A–Z Türkei

Resistanbul Viele Deutsche meinen, die Türkei gut zu kennen. Aber wissen Sie, warum der Pinguin ein Widerstandssymbol ist und der Gartenzwerg aus Anatolien stammt?

A

Alphabet Angeblich hat Atatürk höchstpersönlich das türkische Lateinalphabet entwickelt. Es lehnt sich ans Lateinische an und ersetzte 1928 die arabische Schrift. Islam und persische Welt galten als rückständig, mit dem Alphabet löste man sich symbolisch davon. Die neue Buchstaben-Ordnung vereinheitlichte die diversen Turksprachen und hatte auch funktionalen Nutzen: Sie bildete die türkische Wortstruktur einfach besser ab. Auch der Koran und andere arabisch gehaltene Schriften in einer nicht arabischen Schriftkultur waren nun les- und diskutierbar. Luther lässt grüßen.

Teilweise wurde die Schriftreform sogar von euphorischer Zustimmung getragen. Denn die Öffentlichkeit beteiligte sich daran, Neologismen für arabische Wörter zu finden, und die Alphabetisierung der Bevölkerung ist gestiegen. Binnen weniger Monate war die arabische Schrift verschwunden. Das türkische Alphabet enthält jetzt 29 Buchstaben, von denen ç, ğ, ş und ı nicht aus dem Deutschen bekannt sind. Tobias Prüwer

Arche Noah Diese Flut riss nicht nur Häuser und Dämme mit sich, sie ließ sogar Hügel und Berge verschwinden. Während der Rest der Menschheit sich die Seerosen von unten angucken musste, glitt Noah auf seiner Arche über die endlose Wasserfläche – bis er strandete. Im Ararat, einem Bergmassiv in Ostanatolien. So steht es zumindest in der Bibel. Da viele die Bibel wörtlich nehmen, brachen schon einige Expeditionen zur Nordflanke des Ararat auf, wo sich – so zeigten es Luftaufnahmen – ein dunkler Fleck befindet. Er hat die Form eines Schiffskörpers und erhielt die Bezeichnung „Ararat-Anomalie“. Was die Suchtrupps aus dem unwegsamen Gelände mitbrachten, waren Ankersteine und Holzplanken, die angeblich von der Arche Noah stammen sollen. Keines der Fundstücke hielt bislang jedoch wissenschaftlichen Untersuchungen stand. Es bleibt ein Verdacht: War die biblische Erzählung von der Sintflut am Ende doch nur metaphorisch gemeint? Mark Stöhr

D

Döner Wenn es für Deutsche ein typisch türkisches Gericht gibt, dann ist es der Döner. Dabei kommt der, so wie wir ihn kennen, aus Deutschland. Alles nur großer Betrug? Genau lässt sich der Ursprung des Döners nicht rekonstruieren, es gibt schließlich keine Behörde, die darüber Buch geführt hätte. Verschiedene Medien berichten: Der hier erfundene Döner ist nicht der erste Döner überhaupt – aber zumindest der erste Snack zum Mitnehmen. Angeblich ausgedacht in den siebziger Jahren vom Berliner Imbissbetreiber Kadir Nurman. Der Titel „Döner-Erfinder“ wird ihm inzwischen streitig gemacht von Nevzat Salim aus Reutlingen. Und der erste vegetarische Döner? Darüber ist nichts bekannt. Felix Werdermann

E

Eidgenossenschaft Als ich klein war, war meine Familie mit der Familie E. befreundet. Die Es kamen aus Izmir, das Familienoberhaupt hatte eine Arbeit als Kesselreiniger in der chemischen Fabrik gefunden, in der auch mein Vater arbeitete. Im Sommer fuhr Familie E. nach Izmir, und wenn der Sommer vorbei war, saßen sie bei uns in der Stube. Sie hatten Geschenke mitgebracht, die uns in Verlegenheit brachten. Einen Wandteppich zum Beispiel, auf den in grellen Farben die Stadt am Bosporus gestickt war. In meinen sehr jungen Augen war die Türkei damals ein greller Wandteppich. Dann erfuhr ich, dass es auch in der Türkei die Migros gibt. Migros ist das, was als Quersumme herauskommt, wenn man an die Schweiz denkt. Aber ich konnte sie nicht in mein Türkeibild integrieren. Ich lese heute, dass Migros Türk seit vielen Jahren unabhängig vom Mutterunternehmen und die größte Supermarktkette in der Türkei ist. Der türkische Schriftzug sieht wie in der Schweiz aus. Von der Familie E. leben heute noch die Mutter, die im Rollstuhl sitzt, und der jüngste Sohn im Ort meiner Eltern. Michael Angele

