A–Z Königskinder

Erbschaft Alf wäre nach heutiger Definition ein echtes Königskind: Seine Eltern heißen William und Kate. Unser Lexikon betreibt Ahnenforschung aus gegebenem Anlass: Prinz George!

A

Alf Eines Abends rauscht ein Raumschiff in den Garten der Familie von Kate und William Tanner. So beginnt die US-Serie, in deren Mittelpunkt der behaarte Raumschiffinsasse steht – Gordon vom Planeten Melmac, der von den Tanners von nun an Alf gerufen wird, kurz für Außerirdische Lebensform. Bestes Zitat: „Willy, ich hab schon mal den Grill angezündet. Am besten brennen die Räder!“

Als im Dezember die Welt Kenntnis von der Nachricht nahm, dass Kate und William ein Kind bekommen würden, verbreitete die Satiresendung Extra 3 „das erste Foto von dem Kleinen“ – es war natürlich Alf. Dass das nicht nur wegen der Elternvornamen passend ist, sieht man, wenn man eine beliebige Folge von Alf anschaut. Dass er bei einer Ein-Mann-Party das Haus verwüstet hat, erklärt er etwa so: „Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist. Ich habe hier gesessen, mit den allerbesten Vorsätzen. Der Rest ist dann Blackout.“ Ein rothaariger Komiker, der seine Familie verzweifeln lässt – die Briten nennen ihn Prinz Harry. Klaus Raab

Ä

Ägäis, die. Das Nebenmeer des Mittelmeers verdankt ihren Namen einem unglücklichen Königspaar. Als Theseus nach Kreta zog, versprach er seinem Vater Aigeus, dem König von Athen, weiße Segel aufzuziehen. Diese sollten, als Ersatz der sonst üblichen schwarzen Windfänger, anzeigen, dass der Sohn gesund nach Hause kommt. Auf Kreta traf Theseus Ariadne, Tochter des Inselkönigs. Er ward von ihr sowie dem Minotaurusschlachten ganz benebelt. Mit ihr zusammen ließ er das Labyrinth und die erretteten Jungfrauen und Jünglinge zurück und wollte sie in der Heimat zur Frau nehmen. Rauschgott Dionysos allerdings stellte Ansprüche an Ariadne. Vor lauter Liebeskummer vergaß Theseus bei seiner Rückkehr das richtige Segel zu setzen. Aigeus dachte, der Sohn sei tot und stürzte sich ins Meer. Diese Wasserscheide an der Wiege zweier großer Kulturen, der minoischen und der antik-griechischen, bekam des Königs Namen. Tobias Prüwer

D

Disney Der Zeichentrickkonzern hat eine Vorliebe für Königskinder. In vielen seiner Liebesgeschichten werden Prinzessinnen von stattlichen Männern auf weißen Rössern, fliegenden Teppichen oder Segelschiffen vor ihrem düsteren Schicksal gerettet. Aber diese Königskinder sind immer schon erwachsen, ihre Geburt enthält Disney uns vor – nicht so im König der Löwen.

Das machte sich 2011 Barack Obama zunutze. Rechtskonservative behaupteten damals, Obama sei in Kenia geboren, also gar nicht rechtmäßig Präsident der USA und forderten seine Geburtsurkunde. Daraufhin verkündete Obama auf dem alljährlichen Galadinner der US-Presse im Weißen Haus, er werde jetzt sein offizielles Geburtsvideo zeigen: Afrikanische Gesänge, Steppe und wilde Tiere – schließlich die legendäre Geburtsszene aus dem König der Löwen. Klischees überzeichnend reagiert er auf die rassistische Kampagne. Danach sagt er: „Ich möchte den Fox-News-Tisch darauf hinweisen, das war ein Witz.“ Nina Marie Bust-Bartels

E

Erzieher Berühmte Königsmacher waren die Minister-Kardinäle Richelieu und Mazarin. Beide beeinflussten die Erziehung des jugendlichen Sonnenkönigs. Richelieu, indem er dem Absolutismus den Weg bereitet hatte, Mazarin, weil er als Vormund wirkte. Nicht immer geht so ein Erziehungsplan auf. General Borcke übernahm die Herzensbildung des Preußenprinzen Friedrich Wilhelm, auch bekannt als „Der dicke Lüderjahn“, indem er ihm die Sinnlosigkeit des Krieges vor Augen führte. Das fand der Onkel des Infanten, Friedrich Zwo, gerade mit dem Siebenjährigen Krieg beschäftigt, nicht sehr lustig und entließ den pazifistischen Lehrer. Dem Prinzen von Cambridge hätten wir anlässlich seiner Geburt ein bescheideneres Bildungsgastgeschenk zu machen. Dear George, Richard David Precht ist our best man – enjoy! Katharina Teutsch

