Ab ist Der Lack

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Ich war zum ersten Mal im Sanitätshaus. Das sind doch die, mit den Duschgarnituren und fabrikneuen Kloschüsseln im Schaufenster, hätte ich gesagt, wenn ich gefragt worden wäre. Falsch. Sanitätshäuser, das sind die mit den Angoraleibchen, Irrigatoren, Blutdruckmessgeräten und Stützstrümpfen im Fenster. Und die Angorawäsche präsentiert von kerngesunden Models, die im Leben garantiert noch keine Gelenkprobleme hatten. Aber ich. Also gehe ich hinein, mit ärztlichem Attest und der Zuzahlungsbefreiung von der Krankenkasse.

Eine Bandage sollte es sein, rechtes Sprunggelenk. Zu viel Sport, erkläre ich der jungen Bedienung (oder sagt man Schwester?), die mir bei der Anprobe hilft; und während ich das sage, geht ein Ruck durch meinen kachektischen Körper. Der Fuß ist immerhin gewaschen, daran hatte ich gedacht. Die Bandage passt, und ich bin froh, dass die Verkäuferin bei der Anprobe mein schütteres Haar ganz oben nicht im Blick hatte.

Dann gehe ich, grußlos. Ich werde jetzt sicher öfter wiederkommen, denke ich noch, und registriere mit Entsetzen die Preisschilder an Gehwagen und Badewannensitzhilfe. Ich lasse die Bandage gleich an. Sie tut wirklich gut.

Seit einiger Zeit muss ich beim Rasieren mit der einen Hand die Falten glatt ziehen, weil sonst das Messer nicht mehr gleitet, sich nur noch von Buckel zu Buckel durchschnetzelt. Das ist auch so eine Erfahrung. Vorbei mit jugendlich straff. Ich gehöre jetzt zur Zielgruppe der ZDF-vor-zwanzig-Uhr-Werbeblöcke. Und ich befinde mich in einem Dilemma, in einem Generationsloch nachgerade. Bis ich die Größe habe, mir auf die Brust zu schlagen und zu sagen: Ich bin ein alter Sack!, bis dahin dauert es noch eine Weile. Ich werde daran wachsen.

Der Lack ist ab. Und darunter findet sich nicht einmal so etwas wie eine Patina, auf die ich bei dem Gedanken an das Älterwerden, vielmehr an das Altern (das ist unbedingt nicht das Gleiche) immer gesetzt hatte; nein, darunter klebt einfach nur ein Rezept fürs Sanitätshaus. Vielleicht habe ich das Zeug zum Phönix. Oder werde ich nur die Asche sein?

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00:00 07.01.2000

Ausgabe 41/2021

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