F

Frauen Es reiche nicht, der Partei einfach die Maske vom Gesicht zu reißen und sie als reaktionär vorzuführen, schrieb die Politologin Aksu Bora in einem lesenswerten Aufsatz über die Frauenpolitik der AKP. Das besorgt Erdoğan derzeit schon selbst, möchte man meinen. Aber was halten eigentlich die durchaus feministisch gestimmten AKP-Frauen, die ich vor drei Monaten in Istanbul traf, von den aktuellen Ereignissen? Kämpfen sie auch für den Gezi-Park, oder überlassen sie das den Frauen vom Frauenhaus Lila Dach oder den Lesben von SPoD, die in meiner Vorstellung ganz selbstverständlich auf dem Taksim-Platz mit dabei sind? Und was ist mit den distinguierten Frauen von KA-DER, dem Verein, der die Parlaments-Kandidatinnen unterstützt? Die komplizierte Gemengelage der türkischen Gesellschaft spiegelt sich auch und vielleicht ganz speziell in der durchaus rührigen Frauenszene Istanbuls, in der Kurdinnen und Armenierinnen auf Mehrheits-Türkinnen treffen. Die allgegenwärtige Gewalt nach innen, von der sie uns erzählten, kann nun auch die ganze Welt sehen. Ulrike Baureithel

G

Gartenzwerg Der Gartenzwerg als ein Garant deutsch-türkischer Freundschaft? Zwar gilt der bärtige Wicht mit der Zipfelmütze als Ikone urdeutscher Spießigkeit, aber Wissenschaftler verlegen seine Wiege ins mittelalterliche Anatolien. Dort wurden afrikanische Pygmäen als Grubensklaven gehalten. Um ihre Kräfte zu bannen, wurden Statuen aufgestellt, die Abbilder der Kleinwüchsigen waren. Venezianische Kaufleute haben die Figuren dann in Europa bekannt gemacht. Aus Sandstein gehauen schmückten sie zunächst die Adelsgärten und royalen Parkanlagen, bis der Gartenzwerg im 19. Jahrhundert, aus Terrakotta gefertigt, für viele erschwinglich wurde. Die „Putte des kleinen Mannes“ wurde zur Schrebergarten-Zierde und als PVC-Version zum globalen Gartenkitsch-Produkt. TP

L

Literatur Die türkische Literatur lässt sich weit in die frühislamische Zeit und ins Osmanische Reich zurückverfolgen. Als erster moderner Roman das Landes gilt Sami Frashëris Die Liebe von Tal’at und Fitnat aus dem Jahr 1872. Die Einführung des Lateinalphabets führte zu neuen Formen und stilistischen Umwälzungen. Der derzeit mit Abstand bekannteste Literat ist Orhan Pamuk, der 2006 den Nobelpreis für Literatur bekam.

Lesenswert ist aber noch vieles mehr: Um die türkische Literatur der Moderne in Deutschland bekannter zu machen, gründeten zwei Frauen 2011 den Binooki-Verlag. Hier erschien zum Beispiel Oğuz Atays Erzählbandklassiker Warten auf die Angst von 1973. Sprachlich klar, geben sich die Erzählungen verrätselt. Es sind Botschaften einer durch Selbstbespiegelung verfremdeten Welt. TP

P

Pinguin Zu Beginn der Proteste in Istanbuls Gezi-Park dauerte es eine Weile, bis schließlich selbst deutsche Medien darüber berichteten: Da hatte sich über Facebook und Twitter die Kunde vom Protest längst verbreitet wie ein Lauffeuer. Türkische Medien gerieten daraufhin stark in die Kritik, weil sie die Ereignisse ignorierten und stattdessen die normale Unterhaltungsschiene weiterfuhren. Auf dem Höhepunkt der ersten Ausschreitungswelle zeigte CNN Türk eine Dokumentation über Pinguine.