G

Game of Thrones In Westeros, dem fiktionalen Land dieser HBO-Serie, geht es um: Erbschaft. Und deswegen war es ein richtiger „Twist“, als wir entdeckten, dass König Joffrey Baratheon – mit Justin-Bieber-haft blonden Haaren, die seine Brutalität verdecken – eigentlich keinen Anspruch auf den „Iron Thron“ hat. Joffrey kam in der ersten Folge an die Macht – als Sohn des verstorbenen Königs Robert Baratheon. Doch Joffrey ist Spross aus einer inzestuösen Beziehung zwischen der Königin und ihrem Bruder. Wegen des Skandals um Joffrey reklamiert Roberts Bruder Stannis den Platz auf dem Thron. Doch der rechtmäßige Thronfolger ist am Ende nur ein einfacher Schmied – Robert hat auch einen Bastard gezeugt – der keine Ahnung von seinen Königswürden hat. Er hat einen Namen, der nicht so königlich klingt wie George oder Joffrey: Gendry – sind sie noch bei uns?
Ben Kochman

George Prinz William meinte, sein Sohn solle so normal wie möglich aufwachsen. Warum um Himmels willen nennt er den Kleinen dann George Alexander Louis? Da wird er im Kinderhort doch immer der Außenseiter bleiben und auch später beim Rumlungern in der Bushaltestelle Objekt von Happy Slapping werden. George Alexander Louis? So heißen Mobbingopfer! Zumal er es eh nicht leicht hat. Wann soll das Königskind denn mal das Amt antreten? Als Pensionär? Ok, George und Alexander sind oft benutzte royale Ruftitel und Louis soll an den Ur-Großonkel Lord Louis Mountbatten erinnern. Mountbatten wäre doch hübsch gewesen, der Bergvernagler. Aber Louis klingt so französisch, so nach Tutu. Damit hat er in England einen schweren Stand. Wenn es William und Kate wirklich bodenständig hätten haben wollen, wären Harry, Oliver und Jack die Namen der Wahl gewesen. Diese drei führen die Liste der populären Jungenbenamung im Vereinigten Königreich an. So heißen Siegertypen. Harry, fahr schon mal den Rolls vor. TP

H

Hofberichterstattung Übergroße Nähe zu politischen Machthabern ist unter Journalisten verpönt – wenn es nicht gerade um Könige geht. Dann wird die Neutralität über Bord geworfen und es gibt Sondersendungen und Jubelmeldungen ohne Ende. Selbst linksliberale Medien lassen sich von dem Hype anstecken und berichten witzig-ironisch. Als sei die Monarchie eine Spaßveranstaltung, als hätte sie keine Menschen getötet, als würde sie heute nicht knappe Steuergelder verprassen. Eigentlich müsste man nicht die Klatschpresse, sondern den Verfassungsschutz auf die Monarchen loslassen. Weil die Medien aber um ihr Publikum fürchten, werden sie kreativ. Auf der Website des britischen Guardian konnten Leser – je nach Gesinnung – alle Baby-Berichte mit einem Klick aus- oder einblenden. Richtiger Mut geht anders: Das Kind einfach ignorieren. Felix Werdermann

J

Jewish Princess Kind reicher jüdischer Eltern, weiblich, verzogen, auf der Suche nach einem noch reicheren jüdischen Mann. Man sieht es ihm nicht unbedingt an, doch seinen Ursprung hat dieses Stereotyp in der Hochkultur. In Romanen der Pulitzer-Preisträger Philip Roth und Herman Wouk tritt der Typus des mäkeligen Upper-Class-Töchterchens erstmals in den fünfziger Jahren auf. Über die Popkultur – 1979 gierte Frank Zappa in einem Song auf Sheik Yerbouti nach ihr – ist die Jewish American Princess jetzt im 21. Jahrhundert und damit in der Trashkultur gelandet: Princesses Long Island heißt eine aktuelle Reality-TV-Serie des US-Senders Bravo TV. (Wenn Sie sich für deutsche Trash-Formate interessieren, lesen Sie bitte weiter auf unserer Seite 15.)

