A–Z Hausautoren

Die lange Form Welche Extras hat Colt Seavers an seinen Pickup gebaut? Was erzählen uns die Alpen? Diese und andere Fragen stellen „Freitag“-Autoren in ihren Büchern. Ein Überblick

A

Armut „Altenberg“ meint in der öffentlichen Debatte nicht etwa das hübsche Städtchen im Erzgebirge, sondern die Last, die die ältere Generation künftig für die Jüngeren darstellt. Dabei sind es gar nicht die Alten, die den Jungen das Brot wegfressen, sondern, so die These des von Christoph Butterwegge mitherausgegebenen Buches Armut im Alter, es sind ältere Menschen – insbesondere Frauen –, die bald das Armenheer stellen werden. Die „Reseniorisierung der Armut“ ist aber nicht nur Zufallsprodukt, sondern folgt der Logik eines Wirtschaftsstandorts, der angeblich unproduktive Menschen rücksichtslos aussondert. Neben aufschlussreichen Teilanalysen und Positionsbestimmungen liefert die Aufsatzsammlung auch argumentative Munition gegenüber der „Methusalem“-Lüge: Mehrere Autoren nehmen die demografischen Worst-Case-Szenarien unter die Lupe und zeigen, was hinter den statistischen Verschleierungen steht. Ulrike Baureithel

B

Betrachtung Von Andrea Roedig möchte ich persönlich ja alles lesen. Das geht mir sonst nur bei Joan Didion und Christa Wolf so. Wie schön also, dass man nun eine Auswahl ihrer journalistischen Arbeiten aus den vergangenen zehn Jahren in einem Band versammelt hat. Andrea Roedig geht überall hin: in Nagelstudios und Drogeriemärkte, nach Österreich und nach New York, sie liest die Enzyklika des Papstes mit Judith Butler, spricht mit real praktizierenden Sadomasochisten und Schwerhörigen. Sie ist an diesen Orten und bei diesen Menschen immer so, als sei sie die Erste; oder sie schaut sich Sachen an, die sonst niemand betrachtet. Was ja auf dasselbe hinausläuft.

Immer entstehen dabei faszinierende Texte, denen man sehr viele Leser wünscht. Dabei kann Roedig das, was wenige Feuilletonisten wirklich können: Sie denkt messerscharf, sie schreibt in einer wunderbar klaren Sprache, und sie ist dabei so lustig, wie es sonst, leider, nur Männer sind. Jana Hensel

C

Chance Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Welt auch im fünften Jahr nach ihrem Ausbruch immer noch fest im Griff. In der Analyse der Ursache war man sich schnell einig: Die Regierungen hatten sich von Banken, Hedgefonds und Wirtschaftslobbyisten das Primat der Politik aus der Hand nehmen lassen. So weit, so schlecht. Aber was folgt daraus?

Auf diese Frage sucht Daniela Dahn in ihrem neuen Buch eine Antwort. Eines ist jedenfalls sicher: Die Häppchen-Politik, wie sie beispielsweise Angela Merkel betreibt, ist ein Beweis dafür, dass Regierungen mit der Aufgabe, die Wirtschaft im Interesse der Bürger zu bändigen, heillos überfordert sind. Ein Blick auf die Ergebnisse von fünf Jahren Krisenbewältigung zeigt: Deren Bilanz ist bestenfalls durchwachsen.

Daniela Dahn hat zweifellos recht, wenn sie beklagt, dass der Staat sich immer mehr in eine Apparatur zum Schutz systemrelevanten Eigentums auf Kosten der Allgemeinheit verwandele. Den Ausweg sieht sie in einer konsequenten Demokratisierung der Macht und des Eigentums. Denn nur wer nicht aufgekauft werden kann, ist auch dem ruinösen Zwang zur Profitmaximierung nicht ausgeliefert. „Gold den Hütten, Grau den Palästen“, verlangt Dahn und schlägt als Lösung die Schaffung einer demokratischen Gemeinwirtschaft vor.

