Zimmer frei

A-Z WGs Alt-68er Hans-Christian Ströbele bekannte kürzlich, er meide WGs. Was sie trotzdem lebenswert macht, verrät unser Lexikon zum Semesterstart
Zimmer frei
An ihm können WGs scheitern: der Abwasch. Und welcher Künstler denkt schon an Spülmaschinen?

Foto: Doesnotcare / Photocase

A

Abwasch Eines Tages präsentierte eine Bewohnerin einer befreundeten WG ihre „PAM“. Die selbst gebastelte Putzen-Abwasch-Müll-Uhr sollte das WG-Leben durchorganisieren. Das ging einer ihrer Mitbewohnerinnen gegen den Strich und sie antwortete: „VerA. Vergiss es, Alte!“ Man bekommt in WG-Küchen immer das Gefühl, dass die Gesamtzahl an Geschirr sich mit der des sich im Abwaschbecken befindlichen auffallend deckt. Ob man wartet, bis nur noch dreckige Teller da sind oder ob man Wasser verschwendend seine drei Teile sofort abspült – kein System klappt. Zerrüttete WGs sollen sich Geschirrspüler besorgt haben: Nur, wer räumt dann ein und aus? Tobias Prüwer

B

Bestechung Neun Quadratmeter, feuchte Stellen an der Wand, Löcher im Furnier, am Arsch der Welt und sauteuer. Wäre die Lage nicht ernst, würde ich lachend rausrennen. Doch mit mir drängeln sich 30 Erstsemester. Von den paar Wochen Couchgesurfe sind wir bereits um 20 Jahre gealtert. Die Stimmung ist nervös. In der Küche belegt die WG-Kommission die Stühle. Ich stehe zwischen Kühlschrank und Tür. „Was bringst du mit?“, fragt einer. Ich sage: „Schön, euch kennenzulernen.“ Er sagt: „Wir brauchen noch ’ne Spülmaschine und jemanden, der sich mit Photoshop auskennt.“ Das war wohl nichts. Ich denke an die 400 Euro in meiner Hosentasche. Schwarzgeld vom Kellnern. Mit großer Geste werfe ich die Scheine auf den Tisch. „ Bestechung“, sagt einer. Aber ich fühle mich so mächtig wie Don Corleone. Sie beraten. Es dauert ewig – Basisdemokratie. Dann darf ich endlich wieder rein. Die Scheine sind weg. Aber ein Bier und mein Platz am Tisch sind jetzt frei. Anna Fastabend

Business Eine WG mit Putzfrau, Hemden-Abholservice, Sauna, Whirlpool, Fitnessbereich und Konferenzraum? Gibt es, man muss es sich nur leisten können. Mindestens 500 Euro kostet ein Zimmer in einer der Business-Kommunen, die seit einiger Zeit in den Szenelagen mancher Metropolen zu haben sind. Die Bewohner arbeiten in Konzernen, Banken oder Kommunikationsagenturen: Sie sind erfolgreich und wissen nicht genau, was morgen ist. Ihre Arbeits- oder Projektverträge sind befristet, manche stecken noch in der Probezeit. Das Leben dieser Wanderarbeiter ist offen und schnell, nichts für eine feste Bleibe. Also ziehen sie gemeinsam unter ein Dach und spachteln Sushi in der Wohnküche, die dort „Community-Bereich“ heißt. Einige dieser Nobel-Lodges sind Riesenwohngemeinschaften mit über 30 Leuten. Sie liefern das Karrierenetzwerk gleich mit, mögliche Elite-Partner inklusive. Mark Stöhr

D

Drogen Meine schlimmste WG-Erfahrung machte ich in München, als ich dort mit einem ziemlichen Chaoten zusammenwohnte. Ich war damals noch sehr jung und naiv, und erst als ich schon eine Weile mit ihm zusammenwohnte, stellte ich fest, dass er sein Geld als Drogendealer verdiente. Nach und nach fand ich dann heraus, dass er bereits wegen verschiedener Betäubungsmitteldelikte im Gefängnis gesessen hatte und noch auf Bewährung war.

