ABCDF

Klischeebilder Anmerkungen zum Mexiko-Festival "MEXartes" in Berlin

Anlässlich des laufenden Festivals MEXartes ist es vielleicht wichtiger als alles andere, ein Augenmerk auf die Probleme kultureller Übersetzung zu legen, die dabei zu Tage getreten sind. Die gleich zu Beginn unterlaufenen Übersetzungsfehler - bei der Pressekonferenz zu den beiden Kunstausstellungen wurde etwa "Perzeption/Wahrnehmung" mit "Perspektive" übersetzt - sind symptomatisch für den Mangel an Wissen über Mexikos kulturelle Produktion. Oder sind mangelndes Interesse und Ignoranz im Spiel? Wenn der deutsche Gastgeber bei der Lesung Elena Poniatowskas, der Grande Dame der mexikanischen Literatur, die Grunddaten von Leben und Werk der Autorin nicht kennt, wenn sie als Erfinderin der Gattung "mexikanische Chronik" vorgestellt wird, ist das mehr als ein peinliches Versehen. Denn selbstverständlich existiert das literarische Genre auch in Mexiko nicht erst seit 1968, als Poniatowska ihr literarisches Debüt gab mit der Chronik über die Niederschlagung der studentischen Rebellion am Tlatelolco in Mexiko-City.

Auch der Moderator des Abends, der Schriftsteller Peter Schneider, führte vor, dass er über literarisch-kulturelle Belange Mexikos aus den vergangenen 20 Jahren nicht informiert ist. Octavio Paz´ Labyrinth der Einsamkeit (1948) und dessen Gedichte der sechziger und siebziger Jahre bildeten den Horizont von Schneiders Beitrag. Gänzlich unverständlich blieb auch die Auswahl der Texte: anstelle aus Poniatowskas gewichtiger Biographie über Tina Modotti Tiníssima (1996) zu lesen, wurden ältere Texte ausgewählt, die die Autorin selbst heute als kitschig ansieht. Sie langweilte sich und fand die Fragen und Kommentare schlicht uninteressant. Der Anspruch gegenüber den Veranstaltern, sich in dem auszukennen, was in Mexiko während der zurückliegenden Jahrzehnte diskutiert, gedacht, gelebt wurde, ist vielleicht zu hoch, aber man sollte zumindest wissen, wer die Gäste sind und was sie produzieren.

Mit gutem Grund ist ein Schwerpunkt des Festivals Mexiko-City selbst. Die Mehrheit der eingeladenen Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler kommt aus der 20-Millionen-Stadt. Vorträge, Lesungen, Gespräche, ein Symposium widmen sich der Megalopolis. Der wichtigste Intellektuelle Mexikos, Carlos Monsiváis, wird zu einem Vortrag eingeladen. 1988 fand unter dem gleichen Titel an der FU-Berlin ein Symposium statt. Damals bezeichnete Carlos Monsiváis Mexiko-City als "Stadt der Apokalypse auf Raten". Mit Carlos Fuentes großem Stadtroman La región más transparente (1958) (Die transparente Region) - Monsiváis bezeichnete das Werk ironisch als "Marinetti Cadillac", als "futuristischen Gesang auf eine dynamische Stadt" - sei bereits das Ende der Erzählbarkeit dieser Metropole erreicht, so Monsiváis. Die Stadt als Ganzes, als komplexe Wirklichkeit, ihre Funktion als Knoten- und Sammelpunkt sozio-kultureller Beziehungen ließe sich literarisch nicht mehr dar- und vorstellen. Somit wurde bereits 1988 in Monsiváis Beitrag deutlich, dass der urbanen Wirklichkeit mit herkömmlichen literaturkritischen Beschreibungs- und Diagnose-Modellen nicht mehr beizukommen ist. Die Zeit semiotischer Analysen der Stadt als komplexes Zeichensystem ist passé, weil neue Phänomene urbaner Kultur aus diesem Raster herausfallen. Deshalb wählt Monsiváis für seine Chroniken über den Zustand der Stadt ein anderes Herangehen. Er richtet den Blick vor allem auf Alltagserfahrungen, auf das Situative: es geht darin etwa um Erfahrungen in der Metro, um den Habitus von Jugendlichen, ihr ritualisiertes Verhalten in Tanzsälen und Diskotheken. Diese neuen Phänomene lassen sich auch mit soziologischen Kategorien nicht fassen.

Nicht etwa, weil das Visuelle generell immer größere Bedeutung bekommt, auch nicht wegen der Bilderflut: Monsiváis stellt in seinen Mexiko-Chroniken Rituale des Chaos (1995) die Beziehungen zwischen Personen, die durch Bilder - vor allem in der Konditionierung durch TV-Bilder - vermittelt und gesteuert werden, in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Auf diese Weise würde das Leben zu einer "Anhäufung von Spektakeln". Mit der Entschlüsselung von Zeichen und Codes zu arbeiten, reicht seit 15 Jahren schon nicht mehr aus, um die von Paradoxien, Turbulenzen und Undurchsichtigkeit gekennzeichnete Gegenwart Mexiko-Citys zu fassen. Doch 2002 im Programm zum Symposium "Megalopolis" wird als Herangehen an Mexiko-City genau dieser Weg vorgeschlagen: die "Stadt zu lesen", "zu dechiffrieren", ihre "Strukturen zu erfassen".