Dazu gehört auch ein Souverän, der Passivität und das weitverbreitete Desinteresse an komplizierten Fragen überwinden müsste. Das mag etwas idealistisch sein, ist aber, wie immer bei Daniela Dahn, klug argumentiert und pointiert geschrieben. Philip Grassmann

D

Dauerzustand Wer regiert Europa? Die Bürger, die Politiker, die Börsen? Die Krise ist zum Dauerzustand geworden, ein Gipfeltreffen folgt auf das nächste, und die meisten Menschen blicken schon lange nicht mehr durch. Dabei vollzieht sich gerade Europas Revolution von oben: Die Macht der Parlamente wird ausgehöhlt, um vermeintlich alternativlose Krisenlösungen durchzusetzen. Die EU kontrolliert die nationalen Haushalte und verordnet den Südländern heftige Sparprogramme. Wenn sich Parlamente dagegen wehren, erhalten die Staaten keine Kredite mehr und gehen bankrott.

Das ist wohl die „marktkonforme Demokratie“, von der Angela Merkel einst so treffend zynisch sprach. Es ist keine großartig überraschende Analyse, die Steffen Vogel in seinem Buch bietet. Aber die geordnete Zusammenstellung der Fakten liest sich doch wie ein echter Wirtschaftskrimi.

Und um für mehr Durchblick zu sorgen, gibt es eine detaillierte Chronologie der Ereignisse – inklusive der Proteste – im Anhang des Buchs. Felix Werdermann

E

Erlebnisreise Man weiß einfach zu wenig über Rumänien, besonders im Westen. Die häufigsten Schlagwörter lauten Roma, Korruption, Dracula oder Ceauşescu. Doch das Land bietet mehr als die Summe seiner Klischees. Als gekränkter Rumäne musste ich schon oft tiefe Seufzer ausstoßen, weil sich die Auslandspresse selten darum bemüht, andere Töne anzuschlagen.

Jochen Schmidt malt ein anderes Bild von Rumänien, ein Bild, das an der Realität nicht vorbeigeht. Zwar kommt das Karpatenland an der Schwarzmeerküste noch immer als Absurdistan rüber, doch im Grunde genommen stimmt das ja auch. Da muss man sich gar nichts vormachen. Aber in einem Reisebuch ist das schon gewagt, denn viele könnte das, was Schmidt an Rumänien toll findet, abschrecken. Es klingt alles so hinterwäldlerisch, so archaisch. Als müsste man für Rumänien in eine Zeitmaschine steigen – und nicht in einen Bus. Manchmal klingt es auch sehr endzeitlich, wie in Cormac McCarthys Die Straße. Nur ist das alles keine Fiktion und halb so schlimm, wie Jochen Schmidt immer wieder gerne betont. Viele lieben das Land gerade wegen seiner eigenwilligen Schönheit, die gewöhnungsbedürftig ist.

Man muss sie nicht einfach so hinnehmen, aber man muss sie auch nicht als das einzige definitorische Merkmal eines Landes sehen, das sich ständig entwickelt. Es ist eben noch alles eine große Baustelle, und das Schöne daran ist: Nur in Rumänien sehen Baustellen wie Spielplätze aus. Robert Tari

F

Fernsehserien Wie funktioniert ein Generationengefühl? Richtig, über gemeinsame Kindheitserinnerungen. Und die lassen sich bei Mittdreißigern mit westdeutscher Mediensozialisation zuverlässig mit einem Verweis auf die erfolgreichen US-Fernsehserien der Achtziger auslösen. Ein Colt für alle Fälle, Trio mit vier Fäusten oder Knight Rider – wer damals am Vorabend vor dem Fernsehgerät saß, bei dem wird das Buch Ein Kult für alle Fälle von Freitag-Autor Klaus Raab und dem Journalisten Niklas Hofmann wohlig-nostalgische Erinnerungen auslösen.

Mit großer Liebe zum Detail tragen die Autoren viele nur auf den ersten Blick abseitig wirkende Fakten zu zwölf TV-Serien der Achtziger zusammen. Nur auf den ersten Blick abseitig, weil der echte Fan sich natürlich gerade dadurch ausweist, dass er alles, aber auch wirklich alles über sein Objekt der Begierde weiß.

Und so erfährt man, welche technischen Extras Colt Seavers an seinen Pickup-Truck montierte, welche Bärte in welchen Serien angesagt waren und in welche unterschiedlichen Verkleidungen Hannibal Smith beim A-Team immer wieder schlüpfte. Muss man das alles wissen? Sicher nicht, aber es liest sich doch verdammt unterhaltsam. Jan Pfaff

G

Gegenwartskunst Radek Krolczyk hat in dieser Zeitung zuletzt Ausstellungen von Harun Farocki in Oldenburg und Alberto Giacometti in Hamburg besprochen. Er selbst betreibt in Bremen die Galerie K‘ – Zentrum Aktuelle Kunst, die sich als dezidiert linke Institution versteht. Die Notwendigkeit eines solchen Ortes beschreibt ex negativo der von ihm und Annette Emde herausgegebene Band Ästhetik ohne Widerstand.

