A–Z Busse

Lange Strecke Der Markt für Fernbusse wird größer. Sie sind billiger. Aber sind Busse ökologischer als Züge? In manchen kann man zumindest Demokratie fordern. Das Lexikon der Woche
Freitag-Redaktion | Ausgabe 42/2013

A

Actionfilm Ein mit Sprengstoff gespickter Bus ist der mobile Protagonist in Speed von 1994. Die tödliche Fracht geht hoch, wenn der Bombenleger nicht 3,7 Millionen US-Dollar bekommt. Sollte der Bus langsamer werden als 50 Meilen pro Stunde, endet dieser Bremsvorgang ebenfalls tödlich. Dank Keanu Reeves und Sandra Bullock geht das Drama gut aus. Im Happy End versöhnt auch die Komödie Bus Stop (1956) seine Figuren. Marilyn Monroe spielt eine Nachtclubtänzerin, die in einem Überlandbus ins Restaurant am Rande der bekannten Welt gefahren wird. Dort offenbart sich ihr die wahre Liebe. Zauberer und Hexen reisen gern im Fahrenden Ritter, dem magischen Busunternehmen aus Harry Potter. Über drei Ebenen verfügt das Gefährt, das man jederzeit zu sich rufen kann, nachts sind Betten die Schlafstatt. In Der Gefangene von Askaban (2004) hat des schräge Gefährt mit dem Schrumpfkopf-Navigator seinen großen Filmauftritt und durchkurvt in actionreicher Fahrt einen nächtlichen Traffic Jam. Tobias Prüwer

C

CO2 Es klingt erst mal überraschend: Wenn die Deutschen mehr auf der Autobahn fahren, könnte damit die Umwelt geschützt werden. Der klassische Reisebus stößt pro Person und Kilometer weniger Treibhausgase aus als ein Fernverkehrszug, hat das Umweltbundesamt errechnet. Wie kann das sein? Der Bahnstrom kommt teilweise aus Kohlekraftwerken und die Busse sind meist besser ausgelastet als die Züge. Nützt es also der Umwelt, wenn Bahnfahrer nun auf den Bus umsteigen? So einfach ist es aber nicht, denn die Bahn setzt immer stärker auf Ökostrom und die CO2-neutrale Mobilität der Zukunft lässt sich am einfachsten mit einem guten Schienennetz verwirklichen. Die Bahn verliert aber offenbar gar nicht so viele Kunden an die Fernbusfirmen, weil diese weniger Komfort bieten. Es leiden eher die Auto-Mitfahrgelegenheiten. Problematisch für die Umwelt wird es, wenn jetzt viele Leute billig Bus fahren, statt zu Hause zu bleiben. Felix Werdermann

F

Funktionsbus Es gibt unzählige Funktionen, die ein Bus erfüllen kann: Er eignet sich als mobile Basis für Interessengruppen, Vereine, Künstler-Ensembles oder politische Aktivisten. So gibt es etwa: Die Atheist Bus Campaign, eine Anti-Religionskampagne, die mit ihrer Deutschlandrundfahrt 2009 für Kontroverse sorgte und mit der eine stärkere Präsenz nichtreligiöser Inhalte in öffentlichen Debatten gefordert wird. Schluck & Weg, die seit 1984 jeden Sommer tourende Theatergruppe der Pharma-Kampagne Buko, die spielerisch gegen die Praktiken der Pharma-Industrie in der Dritten Welt demonstriert. Den Omnibus für Direkte Demokratie, eine Bürgerinitiative, deren Mitglieder in der ganzen Republik für demokratische Mitgestaltung in Form von Volksentscheiden auf Bundesebene werben. Sie gehören keiner politischen Vereinigung an. Und basierend auf Joseph Beuys’ Begriff von der sozialen Plastik startete der Ur-Omnibus 1987 von der documenta 8 in Kassel. Sophia Hoffmann

G

Gelb Der neue Bus kommt – von Post und ADAC, ganz in gelb. Anfang des Jahres wurde der Fernverkehr innerhalb Deutschlands liberalisiert, seitdem strömen diverse Busunternehmen auf den Markt. Vorher wurde die Bahn als staatliches und umweltfreundliches Verkehrsmittel gegen Konkurrenz geschützt, die Regelung stammt aus den dreißiger Jahren. Busunternehmen mussten sich eine Linie genehmigen lassen und zeigen, dass ihr Angebot die Verkehrsverhältnisse verbessert – etwa, wenn die Bahn die Strecke nicht anbot oder wenn sie deutlich länger brauchte. Für Berlin gab es aus Zeiten der deutschen Teilung eine Sonderregel und deswegen mehrere Verbindungen. Einen Schutz für die Bahn gibt es weiterhin für kürzere Strecken – schließlich wird der Regionalverkehr staatlich mitbezahlt. FW