Kürzlich erschien der Guía Roji, ein grafisches Wörterbuch Mexiko-Citys unter dem Titel ABCDF. Es unterstreicht, dass die Stadt jedes Alphabet sprengt. Graphisches und Fotos betonen, dass es um Stimmen und Körper von Subjekten geht, die von den Kanälen der Schriftkultur weitgehend ausgeschlossen sind. Orientierung, Wahrnehmung laufen in erster Linie über das Visuelle und Kommunikative. In der Ausstellung Zebra-Crossing geht es um die Aneignungsstrategien und Neudefinitionen der Stadt als Antwort auf die aktuelle Phase der Globalisierung. Während Mexico-City sich eher mit "Körperzuständen" befasst - wie der Untertitel zeigt: "Eine Ausstellung über die Wechselkurse von Körpern und Werten". Wenig verwunderlich ist die Ausschließlichkeit mit der sich Ausstellungskritiken bestimmten Künstlern widmen. Es zeugt von professionellem Kunst-Marketing.

Die "darlings" sind zweifellos Teresa Margolles mit ihren Rauminstallationen Seelen einatmend (2001) und Secreciones, Santiago Sierra mit seiner Performance, Ivan Edezas Videoarbeit ...von Geschäft und Vergnügen (2000) und Francis Alys Sleepers II (2001). Frappierend ist allerdings wie diese international anerkannte und etablierte Kunst bei uns als Kunst der "Dritten Welt" abgestempelt wird. Bedeutung und Wert werden einzig an politischen beziehungsweise sozialkritischen Parametern gemessen. Es existiert nur eine gültige Lesart. Das heißt, die Ausstellung gilt in dem Maß als interessant-sinnvoll-gut, in dem sie sich thematisch auf Gewalt, Kriminalität und undemokratische, menschenunwürdige Zustände in Mexiko konzentriert.

Die vermeintliche Fragestellung der Künstler lautet: Was ist ein Menschenleben wert in Mexiko-City? Oder, was ist lokale Arbeitskraft wert? Die vermeintliche Antwort lautet: Nichts. So einfach ist das. Oder eine andere Frage: Wie imperialistisch-unterdrückend reagieren die USA auf politische Kunst aus Mexiko? Antwort: mit Zensur. Mit diesem schematisch-reduktionistischen Spielchen, das aus den sechziger und siebziger Jahren stammt und Teil der europäisch-deutschen Solidaritätsbewegung mit Lateinamerika war wird man der komplexen, heterogenen, innovativen Kunstproduktion Mexikos wenig gerecht. Selbst bei tiefer gehenden Kritiken, die mit ästhetischen und kunstkritischen Kategorien hantieren, dominiert der Maßstab, der "Erste" und "Dritte Welt" trennt. Selbst wenn genannte Künstler aufgewertet und zelebriert und mit den ganz Großen der Kunstwelt wie Warhol, Pollock, Rothko, Beuys verglichen werden.

Wirklich frappierend ist, dass Kritiker fast ausnahmslos Klischees bedienen, dabei mal direkt mal subtil eine Haltung der Überlegenheit einnehmen. Man hegt Zweifel gegenüber der Echtheit, Authentizität der Bilddokumente, die von Gewalt und Missständen erzählen. Ist es nicht eher die Liebe der Mexikaner zu Drama und Räuberpistolen, die solch schockierende Manifestationen auslösen? Ob es wirklich menschliches Fett von Schönheitsoperationen ist, dass Margolles Fett-Wand Secreciones zu sehen ist? Ist es wahr, stammt der Dampf ihrer Installation Seelen einatmen wirklich aus Wasser mit dem in Mexiko-City Leichen gewaschen wurden? Kann man Sierra glauben, dass echte Asylanten in seiner Performance in Pappkartons saßen? Hätten Kritiker einen Beuys, Warhol oder Pollock jemals danach gefragt?

Ja, es ist teils eine radikale politische Kunst, die in den Ausstellungen zu sehen ist. In Sierras Arbeiten lässt sich zweifellos ein Prozess ablesen, der proletarische Werte in minimalistische Ausdrucksformen codiert und den Versuch unternimmt, durch spektakuläre Aktionen soziale Zustände in Zeiten der Globalisierung, inmitten des andauernden politischen Fiaskos mexikanischer Politik seit Mitte der neunziger Jahre aufzuzeigen. Von Interesse sind die Mittel und Formen seiner künstlerischen Interventionen. Sierra praktiziert Recycling einer Ästhetik, die darauf gründet, "die Phänomenelogie des objektiven, sozialen Widerstandes und der urbanen Entropie als erfahrenen Alltag und Zeit in Mexiko-City zu imitieren", schreibt der mexikanische Kunstkritiker Cuauhtémoc Medina. Der gemeinsame Nenner für die Praktiken der Künstler könnte lauten: curare. So nannte sich die Gruppe von Künstlern, Kritikern und Kuratoren, die Anfang der neunziger Jahre in Mexiko-City entstand. Ein Wortspiel, das "curar" (heilen) und den Namen eines Amazonas-Gifts, das Indianer für ihre Pfeile verwenden, verbindet. Wir verwandelten uns in Heiler und Giftmischer, "statt als Opfer der Globalisierung zu resignieren" (C. Medina). Ich hoffe das Rezept "curare" zeigt letztlich Wirkung in Berlin.

Mexico City. Eine Ausstellung über die Wechselkurse von Körpern und Werten, Kunstwerke Berlin, noch bis zum 5. Januar 2003, Katalog 30 EUR

Zebra Crossing, Zeitgenössische Kunst, Haus der Kulturen der Welt, noch bis zum 1. Dezember 2002, Katalog 18 EUR

Weitere Informationen: www.mexartes.de

00:00 25.10.2002

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