Er war vollkommen unberechenbar, schlief häufig mit Zigarette ein und schleppte die dubiosesten Leute in unsere Küche. Manchmal hinterließ er an verschiedenen Plätzen in der Wohnung eine Linie Koks. Außerdem hat er in der Produktion einer bekannten Daily Soap gearbeitet und nach meinem heutigen Kenntnisstand auch dort hauptsächlich als Rauschmittelbeschaffer fungiert. Er schleppte vom Set hin und wieder Statistinnen ab, die dann manchmal auf Speed die Wohnung putzten. Nach einem Jahr zog ich wieder aus.
Sophia Hoffmann

G

Gesuche Kaum etwas ist so schrecklich wie ein Vorstellungsgespräch in einer WG. Alle tun locker, während man in Wahrheit abgescannt wird. Immer sitzen gleich mehrere Mitbewerber am Tisch, weil der Zeitplan nie hinhaut. In großen Städten wie Hamburg oder München muss man es zudem vom WG-Gesuch erst mal bis zu den Chefkaffeetrinkern in der Wohnküche schaffen. Die Gesuche in den Onlinebörsen sind eine Mischung aus Selbstauskunft und Bekenntnisaufsatz, oft sozialdemokratisiert bis zur Profillosigkeit: Man gibt sich ordentlich, aber nicht penibel, macht Party, aber auch gerne mal einen Ruhigen, ist Vegetarier, hat aber nichts gegen das Kotelett im Kühlschrank. Alles kann, nichts muss. Wie im Swingerclub. Besonders weichgespült sind die Raucher: Rauchen, selbstverständlich, nur auf dem Balkon, vor der Tür oder auf dem Mond. Tausche Kippe gegen Kammer. Früher war das anders. Da waren Nichtraucher automatisch Jurastudenten. MS

L

Legendäre WGs Es war die berühmteste WG der Kriminalgeschichte: Sherlock Holmes und Dr. Watson wohnten zusammen in der Baker Street 221b. Eine Adresse, die es nie gab. Aber die Fiktion entwickelte ein Eigenleben: Im Sherlock-Holmes-Museum, das heute diese Hausnummer trägt, wurde das Arbeitszimmer nachgebaut, das sich die Detektive 25 Jahre geteilt haben sollen. Man kann auch die – natürlich getrennten! – Schlafzimmer von Holmes und Watson besuchen, sowie das ihrer Haushälterin.

Andere Geistesgrößen lösten ihre Fälle rein theoretisch: Im Tübinger Stift waren Hegel, Schlegel und Hölderlin Zimmergenossen. Sie debattierten über Philosophie, lasen Schiller und lobten die Freiheit.

Und auch diese Kreativen profitierten voneinander: Udo Lindenberg, Otto und Marius Müller-Westernhagen teilten sich Anfang der Siebziger in Hamburg Küche und Bad in der Villa Kunterbunt. Er habe seinen „Hang zu Alliterationen verschärft“ und die Namen Rudi Ratlos und Bodo Ballermann kreiert, sagte Otto über Mitbewohner Lindenberg. Maxi Leinkauf

M

Mitbewohner Schöngeister denken nicht an Spülmaschinen. Das hatte ich geliebt, an Stéphane und an Geoff. „Hi, I’m Geoff, I’m Antiamerikaner“, sagte er beim ersten Mal. Man konnte nächtelang mit ihm debattieren, über eine Revolution der Gewerkschaften, eine Lösung für die Welt. Nicht über kaputte Glühbirnen. Stéphane kam aus Paris. Er putzte nicht, aber er ähnelte Alain Delon. Auf Stéphane folgte dann Eric. Er sah meinen Werkzeugkoffer, den ich noch nie benutzt hatte. Mit gezieltem Griff schnappte er ihn auf, sortierte die Werkzeuge und installierte in meinem Bad einen Duschvorhang. Eric besorgte Tomatenbüchsen und Filtertüten. Sein Prinzip: Auf Vorrat wirtschaften. Für ihn war das kaum erwähnenswert, aber für die Wohnung waren neue Filtertüten eine Revolution. ML

P

Plus-WGs Die Golden Girls haben es vorgemacht, und mittlerweile ist daraus ein Konzept geworden: Wohngemeinschaften für Senioren. Ein gute Idee, die alleinstehenden Menschen höheren Alters eine Alternative zum Altenheim bietet und vor sozialer Vereinsamung schützt. Natürlich mehren sich mit zunehmender Lebenserfahrung auch die Macken der potenziellen Mitbewohner. Die Website pluswgs.de hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihnen bei der Suche behilflich zu sein. Bei dem Service legt man Wert darauf, zwischen 50plus-/60plus und betagteren Rentnern in WGs zu differenzieren. Nach dem Motto: Gegenseitiges Unter-die-Arme-Greifen ist erwünscht, doch sollen die Mitbewohner nicht gezwungen sein, lauter Aufgaben geschulten Pflegepersonals übernehmen zu müssen. Es soll so lustig bleiben wie bei den Golden Girls. SH