Greyhound Vom Selbstverständnis her sind die USA natürlich keine Klassengesellschaft, sondern eine große Gemeinschaft der Glückssucher, in der jeder es bis zur Spitze schaffen kann. In der Realität sind die USA natürlich eine knallharte Klassengesellschaft, in der die allermeisten schon bei Geburt ihre Möglichkeiten auf Teilhabe und sozialen Aufstieg eindeutig zugewiesen bekommen.

Wer die amerikanische Oberschicht kennenlernen will, muss von New York zu den Hamptons rausfahren. Um der Unterschicht zu begegnen, reicht es einen Überlandbus zu nehmen. Im Greyhound treffen sich all jene, die sich kein eigenes Auto, kein Flug- oder Zugticket leisten können – Schwarze, Hispanics, abgehängte Weiße, manchmal auch ein paar Amische, die Technik aus religiösen Gründen ablehnen, dann aber doch wohin müssen. Busfahren in den USA ist, vielmehr noch als hierzulande, eine Übung in Demut. Einfach weil die Distanzen so groß sind. Gesprochen wird oft wenig im Greyhound, aber wenn, dann erzählen die Menschen von ihren Plänen, ihrer Zukunft, was sie vorhaben am Ziel der Reise. Und da ist er dann wieder ungebrochen: der amerikanische Traum. Jan Pfaff

H

Hupe Wie fährt man einen Omnibus ohne Außenspiegel und Blinker? Die Hupe wird zum Kommunikationsmittel Nummer 1 auf der Straße. Habe ich vor einigen Jahren in Indien gelernt. Und fand es wahnsinnig lustig. Die ersten zehn Minuten. Nach zwölf Stunden war ich nur noch entnervt. In sehr! regelmäßigen Abständen wird präventiv für den Gegenverkehr gehupt – man kennt das von Serpentinen. Auch wenn es für StVO-verwöhnte Ohren anstrengend ist, dort wird es überlebensnotwendig. Die Hupe ist der Airbag des indischen Fernverkehrs. Man kann zwar auf sogenannte V.I.P.-Busse umsteigen. Die sind aber teurer, haben dafür Fenster, gepolsterte Sitze, Blinker und mindestens einen Fernseher. Bollywood, in Endlosschleife. Juliane Löffler

M

Magical Mystery Tour Die psychedelischste Butterfahrt der Omnibus-Geschichte schockierte die Briten am zweiten Weihnachtsfeiertag 1967 zur besten Sendezeit. Der Plot des ersten Films, den die Beatles in Eigenregie gedreht hatten, war den meisten Fernsehzuschauern viel zu wirr: Eine bunt zusammengewürfelte Busgesellschaft, zu der auch John, Paul, George und Ringo zählen (letzterer reist unter dem Pantoffel seiner Tante Jessica), startet auf eine Fahrt ins Blaue. Unterwegs treffen sie diverse Verrückte, was vielleicht die Schuld von vier Magiern ist – ebenfalls John, Paul, George und Ringo –, aber so genau weiß man das alles nicht. Dazwischen Hits wie „I am the Walrus“ in fancy Kostümen. Ob wenigstens die Queen amüsiert war, zählt zu den ewigen Rätseln der Popgeschichte.

Nicht zu verwechseln mit: a) Magical Mystery, dem neuen Roman von Sven Regener. b) Magical Mystery Tour 2012. Einer Konzertreise der Band die Toten Hosen. Christine Käppeler

S

Schaffner Der Bus ist nicht nur nutzbar als Verkehrsmittel, sondern auch lesbar als Metapher für die Ordnung, in der er unterwegs ist, kurz: ein Modell eines Gemeinwesens auf Rädern. Das lässt Schlüsse auf kulturelle Eigenheiten zu. Hierzulande wird das Ticket beim Einstieg („Nur beim Fahrer“) gelöst beziehungsweise von diesem verifiziert, der Fahrer ist zugleich eine Servicekraft. Betrug also Schwarzfahren also die Arbeit an einem Begriff des Gemeinwesens, in dem der ÖPNV kostenlos ist, gelingt hier nur den Profis – wer es am Fahrerschaffner vorbeigeschafft hat, wird nicht mehr kontrolliert.

