A–Z Freibad

Erlebnis Einfach nur dem Plätschern des Wassers lauschen, oder durch eine „schwarze Mamba“ rutschen. Morgens schwimmen gehen, geht das im Burkini? Lesen Sie das Lexikon der Woche
Freitag-Redaktion | Ausgabe 29/2013 1
A–Z Freibad

Foto: Georg Schönharting/ Ostkreuz

Arschbombe Flachköpper, Bauchklatscher, Arschbombe: Im Freibad herrschen durchaus unästhetische Moden. Während von Erstgenanntem schon wegen möglicher Kopfverletzungen abzuraten ist, kann auch die Bauchlandung ernste Folgen wie Blutergüsse und Zerrungen haben. Die Arschbombe – auch: Paketsprung – ist gesellschaftsfähiger. Selbst die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) empfiehlt diesen Sprung für unbekannte Gewässer. Denn ein großer Teil der kinetischen Energie wird aufgrund der großen Oberfläche für die Wasserverdrängung aufgewendet. Die Eintauchtiefe ist entsprechend gering. Dafür ist der Spritzwassereffekt umso spektakulärer. Als Splashdiving hat es die Arschbombe sogar zur Sportart gebracht. Tobias Prüwer

B

Bademeister Mit der Zeile „Paule heißt er, ist Bademeister im Schwimmbad an der Ecke“ setzten Die Ärzte dem Berufsstand 1984 ein musikalisches Denkmal. Seit der maskulinen Küstenwache in Baywatch gilt der Bademeister als Frauenschwarm. Michael „Bully“ Herbig hat 1999 mit dem Film Die Bademeister – Weiber, saufen, Leben retten das Klischee verstärkt. Die Wirklichkeit tritt dann meist in Form des häufig dickbäuchigen Herrn auf. Und so sonnig ist die dreijährige Ausbildung der männlichen und weiblichen Fachangestellten für Bäderbetriebe, wie der Beruf amtlich heißt, auch nicht. Sie müssen sich unter anderem fundierte Kenntnisse in den Bereichen Bäderbetrieb und -technik, Wasseraufbereitung, Animation, Marketing, Rechts- und Verwaltungskunden sowie Sporttheorie aneignen. Zudem benötigen sie das Rettungsschwimmabzeichen in Silber, wozu sie etwa 25 Meter Streckentauchen und bekleidet einen Menschen in maximal vier Minuten mehr als 50 Meter weit schleppen müssen. TP

Burkini Früher bekamen Frauen Ärger, wenn sie am Strand zu wenig anhatten. Etwa einen Monokini, diesen Badeanzug, der aus einer kurzen Hose und zwei Trägern, die sich vor der Brust kreuzen, bestand. Die Brüste lagen zunächst frei – die Träger sollten das Oberteil andeuten. Seit 2006 gibt es auch eine Neuauflage mit Bikini-Oberteil. Heute gibt es Zoff über zu viel Stoff. Immer mehr strenggläubige Musliminnen tragen einen Burkini. Dieser Zweiteiler, erfunden 2006, erfüllt das Verhüllungsgebot des Koran, indem er nur das Gesicht, die Hände und die Füße unbedeckt lässt. Und er ist badetauglich, da er aus Elastan besteht. Doch viele Muslime fühlen sich von dem fundamentalistischen Outfit in ihrer Freiheit behindert. Deutsche Bademeister vermuten unter der leichten Kunstfaser-Hülle oft eine dicke Schicht Baumwolle – offenbar nicht zu Unrecht. In einigen Schwimmbädern ist der Burkini daher untersagt. Mark Stöhr

E

Erlebnisbad Rutschen, rutschen, rutschen. So sieht ein Tag im „Aquapark“ oder „Aquadrom“ aus. Mit einem normalen Freibad haben sie nichts mehr zu tun – auch was die Eintrittspreise angeht. Jedes Kuhdorf besitzt mittlerweile ein Erlebnisbad und konkurriert mit dem Nachbarweiler um die noch spektakuläreren Attraktionen. Und die haben eben meist mit Rutschen zu tun. Da geht es durch die „schwarze Mamba“, eine Röhre, in der es donnert und blitzt, wie in Erding. Oder über eine Looping-Bahn mit zwölf Meter freiem Fall wie im sauerländischen Plettenberg. Doch die Liste der insolventen Spaßbäder ist mittlerweile lang, weil es zu viele von ihnen gibt und die Gemeinden sich blenden lassen von dubiosen Finanzinvestoren. Das erste Erlebnisbad entstand übrigens in Bukarest. Sein Erbauer: Albert Günther Göring, der jüngere Bruder von Hermann Göring – ein Bauingenieur und erklärter Gegner der Nazis. MS

