„Versuch bitte abzuhauen, bevor der Flughafen geschlossen ist“

Flucht Abbas Khiders neuer Roman ist ein spannendes Verwirrspiel mit autobiografischen Zügen. Nicht ohne Witz nimmt uns der Autor in „Der Einnerungsfälscher“ mit auf eine lebenlange Odyssee
Asylsuchende bei der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Berlin, August 2015
Asylsuchende bei der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Berlin, August 2015

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Es krampft sich einem das Herz zusammen, wenn man die Frauen und Kinder vor der polnischen Grenze sieht. Wenigstens treffen sie nicht auf Stacheldraht wie jene an der Grenze zu Belarus. Ukrainer, die ihr Land verlassen dürfen, dürfen sofort einreisen und brauchen in Deutschland auch keinen Asylantrag zu stellen.

Wie fühlt sich jemand, der nicht willkommen war und nach Jahren in Deutschland immer noch „der Welt nicht traut“? Said Al-Wahid bekommt im ICE zwischen Mainz und Berlin einen Anruf seines Bruders im Irak: „Unsere Mutter liegt im Krankenhaus. Der Arzt sagt, es wird nicht mehr lange dauern.“ Wie soll er so schnell nach Bagdad kommen? Zum Glück hat er seinen Reisepass dabei, denn Said Al-Wahid hat seinen Reisepass immer dabei. Aber was wird ihn an der Grenze und bei seiner Familie erwarten? Diese Unsicherheit …

Die Lektüre stürzt einen in ein Wechselbad der Gefühle: Mal zieht uns Said an seine Seite, dann stößt er uns abrupt von sich weg, dann will man sich am liebsten auch die Haare raufen, wenn zum Beispiel dem späteren Studenten in der Bayrischen Staatsbibliothek die Ausleihe eines Buchs verwehrt wird als Maßnahme zur Terrorabwehr, die Lektüre im Lesesaal jedoch erlaubt ist. Total absurd. Wie so vieles.

Es geht einem beim Lesen zuweilen wie jener Frau Schulz aus Abbas Khiders Roman Ohrfeige von 2016: In der Ausländerbehörde von einem Mann namens Karim Mensy mit Packband an ihren Drehstuhl gefesselt und geohrfeigt, muss sie sich seine Wuttirade anhören: Er soll seinen Asylpass abgeben, weil nach Saddam Husseins Sturz angeblich keine Gefahr mehr für ihn in Irak besteht. Eine Duldungsbescheinigung schließt indes keine Arbeitserlaubnis ein. „Aber Sie wissen ja besser als ich, wie Ihre komischen Gesetze funktionieren.“ Dass wir das eben nicht so genau wissen, davon lebt auch Abbas Khiders neuer Roman.

Wie viele bürokratische Hürden hat Said überwinden müssen, wie viele Demütigungen hat er erlebt. Er hat studiert, ist Schriftsteller geworden, hat geheiratet und einen kleinen Sohn. Seine Frau Monica ist eine geborene Hoffmann. „Weiß ist sie. Kein Polizist würde sich trauen, sie grundlos auf der Straße nach ihrem Ausweis zu fragen.“ Sie lernt Arabisch, um die Welt ihres Mannes zu verstehen, was ganz wohl nicht gelingt. Und Said, schreibt Khider, hat einen „Januskopf“ entwickelt. „Das eine Gesicht ist für alle sichtbar, zeigt sich allen, so wie sie es sich von ihm wünschen. Das andere Gesicht ist verschleiert, verborgen, rückwärtsgewandt, kauert allein und freiwillig eingesperrt.“ Leben zwischen zwei Kulturen – mit einem gespaltenen Ich. Als er vor über 20 Jahren nach Deutschland kam, bekannte der Schriftsteller in einem Interview, habe er nur drei Wörter gekannt: „Hitler, Scheiße und Lufthansa“. Nun veröffentlichte er bereits seinen siebenten Roman auf Deutsch. Autobiografisch? Dem widerspricht er vehement: Mit literarischen Mitteln wolle er seinen Gestalten ein Eigenleben geben. Das gelingt indes umso eindrücklicher, weil die fremden Erinnerungen in Bezug zu seinen eigenen stehen, die er nicht pur wiedergibt, sondern sozusagen „fälschen“ muss.

Nicht klagend – kraftvoll

Wegen seiner Gedächtnislücken bekam Said von einem deutschen Arzt den Hinweis, sich an ein „Behandlungszentrum für Folteropfer“ zu wenden. „Dort könne man mit solchen Traumata gut umgehen. Typisch, dachte Said. Wenn ein Migrant mit etwas kommt, das man in Deutschland nicht begreift, nennt man es ‚Trauma‘. Was soll man tun, wenn das ganze Leben ein einziges Trauma ist?“

Khiders Erzählton macht ihn tatsächlich zu etwas Besonderem in der deutschen Literatur: Nicht klagend, sondern kraftvoll, nicht deprimiert, sondern schnörkellos, sarkastisch, selbstbewusst. Das schmale Buch wirkt auch deshalb so nachhaltig, weil es im Leser weiterarbeitet: Während Said um Sicherheit und Gerechtigkeit für sich selber kämpft, denkt man auch an diejenigen, die er zurückgelassen hat.

In Vor- und Rückblenden bewegt sich der Roman. Ehe er seine Familie in Bagdad erreicht, fällt Said ein, wie sein Vater hingerichtet wurde, weil er Beamter im Verkehrsministerium von Saddam Hussein gewesen war, wie er als Sohn eines Verräters beschimpft wurde, die Mutter zur zweiten Frau des Onkels werden musste und dessen ältester Sohn seine Schwester bedrohte. Seine vierjährige Odyssee, um von dort wegzukommen, ist wieder hautnah. Was es alles für Umwege gibt, wie man in der Not Pässe kaufen kann und was später Schlimmes zu verdrängen ist! Manches erfahren wir, anderes müssen wir erraten.

Und wie wird er bei der Familie in Bagdad empfangen werden mit seinem deutschen Pass? Trifft er die Mutter noch an? Ein Schulkamerad sagt, dass er jetzt zu einer Miliz gehört, die sich „Armee des Erlösers“ nennt. Mit seinen langen Haaren solle Said besser zu Hause hocken und einen Schleier tragen. „Darf ich heute auf dem Dach übernachten (…) wie früher?“, fragt er die Schwägerin. „Bist du bescheuert?“, entgegnet der Bruder. „Bist du ein europäischer Orientalist geworden? (…) Versuch bitte abzuhauen, bevor der Flughafen geschlossen wird.“

Info

Der Erinnerungsfälscher Abbas Khider Hanser Verlag 2022, 125 S., 19 €

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