Die Empörung darüber zog einen Twitter-Shitstorm mit verschiedenen Screenshots nach sich – und so wurde der Pinguin zum Symbol der Demonstranten. Ob nun als Pinguin-Graffiti oder Pinguin-Masken, die sich Protestierende überzogen: Der flugunfähige Seevogel taucht überall auf und symbolisiert die regierungshörigen Medien, die wie die drei Affen Augen, Mund und Ohren verschlossen hatten. Erfunden haben die türkischen Demonstranten den Pinguin als Protestsymbol jedoch nicht: 2006 tobte in Chile eine „Pinguin-Revolution“, benannt nach den schwarzweißfarbenen Schuluniformen weiterführender Schulen – ein Symbol der Distinktion. Sophia Hoffmann

R

Rentner Sonne tut gut, und die deutsche Rente ist an der türkischen Riviera auch mehr wert. Die geschätzten 14.000 Ruheständler aus Deutschland, die sich in den Provinzen Burdur, Isparta und Antalya dauerhaft niedergelassen haben, haben also keine schlechte Wahl getroffen. Manche führen noch eine Briefkastenadresse in der Heimat als Rentenanschrift, in manchem Eigentumshäuschen steckt ein bisschen Schwarzgeld. Und um die dreimonatige Aufenthaltsgenehmigung, die man als Tourist braucht, zu verlängern, reicht ein Ausflug nach Zypern oder Griechenland mit anschließender Wiedereinreise. Bleibt nur noch zu hoffen, dass die „Gastrentner“ mit den Einheimischen mehr Glück haben als die „Gastarbeiter“ hierzulande. MS

T

Taksim Vor ein paar Jahren besuchte ich einen Freund in Istanbul. Er lebte in einer WG in Taksim, dem Viertel um Istiklal, eine Fußgängerzone, die zum Stadtteil Beyoğlu gehört. Der Flughafenbus spuckte mich auf den Taksim-Platz aus, dort fängt die Fußgängerzone Istiklal an. Ich sah auf der Straße Menschen flanieren, die gekochten Mais in Pappbechern konsumierten. In den Stoßzeiten wälzte sich hier eine Menschenwand durch, der man leicht in eine der Seitengassen mit ihren Cafés, Bars und Nachtclubs, Plattenläden und Secondhandshops entfliehen konnte. Ich fühlte mich sofort wohl, sei es beim Bäcker oder bei meinem DJ-Auftritt in einem der vielen Clubs mit Dachterrasse. Es verwundert nicht, dass der Widerstand in diesem liberalen Zentrum seinen Ursprung genommen hat. SH

U

Ultras Ihr Slogan lautet „Tayyip, do you know Istanbul United?“ Gemeint ist Tayyip Erdoğan, ein großer Fußballfan. Wer hätte für möglich gehalten, was „Istanbul United“ geschafft hat: den Schulterschluss der Ultras der drei großen Istanbuler Vereine Fenerbahce, Galatasaray und Besiktas. In kaum einer anderen Stadt sind die Gräben zwischen den Fanlagern so tief. Kürzlich wurde wieder ein Anhänger niedergestochen. Nun gehen sie gemeinsam auf die Straße. Eines ihrer Idole ist Galatasaray-Stürmer Drogba. „We have Drogba. They don’t“, stand auf einem riesigen Protestplakat. Der Ivorer ist für sie alle ein Vorbild. Einer, der sich keinen Autoritäten unterwirft. MS

Z

Zauberwelt Als Märchenland wird Kappadokien oft bezeichnet, diese surreale, von vulkanischem Tuffstein geprägte Landschaft in Zentralanatolien. Von der Unesco 1985 zum Weltkulturerbe ernannt, ist sie heute begehrtes Reiseziel für Touristen. Bildungsbürger und Pauschalurlauber machen Ausflüge in die antiken Höhlenstädte Kaymakli und Derinkuyu oder posieren vor den pittoresken Felsformationen von Göreme. Anhänger des frühen Christentums ließen sich einst dort nieder, um ihre Religion ungestört ausüben zu können, viele Höhlenkirchen mit prachtvollen Fresken sind erhalten. Die Gegend ist als Weinanbaugebiet bekannt, die Bewirtung fürstlich. Kurz: Den Deutschen gefällt es dort. SH

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 25/13 vom 20.06.2013

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06:00 04.07.2013
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