Die 14 darin versammelten Texte setzen sich kritisch mit konservativen, reaktionären und vor allem den pseudorevolutionären Tendenzen in der Gegenwartskunst auseinander. Wer für sein Unbehagen an Jonathan Meese und Artur Żmijewksi, Streetart, Koons und Takashi Murakami einen theoretischen Unterbau sucht, wird hier fündig.

Und wer wissen möchte, wie es der Kirchenkritiker Wenzel Storch mit Kirchenfenstern und der Lust an der Gestaltung dieser durch Gerhard Richter und Neo Rauch hält, auch. Christine Käppeler

H

Heer Kennengelernt habe ich Erhard Schütz keinesfalls als Naturliebhaber. Vielmehr las ich sein Standardwerk Romane der Weimarer Republik begeistert als das Werk eines urbanen Städtebewohners. Und das ist er ja auch geblieben. Aber die große Stadt ist eben auch ein Ort, an dem einer sich verlieren kann, der Einsamkeit sucht.

Und das verbindet dieses Individuum dann wiederum mit dem Waldgänger, von dem – wie sich bei der Abschiedsvorlesung an der Humboldt-Uni zeigte – Erhard Schütz nachhaltig fasziniert ist. Die deutsche Literatur kennt diesen Typus seit der Romantik, aber mit Ernst Jüngers Waldgänger ragt eine Figur heraus. Dieser verstand seinen Waldgänger als grundsätzlichen Gegner der Ordnung, verwandt dem Anarchen. Elias Canetti hat auf die engen Bezüge zwischen deutschem Wald und Heer hingewiesen (das Heer als „marschierender Wald“). Und auch Jünger treibt den Militarismus doch zu wenig aus, als dass ihm eine so zivile Seele wie Erhard Schütz ganz verfallen könnte. Michael Angele

Z

Zugspitze Es sei eine „Unverschämtheit, wenn sich Sozis in ein Buch eintragen, das von Patrioten angelegt wurde“, schimpfte 1912 ein bürgerlicher Bergsteiger, weil nun viele Proletarier in die Berge strömten. Die sozialistischen Naturfreunde organisierten sich, einer der besten Kletterer Münchens war Kommunist. Später drangen Nazis in die Bergsteigervereine, für jüdische Alpinisten wurde der Berg aber auch zum Fluchtweg. Martin Krauß erzählt in seinem Buch vom Leben in den Bergen, von Jägern, Kristallsuchern, Wilderern. Heute steht der Berg für Massentourismus. Und die Weltklassekletterinnen? Sind mieser bezahlt als die Messners der Welt. In den Alpen spiegelt Krauß unsere Gesellschaft. Maxi Leinkauf

Armut im Alter. Probleme und Perspektiven der sozialen Sicherung Christoph Butterwegge, Gerd Bosbach, Matthias W. Birkwald (Hg.) Campus 2013, 400 S., 24,90 €

Über alles, was hakt. Obsessionen des Alltags Andrea Roedig Klever 2013, 256 S., 19,90 €

Wir sind der Staat. Warum Volk sein nicht genügt Daniela Dahn Rowohlt 2013, 175 S., 16,95 €

Europas Revolution von oben. Steffen Vogel Laika 2013, 167 S., 19,90 €

Gebrauchsanweisung für Rumänien Jochen Schmidt Piper 2013, 234 S., 14,99 €

Ein Kult für alle Fälle Niklas Hofmann, Klaus Raab Suhrkamp 2013, 207 S., 7,99 €

Ästhetik ohne Widerstand. Texte zu reaktionären Tendenzen in der Kunst Annette Emde, Radek Krolczyk (Hg.) Ventil 2013, 254 S., 18,90 €

In den Wäldern selig verschollen. Waldgänger in der deutschen Literatur seit der Romantik Erhard Schütz edition lumière 2013, 38 S., 9,90 €

Der Träger war immer schon vorher da. Martin Krauß Nagel & Kimche 2013, 217 S., 19,90 €

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Geschrieben von

Kommentare 2