nicht Einsamkeit bedeuten. Ein altes Modell wird auch für viele ältere Menschen immer attraktiver: die Wohngemeinschaft. Der (kleine) Boom der Senioren-WG bedeutet die Entdeckung der Gemeinsamkeit – bei beibehaltener Selbstständigkeit. Knapp 6 Prozent können sich vorstellen, so zu leben.

Und sie können ein eigenes Internetportal, pluswgs.de, nach Wohnungsangeboten und -gesuchen durchforsten, nach Wohnorten sortiert. Aus Hilden etwa heißt es: „Rüstige Rentnerin, 74, sucht eine nette Mitbewohnerin ab 65, für eine 2er-WG, gerne auch mit Hund.“ Neben solchen rein auf privatem Wege zusammengekommenen Mitbewohnergemeinschaften gibt es vermehrt professionelle Anbieter, die sich um Arrangement und auch Betreuung von Senioren-WGs kümmern. In diesen Gemeinschaften entfällt dann auch das leidige Aushandeln des Putzplans. TP