A–Z Wahlabend

Bundestagswahl Alle vier Jahre stolpern wir über die Elefantenrunde. Warum heißt sie so? Und warum reden Politiker eigentlich vom Wählerwillen? Das Lexikon der Woche
der Freitag | Ausgabe 38/2013
A–Z Wahlabend

Foto: Jochen Lübke/dpa

A

Ausreden Man kann sich als Politiker einfach nicht auf den ARD-Deutschlandtrend oder die Sonntagsfrage verlassen. Daher braucht gerade ein hochgejazzter Kandidat im Gegensatz zum früh erklärten Verlierer eine Ausrede, wenn’s am Wahlabend nicht klappt. Meist muss der Hinweis auf das nicht gewonnene Vertrauen beim Bürger herhalten. Wie die Wirtschaft erscheint auch der Wählerwille als ein scheues Reh. Man habe die Wähler nicht bei ihren Sorgen „abholen“, das eigene Programm nicht „kommunizieren“ können. Credo dieser Ausrede: Irgendwie ist ja auch der Wähler selbst schuld. Auch Ausweg-Argument Nummer zwei spielt in diese Richtung. Politikverdrossenheit hat den Sieg des Guten verhindert und ist eine Gefahr für die Demokratie. Es ist nie Verlass auf diese Wähler. Tobias Prüwer

E

Elefantenrunde Wenn mal wieder alles an der Teflon-Kanzlerin abperlt, empfiehlt sich ein Blick in das Internetvideo von der Elefantenrunde nach der Bundestagswahl 2005. Derangiert und deprimiert vom Wahlergebnis, das ganz anders ausfiel als die Prognosen, musste Merkel miterleben, wie sie von Testosteron-Kanzler Schröder buchstäblich überrollt wurde. Sein mit vorgeschobenem Kinn verkündetes Diktum, es werde keine Koalition mit der SPD unter Merkels Führung geben, hatte zwar null Bestand, saß aber. Die dreiviertelstündige Schröder-Show wurde zum Inbegriff der Elefantenrunde: eine Machoveranstaltung, die eine dicke Haut erfordert. Bis 1987 fand die Elefantenrunde drei Tage vor der Wahl statt. Legendär war auch der Schlagabtausch zwischen Brandt und Kohl 1985 mit dem von Brandt mehrfach geschrieenen Satz: „Ich lasse Ihnen das nicht durchgehen, Herr Bundeskanzler!“ Mark Stöhr

Experten Um das Kandidatenspiel zwischen Zuversicht und Ausreden mit O-Tönen anzureichern, laden die Wahlsendungsmacher „Experten“ ein. Diese sagen immer das Offensichtliche, das von den Moderatoren als Analyse angekündigt wird. Was Experten als solche qualifiziert, ist irrelevant. Hauptsache, man kann behaupten, sie hätten mal etwas in oder um Politik gemacht. Da tummeln sich dann Professorentypen und Statistiker, ehemalige Politikberater und Trainer der Körpersprache. Vorteile hat, wer, wie der Journalist und Berater Michael Spreng, sein Gesicht schon häufig in die Kameras dieser Republik gehalten hat. Eine Viertelstunde bei Jauch oder Lanz gilt als Garant für Expertenstatus.

Der Wahlabend ist leicht verdientes Geld. Notwendig ist nur eine Meinung ad hoc und eine danach – die gleiche muss es aber nicht sein. Im Vorfeld erwarten Experten ja immer irgendetwas. Ob das aber auch geschieht, ist bei der Ergebnisanalyse völlig egal. Simulation heißt die Kunst des Experten. TP

K

Kleiderordnung Jede Partei hat ihre Kleiderordnung, wenn es um das öffentliche Repräsentieren geht. Am Wahlabend bei der Live-Schaltung in die Parteizentralen sind diese Dresscodes leicht unterscheidbar. Männer tragen Krawatten in den Parteifarben. SPD und Linke Rot, FDP-Männer Gelb. Nur die Union ist bei der Farbwahl unschlüssig, legt aber großen Wert auf Etikette, wie sie beim großen Krawatten-Eklat 2011 bewies. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) verwies damals zwei schlipsfreie Abgeordnete (Grünen/Linke) ihres Postens als Schriftführer. Selbst wenn Latzhosen tragende Vollbärte rar geworden sind, geht es bei den Grünen immer noch bunter zu, gern mit regenbogenfarbenen Schals bei Männern und Frauen. Im Kontrast zur FDP, in der Gelfrisuren neben Perlenketten glänzen. Das höchste der Gefühle sind da hochgekrempelte Ärmel – wenn die Ergebnisse es zulassen. Sophia Hoffmann