Sechs Frauen Ende zwanzig – Poolpartys, Nagel- wie Fitnessstudios – schwärmen von Hotel Papa und sagen zum Ausweis ihrer Jewishness andauernd Schalom und wie „verklemmt“ sie sind. Gesprächsthemen sind das Verfallsdatum der Eierstöcke und die Unmöglichkeit des Alleine-Lebens. Kritiker in den USA sind sich auch nach neun Episoden uneins: Ist das nun sexistischer Mist, antisemitischer Mist oder einfach nur Mist? Christine Käppeler

M

Märchen „Es waren zwei Königskinder, / die hatten einander so lieb“: Die Volksballade ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie das gleiche Motiv durch die europäische Kulturgeschichte tradiert wird. Die Tragödie der beiden Liebenden, die tödlich endet, geht auf die antike Schwimmersage zurück und wird durch Ovid in „Hero und Leander“ überliefert. Dann taucht der Stoff im 15. Jahrhundert wieder auf und wird über die Epochen – etwa in „Des Knaben Wunderhorn“ – in mehreren Sprachen überliefert. Auch die neuerdings wiederbelebte gleichnamige Oper Engelbert Humperdincks geht darauf zurück. „Die sind alle beide tot“: Allein Grimms „Die beiden Königskinder“ geht gut aus – hier kommt das Paar zusammen. So geht’s nur im Märchen zu. TP

P

Pop Sie feiern ihre Geburtstage nicht mehr. „Es ist nicht mehr dasselbe ohne Daddy“, sagte Michael Joseph Jackson Jr., genannt „Prince“, vor kurzem bei einem Gerichtstermin. Dort trat der älteste Sohn von Michael Jackson als Zeuge auf, um zu beschreiben, wie er den Tod seines Vaters erlebt hat. Der King of Pop war vor vier Jahren an einer Überdosis Propofol gestorben. „Daddy“ hatte noch eine Tochter. Paris. Von der 15-Jährigen konnte man Anfang Juni hören, dass sie sich das Leben nehmen wollte. Sie stelle eine Gefahr für sich selbst dar und soll in ein Internat für problematische Teenager, schrieb die New York Post. Jacko hatte es ja auch nicht leicht als Kind. Aber nun müssen die drei Königsnachfahren noch aus den Medien erfahren, dass Michael gar nicht ihr Vater sein kann. Öffentlich wird auf den Samenspender spekuliert. Hätte es ihn doch nie gegeben. Maxi Leinkauf

S

Schmuddelkinder Es gibt sie ja noch, nur heute nennt man sie: Kinder aus sozial schwachen Familien. Der Liedermacher Franz Josef Degenhardt pflegte die spitze Zunge und galt als ihr Anwalt, seit 1965 sein Lied und das gleichnamige Album Spiel nicht mit den Schmuddelkindern in der Bundesrepublik erschien. Es wurde einer seiner größten Erfolge. „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern,/sing nicht ihre Lieder./ Geh doch in die Oberstadt,/mach’s wie deine Brüder. Der linke Sänger traf mit dem antibürgerlichen Ton einen Nerv, den einer Zeit, in der Kinder die konservativen Werte ihrer Eltern mal eben explodieren ließen. ML

Sternsinger In den Weihnachtstagen ziehen die Königskinder durch die Gemeinden und segnen singend die Häuser. Während dieser fröhlichen Prozession, sie wird in Österreich als nationales Kulturgut geführt, sammeln sie Geld für wohltätige Zwecke. Wahrscheinlich geht der Brauch, der sich auf die katholischen Gegenden beschränkt, auf die Weihegaben der Sterndeuter zurück, die das Jesusbaby an der Krippe besuchten. Im Frühmittelalter machte man aus den Astronomen die Heiligen drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar, deren Reliquien im Kölner Dom vermutet werden. Im Andenken an diese schreiben die Sternsinger an die Türen oder Türbalken der besuchten Häuser mit geweihter Kreide die Segensbitte „C+M+B“ und die Jahreszahl. Ihre Bedeutung hat die Kirche Mitte des 20. Jahrhunderts zu „Christus mansionem benedicat“ umgedeutet. „Christus segne dieses Haus“ klingt besser als ein Königsglaube. TP

06:00 14.08.2013

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