A–Z Mount Everest

Dünne Luft Vor 60 Jahren standen erstmals zwei Menschen auf dem höchsten Gipfel der Erde. Heute gibt es jedes Jahr im Mai Stau am Berg – und sogar Prügeleien. Das Lexikon der Woche

A

Ansturm Der Berg schweigt. Was soll er auch sagen? Dass sich die schlecht trainierten Möchtegern-Messners doch bitte einen anderen Hang suchen mögen, auf dem sie sich den Hintern abfrieren? Der Mount Everest ist nun mal das höchste Ziel. Über 100.000 Euro zahlen viele für das Abenteuer der Besteigung, Sauerstoffflaschen und lebensgefährliche Wetterumschwünge inklusive. Und trotz des stolzen Tarifs herrscht jedes Jahr in der Hauptsaison wieder Stop & Go am Mount Everest. Schwächere Bergsteiger halten an den Fixseilen den Betrieb auf, weil sie häufiger verschnaufen müssen. An den Kletterstellen geht oft mehrere Stunden gar nichts mehr. Die Folgen für die Wartenden in der Kälte und Sauerstoffarmut sind nicht selten katastrophal (Unglück). Dass sich der Mount Everest zum Massenmagneten entwickelt hat, daran trägt auch der texanische Ölmillionär Dick Bass eine Mitschuld. Er erklomm 1985 mit 55 Jahren den Gipfel. Die Botschaft, die er vom Dach der Welt sandte, war: Es kann jeder schaffen. Mark Stöhr

B

Bordell Im Jahr 2003 wurde Sir Edmund Hillary, der berühmte Erstbesteiger, mit den Worten zitiert: „Am Mount Everest ist alles nur noch gequirlte Scheiße.“ Fünf Jahre später bestätigte der US-amerikanische Journalist Michael Kodas diese Einschätzung in seinem Buch Der Gipfel des Verbrechens. Er behauptete, im zentralen Basislager herrsche teilweise die organisierte Kriminalität, Prostitution inklusive. Gerade diese ist auch in spiritueller Weise ein Problem. Sex vor der Expedition bedeutet für die einheimischen Sherpas, die Götter herauszufordern – und damit eine erhöhte Gefahr für Leib und Leben. Kodas zufolge sollen aber auch eben jene Sherpas nicht selten für Diebstähle von Sauerstoffflaschen und Seilen verantwortlich sein. Diese sind kostbare Schätze, gemessen am winzigen Einkommen eines Nepalesen. Warum die Höhenjunkies trotzdem in Scharen kommen, erklärt Kodas so: „Am Everest sind eine Menge gequälter Egos unterwegs.“ MS

G

Greise Die meisten Herren in ihrem Alter beschneiden Rosenstöcke, lauschen einer Bach-Sonate und machen zwischendurch ein Kreuzworträtsel. Doch der Japaner Yūichirō Miura und der Nepalese Min Bahadur Sherchan sind da etwas umtriebiger. Beide haben sich vorgenommen, dieses Jahr den Rekordeintrag zu holen, ältester Besteiger des Mount Everest zu sein. Miura ist 80, sein Kontrahent 82. Beide kennen den Berg, fühlen sich fit und der Herausforderung gewachsen, heißt es aus ihrem Umfeld.

Um dem Vorhaben noch einen höheren Anspruch zu geben, teilte Min Bahadur Sherchan der Nachrichtenagentur AFP mit: „Jeder spricht vom Weltfrieden. Aber ich nehme den Everest in Angriff, um die Botschaft des Weltfriedens zu verbreiten!“ Man fühlt sich beim Lesen der Meldung an die Absichtserklärungen bei Misswahlen in der Provinz erinnert, wo auch gern für das große Ganze gekämpft wird. Wir sind jedenfalls gespannt auf die Entwicklungen der nächsten Wochen. Weltfrieden, na klar ... Sophia Hoffmann