S

Sitcoms Gemeinsam Serien gucken und einen verlausten ausgestopften Köter kraulen war lange das Größte für Turk und J. D., die beiden angehenden Ärzte der Serie Scrubs. Beim Klassiker Friends prallen in der Wohnung von Rachel und Monica völlig gegensätzliche Persönlichkeiten aufeinander – und halten es trotzdem miteinander aus. Jess, das New Girl, muss sich im gemeinschaftlichen Loft die Probleme von drei Männern anhören und wird dafür von ihnen geliebt. Und seitdem How I Met Your Mother ausgestrahlt wird, sind bestimmt einige WGs auf der Suche nach ihrer Stammkneipe. Spielen Sitcoms nicht gerade in Familien, müssen Freunde und Mitbewohner Lacher und Geschichten liefern. Ohne WGs wären die Charaktere weniger glaubwürdig. WGs machen die Hauptfiguren zu Menschen, die wir zu kennen glauben. Die so sind wie wir. Benjamin Knödler

Ströbele Hans-Christian Ströbele ist der Herr der Untersuchungsausschüsse. Minutiös, wie es sich für einen Anwalt gehört, ackert er jedes Mal wieder ganze Gebirge von Akten durch. Gerade ist er an der NSU-Affäre dran. Ströbele legte die Musterbiografie eines 68ers hin, von der Außerparlamentarischen Opposition mittenrein in die Institutionen, wenngleich er dort – das muss man ihm zugutehalten – bis heute immer auch ein bisschen Außenstehender blieb. Der 73-Jährige war während der APO-Jahre Teil des großen Kollektivs, gemeinsam mit Horst Mahler und anderen bekanntlich auch Teil eines Anwaltskollektivs. Beim Wohnen war er jedoch immer Individualist, wie er jüngst gegenüber dem Spiegel bekannte. Er habe nur einmal als Student in einer WG gewohnt, danach nie wieder. Schon 1967, noch als Rechtsreferendar, habe er sich „am Rande vom Grunewald“ eine 1,5-Zimmer-Wohnung gekauft – mit dem Erlös aus einem Bausparvertrag. MS

W

Waschmaschine Für eine Waschmaschine war unser Haus eigentlich zu klein. Also fuhr meine WG zum Waschen zu den Eltern. Beachtlich dagegen war der Carpark vor der Tür. Einer unserer WG-Genossen war Automechaniker. Und so gewöhnten wir uns daran, dass auf dem Küchentisch öfter die öligen Eingeweide des altersschwachen Bulli, des Klapperfiats oder der lahmen Ente herumlagen, dazwischen Pucki, der genügsame Kater. Herbert war unser technischer Allrounder, nicht nur zuständig für Autos, Ölofenverstopfung und Duschenleck, sondern auch für das ewig abgestellte WG-Telefon. Eines Tages schleppte er eine Waschmaschine an, gefühlt aus den zwanziger Jahren stammend, mit Handkurbel. Bei der ersten legendären Waschaktion, von den WG-Frauen im Garten durchgeführt, fehlte er wohlweislich. Danach bedienten wir uns lieber wieder an den Geräten der Eltern. Ulrike Baureithel

Z

Zweckgemeinschaft Nicht immer steckt Gemeinschaft in einer WG. Mitunter steht allein das Geldsparen im Vordergrund der Entscheidung fürs Zusammen- oder eben Nebeneinanderleben. Das sind eher schlechte Voraussetzungen für ein langes Bestehen, aber ein bisschen Unverbindlichkeit ist in Zeiten der Flexibilität ja nicht verkehrt. Klassische WGs aber können aufs Gemeinschaftliche nicht ganz verzichten. Denn ohne eine gewisse Grundsympathie und die Lust, auch mal gemeinsam zu kochen, geht man sich irgendwann mit Pflichtenverteilung oder den eigenen Lebensgewohnheiten gehörig auf den Zeiger. Bei aller Pragmatik, so manche Marotte seines Mitbewohners ist sonst einfach nicht auf Dauer auszuhalten. Dann hilft nur noch Protest oder Wegzug. Aus diesem Grund beschwören ja Politiker gerade in Krisenzeiten besonders gerne die Schicksalsgemeinschaft. TP

09:00 13.10.2012
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