In Moldawiens Hauptstadt Chișinău ist das jedoch anders, da sind die Begriffe noch nicht neoliberal zusammenoptimiert. Der Fahrer fährt, und für die Tickets ist ein Schaffner zuständig, der sich durch den Bus bewegt in den Wellen von Anfahrt und Halt, um Zugestiegene abzukassieren. Totale Überwachung, könnte man meinen. Aber vom Standpunkt des Gemeinwesens aus gesehen: irgendwie mütterlich. Matthias Dell

U

Unfall Das Risiko, bei einer Busfahrt ums Leben zu kommen, ist viel niedriger als das bei einer Fahrt mit dem Auto. Das belegen die Unfallstatistiken. In Deutschland sterben jährlich zwischen zwei und drei Personen pro einer Milliarde Personenkilometer, im Bus um die 0,2 Reisende. Doch wenn mal was passiert, ist es schlimm. Im Juli stürzte in Italien ein Reisebus von einer Autobahnbrücke 30 Meter in die Tiefe. 38 Menschen starben. Vergangenes Jahr verunglückte ein belgischer Bus in einem Tunnel im schweizerischen Wallis. Bilanz: 22 tote Kinder und sechs tote Erwachsene. In Italien lag es an einem geplatzten Reifen, hinter der Schweizer Katastrophe vermuteten die Gutachter eine Unaufmerksamkeit oder einen Schwächeanfall des Fahrers. Mark Stöhr

W

Warten Manchmal ist es gar nicht notwendig, dass der Bus kommt, solange eine Haltestelle das Kommen eines Busses verspricht. In der Demenzpflege haben sich sogenannte Schein-Haltestellen als probates Mittel erwiesen, verwirrte Demenzpatienten in Pflegeheimen vorübergehend zu beruhigen. Die Haltestelle, an der nie ein Bus halten wird, gilt hier als Ort, der Veränderung verspricht, die Möglichkeit, nach Hause zu kommen, ein Zuhause, das es in der erinnerten Form oft gar nicht mehr gibt. Es kann auch vorkommen, dass die Wartenden nach wenigen Minuten ihr eigentliches Anliegen vergessen und zurückgehen im festen Glauben, wirklich fort gewesen zu sein. Die Kritik, dass das Warten für die Menschen zum Zweck verkommt und sie in ihrer Krankheit nicht ernst genommen werden, ist zwar nicht völlig abwegig. Sie verblasst jedoch angesichts der Möglichkeit, den verunsicherten Patienten mit einem vertrauten Bereich für eine Weile Linderung ihrer Unruhe zu verschaffen. Das ist alles, was zählt. Jutta Zeise

Y

Yuppies Jedes Wochenende fahren Tausende Fußballfans von A nach B. Der Bus ist die mobile Fankurve, in der die Stimmen und die Leber geölt werden. Da viele Fanbusse zur gleichen Zeit unterwegs sind, kann es an Raststätten zu unschönen Begegnungen kommen. Erst kürzlich ging eine Gruppe von Dortmund-Fans auf Kollegen von Preußen Münster los. Dabei brach ein Nasenbein. Besser, man ist als Fußballanhänger inkognito unterwegs. Mitte der Neunziger unternahmen St.-Pauli-Fans einige Mottofahrten, bei denen sie sich als „Cowboys und Indianer“ und „Billigtouristen“ verkleideten. Einmal auch als „Börsen-Yuppies“ – mit Handy, Aktenkoffer und Financial Times unterm Arm. Die Maskerade war so gut, dass ihr eigener Busfahrer sie nicht erkannte und erst mal an ihnen vorbeifuhr. MS

Z

ZOB Paris! Egal wie. Mit Eurolines. Bus. 50 Euro oder so. Abfahrt Funkturm. Kaiserdamm, ICC, nah an der Autobahn. Niemandsland. Eine Stunde Anfahrt. Dann abgerockter Imbiss. Früh um neun? Egal, Paris! Kein Auge zu, nächtliche Rast an einer Tankstelle in Brüssel, der Fahrer muss schlafen. Endstation Paris-Gallieni. Du bist nicht da. Maxi Leinkauf

06:00 31.10.2013

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