F

Freibadtod „Das Dauergrau am Firmament lächelt uns zu / als gäbe es ein dramatisches Freibad-Sterben“, dichtete Corina Wagner in der Freitag-Community. Der schleichende Freibadtod hängt seit Längerem in der Luft. Die Meldungen über Kommunen, die sich ihre Freiluft-Plantscherei nicht mehr leisten können, häufen sich. Und seit Jahren warnt die Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft vor dem Verlust der Schwimmlernmöglichkeiten. Grund sind die hohen Energie- und Personalkosten für die zeitlich begrenzte Öffnungsphase. Bereits 2004 hat eine offizielle Arbeitsgruppe in Nordrhein-Westfalen die Broschüre „Wege zur Bestandssicherung kommunaler Hallen- und Freibäder“ erstellt. Darin wird unter anderem der Wechsel der Betriebsform vorgeschlagen. Der wird gerade in der thüringischen Stadt Hirschberg realisiert. Mit Spenden und privaten Investoren wurden die 36.000 Euro für die letzte Badesaison gedeckelt. TP

H

Hygiene Der direkteste Weg, sich einen Fußpilz einzufangen, ist die Anti-Fußpilz-Dusche im Schwimmbad. Nirgends gibt es so viele Keime wie dort. Doch wer glaubt, im Becken herrsche das deutsche Reinheitsgebot, weil das Wasser so keimfrei nach Chlor riecht, irrt leider. Den öligen Sonnencreme-Film auf der Oberfläche sieht man mit bloßem Auge. Auch die Zellstoff- und Textilfaserteilchen. Alles nicht schön, denkt man sich, aber gut. Die Filteranlagen sind im Dauereinsatz, für jeden Badegast werden im Schnitt 30 Liter Frischwasser zugeführt. Die schlimmste Unappetitlichkeit bleibt aber unsichtbar: Urin. Man glaubt nicht, wie viele erwachsene Menschen es durch die Badehose laufen lassen. Schätzungen gehen von täglich rund 200 Litern Urin in einem normalen Badebecken aus. Es gilt die Regel: Je stärker es nach Chlor riecht, desto mehr Pipi ist im Wasser, da der Chlorgeruch auch bei der Zersetzung von Urin entsteht. Die tröstliche Nachricht: Urin ist steril und völlig unschädlich. MS

K

Körperkultur Man denkt bei dem Begriff sofort an FKK, die Freikörperkultur des Ostens, und den in Nachwendezeiten hitzig geführten Kampf zwischen DDR-geschulten Nacktschwimmern und Altbundesbürgern in Klamotten. In den Diskussionen wurde auch ein alter Mythos herangezogen: Naivere Kulturen hätten es nicht so sehr mit der Scham und seien daher nackt ins Wasser gegangen.

So ähnlich hatte es der Soziologe Norbert Elias in seinem Lebenswerk Über den Prozeß der Zivilisation behauptet. Wild und nackt sprangen unsere „primitiven“ Vorfahren durchs Gewässer, Scham hätte sich erst später ausgebildet. Falsch ist auch die – beispielsweise auf Wikipedia verbreitete Aussage –, es hätte bis ins 19. Jahrhundert gar keine Badekultur existiert. So sind spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Wild- und Freibäder belegt, in denen die Menschen in der Regel bekleidet im Wasser zugegen waren. Und auch Badeordnungen bestanden damals bereits. TP

Kollegen Was macht einen wirklich wach, vor dem täglichen Gang ins Büro?Eine frühmorgendliche Schwimmrunde. Dabei ist zu beachten: Unbedingt mit Kollegen verabreden. So vermeidet man die Gefahr, den Snooze-Knopf am Wecker zu drücken, statt aufzustehen – und wird trotz Freude an der Erfrischung rechtzeitig aus dem Becken steigen, um nicht zu spät zu kommen. Tarnkleidung wie Schwimmbrille und Badehaube schützen vor unangenehmen Begegnungen (wer weiß, in welchem Freibad der eigene Chef schwimmt). Bürotalk vermeiden (viel zu früh!). Den Badeanzug später zum Trocknen aus dem Bürofenster hängen und vor den anderen Kollegen schwärmen, wie gut man in den Tag kam. Juliane Löffler