M

Mobilisieren Wenn es gut lief, ist ein Sieg schnell mal „überragend“. Dann wurden die „richtigen Inhalte“ gesetzt. Umgekehrt ist schon mehr Wortakrobatik gefragt. Wer räumt nach einer verlorenen Wahl ein, dass er totalen Bockmist gebaut hat? Dann fischen die Parteirepräsentanten aus ihrem Baukasten solche Perlen des Euphemismus heraus wie „Wir sind unter dem geblieben, was wir erwartet haben“ oder „Natürlich hätten wir uns ein besseres Ergebnis gewünscht“. Immer wieder wird nach einem miesen Wahlergebnis die Mär von der fehlgeschlagenen „Mobilisierung“ ins Fernsehstudio gezerrt. Das bedeutet: Nicht das Programm oder die Kampagne sind schuld an der Niederlage, die Wähler sind es, die nicht zur Wahl gegangen sind (Ausreden). Es gehört zum Wahlabendritual, dass eigentlich nie der Sender infrage gestellt wird, sondern fast immer der Empfänger: diese dubiosen „Bürgerinnen und Bürger“. MS

P

Privatfernsehen Fünf Stunden und 40 Minuten dauert die Wahl-Berichterstattung der ARD am 22. September. Da kann RTL noch nicht ganz mithalten, obwohl der Privatsender ordentlich Gas gibt. Der neue Geschäftsführer Frank Hoffmann ließ verlautbaren, man müsse „gesellschaftlich relevanter“ werden, und so erklärt sich auch das spürbare Aufstocken politischer Inhalte. Sowohl Meine Wahl, die Sondersendung mit dem dramatischen Titel Tag der Entscheidung – Deutschland wählt als auch das folgende Spiegel-TV-Spezial versprechen eine verständliche Berichterstattung, weniger verkopfte Polit-Theorie und mehr Meinungen von der Straße. Fernsehen fürs Volk. Im besten Fall könnte dies, ähnlich wie Stefan Raabs gar nicht schlechte Co-Moderation beim Kanzler-Duell, den Effekt haben, dass wieder mehr Menschen wählen gehen. Wem der Wahl-TV-Abend zu lange dauert – auf Pro7 gäbe es alternativ noch Planet der Affen. SH

S

Sieger Warum müssen Politiker immer die Gewinner sein? Sie alle erklären am Wahlabend, wie toll ihr Ergebnis ist. Ausnahmen gibt es nur, wenn das Gerede vom Wahlsieg so absurd ist, dass man die Politiker für komplett geistesgestört halten muss. Wie also macht man aus einer Schlappe einen Erfolg? Das Ergebnis ist a) besser als erhofft, b) besser als die letzten (schlechten) Umfragen erwarten ließen, oder c) besser als bei der letzten Bundestags/Landtags/Europawahl (Unzutreffendes streichen). Wenn das alles nichts nützt, kann man immer noch auf die Medien verweisen, die die Partei seit Monaten runterschreiben. Ihnen den Stinkefinger zeigen. Was man aus dem Wahlgeplauder hinterher wirklich lernen kann, hat Reinhard Mey bereits in seinem Lied „Wahlsonntag“ aus dem Jahr 1991 auf den Punkt gebracht: Die Politiker sind mit jedem Wahlergebnis zufrieden und erteilen uns am Abgrund eine Lektion in Genügsamkeit. Felix Werdermann

Switchen Etwa ab 17 Uhr hält man die Fernbedienung in der Hand und lässt sie den gesamten Abend nicht mehr los. Es sind Freunde oder Familie da. Man kann ein paar Beiträge aus der Provinz sehen, irgendwelche Analysen, um in Stimmung zu kommen. Altgediente Journalisten dürfen noch mal kurz was sagen (Experten). Manche fangen schon nach der ersten Prognose mit dem Rechnen an. Nach ein paar Minuten ist man selbst soweit. Schaltet um. ZDF. Nächste Prognose. ARD und ZDF variieren immer um ungefähr ein Prozent. Muss Absicht sein, es befeuert die Dynamik des Abends. Und der ist ja sehr politisch. Und relevant! Stundenlang vor der Glotze hängen ist quasi Bürgerpflicht. Nächste Hochrechnung, Schwenk ins Willy-Brandt-Haus. Runde Tische, noch ohne Bier. Ältere Genossen trudeln ein, schnell zurück zu Jauch, Slomka, Schausten. Falls man Definitives sagen kann, tun das die Spitzenkandidaten: Irgendwann vor den Tagesthemen reden siezur Basis. Nur welcher Sender hat wen zuerst? Maxi Leinkauf