J

Junko Tabei Mit zehn Jahren entdeckte die Japanerin Junko Tabei ihre Liebe fürs Bergsteigen. 1969 gründete sie den japanischen Bergsteigerinnen-Club, es folgten erste Touren auf den Fuji und das Matterhorn. Auf Initiative einer Zeitung und eines TV-Senders wurde Anfang der Siebziger dann ein reines Frauenteam für eine Mount-Everest-Besteigung gesucht, aus 100 Bewerberinnen wählte man 15 aus. Nach hartem Training ging es 1975 los. Junko Tabei vorn mit dabei. Auf 6.300 Metern kam es zu einem Zwischenfall, als das Camp der Gruppe von einer Lawine verschüttet wurde. Doch auch das konnte sie nicht aufhalten. Am 16. Mai 1975 erreichte Junko Tabei als erste Frau den Gipfel. Was ihr viel Ruhm einbrachte, unter anderem wurde 2000 ein Asteroid nach ihr benannt: 6897 Tabei. SH

K

Kleidung Die reine Zwiebeltechnik reicht in der Todeszone, dem Bereich über 8.000 Meter Höhe, nicht mehr aus. Beim Höhenbergsteigen kommen deshalb heute neben dem Schichtenprinzip auch zahlreiche Spezialtextilien zum Einsatz – das fängt bei der Thermounterwäsche an. Äußerlich gleichen sich die Expeditionsteilnehmer Kindern an, die man beim Rodeln und Schneemannbauen in wattierte Ganzkörperhüllen steckt. Kunstfasern oder Daunenfedern bilden dabei die Füllung mehrfach verstärkter Overalls, die Kältegrade jenseits der 30 Grad minus aushalten helfen. Auch wenn windstoppend, wasserdicht und atmungsaktiv als Eigenschaften heute die Jacken auch vieler Großstädter auszeichnen, kommen sie hier doch zu ihrer existenziellen Größe, denn sie können am Berg das Überleben sichern. Tobias Prüwer

M

Millionenantwort Tenzing Norgay – so kann eine Millionenantwort lauten. Das Wissen, welcher Sherpa Edmund Hillary am 26. Mai 1953 bei der Erstbesteigung des Mount Everest begleitete, machte Eckhard Freise zum ersten Gewinner von Wer wird Millionär?. In der am 2. Dezember 2000 ausgestrahlten TV-Show gab Freise sich bei der 15. Frage siegessicher. Er wisse die Antwort, platzte es aus dem Geschichtsprofessor heraus.

Am höchsten Berg der Welt kann man aber auch bei Günther Jauch scheitern. Eine Mount-Everest-Frage verhinderte bei einer anderen Kandidatin den Millionengewinn: „Wie viel Meter Unterschied liegen zwischen dem Mount Everest und K2, dem höchsten und dem zweithöchsten Berg der Welt? a) weniger als 1 Meter; b) genau 37,5 Meter; c) zirka 90 Meter, d) mehr als 200 Meter.“ Die Kandidatin passte, trotz eines Jokers. Die richtige Antwort lautete: d. TP

N

Nazis Mythenumrankt ist die Himalaya-Region. Dort soll das geheimnisvolle Königreich Shambhala liegen, das später ins paradiesische Örtchen Shangri-La umgedeutet wurde. Viele haben es gesucht – erfolglos. Die Nazis auf ihrer „Deutsche Tibet-Expedition Ernst Schäfer“ jagten 1938/39 aber Handfesterem hinterher. Unter der Führung des Zoologen Schäfer wollten sie unter anderem kälteresistente Getreidesorten und winterharte Pferde für den Krieg finden. Das Gebiet um den Everest diente aber auch der „Rassekunde“. Im SS-Rasse- und Siedlungshauptamt vermutete man hier den Ursprung der Arier. Menschen wurden vermessen, der Ur-Arier blieb jedoch verschollen. Dafür entdeckte man eine unbekannte Hirschart. TP

P

Prügelei Nach einer Prügelei ist oft nicht klar, wieso sie begann. In den vergangenen Tagen machte die handfeste Auseinandersetzung zwischen Sherpas und europäischen Bergsteigern am höchsten Berg der Welt weltweit Schlagzeilen. Auf 7.200 Metern hat die Frage nach dem Auslöser aber eine ganz besondere Dringlichkeit, denn eigentlich gibt es dort oben andere Probleme. Angeblich hatten die drei Europäer Arbeiten der Sherpas an Fixseilen gestört und diese dabei gefährdet. Später, in einem tieferen Lager, griffen bis zu 100 Sherpas die Alpinisten an.