N

Neptunfest Eigentlich stammt die Äquatortaufe als Initiationsritual aus der Seefahrt. In der DDR aber wurde sie als Neptunfest in Ferienlagern zelebriert – zumindest auf Seiten der Macher. Noch heute tritt mitunter ein verkleideter und grün bemalter Meeresgott mit Netz und Dreizack auf und sendet seine nicht minder wüst aussehenden Schergen nach den Kindern aus, um ihnen eine Freibad-Spaßtaufe zu verpassen. Neptun ruft die Namen der unwissenden Täuflinge auf. Seine Häscher fangen diese und führen sie ihrem Herrn vor. Regional verschieden gestaltet sich dann das Ritual. Mal müssen die Kinder einen obskuren Getränkemix zu sich nehmen. Mal werden sie mit Schaum oder Sahne eingesprüht, symbolisch rasiert und mit allerlei Bioabfall garniert. Immer geht’s dann zur Taufe ab ins Wasser. Am Ende wird ihnen dann eine Urkunde überreicht, und die so Behandelten werden mit Fantasienamen wie „Schnittige Seegurke“ oder „Faule Flunder“ ausgezeichnet. TP

P

Protest Es ein Platz zum Schwimmen, Entspannen, Braunwerden. Wird nun das Freibad auch zu einem politischen Ort? Werden dort, wo sich ja vieles um den Körper dreht, rassistische, sexistische und andere diskriminierende Einstellungen besonders offen ausgetragen?

Nach mehreren homophob motivierten Drohungen, ausländerfeindlichen Aussagen und dem Mitführen von „Nazigedankengut“ durch Teile des Mitarbeiterpersonals zweier Berliner Bäder-Betriebe regt sich nun Protest. Eine Gruppe aus dem Umfeld einer ehemaligen Mitarbeiterin der BBB hat eine Initiative namens „Schwimmen ohne Angst“ gegründet.Deren Aktivisten demonstrieren nun vor den Freibädern mit Transparenten. Ihr Vorwurf: Die BBB, Anstalt des öffentlichen Rechts, nähme derartige Übergriffe gegen andere Mitarbeiter oder Badegäste einfach billigend in Kauf. Ihr Anliegen ist es daher, Solidarität mit den Betroffenen zu zeigen. Baran Korkmaz

S

Sound Das Schönste an so einem Besuch im Freibad sind nicht die verstohlenen Blicke auf einen prächtigen Body drei Badetücher weiter vorne auf dem Rasen, während man so tut, als lese man ein Buch. Nein, das schönste sind die Geräusche. Das Aufklatschen eines Körpers auf dem Wasser, die Stimme des Bademeisters durch den Lautsprecher und natürlich das Lärmen der Kinder. Es ist der Sound des Sommers. Am besten genießt man ihn im Halbschlaf. Entrückt. Von ferne. Man fühlt sich dann nicht wie in diesem oder jenem Sommer. Sondern im Sommer an sich. Eine Steigerung erfährt dieser Genuss noch, wenn sich unter die Geräusche ein ferner Donner mischt; die Ankündigung eines Gewitters erinnert an das Ende dieses Sommers, jeden Sommers. Michael Angele

Z

Zille Rund um’s Freibad heißt ein schmaler Band des Berliner Volkszeichners Heinrich Zille, der 1926 erschien. Jede Facette des Bades im Freien ist darin festgehalten, von den „Sonntagsfreuden am Müggelsee“ bis zum Badezuber vor der Laube. Etwas gequält wirkt die Dame, die im Becken „an der Angel“ das Schwimmen lernt, ansonsten wurde im Freibad offensichtlich gebaggert, was das Zeug hielt. Sich selbst hat der Maler auch verewigt, in Anzug und Hut, alle anderen tragen wahlweise erstaunlich viel Badekleid oder – das häufiger – nichts. Befremdlich wirken auf den Leser heute die vielen Bilder posierender nackter Kinder im Wasser und am Strand.

Aktuell bleibt hingegen sein Appell an die Nichtschwimmer: „Und nun ihr alle, die ihr jung seid (…) hinaus in die Sonne, ins Freie, in die Weite, in die Gefahren – in der Badewanne lernt man nicht schwimmen!“ Christine Käppeler

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06:00 31.07.2013

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