U

Urnengang Haben Sie heute schon über den Urnengang gesprochen? Ein Glück, denn dieser Begriff erinnert eher ans Klo als an eine demokratische Errungenschaft. Dass die Wahl in den Zeitungen immer wieder als Urnengang bezeichnet wird (obwohl niemand so sprechen würde), liegt an einem großen Missverständnis. Eine der ersten Regeln für Zeitungsjournalisten lautet: Wortwiederholungen vermeiden! Deswegen wird akribisch nach Synonymen gesucht. Leider wird dabei vergessen, dass diese Journalistenregel natürlich nur eingeschränkt gilt: Wenn es keine gute Alternative zur „Wahl“ gibt, dann bleibt die Wahl eben die Wahl. Auch wenn der Urnengang im Duden steht. Das krampfhafte Suchen nach Synonymen muss ein Ende haben. Dann bleibt uns der Urnengang erspart, das Wählen aber glücklicherweise nicht. FW

W

Wählerwillen Da der Theorie demokratischer Herrschaft zufolge alle Macht vom Volke ausgeht, erklären Politiker den Wählerwillen für sakrosankt. Als Heiligtum vorher tabuisiert, wird dieser Wille nach der Wahl jedoch sofort in alle Richtungen ausinterpretiert.Das Volk wolle, so der Tenor, eine große, kleine oder windschiefe Koalition, wie dem Wählerwillen klar zu entnehmen sei. Wieso ist zum Beispiel beim Patt zwischen CDU und SPD ausgerechnet eine Große Koalition diesem Willen entsprechend und nicht Neuwahlen? Woher soll das sich zur Wahl schleppende Individuum eigentlich wissen, was das Volk will? Und das Volk selbst kann schon gar nicht wissen, was es will, weil es keine Einheit ist. Der Wählerwille ist bloß eine Fiktion. Beim Stimmergebnis handelt es sich um eine Vielzahl von Einzelentscheidungen. Die geradezu unheimliche Vorstellung eines organischen Volkskörpers schwingt bei diesem Gerede mit. Die Idee einer Volksgemeinschaft – mit oder unter einem Willen – ist aber zutiefst undemokratisch. TP

Wahlparty Vielleicht liegt es daran, dass ich älter geworden bin oder dass es keine Wechselstimmung gibt, wie man so schön sagt, aber der Gedanke, eine Wahlparty zu veranstalten, ist mir in diesem Jahr noch nicht gekommen. Auch habe ich noch keine Einladung zu einer erhalten. Das war früher anders. Vor acht Jahren lud ich mir die Bude voll. Bundestagswahl war aufregend. Man brachte Bier, Chips und Kinder mit. In einem Zimmer lief ARD, in dem anderen ZDF, und an der Tür gab jeder einen Tippschein ab. Am Ende gewann der- oder diejenige, dessen Voraussage die geringste Abweichung zum tatsächlichen Ergebnis aufwies. Interessanterweise gewannen nie Politikjournalisten. Der erste Preis war einmal eine Biografie von Walter Ulbricht, und ich erinnere mich, dass der Preisträger sich darüber wirklich freute. Jana Hensel

Z

Zahlen Die Erotik der Mathematik erkennen nicht viele. Die Schönheit der Zahlen, die Unbestechlichkeit der Logik, die Klarheit der Ergebnisse. Die meisten sind froh, dass sie die Mathematik mit der Schule hinter sich gelassen haben. Nur in seltenen Fällen befassen sie sich intensiv mit Zahlen, etwa am Wahlabend. Um Punkt 18 Uhr sind die Hochrechnungen da, und sie stimmen erstaunlich gut mit dem Endergebnis überein. Die Prognosen am Wahlabend sind jedoch kein Grund, den Umfragen vor der Wahl mehr Glauben zu schenken. Für die wird nämlich deutlich weniger Aufwand betrieben. Haben Mathematiker einen Vorteil bei den Wahlen? Möglicherweise verstehen sie das Wahlsystem besser und können dann ihre Erststimme taktisch einsetzen. Damit lässt sich zwar nicht mehr die Verteilung der Sitze auf die verschiedenen Parteien beeinflussen (die Überhangmandate werden ausgeglichen) – aber immerhin das Personal der Parteien. FW

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06:00 22.09.2013
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