Nepal feiert gerade 60 Jahre Erstbesteigung des Everest durch ein legendäres Team, den Neuseeländer Edmund Hillary und den Nepalesen Tenzing Norgay – so geht es nämlich auch. David Kappenberg

S

Sauerstoff Würde man alle Sauerstoffflaschen, die die unzähligen Expeditionen auf dem Everest zurückgelassen haben, übereinanderstapeln, käme ein Berg heraus, höher als der höchste Berg der Welt. Diese Rechnung machte Reinhold Messner einmal auf. Messner ging in die Geschichte ein als erster Bergsteiger, der ohne „englische Luft“ die 8.848 Höhenmeter bezwungen hat. 1978 war das. Der Südtiroler war mit dem Österreicher Peter Habeler unterwegs. Im Vorfeld wurden die beiden eindringlich von Medizinern gewarnt. „Ihr werdet als Deppen zurückkommen“, hieß es. Man befürchtete, dass durch den geringen Sauerstoffgehalt zu viele Gehirnzellen absterben. Messners und Habelers Strategie war es, sich so kurz wie möglich in der „Todeszone“ aufzuhalten, also: schnell hoch und schnell wieder runter. Der Plan ging auf, auch wenn Habeler die ärztliche Sorge bestätigt fand. „Da oben“, sagte er Jahre später, „hast du nicht mehr viel in der Birne“. MS

U

Überbau Eros und Tod sind die gemeinsamen Nenner, auf welche die Sportphilosophie den Extremsport zurückführt. Demnach treibt Selbstfindung die Menschen hinaus ins lebensfeindliche und sauerstoffarme Weiß. Nun klingt es absurd, dass jemand gerade im Nichts zu sich kommen soll. Aber unter Adrenalinschüben und Todesangst, im selbstverschuldeten Ausnahmezustand und in der Notsituation erfährt sich der Mensch selbst. Es ist die Selbsterfahrung sowie die Selbstüberwindung, aus denen Extrembergsteiger ihre Befriedigung ziehen. Die Erotik der Strapaze wird durch den lauernden Tod noch gekitzelt. Und es ist auch dieser Reiz des Abgrunds, welcher die Extremsportler zu gefragten Trainern bei Manager-Seminaren macht. So hat Reinhold Messner mit einem Ex-McKinsey-Chef die Vereinigung namens Similauner gegründet, ein Männerbund mit Lust am ökonomischen Risiko. TP

Unglück Die Geschichte des Mount Everest ist nicht gerade arm an Dramen, aber als das Unglück gilt bis heute die katastrophale Saison 1996. Am 10. Mai wurden damals mehr als 30 Bergsteiger beim Gipfelaufstieg von einem Wetterumschwung erfasst – acht von ihnen starben, darunter zwei erfahrene Bergführer kommerzieller Expeditionen, Rob Hall und Scott Fischer. Der Journalist Jon Krakauer war Teil von Halls Expedition und schaffte es rechtzeitig auf den Gipfel, um sicher ins Höhenlager zurückzukehren. Sein Tatsachenbericht In eisigen Höhen wurde millionenfach verkauft. Detailliert schildert Krakauer die Vorgeschichte und Ereignisse am Aufstiegstag. Die Kritik, die er an der Touristifizierung übt, ist dabei nach wie vor aktuell (Ansturm). Hauptgrund für das Unglück war laut Krakauer, dass sich in der Todeszone zu viele Expeditionskunden tummelten, die bergsteigerisch in dieser Höhe nichts zu suchen hatten. Jan Pfaff

Z

Zehen In Extremsituationen mit besonders niedrigen Temperaturen sind als Erstes die Zehen von Erfrierungen bedroht. In den Schuhen (Kleidung) haben sie nicht viel Spielraum. Und das meiste Blut wird ins Gehirn und in den Rumpf gepumpt.

Wie bei Verbrennungen unterscheidet man medizinisch auch bei Erfrierungen nach Graden. Gerötete Haut und Blasenbildung sind harmlosere Stadien, bei sch0wereren sterben Haut und Körperpartien ab und müssen amputiert werden. Das Tückische: Erfrierungen bemerkt man oft erst, wenn es zu spät ist. Mit orthopädischen Schuhen und etwas Übung lässt sich aber auch ein Alltag mit fehlenden Zehen bestreiten. Reinhold Messner bestieg trotz sieben fehlender Zehen noch 17 Mal Achttausender. TP

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01:00 22.05.2013

Ausgabe 32/2020

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